Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
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275 hindenburg soll abtreten. Ein offener Brief Ves Kapitäns v. Mücke. Der „Eise n h a m m c r", das Kampsblatt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei sür die Pfalz, bringt (in Nr. 20 vom Mai 1929) offene Briese des bekannten nationalsozialistischen Kapitäns v. Mücke gegen den Reichspräsidenten. Der letzte Bries schließt mit der deutlichen Ausforderung: „Im Interesse des deutschen Volkes möchte ich daher an Sie, Herr Reichspräsident, die Bitte richten. Ln UeberLegungen einzntreten, ob es nicht zweckmäßig wäre, daß Sie von Ihrem Posten znrücktreten und Männern Platz machen, die in der Lage sind, die Geschicke zn meistern." Soweit also geht die Achtung eines führenden Nationalsozialisten gegenüber dem Reichspräsidenten v. Hindenburg. Während ihn sonst die rechtsradikalen Kreise bis über den Klee lobten und jeden bisher in Grund und Boden beschimpften, der irgendeine vermeintliche, unangebrachte Kritik an dem Reichspräsidenten verübte, wird hier der Herr Reichspräsident ersucht, seinen Posten sofort zu verlassen, weil er anscheinend — das muß man wohl aus den Worten Mückes herauslesen — nicht mehr in der Lage sei, die Geschicke zu meistern. Dieses rücksichtslose Vorgehen ist wieder einmal ein Beispiel dafür, daß Nationalsozialisten vor nichts Zurückschrecken, wenn sie ihre Interessen zu fördern hoffen. Alle die Verdienste Hindenburgs als des militärischen Führers im Weltkriege sind mit einem Schlage dahin, wenn er unbestechlich seines Amtes waltet und sich nicht dazu hergibt, bestimmten Parteien und Interessen als Vorspann zu dienen. Auch wieder ein Beispiel für „arische Treue"! Tumult im Reichstag. Straffer gegen vie „C. B.-Zeitnng". Im Reichstag stand am Donnerstag, den 16. Mai, der mündliche Bericht des Geschästsordnungsausschusses zur Beratung, in dem die Aushebung der Immunität des nationalsozialistischen Abgeordneten Straffer empfohlen wurde, weil dieser zu wiederholten Malen in der hakenkreuzlerischen „Berliner Arbeiterzeitung" und etwa zehn anderen, von ihm verantwortlich gezeichneten Zeitungen die deutsche Republik durch Beschimpfungen wie „Judenrepublik", „Geldsackrepüblik", „Barmatokratie" verächtlich zu machen versucht hatte. Zunächst mühte sich der Fraktions- und Gesinnungsfreund S t r a s s e r s, der Abgeordnete Dr. Frick, eine Beschlußfassung mit allen geschäftsordnungsmäßigen Mitteln zu verschleppen, wobei ihm aber außer den Nationalsozialisten nur die Kommunisten Gefolgschaft leisteten. Er erklärte dabei: Die „C. V. - Z e i t u n g", das Organ des sogenannten Eentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hat in der letzten Zeit vie! über das Wachstum der nationalsozialistischen Bewegung geschrieben. Die „E. V.-Zeitung" erklärt, die ganze Regsamkeit der Nationalsozialisten trete öffentlich nicht so sehr in Erscheinung. Sie arbeiten mehr in aller Stille, und so müsse auch der C. V. mehr als bisher seine Gegenmaßnahmen in aller Stille betreiben. Die Folge dieser Tätigkeit sei wohl, daß in letzter Zeit sich die Denunziationen gegen nationalsozialistische Abgeordnete und vor allem gegen Straffer häufen und die Aufhebung seiner Immunität verlangt worden sei. „Das ist ganz im Sinne der C. V.-Juden!" Als F r i ck schließlich den zurzeit an das Krankenbett gefesselten volksparteilichen Abgeordneten Dr. Mittelmann in maßloser Weise angriff, weil er es kürzlich im Reichstag als groben Mißbrauch der Immunität bezeichnet hatte, daß Straffer sür etwa zehn Zeitungen verantwortlich zeichne, erhielt er ebenso wie die nationalsozialistischen Abgeordneten Goebbels und Graf Reventlow, die den beleidigenden Aeußerungen Beifall gezollt hatten, mehrere Ordnungsrufe. Schließlich wurde Fr ick das Wort entzogen. Für die Sozialdemokraten begründete der Abgeordnete Heilmann die Zustimmung zur Aushebung der Immunität. Als dieser Abgeordnete die Rednertribüne betrat, überhäuften ihn die Nationalsozialisten geradezu mit einer Schmutzflut von Beschimpfungen, so daß schließlich die nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Fr ick, Goebbels, Stöhr aus dem Saal gewiesen wurden. Heilmann stellte fest, daß Straffer nicht nur für den Politischen Teil zahlreicher Zeitungen seiner Partei verantwortlich zeichne, wie dies Dr. Fr ick behauptet hatte, sondern auch sür den lokalen Teil von acht Kopfblättern, die in allen Gegenden Deutschlands erscheine n. Gerade der lokale Teil enthalte oft Beschimpfungen der Republik und ihrer Einrichtungen. Der Redner bezeichnte schließlich die Nationalsozialisten als „Leute, die das Vorrecht strafloser Verleumdung haben wollen"! In vornehmer und wirkungsvoller Weise wandte sich der Abgeordnete Dingeldey von der Deutschen Volkspartei gegen das würdelose Auftreten der Nationalsozialisten. Er führte den Nachweis, daß die Nationalsozialisten und vor allen Dingen der Abgeordnete Straffer alles getan haben, um das Ansehen des Parlaments zu schädigen. Er forderte den Reichstag auf, sich mehr als bisher gegen Leute vom Schlage des Herrn Straffer zusammenzuschließen und schloß mit einer Variante des Schiller-Wortes: „Des Reichstags Würde ist in eure Hand gegeben, wahret sie!" Endlich erfolgte die Abstimmung über den Antrag des Geschäftsordnungsausschusses, die Immunität des Abgeordneten Straffer aufzuheben. Nur die Kommunisten, die Deutschnationalen und Strassers Parteifreunde traten für ihn ein, die große Mehrheit, darunter auch die Abgeordneten der Christlich nationalen Bauern- und Landvolkpartei, stimmten der Aufhebung von Strassers Immunität zu. A. PH. „Einigung" -er Ingen-. Die Nationalsozialisten sprengen eine Charlottenburger Jugendversammlnng. Eine der erfreulichsten Erscheinungen der modernen Jugendbewegung ist das Bestreben, die jungen Menschen, die aus den verschiedensten politischen, konfessionellen und klassenmäßigen Lagern kommen, zu bestimmten gemeinsamen Aufgaben zusammenzuführen. Dadurch wird eine Entgiftung der Atmosphäre erzeugt und durch persönliche Bekanntschaft die kleinliche Gehässigkeit beseitigt, mit der sich in Deutschland leider nur allzu oft politische Gegner bekämpfen. Ein schönes Beispiel dafür gab kürzlich eine Ausstellung der dem Neuköllner Ortsausschuß für Jugendpflege angeschlossenen Jugendverbände, wovonder Hitler-Jugend bis zum Republikanischen Psadfinderbund und den jungsozialistischen Verbänden eine Zusammenarbeit ermöglicht wurde, ohne daß sich der geringste Zwischenfall ereignete. Als infolgedessen vor einigen Tagen eine Anzahl von Verbänden der Jugendbewegung zu einer Kundgebung in der Charlottenburger Hindenburg-Realschule gegen die politische Verhetzung der jungen Generation einlud, hoffte man, daß sich dort bei aller Gegnerschaft im Sachlichen der versöhnliche Geist der jungen Generation manifestieren würde. Die Einladung war von den Vertretern von elf Jugendverbänden unterzeichnet, unter denen sich sowohl der unter kommunistischem Einfluß stehende Bund Freier Sozialistischer Jugend, als auch Werner O n ck e n von den Nationalsozialisten sowie Vertreter verschiedener anderer Verbände von rechts und links und aus der Jugendbewegung befanden. Außer etwa 100 Mitgliedern verschiedener Bünde waren auch 30 bis 40 Nationalsozialisten erschienen. Schon vor Beginn der Versammlung gefielen sich diese in den pöbelhaftesten Bemerkungen über diejenigen Teilnehmer der Kundgebung, die sie sür Juden hielten. In dem Augenblick, in dem der erste Redner das Podium betrat, stand ein Nationalsozialist auf und ries durch den Saal: „Wir Nationalsozialisten erkämpfen das dritte Reich nicht in Schulaulen, sondern auf der Straße. Ich fordere hiermit die anwesenden Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei nnd der Hitler-Bewegung auf, den Saal zn verlassen." Darauf marschierten die Nationalsozialisten unter den Rufen: „Deutschland erwache" und „Juda verrecke" aus dem Saal. Der weitere Verlauf der Kundgebung entsprach dieser Einleitung. Bei der ganzen Veranstaltung handelte es sich, wie ans den Reden hervorging, nicht etwa um eine Zusammenfassung der Jugend zu gemeinsamer friedlicher Arbeit, sondern um den Versuch eines Zusammenschlusses völkischer und kommunistischer Elemente gegen „Kapitalismus und Imperialismus". Wenn dieser Zusammenschluß erst erfolgt ist, dann werden die Völkischen ihren Partnern mühelos klarmacheu, daß Kapitalismus und Imperialismus „jüdische" Erscheinungen seien. Daß die anständige Jugendbewegung nichts mit diesen Leuten zu tun haben will, die ihre schönen Ideen in so bedauerlicher Weise diskreditieren, ist selbstverständlich. Das Zeigte sich bereits darin, daß die anwesenden Mitglieder der liberalen und sozialistischen Jugendorganisationen sich an der Abstimmung über eine Resolution ausdrücklich nicht beteiligten. Außerdem scheint sich jetzt herauszustellen, daß die Unterschriften, die unter dem Aufruf zu lesen waren, nicht alle im Einverständnis mit den Inhabern dieser Namen erfolgt sind. Mit merkwürdigen Mitteln scheint diese überparteilich kommunistisch-völkische „Jugendbewegung" zn arbeiten. U. S.