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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-24 · 21 (24.5.1929) · p. Seite 276

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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27ö Me Beerdigung von Zuftizrat Felix Hirschberg. Am 15. Mai wurde unser Ehrenmitglied, der frühere Vorsitzende der Ortsgruppe Breslau und des Landesverbandes Niederschlesien, Justizrat Felix Hirschberg, zur letzten Ruhe bestattet. Ein Leichenzug von einer Ausdehnung, wie Breslau ihn selten steht, zeugte von der großen Verehrung und Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreut hat. Von Verwandten und Freunden wurde der Sarg mit der sterblichen Hülle von der im Gemeindehaufe befindlichen Wohnung des Toten aus Zunächst an der alten Synagoge vorübergetragen, die der Verstorbene seit Jahrzehnten besucht hatte. Dann bewegte sich der Leichenzug an der beruflichen Wirkungsstätte des Toten vorbei, dem Breslauer Amts¬ und Landgericht. Die Leichenfeier nahm mit einem Gesang des Chors der alten Synagoge ihren Anfang. Dann würdigte Gemeinderabbiner Dr. Hoff mann die Persönlichkeit des Verstorbenen als des Oberhauptes seiner Familie, Anwalts des Rechts und Förderers zahlreicher jüdischer Interessen, für die er Tag und Nacht unter Aufbietung aller Kräfte arbeitete. Für den Vorstand der Synagogengemeinde, dessen stellvertretender Vorsitzender der Verstorbene war, sprach der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor a. D. Geheimrat Goldfeld, der auch den Landesverband preußischer Synagogengemeinden und den Deutsch-israelitischen Gemeindebund vertrat; für den Ausschuß des Bezirksverbandes niederschlesischer Synagogengemeinden sprach Emil Wald st ein, für das jüdisch-theologische Seminar dessen Dozent Dr. Heinemann. Rechtsanwalt Dr. Tarnowski würdigte als Vorsitzender der Ortsgruppe Breslau des C. V. und namens des Hauptvorstandes die großen Verdienste des Verstorbenen in der Arbeit für unsere Interessen, und Rechtsanwalt Jacobsohn Justizrat Hirschbergs Tätigkeit im Vorstände für die Jüdische Arbeitersürsorge und für den Palästinaaufbausonds. Justizrat Felix Hirschberg Prediger des Hasses. In der von Adam Röder herausgegebenen „Süddeutschen Conservativen Korrespondenz" vom 1. Mai bespricht Adam Röder in einem Artikel „Die Prediger des Hasses" die Verurteilung des Dekans Gustav Lehr aus Gladenbach und des Redakteurs Jakob Schwarz aus Wilhelmshöhe wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz. Die Verurteilung war aus Grund eines Artikels des angeklagten Dekan in dem „Kasseler Sonntagsblatt" erfolgt, in dem er die Behauptung ausgestellt hatte, „Rathenau habe die Niederlage des deutschen Vaterlandes und des Kaisertums gewollt, obwohl er sich früher als Patriot aufgespielt und sich in der kaiserlichen Huld gesonnt hätte. Die Beseitigung durch Mord habe das durch Nathenau und Erzberger angerichtete Unheil nicht wieder gutgemacht. In zwei weiteren Aufsätzen vom Kaiser und Kaiserhaus erzählte er von seinen in Doorn empfangenen Eindrücken, über die er ein Buch veröffentlicht hat. Er sagt, daß die finsteren Mächte von 1918 die Republik durch Meineid und Verrat herbeigeführt hätten." Adam Röder fügt an die Verurteilung eine ausführliche Kritik au, der wir folgendes entnehmen: „Es ist eine der entsetzlichsten Erscheinungen im kirchlich-religiösen Bilde der Gegenwart, Menschen, die sich gläubige Christen nennen, als Schrittmacher antisozialer Politik, des Militarismus, des Nationalismus und eines doch so durchsichtigen Antisemitismus anzutreffen. ... . Der Dekan Gustav Lehr aus Gladenbach, der im „Kasseler Sonntagsblatt" sich als wüsten Propagandisten für eine Politik des Hasses auswirst und mit hundertmal widerlegten Behauptungen einer wildwütigen Agitation die Gemüter verwirrt und die Seelen verdirbt, ist keine vereinzelte Erscheinung. Viele seiner Amtsbrüder machen es ebenso. Man empfindet den ungeheuren Widerspruch, in dem dieser Kasselaner Geistliche eines positiven Christentums mit seiner Auffassung zum wahren, wirklichen Christentum steht, wenn man die Lichtgestalt des viel Zu früh Heimgegangenen kurhessischen Pfarrers Schlunck diesen Leuten des Hasses und des borussisch passeprilierten Kirchenchristentums entgegenhalt. Wie hat der positive Schlunck und strenge Lutheraner gegen das preußische Staatschristentum gezeugt, wie hat er die unselige ,Verpfafsung< des lauteren Evangeliums bekämpft, wie ist er tapfer und unentwegt für Wahrheit und Recht, für Christus als König der Welt und gegen ein geistloses und liebeleeres Staatskirchentum ausgetreten! Die Kasseler — ,kurhessischew — Nationalisten und Antisemiten haben ihre eigene Note. Ohne eigentliche Ostelbier zu sein. stehen sie, deren bäuerliche Kreise von einem lückenlosen Großgrund- I besttzertum beherrscht werden, mit anderthalb Füßen im agrarischen 8 Junkertum. Die Bauern des Kasseler Kreises sind total verhetzt. 1 Ein guter Freund aus jenen Regionen schrieb mir, der wüßc g Antisemitismus des „Kasseler Sonntagsblattes" gehe manchem aus fZ die Nerven. Man habe dem Redakteur des Blattes persönlich Vor- A Haltungen gemacht, daß eine solche Agitationsweise den elemeug tarsten Geboten der Sittlichkeit widerspreche. Daraus hat der Ver- | antwortliche gesagt, seine Leser, die meist bäuerlichen Standes | seien, verlangten solche Kost. Wie kann man den Bauern ihren!Z Standpunkt verargen, ihnen, deren meist kärgliches Leben so selten | von einem Sonnenstrahl der Güte und des Wohlergehens erhellt | wird, wenn ein Dekan, also ein gebildeter Mann und ein tz Christ, der doch die Pflicht hat, diese komplizierte Welt in ihren sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen nichi 5 minder wie in ihren geistig-sittlichen Verflechtungen zu studiereu | und zu begreifen —, wenn ein solcher Mann sich zum haßerfüllten j Prediger unhaltbarer Doktrinen macht! i Gewiß: der Mann wurde verurteilt und dem evangelischen 1 Geistlichen mußte gesagt werden, daß er ein Werturteil in be- | schimpfender Form geäußert habe, beschimpfend den Staat und seine Ordnung, beschimpfend einen Mann wie Rathenau, der, was man immer von ihm halten mag, großzügig und patriotisch war, von feigen Meuchelmördern getötet wurde. Was sagt die Kirche k zu diesem Dekan? ..." j Klarstellungen Antwort an innerjüdische Gegner. Der deutsche Misrachi gibt zum erstenmal eine eigene Monatsschrift heraus. Sie heißt „Zion" und wird von Alexander Adler (Berlin) und Dr. Ernst Simon (Jerusalem) geleitet. Leider war es gerade diesem Organ des religiösen Zionismus Vorbehalten, die Jewish Agency=91e]oIntiön des Centralvereins mit dem unfreundlichsten Kommentar zu versehen, der in jüdischen Blättern aller Richtungen überhaupt zu verzeichnen war. Der anscheinend hochwillkommene Anlaß wird dazu benutzt, um dem C. V. allerhand Liebenswürdigkeiten zuzurufen, nicht Zuletzt die, daß man ein Bekenntnis zu dem Gesamtjudentum bei Organisationen nicht erwarten kann, „die ihre Leistungen im wesentlichen abschätzen nach dem Eindruck, der außerhalb der jüdischen Reihen erzielt wird". Die Schlußfolgerung überrascht. Wir glaubten bisher nämlich, dem g e s a m t c n Judentum zu dienen, wenn wir sein Schrifttum, seine Einrichtungen und Gebräuche, wenn wir seine Gotteshäuser und die Ruhestätten seiner Toten gegen die Feinde und Angreifer verteidigen, die allerdings „außerhalb der jüdischen Reihen" ihr Unwesen treiben. Wir glaubten, den Bestand desIudentums sichern zu Helsen, wenn wir die Freiheit der Religionsübung gegen die äußeren Unruhestifter durch fochten. Freilich erstrebten wir dabei die Wirkung nach außen. Aber nicht, indem wir ängstlich na>ch Gunst und Gnade schielten, sondern indem wir die Bedrückungen zu erleichtern suchten, die aus dem Judentum lasten. Daß uns diese Arbeit der Fähigkeit zur Mitwikung an gesamtjüdischen Ausgaben, wie auch immer sie aussehen mögen, beraubt — diese Schlußfolgerung überrascht. Zum Glück freilich sind wir nicht mehr schreckhaft. Wir sind Hindernisrennen mit meisterhaften Gedankensprüngen aus Zionistischer Seite gewohnt. Und^unser Interesse an ihnen erwacht eigentlich nur noch, wenn solcher Sprung mit einem besonderen Aufwand von Grazie und Kühnheit zugleich vorgenommen wird. Laut „Danziger Zeitung" soll sich Kurt Blumenfeld dort etwa wie folgt über den C. V. geäußert haben: „Der Centralverein schließlich habe sich Zusammengeschlossen, und wenn etwas der Möglichkeit einer Assimilation widerspräche, so sei es gerade dieser Zusammenschluß und diese Ballung. Denn ein Aufgehen in einer großen Volkheit könne immer nur von einzelnen und vereinzelt geschehen, niemals durch eine feste Organisation, die ein Hindernis bilden müsse." Diese Beweisführung erscheint auf den ersten Blick bestechend, sie halt aber näherer Betrachtung nicht stand. Der Fehler steckt nämlich darin, daß B l u m e n s e l d nicht zwischen den für eine organisierte Bewegung grundlegenden Begriffen Weg und Ziel unterscheidet. Leider ist hier dem sonst in der soziologischen Terminologie so Sattelsesten eine Verwechslung unterlaufen. Als - Endziel wird allerdings ein Zustand erstrebt, bei dem die Juden nicht mehr nötig haben, sich um politischer Zwecke willen — wissenschaftliche, literarische, charitative usw. Organisationen von Juden sind natürlich auch in dem vom C. B. erstrebten Jdealzustand denkbar — zusammenzuschließen. Der Wegzu diesem Endzustand ist aber die jüdisch-politische Organisation, die gerade durch die Zusammenfassung der Kräfte die Voraussetzung dafür schasst, wirksam für dieses Ideal zu kämpfen. Wie weit freilich das Schlagwort Assimilation den Inhalt unserer Zukunstshossnung ausmacht, das ist eine zweite Frage, in deren Lösung uns B l u m e n s e l d anscheinend weit voraus ist. In keinem Falle aber ist das, was wir erstreben, gefährdet durch „Zusammenschluß und Ballung" im Centralverein. Es sei denn, daß man auch in der Organisation von Lohnarbeitern, in Parteien und Gewerkschaften, deren Sinn gleichfalls die Abschafsung der Lohnarbeit ist, einen Widerspruch zu erblicken vermag. E. I.

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