Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 5 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Berufsorganisationen glaubten meist, in der Z u l a s s u n g s - sperre den Stein der Weisen zu erblicken, der den gesunkenen Lebensstandard wieder in die Höhe treibt. Alle Bemühungen um den nimi6ni8 clausus scheiterten jedoch an dem liberalen Gewissen der deutschen Akademiker. Zum Glück, denn damit wäre vielleicht die Not eines einzelnen Standes, nicht aber die der gesamten I n t e l l e k t u a l i t ä t beseitigt. Jedenfalls wäre aber eine große Härte gegenüber denen begangen, die, voll innerster Berufung, bei beendetem Studium das Tor zum B e - r u s e verschlossen fänden und mit großem Zeitverlust, einseitig und mutlos geworden, sich nach einem praktischen und unerwünschten Erwerbe umsehen müßten. Mit den gleichen Härten scheint uns die aus Mangel einer einheitlich c n M ethode verfolgte P r a x i s verknüpft zu sein, durch übermäßig erschwerte Prüfungen den Nachwuchs abzudrosseln, gleichzeitig ern abschreckendes Medusenhaupt zu erheben und an die Pforten der Universität die Dante-Worte zu schreiben: „Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren — daß eure Arbeit ihren Lohn findet!" Denn was, fragen wir, soll der trotz allen Fleißaufwands durchgefallene Student nach vier oder besser — von der Obersekunda an — nach sieben verlorenen Jahren beginnen? Die Frage des akademischen Nachwuchses kann nach unserem Dafürhalten nur g e m e i n s a m mit der aller anderen Berufe sowie mit den seelischen Problemen der Berufswahl gelöst werden. An die Spitze einer weiteren Betrachtung ist die Forderung zu fetzen, daß jeder Jugendliche denjenigen Beruf ergreife, zu d e m er nach W ü ns ch e n und Können qualifiziert erscheint. Widersprüche gegen die obige Hypothese sind wohl von keiner Seite zu äußern; in ihr dürfte das Ideal einer vernünftigen Berufswahl erblickt werden. Dieser Forderung bieten sich mehrere Hindernisse: 1. die Berufsnötigung seitens der Eltern; 2. die Berufsnötigung auf Grund wirtschaftlicher Schwierigkeiten; 3. der Berufsindifferentismus. Daß Bern s s u v t i g u n g e n vielfach ungeheuer schädigend auf Werden und Wesen eines Menschen einzuwirkeu vermögen, braucht nur angedeutet zu werden. Vielleicht kann es nützlich werden, diese Folgen den Eltern immer w i e d e r vor A u g e n zu führen. B e - r u s s n ö t i g u n g e n , durch materielle Not veranlaßt, können nur durch soziale Fürsorge verhindert werden. Genauer muß die letzte, leider allzu häufig anftretenbc Type betrachtet werden, der Indifferente, der, ganz abgesehen vom Können, keinem Berufe besondere Neigung eutgegenbringt und sich bei der Berufswahl nach irgendwelchen nicht sachlichen (oft materialistischen, aber irrationalen) Ueberlegungen entscheidet. Tie Zahl dieser „schwankenden Gestalten" steigert sich stetig, wie noch kürzlich der Präsident des juristischen Landesprüsungsamtes, Schwister, in seinem Jahresbericht bezeugte. Sicherlich werden diese Indifferenten später zum Proletariat eines jeden Berufes gehören und ihrerseits dazu beitragen, dessen geistige und wirtschaftliche Hohe zu mindern. Auch hier macht sich die störende Wirkung des Berechtigungsprinzips geltend. Der Unentschlossene sieht, daß eine große Reihe von Berufen und besonders die mit gesichertem Auskommen das Abiturium erfordern. Mit Freuden wird er die Gelegenheit ergreifen, unter diesem Vorwand den endgültigen Entscheid auf Jahre hinaus zu zog ern. Nach leicht zu bestehender Reifeprüfung (denn die Masse der Maturanten drückt notwendig die Anforderungen herab) bemerkt er die vermeintliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorzugsstellung der Akademiker, benutzt die Gelegenheit eines Entschlußaufschubs und, da er sich zu nichts berufen fühlt, st u vierter: In der Beseitigung dieses Berufsindifferentismus ist eine Hauptaufgabe jeder Reform zu sehen, die der Gefahr des akademischen Proletariates zu Leibe rücken und eine vernünftige Berufswahl gewährleisten will. Es wird daher schon in der Unterstufe aller Schulen ein b e r u f s k u n d l i ch e r Unterricht einzurichten sein, der über Wesen und Forderungen der verschiedenen Berufe unterweist und durch anschauliche Darstellung auch in dein Stumpfesten einen. starken Berufs w u n s ch erwecken kann. Dabei müßten die bei den einzelnen schon vorhandenen Berufsanlagen mindestens durch Zuspruch Unterstützung finden. Dieser Unterricht wird ohne weiteres Platz im Rahmen der Schule haben, zumal er gewiß so nötig wie Knetunterricht nnb ähnliche Neuerungen ist. Darzustellen, wie dieser Berufsuuterricht gleichzeitig eine Art V o r g r u p P i e r u n g der Schüler nach ihren späteren Berufsentschlüssen bewirkt und auf eine gesunde Examensauslese hinzielt, scheint an dieser Stelle nicht angebracht. Als Ergebnis dieses Vorschlages stellt sich dar: Auslese und Befähigung treten an die Stelle von Berechtigung und materiell beeinflußter Entschließung. Daß dabei im einzelnen Falle gelegentlich einmal eine Härte sichtbar werden könnte, darsi nicht als Hindernis gelten. Alle diese Erwägungen entbehren nicht eines mahnenden Fingerzeiges auf die jüdischen Eltern, welche die Berufswahl ihrer Kinder, eine der lebenswichtigen Entscheidungen, allzu oft nach sinnverlorener U e b e r l i e s e r u n g oder falschem Stolze beeinflussen. Ein manuell Befähigter leistet im Handwerk sicherlich mehr als in der Jntellektnalität, und „freie Bahn dem Tüchtigen" soll nicht Eigenleistung durch Examensbescheinigungen ersetzen. B e r u f n l s innere B e r u f u ng, b c st i m mt durch W ü n s ch e n u n d K ö n neu, das ist das Ziel. Die Aussichten in der Industrie. 8 Von Diph-Ing. Heinz Brodnitz 1 Bei der Betrachtung der Berufsmöglichkeiten für den jungen 1 .Menschen muß man auch die A u s f i ch t e n i n d e r I n d u st r i e D berücksichtigen, da heute zirka 70 Prozent der werktätigen Bevölkerung A Arbeiter sind und nur 30 Prozent als selbständige Handwerker ihren fj Lebensunterhalt verdienen. Die Metallindustrie ist, da sie zirka I 35 Prozent aller Arbeiter beschäftigt, neben der Textilindustrie u. a. I am aufnahmefähigsten, besonders da viele andere- Gewerbezweige keine I Lehrlinge ansbilden, sondern ihre Meister aus den Facharbeitern der | Metallindustrie nehmen. | Die Entwicklung in der Industrie geht nun immer m ehr v o m 1 Kleinnnb Mittelbetrieb zum Großbetrieb. Der z Kleinbetrieb kann sich nur in den wenigen Fällen halten, wo die 1 Eigenart des Fabrikanten eine Einzelherstellung bedingt, ohne be- § sondere Anforderungen an die Güte des Maschinenparks zu stellen, g Der Großbetrieb anderseits muß danach streben, seine Waren in jj Serien- oder Masfensiibrikation herzustellen, um billiger als der jj Kleinbetrieb sein zu können. Er erreicht das hauptsächlich durch Ver- I Wendung von Spezialmaschinen und Vorrichtungen, welche die Arbeit f wirtschaftlicher und ihre Güte z. T. unabhängig von der Geschicklichkeit jj des Arbeiters machen. Es kann so in vielen Fällen der hochqualifijj zierte Facharbeiter durch billige angelernte Leute oder Frauen erjj setzt werden. In der Feinmechanik z. B., wo die elektrischen Appa- 8 rate, Meßinstruinente, Zähler, Radiogeräte u. a. fast nur noch in | Massenfabrikation hergestellt werden, verdrängt jetzt schon die Frauen- | arbeit die gelernten Mechaniker, so daß es oft schwierig ist, diese | unterzubringen. _ 1 Auf der anderen Seite steigt natürlich der Bedarf an Werkz zeugmachern, welche diese Vorrichtungen und Spezialeinrichtun- 1 gen bauen. Besonders große Anforderungen iverden an sie gestellt; | sie müssen hervorragendes handwerkliches Können mit gutem tech- J nischen Verständnis verbinden, denn eine genaue konstruktive Festjj legung ist bei dieseu nur einmalig hergestellten Teilen oft unwirtjj fchaftlich. Bildet mau mm durch Abendunterricht sich weiter, so wird der Uebe r g n n g von der Werkstatt zu in Bureau u n - J fchwe r möglich sein, denn wer lange Praktische Erfahrung mit dem fj nötigen theoretischen Wissen verbindet, ist stets als Konstrukteur oder 8 Betriebsbeamter gesucht. Das Eiukoinmen ist auch dann noch j nicht hoch (300 bis 400 Mark), sicher aber höher als das des normalen | kaufmännischen Angestellten. Dieselbe Entwicklungsmöglichkeit ist auch für den Schlosser u n d M a s ch i n e n b a u e r gegeben. Betont muß aber werden, daß dieser Weg nicht leicht ist. Er setzt gute Begabung voraus und erfordert große Energie, um neben der Fabrikarbeit noch den Abendunterricht durchzuhalten, dazu Liebe zum Handwerk. Es ist zwecklos, ihn forcieren zu wollen und möglichst schnell nach Beendigung der Lehrzeit von der Werkbank fortzuwollen. Denn die geringe praktische Erfahrung genügt nicht, um die tiefere Ausbildung der Mittel- und Hochschulingenienre auszugleichen. Ein weiteres Vorwärtskommen ist möglich, da es e i n Berechtigungswesen im allgemeinen in der I n d u st r i e nicht gibt. Besondere Schwierigkeiten werden dem jungen Juden dabei kaum entstehen, wenn er die hohen, dafür nötigen Eigenschaften besitzt; denn von einzelnen, anders eingestellten Firmen abgesehen, verlangt die Industrie Leistung und nicht Gesinnung. Wählt feste Berufe Von Dipl.-Ing. Julius Freund Der Hinweis Ernst Wolfss auf die B e a m t e n l a u s b a h n verlohnt ernsthafte Auseinandersetzung; denn er enthält einen Vorschlag, für die allseits erwünschte und heute dringende berufliche Auflockerung unserer Schicht, hat dabei vor anderen, die das gleiche bezwecken, dies voraus, daß diese Art .Umschichtung m i1 dem Strome der Zeit geht und reine Deklassierung bedeutet - (nicht einmal in dem gut bürgerlichen Sinne, mit dem ein Vater die berufliche Zukunft seines Sohnes überlegt). Es ist s o einleuchtend, anstatt der unsicheren selbständigen Stellungen sichere, beamtete eittZnnehmen, daß überlegt werden inuß, warum'man es nicht schon längst so gemacht hat. Offen stand der Weg schon lange: es gab bei vielen deutschen Hoheitsverwaltungen jüdische Beainte. (Für mich ist der Eisenbahnbeamte, der an Festtagen in Uniform in die Synagoge kommt, ein langgewohntes Bild.) Es war, scheint mir, nicht nur das „Ideal der Selbständigkeit", das dagegen sprach. Das wurde von Tausenden nicht herzhaft geteilt. Vielmehr sprach eine gewichtige wirtschaftliche Erwägung für die Selbständigkeit: das höhere Einkommen. Tenn die selbständigen Posten brachten mehr ein, nicht nur in dem Maße, das einen Ausgleich für kürzere Arbeitszeit, Pensionsberechtigung usw. des Beamten darstellen wütde, sondern darüber hinaus als eine Art Risikoprümie. Der Selbständige steht für Gelingen oder Mißglücken einer wirtschaftlichen Maßnahme finanziell ein: ist der Ausgang Zweifelhaft, darf und muß er einen der Wahrscheinlichkeitsrechnung entsprechenden Nisikozuschlag einkalkulieren. Ist er aber so geartet, daß eine