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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-05-17 · 5 (17.5.1929) · p. Seite 15

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
5 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 an sich riskante Maßnahme für i h n kein Risiko darstellt, weil er die Wirkungen voraussieht, so fällt ihm die Risikoprärme von vornherein zu. Durch diese Fähigkeit — in ihr wirken Fachkenntnis, Initiative, Elastizität, Fähigkeit zum Disponieren zusammen — ist er dem unfähigen Konkurrenten voraus und die Gesamtheit hat ein Interesse daran, durch sie vor vergeblichen Experimenten und vertaner Energie bewahrt zu werden. „K au sm ä nn i sche Fäh ig k e i t" stellt also für Gesamtwirtschast wie Individuum eine Art Kapital dar, das sich selbstverständlich — mit oder ohne „Ideal" der Selbständigkeit — zu nützen suchen wird und verpflichtet ist. Wenn die westlichen Juden diese spezifisch wirtschaftlichen Fähigkeiten in verhältnismäßig hohem Maße besitzen, so drängen sie sich selbstverständlich nicht zu Berufen, in welchen sie sie nicht verwerten können. So zum Beispiel in den Berus des mittleren Beamten, dessen Mehrzahl — Zwischen Dienstordnung, Präzedenzfall und Weisung des Vorgesetzten eingeklemmt — nur selten in die Notwendigkeit des Disponierens unb der Initiative kommt. Freilich kann auch der kaufmännische Mensch die Beamtentugenden erwerben — Pünktlichkeit, Verständnis, Fleiß —; daß sie durch die freieren des Kaufmanns ausgeschlossen werden, bestreite ich; aber die letzteren werden so nicht recht genutzt. Nun müßte dieses „Kapital" wirklich ungenutzt bleiben, wenn die Wirtschaft es nicht mehr verwerten könnte. Es würde das Schicksal anderer menschlichen Qualitäten teilen, die heute „brotlose Künste" sind. Es ist aber noch fraglich, ob nicht auch eine ganz durchrationalisierte Wirtschaft — wenn aus keinem anderen Grunde, so um vorhandene Werte auszunutzen — für . diese Menschen gebührenden Platz bieten würde. Sicher ist jedoch in absehbarer Zeit die Einzelinitiative nicht entbehrlich. Ich erinnere daran, daß jeder noch so selbstverständliche Rationalisierungsschritt ein Risiko darstellt und zumindest deren Tempo nicht aus dem Zwangslaus, sondern aus verantwortlichen Entschlüssen erwachsen muß. Jedenfalls wird die Fähigkeit zu disponieren für alle Zeit benötigt werden. Wenn nicht mehr zugunsten des privaten Einzelbetriebes, so im Gesamtinteresse. Zum Beispiel erfordert schon die Leitung eines mittleren Bahnhofs fast mehr eigentlich „wirtschaftliche" als Beamtenqualitäten, trotz strengen Fahrplans. Und im Wirtschasts- und Industriebetrieb 'wird es erst recht solche Punkte der Verantwortungskonzentration nach wie vor geben, an denen — darauf kommt es hier an — vorhandene wirtschaftliche Fähigkeiten gebraucht werden und sich bezahlt machen. Deshalb hieße es zu weit gehen, würden breitere Schichten nach Verlassen des „liberalistischen Paradieses" auf die Verwertung der Eigenschaften verzichten, durch die sie bisher wertvolle Stellungen innehatten. Sie müssen zusehen, die Punkte in dem immer weiter mechanisierten Betrieb zu finden, die ihren Kräften den besten Spielraum lassen. Dies tut die mittlere Beamtenlaufbahn nicht allgemein. Schon eher die höhere; doch setzt diese eben den längeren Bildungsgang voraus, der die meisten von den freien akademischen Berufen fernhält. In diesem Zusammenhang muß aber auf die Entwicklung aufmerksam gemacht werden, welche den nichtakademischen mittleren Beamten in steigendem Maße Stellen freimacht, die bisher von Akademikern besetzt waren. Hier bestehen Möglichkeiten zu Entfaltung und Aufstieg gerade auf Grund der Fähigkeiten, welche einen aus dem Gros der Beamtenschaft hinaus heben. Berufslage und Berufswahl Bericht über einen Aussprache-Zyklus von Siegfried Hirsch Der Landesausschuß der jüdischen Jugendverbände veranstaltete im Anschluß an einen Ausspracheabend „B e r u f s l a g e und Berufswahl" infolge des Interesses, das dieses Thema fand, eine Arbeitsgemeinschaft, die sich Wer vier Abende erstreckte. Der e r st e Abend (8. April) behandelte die Frage „I u g e n d u n d B e r u f". Siegfried Hirsch hielt das einleitende Referat und behandelte vier Fragen: a) Berus als subjektiver Lebensinhalt; d) G i b t e s g e f e l l s ch a f t l i ch n ü tz l i ch e B e r u f e? e) V o r - bereitung zum Beruf und Fortbildung im Beruf; (1) Freiheit der Berufswahl. Es wurde der Gegensatz, der zwischen dem Berufsbild des Jugendlichen, der im Beruf Erfüllung seines Lebensideals finden will, und der objektiven Lage dargestellt, die der Soziologe M e e r w a r t h mit folgender Definition des Berufes kennzeichnet: „Berus ist der Inbegriff der von einem Menschen zu Erwerbszwecken ausgeübten Tätigkeit." Einen Weg aus diesem Konflikt scheine d i e Tendenz unseres Wirtschaftslebens anzudeuten, die Qualifikation und alles, was damit zusammenhängt, zu unterstreichen. Sie stellt eine Persnöliche Beziehung, die persönliche Eignung, wieder her. Darüber hinaus sei notwendig die Erziehung zu einer sich am Gesamtgeschehen verantwortlich fühlenden Gesinnung. Die Frage „G i b t e s g e s e l l s ch a f t l i ch n ü tz l i ch e B e r u f e?" müsse dahin beanwortet werden, „daß jede Tätigkeit als Berus anerkannt wird, sofern sie eine Notwendigkeit für die Allgemeinheit hat". Mit der Ablehnung unproduktiver Berufe sei es nicht getan; diese Frage könne nur entscheidend durch eine Auseinandersetzung mit unserer heutigen Wirtschaftsordnung beantwortet werden. Die Vorbereitung zum Beruf und die Fortbildung im Beruf müsse, abgesehen von aller Fachausbildung, eine Erziehung sein, oie dem jungen Menschen das Erlebnis des Opfers, der Hingabe, aber auch der Selbstbehauptung gibt. Ten im Beruf Stehenden gilt es, die Beziehung zwischen seiner Arbeit und der Gesamtheit aufzuweisen, sofern eine solche überhaupt herzustellen ist. - Eine Freiheit der Berufswahl gebe es nicht. Die Tradition, repräsentiert durch die Eltern, hemme die Freiheit durch Motive der Standesrücksichten, des Aufstieglvillens für ihre Kinder, auf der einen Sejte, die wirtschaftliche Lage (Geldmangel, der Zwang zum schnellen Verdienst) tue das übrige. Diese Freiheit zu erringen sei zuerst notwendig. Endgültig könne sie, wenn überhaupt, nur durch eine Umwandlung der heutigen Wirtschaftsform errungen werden. Die Diskussion betonte vor allem den Pessimismus in bezug auf die subjektiven BerussmöglichkeiLen. Den Zweiten Abend (15. April) leitete ein Referat von Dr. Kirrt ZieIenziger über die kaufmännische und a k a d e m i s ch e n Berufe ein. Ter Umwandlungsprozeß, der einen großen Teil des Mittelstandes vermittelte, habe dafür Massenbetriebe mit bureaukratischem Charakter geschaffen. Ihnen stehe eine wachsende Masse von Arbeitnehmern gegenüber, deren Aussicht auf Selbständigkeit sehr gering sei, ein infolge des Selbständigkeitsdranges der Juden sehr wichtiger Wandel. Wie der kaufmänische Beruf sei arrch der akademische übersetzt. Für 30 000 Aerzte vor dem Krieg Zählt man jetzt 44 000; für 8000 Juristen vor denn Krieg Zählt inan jetzt 13 009. Die Zahlen lassen sich vermehren. Die wirtschaftliche Lage der Studenten sei schlecht. 40 Prozent erreichen nicht einmal den äußersten Mindest-Mvnatswechsel, 60 Prozent weniger als das wünschenswerte Kulturminimliin. Mehr als 10 Prozent können sich kein Buch anschaffen, mehr als 50 Prozent nur einige besonders billige Bücher! Die Folge sei Wertarbeit, Nebenarbeit. Frau P r o ch o w n i t, vom Jüdischen Arbeitsnachweis, wies in ihren Ausführungen auf die Frauenberufe hin uiid betonte, daß jede Frau zwei Berufe haben müsse, neben ihrem jeweiligen Erwerbsberus auch noch den hauswirlfchaftlichen. Sie bespricht sodann im einzelnen eine Reihe von Frauenberufen. Am dritten Abend berichtete Rittergutsbesitzer M o s s e von den Aussichten in der L a n d w i r t s ch a f t. Es körnen nur junge, gesunde Menschen in Betracht, deren Zielsetzung nicht der Gutsbezirk (Gutsbesitzer, Pächter oder Gutsbeamte) sein soll, da diese Aussichten schlecht seien. Hier sei ein Mindestkapital von 30 000 bis 50 000 Mark nötig. Dagegen seien die Aussichten für den Kleinbauern und Gärtner günstiger. (Zur Selbständigrnachung wären 5000 Mark notwendig.) Diplomlandwirt Koppel gab eine ausführliche Beschreibung des Ausbildungswesens, das ein selbständiges Auskommen erst nach fünf bis sechs Jahren zuläßt. M o s ch e t - B r a ch m a n n berichtete über die Ansiedlung in Palästina. In der Diskussion wurde aus die Frage, welcher geistige Gesichtspunkt für eine Ansiedlung in Deutschland vorhanden ist, von M o s s e dargelegt, daß im Interesse eines alle Lebensmöglichkeiten ausschöpfenden deutschen Judentums gerade dieser verkümmerte, noch gar nicht entwickelte Teil zum Leben erweckt werden muß. Der letzte Abend (28. April) war der Technik der Berufsberatung gewidmet. Dr. Liebenberg, Leiter des Landesberufscrm 1 s, ging von der Notwendigkeit aus, die beiden in Frage kommenden Kreise, Beruf und Mensch, so voll wie möglich zu decken. Wie erkennt man den Kreis „B e r uf"? Der Bernfsberater rechne mit 12 0 männlichen u n d etwa 50 weiblichen Berufsgruppen. Sie muß er kennen. Er lernt sie kennen durch H i n e i n - gehen in die Betriebe, durch Fachschriften und durch bildliches Material. Die Berufslage, die Aussichten müßte ihr Verlaus sein. Bei der Erforschung des Kreises „M e n s ch" sei es bedenklich, vom Berufswunsch auszugehen, da dieser sehr schlvankt. Notwendig sei eine Erfassung des g a n z e n M e n s ch e n , wobei Psychologie, Jndividual- Tiefenpsychologie, Graphologie, Pshchotechnik die Helfer sind. Alsdann erfolgt der B e r u s s v o r s ch l a g. Lucie Zobel vom Jüdischen B e r u f s a m t untersuchte die Frage der Berufswahl insbesondere nach jüdischen Gesichtspunkten. Die Möglichkeit des Zusammenhaltes mit der Gemeinschaft, der Sabbatruhe, müsse da bedacht werden. Die lebhafte Diskussion veranlaßte Dr. Liebenberg zn dem liebenswürdigen Vorschlag, die psychotechnische Abteilung im städtischen Berufsamt zu besichtigen. Mit dieser am 15. Mai stattgefundenen Besichtigung erreichte die erfolgreiche Arbeitsgemeinschaft ihr Ende. Der mittlere Beamte. Wir erhalten folgende Zuschrift: In dieser Zeitschrift las ich einen Artikel über „Berufswahl", der unseren Glaubensgenossen empfiehlt, sich künftig mehr der Beamtenlau s b a h n zu widmen. Als Auchbeamter fühle ich mich nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, zu dieser Frage Stellung zu nehmen, zumal Neigung und Fügung mich an einen Platz gestellt haben, der wahrlich nicht Zu den l e i ch t e st e n im Beamtenleben gehört. . Seit rund 37 Jahren bin ich in der G e m e i n d e v e r w a l t u n g niemes Heimatortes tätig, und seit Vollendung meines 20. Lebensjahres leitender Sekretär (Bureauvorsteher) des Bürgermeisteramtes Hierselbst. Wenn jemand fragt, soll ein Jude sich der Beamtenlaufbahu widmen, so sage ich mit Freuden „j a". — „Ja" — aber auch nur für den, der sich g e s e st i g t genug fühlt, den geraden Weg zu gehen, für den, der es sich daran g e n ü g e n z u lassen v e r m a g , ein Zwar gesichertes, aber auch bescheidenes Dasein zu führen, für den, der frei von politischen und religiösen Einflüssen bereit ist, seinen Mitmenschen ein Beispiel allgemeiner Duldung zu geben. Wer als Jude so denkt und fühlt, der hat nicht nur ein Recht, sondern auch die sittliche Pflicht, als Beamter seinem deutschen Volke zu dienen. L. Hecht, Stadtinspektor.

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