Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- Seite 285 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin> 31. Mai 1-2- VE Jahrgang * Nr. 22 Einzelnummer LS Pfennig kMter sürHrulsclltllms' unSluverUum Dmon Chtträtfft Staatsvüryer iüÄkden VUmveus'-iü Viertes 2.S0 ^Hchsr-r^siriS <äss ^ricLsrarurv>.s Verlag u. Sdjtiftlcitima: Setlin SW 68, Sinbenflt. 18. .:. Fernsprecher: Amt Dönhofs 3594,8898. .!. Postscheckkonto: Berlin 80472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel» swbe O, Berlin SW 68, Lmdenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoneen-Expe^ition Rudolf Mosse, Berlin 8W 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 SM für die 7gespaltene Feile nach Rudolf Monea Rormalzeilenmesser Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centralvereins 0,45 SM, die 90 nun breite Reklamezeile 4,80 JIM, Die wirklichen nulkurproblewe. Von Dr. Erik Hölting, w. d. L. (Frankfurt a. 2N.). In Berlin kursiert eine Redewendung: Mensch, ick möchte deine Sorgen haben! An diesen Ausspruch wird erinnert, wer aus einer tieseren Einsicht in die wahre Kulturproblematik der Gegenwart verfolgt, was von völkisch-nationalsozialistischer Seite in Wort und Schrift als die drohende Kulturnot unserer Tage mit Kassandrarufen verkündet wird. Letzte Ursache aller unserer Nöte ist für diese Auffassung immer der Jude; denn was an sonstigen Begleitübeln auch noch erwähnt wird, Parlamentarismus, Herrschaft des Börsenkapitals, Großstadt- Intellektualismus u. dgl. fließt irgendwie aus der Quelle der Kultur-Berjudung und würde wie Schnee vor der Sonne hinwegschmelzen, wenn die große Judenaustreibung gelänge, auf die man hofft, wie man in Wintersgrau der Lenzsonne entgegenharrt. Was an 99 v. H. der Menschheit verheerend frißt, ist auf das eine Judenprozent zurückzuführen, so lautet die komische Arithmetik dieser Käuze, denen ein gütiger Gott das holde Geschenk kindlicher Einfalt verlieh. Die lärmvolle Propaganda, mit der diese abstruse Kulturmystik vorgetragen wird, zwingt die Gegenseite, der Bekämpfung solcher Wirrlehren Nervenkraft und Arbeitszeit in einem bedauerlichen Umfang zu opfern. Verhängnisvoll aber würde dieses an sich sehr überflüssige Vorhofgeplänkel werden, wollte man es mit der bloßen Führung dieses Abwehrkampfes genug sein lassen. Dadurch, daß man dem falschen Unglückspropheten den Mund verstopft, ist die wirkliche, schreiende Kulturnot der Gegenwart noch nicht zum Schweigen gebracht. Man kann sich nicht die an einem Gebäude erforderlichen Stützungen und Umbauten dadurch ersparen, daß man den Vorhof von Unrat reinsegt. Das Erzittern brüchiger Fundamente, das heute durch unseren Külturbau geht, haben auch die Völkischen vernommen und folgen nun, erschreckt und verwirrt, einer falschen Spur. Mögen diese Kulturneurotiker noch so lästige und unerfreuliche Mitbürger sein, dem verschlafenen Spießer, der meint, weil er sich die Ohren verstopft, sei nun auch das Knistern im Gebälk nicht mehr da, sind sie immerhin ohne Frage vorzuziehen. Wo aber liegen die wirklichen, zur Krise treibenden Kon- Aiktsstoffe? Ich sehe gegenwärtig drei hauptsächliche Gefahrenzonen, die in den nachfolgenden Zeilen ausgezeigt werden ' ollen. Material zur Lösung wird alsdann jeder nach seinen weltanschaulichen und sozialen Voraussetzungen herbeitragen können. Darin wird sich nach Lage der Dinge keine allgemeine Einmütigkeit erzielen lassen. Doch ist bereits viel gewonnen, wenn man in der Anerkennung und Abgrenzung der Gefahrenherde zur Einmütigkeit gelangt. Der völkische Kulturtheoretiker sagt, der Lebens trieb unseres Volkes ist krank geworden. Seit Judenblut in unseren Volksorganismus eintropste, seit der Jude uns mit Sirenenklängen fortlockte aus Wodans Eichenhainen, begann der Verfall. Mag man auf die biologisch-organische oder auf die geistig-seelische Seite des Falles das größere Gewicht legen, immer bleibe der Jude der Fremdkörper und das auszehrende Gift. Demgegenüber sucht die nichtvölkische Kultursoziologie den Grund der Krise nicht in der Erkrankung unseres Lebenst r i e b e s, sondern in der Erkrankung unseres Lebensraumes. Der Geruch kultureller Verwesung schleicht um unser Kulturgebäude, weil die soziale Ordnung konflikthaft wurde. Eine auf Abschließungsmonopolen errichtete Herrenkultur ist immer von dem Schicksal bedroht, in die Halme zu schießen und eine zerbrechliche Spitzenkultur zu werden, dafür aber die volkliche Ümfassungskraft zu verlieren. Jede Klassenkultur hat ihre geheime Schädelstätte und ihre geheimen Abfallhaufen, in denen die Zersetzungsbazillen gedeihen. Eine Kultur, die ihre sozialethischen Grundlagen verliert, bricht auseinander, sobald die Geschichte einmal einen höheren Wogengang gegen sie anrollen läßt. Darum erlag die ästhetisch-artistische Kultur der Spätantike dem Andrang der Erlösungsreligionen aus dem Osten und dem Anprall unkultivierter Barbaren aus dem Norden. In einen Strudel von Mystik und Vandalismus wird sie hinabgeschlungen. Soziale Druckstellen entzünden sich leicht zu Eiterbeulen am Kulturkörper. Im Zeichen der Demokratie haben die sich an der Basis der sozialen Pyramide bildenden oppositionellen Sprengenergien zudem eine ganz andere Möglichkeit, ihren Druck bis zur Spitze zu leiten. Despotische Kulturen haben gegen den Druck des schlechten Gewissens den Gegendruck der Gewissenshärte. Wir haben nur das schlechte Gewissen. Wir sind anfälliger, haben freilich auf der anderen Seite auch die größeren Sanierungsmöglichkeiten, wenn wir den Mut finden, den Steuerhebel energisch umzuwerfen. Die zweite Gefahrenquelle wird darin erblickt, daß gegen unsere in sozialen Erschütterungen altersmüde und brüchig gewordene Kultur von West und Ost zwei jüngere Kultursysteme von großer Expansionskraft andrängen: Amerikanische Zivilisationsideale vom Westen, bolschewistisch-asiatische Kulturkeime vom Osten her. Jede Hoffärtigkeit und jeder Abschließungsdünkel wäre in unserer Lage denkbar unangebracht. Wie in dem ungeheueren Schmelztiegel Amerikas zersprengte Volksteile aus aller Welt zu einer neuen volklichen Ganzheit zusammengekocht wurden, wird ein rauher und Primitiver Kolonialboden zu einem Kulturboden von erstaunlicher geistiger Fruchtbarkeit und seelischer Triebkraft umgeschasfen. Ein Blick in amerikanisches Universitätsleben, in amerikanische lllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllli^ Seite 287s Die Hitler-Partei vor neuen Entwicklungen?