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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-31 · 22 (31.5.1929) · p. Seite 287

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
Seite 287 (sequence 3)
Language
German
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Faschistische, zentristische und sozialistische Nationalsozialisten. Die Hitler-Partei vor neuen Entwicklungen? Von besonderer Seite werden uns die folgenden Ausführungen zur Verfügung gestellt, die auch dem Kenner des Nationalsozialismus manches Neue bieten werden. Wir, die wir die Dinge aufmerksam verfolgen, wissen genau, dass alle drei Gruppen das eine bindet: der Judenhass. Die Ausführungen werden daher mehr von der deutschpolitischen Seite als von einem rein jüdischen Standpunkt Interesse beanspruchen können. Die Schriftleitung. Keine Selbsttäuschung: der Nationalsozialismus marschiert! Auch dem rosigsten Optimisten muß das Resultat der sächsischen Land- Lagswahlen gezeigt haben, daß die systematische. Zähe, unerbittliche, gehässige Kleinarbeit der Hitler-Partei, die schon monatelang vor Beginn des Wahlkampfes eingesetzt hatte, ihre Früchte getragen hat. Schon raunt man es sich in den Kreisen der nationalen Jugend zu: Bald marschieren wir aus Berlin! Und doch: gerade in diesen Monaten der höchsten Kraftentfaltung der N.S.D. A.P., als in über 1300 Wahlversammlungen ein Trommelfeuer von Demagogie auf die Millionen Sachsenwühler niederprasselte, kamen Zum ersten Male die starken Gegensätze innerhalb dieser Bewegung zum Ausbruch. Die Würzburger Reichs-Führertagung der Partei sah das nach außen so einheitliche „Heer vom Hakenkreuz" in drei große Lager zerspalten, die sich untereinander mit allen Mitteln bekämpften: „Faschisten" um Goebbels und Ley, „Zentristen" um Hitler, Feder, Epp und M ü n chm eher und „Sozialisten" um Otto und Gregor Straffer, Reventlow und Holz rangen erbittert um den Sieg ihrer taktischen und grundsätzlichen „Linie" in der Gesamtpartei. — Zeigen wir hier kurz das Wesen dieser drei Richtungen auf: 1. Die „faschistische" Gruppe der Doktoren Goebbels und Ley mit ihrer Zeitschrift „Der Angriff" erstrebt bewußt in Theorie und Praxis die Uebertragung der Methoden Mussolinis auf Deutschland. Unter Anwendung ausschließlich revolutionärer Parolen („Staat der Arbeiter und Bauern", „Diktatur der Werktätigen über die Schmarotzer" usw.) versucht sie, breite Schichten des durch die Auswirkungen des verlorenen Krieges verelendeten Mittelstandes, aber auch ansehnliche Teile der durch die proletarischen Parteien noch nicht erfaßten Arbeiterjugend für ihre reaktionären Ziele einzuspannen. Enge Verbindungsfäden laufen von dieser Gruppe zum „Alldeutschen Verband" und zum Düsterberg-Flügel des „Stahlhelm". Bezeichnend für diese Einstellung der Goebbels-Leute ist es, daß Dr. Goebbels den Berliner Nationalsozialisten den Bezug der „Deutschen Zeitung" der Herren von Soden st ern und C l a ß zur moralischen Pflicht macht. „Bis auf weiteres" steht Dr. Goebbels zwar noch in „unverbrüchlicher Treue" zu Adolf Hitler — doch läßt er sich jetzt schon von seinen Anhängern als „eigentlichen Organisator der Front des Dritten Reiches" feiern. Außenpolitisch schwankt Goebbels Zwischen dem italienischenglischen Kurs Hitlers und der Ostorientierung des „Neuen Nationalismus". 2. Die „zentristische" Gruppe ist die Kerntruppe der bisherigen Hitler-Bewegung. Sie besteht aus dem erprobten bayerischen Führerkreis: Feder, Dauser, Esser, G ö h r i n g — dann aus einigen etwas belasteten Persönlichkeiten, wie z. B. dem Nürnberger Streicher und dem ehemaligen Pfarrer M ü n ch m e y e r, die genau wissen, daß allein Hitlers Autorität ihnen noch ein Wirken in der politischen Oeffentlichkeit ermöglicht. Die „zentristische" Gruppe wird von den Strasser-Leuten als die „Gruppe der wildgewordenen Kleinbürger" bezeichnet — was soziologisch durchaus zutreffen dürfte. Die innenpolitische Linie dieser Gruppe wird durch das Ueberwiegen des baherisch-partikularistischen Elementes in ihr bestimmt: sie ist wittelsbachisch-föderalistisch, konkordatsfreundlich .und zu Kompromissen mit der Bayerischen Volkspartei jederzeit bereit. Im nicht-bayerischen Deutschland erstrebt sie engstes Zusammengehen mit allen Gruppen der „nationalen Opposition", d. h. also mit Hugenberg und dem „Stahlhelm". A u ß e n p o l i t i s ch ist sie anglo-italienisch orientiert und lehnt jedes Zusammengehen mit „Sowjet-Judäa" ab. Sie steht deshalb in scharfem Gegensatz zur „Vormarsch"-Gruppe des Kapitän Ehrhardt und zum „Widerstand"-Kreis Ernst N i e k i s ch s. 3. Die „sozialistische" Gruppe steht unter der geistigen Führung Dr. Otto Strassers, deS befähigteren Bruders des Reichstagsabgeordneten Gregor Straffer. Sie bemüht sich nach Kräften, den Nationalsozialismus als gleichberechtigte Gruppierung der übrigen Arbeiterbewegung einzugliedern — lehnt deshalb strikt den Faschismus ab und will angeblich „ohne Hintergedanken" die Verwirklichung des Sozialismus in Deutschland, da nur der Sozialismus imstande sei, eine Nation zu schaffen. Ihr Kampf gilt dem Verbrüderungskurs der „Faschisten" und „Zentristen" mit Hugenberg und dem „Stahlhelm". So scheuten sie sich nicht, Hitler wegen seiner Rede am Grabe der in Wöhrden erstochenen Nationalsozialisten anzugreifen, weil er dabei von den „lieben Stahlhelm-Kameraden" gesprochen hatte, den „Soldaten des Großen Krieges, die Seite an Seite mit den Soldaten des Dritten Reiches marschieren". Zur Propagierung ihrer Ideen dienen der Strasser-Gruppe die Zeitungen des „Kampf"-Verlages und der „Neichswart" deS durch feine gelegentliche Mitarbeit an der „Roten Fahne" bekannten Grafen Reventlow. Innenpolitisch betonen sie auss schärfste den Charakter der Partei als einer Klassenkampfpartei der Arbeiter, wobei sie sich auf die ursprüngliche Formulierung deS nationalsozialistischen Programmes durch den sudetendeutschen Abgeordneten Franz Jung (Troppau) berufen, lehnen Konkordat, Föderalismus und Partikularismus ab und fordern die „nationalistische Arbeiter- und Bauern-Republik". Außenpolitisch sind sie fast uneingeschränkt für Ostorientierung, d. h. für ein Zusammengehen mit der Roten Armee Sowjet-Rußlands. Sie haben engste Beziehungen zu „Oberland", dem „Vormarsch" und der „Freischar Schill". Ihr linker Flügel ist vor kurzem durch Dr. Goebbels aus der Partei gedrängt worden und arbeitet nun ^als „Deutsch-Sozialistischer Kreis" einerseits mit freisozialistischen ^Gruppen, andererseits mit Ernst Niekisch Zusammen. Aus dem Würzburger Reichs-Führertag legte die Strasser-Gruppe der Parteiführung ein scharf umrissenes sozialistisches Programm zur Annahme vor, das viele von dem Berliner „Faschisten" Dr. Goebbels geprägte ultraradikale Formulierungen enthielt. Goebbels hatte zuerst sich Strasser gegenüber verpflichtet, sich ebenfalls für die Annahme dieses neuen Programmes einzusetzen, nach einer kurzen Aussprache mit Hitler jedoch kippte der Berliner Gauführer um und fiel im Plenum den „Sozialisten" in den Rücken. Diese Haltung der „Faschisten" entschied die Ablehnung des Entwurfes: das alte Programm blieb nach wie vor in Kraft. Seit diesem Würzburger Tag jedoch besteht bitterste Feindschaft Zwischen Goebbels-Hitler einerseits und den Leuten vom „Kampf"-Verlag anderseits. Wohl wissend, daß HitlerS Nimbus allein die auseinander st redenden Kräfte in der Partei noch Zusammenhalten kann, vermied es die Strasser-Gruppe vorerst peinlichst, Hitler persönlich zu kritisieren, sondern machte ausschließlich in der Oeffentlichkeit Stimmung gegen den Faschismus und in den Mitgliederkreisen gegen Dr. Goebbels. Man warf Goebbels sein „jüdisches Aussehen" und vor allem die Tatsache vor, daß er, der wegen eines verkrüppelten Fußes nie im Felde gewesen ist, ständig von „Frontsoldatengeist" spreche, sich aber nie ohne Begleitung seines Leibwächters, des Abgeordneten Haacke, auf der Straße blicken lasse und sich während des Besuchs der politischen Polizei auf dem Gaubüro der N. S.D. A. P. Berlin auf der Toilette stundenlang eingeschlossen hatte. Goebbels blieb selbstverständlich die Antwort nicht schuldig und bezeichnete feinte Gegner vom linken Flügel als „verkappte Bolschewisten" und „Beauftragte der Zionistischen Weisen von Moskau". Zugleich aber verstand er es sehr geschickt, Adolf Hitler selbst schützend vor seine Person treten zu lassen, eine Taktik, die es bisher verhindert hat, daß diese Gegensätze in der Partei, die ihren Nahmen zu sprengen drohten, sich in der Oeffentlichkeit ausgewirkt haben. Nicht lange mehr, dann wird aber auch Hitler mitten in der „Kampflinie" stehen. Und vielleicht ist das dann der Anfang schwerer Auseinandersetzungen ’tn der ganz auf die Autorität des „gottgesandten Führers" eingestellten einheitlichen N. S. D. A. P. Hans Hagen.

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