Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Literatur (erst vor wenigen Jahren erschien die erste Anthologie amerikanischer Dichtung!), in amerikanisches Kommunalleben überzeugt von der sieghaften Vehemenz dieses Umbildungs- Prozeßes. Ebenso sehen wir, je mehr sich der Nebel lichtet, im bolschewistischen Rußland ein neues Kulturleben in verzweigten und wundersamen Formen emporsprießen. Ein neues Lebensgefühl, ein neuer Lebensstil, andere Ideale der Menschensormung entwickeln sich dort, von denen wir wissen, daß sie ebenso zukunststrächtig wie uns nach unserer ganzen seelischgeistigen Grundlage und Vergangenheit ewig fremd und entgegengesetzt find. Werden wir dem Andrang erliegen oder verfügt unser westländisch-mitteleuropäischer Kulturkrets über genügend dynamisch-konstruktive Kräfte, um den uns ausgezwungenen Auseinandersetzungsprozeß zu bestehen, aus dem wir, wenn überhaupt, verwandelt, ausgeweitet und zugleich tiefer in die eigene Wesensart zurückgeworfen hervorgehen werden? Die Geschichte kennt ebensogut glückhafte Kulturassimilationen wie kulturelle Erdrutsche, unter denen eine autochthone Kultur erstickt wurde. Jede große Kultur entstand in konflikthasten Ueberschneidungsvorgängen, so die Kultur der Antike, auf deren krisenhafte Geburtswehen erst der junge Nietzsche unseren Blick leitete, wie die Kultur des Mittelalters und der Renaissancezeit. Jede große Kultur war stets beseelt von einer geheimen Todeswollust, die sie trieb, sich im Fremden und Ungewissen verschwenderisch zu verlieren, um in riesenhaften Assimilationsprozessen das eigene verschüttete Profil wieder herauszuarbeiten. Zu sterben, um zu werden, immer wieder den eigenen Bestand als Einsatz zu wagen, um sich hart an der Abgrundgrenze gestrafft und geläutert wiederzufinden, ist das unverlierbare Lebensgesetz aller Kulturen. Geht es verloren, so wird das Kulturleben ein Kultur- Herbarium. Wir treten heute wieder zum neuen Wafsengang an, aber in uns raunt größere Sorge als zuvor, ob er abermals gelingen wird. Und schließlich das Dritte: Uns wächst eine Jugend heran, die sich nach ihrer ganzen Seelenlage nur schwer in die überlieferten Kulturtraditionen einfügen läßt, so daß hier Risse zu entstehen drohen, an denen vielleicht die Einheit unseres Kulturgebäudes zerbrechen kann. Längst ist in die öffentliche Diskussion die Formel von den drei Jugendgenerationen übergegangen, die wir erlebt haben: die romantische Jugend, mit dem Wandervogelerlebnis (im weitesten Sinn!), die problematische Jugend mit dem Kriegserlebnis (die, nach Remarques schönem Wort, im Krieg unterging, auch wenn sie seinen Granaten entkam) und die aktivistifche Jugend mit dem Jnsiationserlebnis. Weil der Krieg eine ganze Jugendgeneration hinwegfraß, die Brücke und Verbindungsglied hätte sein können, ist der Uebergang so schwer. Der uns Aelteren auffallende Wesenszug dieser jüngsten Jugend ist ihre gänzliche Problemlosigkeit, ihre weltanschauliche und geistige Bedürfnislosigkeit, die uns zunächst einfach unvorstellbar ist. Ihre drei großen Andachtssymbole find Technik, Sport und Hygiene. Auf einer Jugendbildnertagung in K o b l e n z wurde kürzlich die Formel vom „technisierten Primitiven" geprägt und noch schärfer von dem mit dieser Jugendgeneration heraufkommenden „Chauffeurtypus" gesprochen, der an die alten Lebensprobleme im Chauffeursinne herangeht. Man soll sich im übrigen hüten, ausschließlich absprechend und im Oberlehrerton über diese Jugend zu reden, die ihre Schrammen und Entstellungen aus einem Erlebnis bezog, das die Aelteren ihr bereitet haben. Jugend bleibt in jedem Gewände eine ewige Glückschance der Menschheit, und viele Eigenschaften der heutigen Jugendgeneration, so ihre immense Lebensaktivität, das in ihr zum Durchbruch gelangte neue Körpergefühl (in dem das Naturgefühl der Wandervogeljugend teilweise wieder unterging), die absolute Unsentimentalität, die tiefe Skepsis gegen alle überlieferten Trugideologien und falschen Marktgötzen sind sehr Positive Leistungen. Wie sie sich aber unserem traditionsbelasteten Kulturorganismus einfügen, ob sie ihn auflockern und verjüngen oder zersprengen wird, ist zurzeit noch gar nicht abzusehen. Viele Züge der jüngsten Altersgeneration deuten auf den jenseits aller Kultur liegenden, den kulturellen Spätaltern und Zivklisationsepochen angehörenden „letzten Menschen" hin, von dem ein Nietzsche und ein Spengler ahnungsvoll und warnend gesprochen haben. Das sind unsere offenen Wunden, daS find die Nahtstellen in unserem Kulturgefüge, die auseinandergerissen zu werden drohen. Was ist, mit dem Riesenformat solcher am kulturellen Horizont heraufziehenden Kämpfe und Auseinandersetzungen verglichen, der Antisemitismus der völkischen Kulturgrübler? Eine Kulturbetrachtung aus der Froschperspektive, ein Gelächter und eine schmerzliche Scham. Zentrum und Judentum. j Von Dr. Leo Schwerins, M. d. L. (Köln). In der bekannten Windhorst-Biographie von H ü s g e n gibt es f einen Abschnitt „Windthorst in der Karikatur". Hier findet man ein i; Bildchen aus dem Berliner Ulk, auf dem ein Rabbiner vor Windtf Horst das Gewehr präsentiert. Es spielt aus die Tatsache an, daß der große Zentrumssührer die Rabbiner von dem Dienst in der Ersatzreserve befreien wollte. Diese Karikatur hat eine ernste Seite. Das Zentrum hat stets das Judentum als Religion respektiert und ihm niemals Hindernisse in den Weg gelegt in der Ausübung seiner Riten, s Als Partei mit starkem weltanschaulichen Unterbau hat es im Gegenj teil stets bewußt das Judentum gegen unberechtigte Angriffe geh schützt und sich bemüht, ihm das Maß von Freiheit zu geben und zu; gewährleisten, das es beanspruchen konnte. Dem entsprach auch, daß j es z. B. im Preußischen Landtag den Staatsbeitrag | f ü r die Synagogengemeinden bewilligte, einen Posten, der | bekanntlich die unschuldige Veranlassung zu den auch von diesen | Blättern wiedergegebenen sehr heftigen Auseinandersetzungen ff zwischen dem Abgeordneten Dr. Linneborn und den Nationalsozialisten war, wobei Linneborn der alten Zeni trumstradition getreu sehr entschieden die Angriffe der Nationalsozialsten zurückwies. Dr. Linneborn ist Dompropst in Paderjj born, also ein hoher geistlicher Würdenträger; seine Darlegungen;f entsprechen genau dem Standpunkt, den das Zentrum seit Jahr- -j zehnten dem Judentum gegenüber eingenommen hat. s? Die Fühlung zwischen den orthodoxen jüdischen Kreisen und dem i Zentrum ist sogar eine recht enge. Hier geht es um gemeinsame | Interessen, z. B. in der Frage der konfessionellen Schule, und es ist * in Zentrumskreisen nicht unbekannt, daß gerade aus diesen Schichten § zahlreiche jüdische Wähler stammen, die bei den Wahlen dem Zentrum ihre Stimme geben. Eine Tatsache freilich, die die grundsätzliche; Einstellung des Zentrums nicht ändern kann. Vielleicht vermag gerade der deutsche Katholizismus, dessen Massen ja noch immer Zentrum wühlen, vor allem die Lage der Juden im allgemeinen und die der deutschen Juden im be- L sonderen zu verstehen und nachzufühlen. Wenn man vom jüdischen Ghetto spricht, so kann man auch davon sprechen, daß der deutsche f\ Katholizismus vor dem Kriege und das Zentrum insbesondere als;* Partei gleichsam im Ghetto gestanden haben. Die volle Emanzipation des deutschen Katholizismus ist erst durch die Revolution erfolgt, erst durch sie sielen die letzten Reste jener staatlichen Bevormundung und jenes staatlichen Mißtrauens, das als Rest der Katholiken- Verfolgungen aus der Kulturkampfzeit geblieben war. Das hat namentlich in der älteren Generation tiefe Spuren hinterlassen. g Sie hat ein besonders feines Gefühl sür jede Deklassierung und ist, weil sie am eigenen Leibe gespürt wurde, ein leidenschaftlicher Gegner 1 dieser Art von Machtpolitik gegen den Schwächeren! Das sind nur psychologische Gesichtspunkte, aber vielleicht treffen sie den Kern besser £ als grundsätzliche Erwägungen. Irgendwelche judenfeindlichen Bestrebungen sind im Zentrum zu < keiner Zeit lebendig gewesen. Bor allem nicht in den kritischen Jahren unmittelbar nach dem Kriege. Wie das Zentrum dem " orthodoxen Judentum seine Staatszuschüsse als Religionsgemeinschaft; bewilligte, wie es sich mit ihm gelegentlich in der Frage der kons sessionellen Schule zusarnmensand oder wie es in der i Frage des Schächtens den Standpunkt vertrat, daß dies eine be- 1 sondere rituelle jüdische Angelegenheit sei, in die es sich nicht mische, ’ so hat es jeglichen Antisemitismus abgelehnt. Man weiß auch, daß g Gegenden, in denen politisch das Zentrum eine starke Stütze hat, nie |i Boden sür Politische antisemitische Kandidaturen gewesen sind. si Aber aus der anderen Seite soll nicht geleugnet werden, daß auch ji im Zentrum bisweilen und mit Recht starke Bedenken geäußert worden sind gegen gewisse Juden, die freilich in ihrer Zersetzenden Art auch; von wahrhaft jüdischer Seite stets abgelehnt worden sind und die ) mit Schuld tragen an dem Umsichgreifen antisemitischer Stimmungen. Diese Kennzeichnung in diesen Blättern genügt übrigens vollkommen, um allseits die Grenzen des Berständnisies innerhalb des Zentrums zu zeigen. Aber darin bemühte es sich wieder um gerechte Einstellung, daß es niemals diese Erscheinungen als spezifisch jüdisch gebrandmarkt hat, sondern als Folgen einer aus den Fugen gegangenen Zeit mit ihrer inneren Krisenhaftigkeit und Problematik begriff. j Die innere geistige Spaltung des Judentums und die besondere Art ß des Zentrums als Partei gaben ihm nur auf bestimmte und zahleni mäßig wohl eng begrenzte Teile des deutschen Judentums Einfluß. 3 Aber darüber hinaus war der Rassebegriff niemals Kampfbegrisf! j Unter Anerkennung der historischen Gegebenheiten blieb der Jude | deutscher Staatsbürger und so wurde ihm alles bedenkenlos gegeben, 1 was dem deutschen Staatsbürger frommt! I