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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-05-17 · 5 (17.5.1929) · p. Seite 16

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
5 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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16 Aussprache zu Gersons Aufsatz „Deutsch-jüdisch?“ Idee oder Tatsache? Von Ernst Holzer (Frankf urt a. M.) Politik bedeutet: sich mit den gemeinsamen Angelegenheiten einer Vielheit von Menschen zu beschäftigen. Demzufolge ist der Begriff „deutsch-jüdisch" ein eminent politischer Begriff und muh somit politisch definiert werden. Nein e r k e n u t n i s t h e o r e t i sch ist nun zu dem Begriff „deutsch-jüdisch" zu sagen, daß er einmal eine Idee, ein Wnnschbild, und ferner eine Tatsache, einen Zustand, ausdrückt. Deutsch-jüdisch ist eine Idee — deutsch-jüdisch ist eine Tatsache; so sehen es heute die Jungen und die Alten. (Denn es sind, Ausnahmen Zugegeben, im wesentlichen Menschen der beiden Generationen, die sich hier scheiden.) Für die Alten ist deutsch-jüdisch eine Idee, für die Jungen eine Tatsache. An eine Idee kann man glaube n, eine Tatsache muß man anerkennen. lieber eine Idee läßt sich streiten und diskutieren, Tatsachen lassen sich Nachweisen. Eine Idee kann man auf Generalversammlungen in Resolutionen festlegen, Tatsachen werden vom lebendigen Leben festgelegt und von Historikern, Lebensknndigen, sestgestellt. Eine Idee ist das Bild von der Welt, wie man sie gerne haben möchte, eine Tatsache ist etwas, was „tatsächlich" vorhanden, bereits vorhanden ist. Eine Idee läßt sich nur unter Zuhilfenahme emotioneller Momente den von ihr noch nicht Erfaßten näherbringen, Tatsachen lassen sich im wesentlichen rational verständlich und begreifbar machen. Was Wunder: Die jungen Menschen, die man in ihrer Kindheit Laubherl für die Pferde an der Front samnreln ließ, die man leiblich und geistig mit Rübenmarmetade großzog, diese jungen Menschen haben die blaue Blume idealistischer Spekulation nie besessen. Sie haben sich freudig auf den viel geschmähten Boden der Tatsachen gestellt, jjie haben um es mit leider et Mas uN genutztem Wort zu sagen — die „n eue Sachlichkeit" als den ihr gemäßen Lebensstil erkannt, sie haben in der Nüchternheit ihre Aufgabe, ihr Schicksal auch, gesunden. Für sie kann die nur gedachte Idee keine Bedeutung mehr haben, sie kann nur Tatsachen anerkennen. Sie geht den Weg von der Idee zur Wirklichkeit. Man kann diese Elltwicklung, wenn man will, bedauern: sie ist vorhanden, lnan muh sie hinnehmen. Sie läßt sich überall fühlen, rnttf) wenn man nicht immer sie im einzelnen bereits in Worte zu fassen vermag. Für uns, die Menschen des „Jahrgangs 1 9 0 2" (man lese dort nach!), ist deutsch-jüdisch ebenfalls bereits keine bloße Idee mehr, sondern eine T a t s n ch e. Wenn Eugen F li ch s noch von der Notwendigkeit einer Synthese sprechen muhte, einer Znsammenführung von zwei oder sogar zweierlei Strömungen, so ist für uns der Begriff bereits als eine H a rm on i e w a h nieh mb a r (d. h. wahr nehmbar, um mit Bllber zu reden), eine Einheit. Wir brauchen jene dialektische Scheidung zwischen deutsch-jüdisch und national-jüdisch und gesamtjüdisch (welch letztere Bezeichnung für uns wohl noch die beste ist) nicht mehr. Wir fassen es durchaus als Tatsache auf, daß „dem Dentsch-jüdischen jeder in Deutschland lebende Mensch jüdischer Abstammung unterliegt". Wir empfinden es keineswegs als nationaljüdisch, wenn unser Blick und unsere tätige Sorge sich auch den jüdischen Dingen jenseits der deutschen Grenze zuwenden. Unser Lebensranm, das heißt unsere geistigen Duellen, das sind das Jüdische und das Deutsche. Es ist uns nicht bewußt, in wievielprozentiger Mischung; es wird bei jedem Menschen in jeder Stunde verschieden sein. Es ist genau so unerheblich, sestzustellen, seit wann etwa wir- Besitzer deutschen Gutes sind, ob seit zweihundert! Jahren, ob seit einer Generation oder ob seit gestern. Unsere L e b e n s e r f ü l l u n g , d. h. der geographische, der geschichtliche Ort, wo unser Leben abrollt, ist Deutschland. Deshalb sind wir mit ebensolcher Selbstverständlicht e i t j ü d i s ch e T e u t s ch e w i e denk s ch e I u d e n. Hier ist der A n s a tz Punkt, von beut aus man die liberal teten, krampsigen Unterscheidungen im deutschen Judentum nusheben kann. Wir glauben, junge Menschen aus allen jüdischen Schichten, daß zum mindesten die geistigen Führer der deutschen Iudenheit diese Reform als notwendig empfinden. Unser Judenschicksal nicht zur Idee verbrämen, sondern als Tatsächliches, Bestehendes leben: den Einordnungsprozeß aller in Deutschland lebenden Inden in eine natürliche deutsch-jüdische Gruppe vorzubereiten, weiterzuführen; das Deutsche und das Jüdische in uns, imb letzteres besonders, so zu stärken, daß wir es kommenden Geschlechtern größer und deutlicher weitergeben rönnen — das wird wohOd i e g e s ch i ch t l i ch e All s g n b e dies c r G c n erat i o n, der Linli ihres Lebens sein. Gedanken um die „Deutsch-jüdische Einstellung“ Von Ernst Heilbrunn (Hamburg) Es ist gewiß sehr dankenswert, wenn in dieser der Fugend zur Verfügung stehenden Beilage der „C. V.-Zeitnng" offen ausgesprochen wird, wie wir, die wir in absehbarere Zeit das Erbe bzw. die Arbeit des C. V. übernehmen werden, uns zu dem Fragenkomplex Deutschtum — Iudentu m stellen. Da weitaus größte Teil der aus deutsch-jüdischer Grundlage stehenden Jugend hält die Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum als etwas Selbstv e r st ü n d l i ch e s, das durch die durchaus rege Teilnahme an dem deutschen Kulturleben, durch ein Sicheinsetzen für das deutsche Vaterland usw. usw. begründet ist. Also darüber glaubt niemand je ein Wort verlieren müssen. Es steht fest: Wir sind Deutsche. Anders liegt der Fall beim Judentum. Da glaubt man gar nicht so ohne weiteres an etwas Selbstverständliches. Warum nur? Daß Judentum mehr ist als Religions- und Schicksalsgemeinschaft, wissen wir. Es gibt so unendlich viel freireligiöse, wenn nicht gar areligiöse Juden. Aber bis aus verschwindend wenig Ausnahmen Pflegen auch diese in der Hauptsache jüdischen Verkehr, obgleich es genügend Freidenker anderer Religionen gibt, die frei von Antisemitismus sind. Aeberhaupt spielt der Antisemitismus hierbei gar nicht die Nolle, die ihm angedichtet wird. Also sagen wir es ruhig offen. Wir sind Juden auch durch Stammesgemeinschast. Bliebe noch die S t e l l u n g des Zionismus. Wir anerkennen die Notwendigkeit, vielen jüdischen Mitmenschen ein Hein: schaffen zu müssen. Wir anerkennen gern, daß Palästina in rein ideelicher Hinsicht prädestiniert erscheint, weil es durch die Geschichte für viele Juden eine Art Glorienschein erhalten hat; doch sind wir der Meinung, daß es viele andere Gegenden gibt, die für die Ansiedlung infolge ihrer Ausdehnung und der Bodenbcfchafsenhcit viel, viel geeigneter sind. Einen jüdischen Nationalstaat, ob mm als Englands Mandatsland oder als selbständiges Staatswesen mit all seinen Machtmitteln, lehnen wir ab, weil wir der Ansicht sind, daß die kulturhistorische Sendung der Juden niemals dadurch gefördert, sondern nur Zerstört werden würde. Kulturen sind erstanden, Kulturen sind verfallen, Völker sind mächtig geworden und haben ihre Macht wieder verloren; nur die Iirden sind seit Zerstörung des Tempels geblieben, was sie waren: Kulturdünger, Kulturträger, Humusboden, aus dem die Kultur gedeihen konnte. Wir finb Deutsche nach Kultur und Nationalität, wir sind Juden nach Stamm und Religion. Beides ist uns etwas Selbstverständliches, wie uns Mutter und Vater etwas Selbstverständliches sind, und deshalb, glaube ich, sollten wir nicht so viel davon reden müssen. Jugendarbeit in Bayern Der Landesverband Bayern des C. V. hat im Lause des Jahres eine Anzahl Versuche unternommen, die jüdische Jugend in Bayern dem Geiste rmd den Idealen des C. V. zn nähern und mit seiner Arbeit vertraut 31t machen. In verschiedenen jüdischen Jugendbünden wurden Vorträge gehalten, in denen auch das Verhältnis des C. V. zur Jugend beleuchtet wurde. Im Jüdischen Jugendverein München har der Syndikus des Landesverbandes Bayern, Tr. Ludwig Freund, vor einigen Wochen einen sehr gut besuchter: Kurs „Praktische A b w e h r a r b e i t" abgehalterr, der stärkstes Interesse erweckte. Da man den ungeheuren Ilmsang und die Kompliziertheit des Stoffes erkannte, wurde in Aussicht genommen, zu einem geeigrreten Zeitpunkt einen weiteren mehrstündigen Kurs zu veranstalten. Einen größeren Versuch, die Jugend für die C. V. - Fragen zu interessieren, unternahm der Vorsitzende der^ Ortsgruppe München, Rechtsanwalt Dr. Werner. Er lud die jüdische Jugend Münchens zu einem besonderen Jngerrdausspracheabend ein, der, sehr gut besucht, Ende Februar stattsand. Walter G 0 l d m a n n sprach über das Thema „Die jüdische Jugend und der C. V.", wobei er die Schwierigkeiten der jüdischen Jugend schilderte, die durch den Judenhaß vor erschwerte Zukrmstsaussichten und Schicksälsverhültnisse gestellt ist. In der Förderung des C. V., der bestrebt ist, die Zukunsts- und Schicksälsverhültnisse des gesamten deutschen Judentums praktisch aus ein gesundes Niveau zu heben, sollte sich die jüdische Jugend, auch wenn sie weltanschaulich zerklüftet sei, zusarmnenfinden. Anschließend verlas Herr Ober m eher das Manuskript des erkrankten Herrn Lewin, der int besonderen das Verhältnis des Jüdischen Jugend- Vereins zum C. V. behandelte. An die Referate schloß sich dann eine sehr rege Diskussion an, die eindeutig bewies, daß irr der jüdischen Jugend Münchens Verständnis für die Ausgaben des C. 23. vorwaltet und daß seine Arbeit bei ihr Beifall findet. Tr. Werrrer konnte dies in seinem Schlußwort als allgemeinen Eindrriek feststellen. Auch an den bayerischen U k i v e r 1 i t ä t c n wurde mehrfach versucht, die jüdische studierende Jugend für die Arbeit des C. V. zrr gewinnen. Trotz großer Schwierigkeiten kam es zunächst in W ü r z b u r g dank Jnstizrat Dr. Rosenthal zu einer einheitlichen Organisation in einer „Student! s ch e rr A r b e i t s g e m e i n s ch a s t 3 u r Vek ü in p - s u rr g des A rr t i s e m i t i § nt it § an der 1t rr t v er sitä t" unter Anschluß an beit E. 23. Die Arbeitsgemeinschaft wurde nach einem Vortrage von Ludwig Freund über ,,W ege und Ziele der jüdische 11 I u gen b" im Dezember vorigen Jahres gegründet. Ihr schlossen sich Studierende aller Lager an. Mit diesen Ereignissen ist die Jugendarbeit iir Bayern keineswegs erschöpfend dargestellt. Nur die wichtigsten und größten Ereignisse sind hervorgrhoben worden. Denn in aller: O r t s g r n p per: i st heute d a s B e st r e b e n lebendig, die j ü d i s ch e I n g e n d d e rn E. D. n a I) e 3 u bringe n. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Dr. Alfred H i r s ch b e r g (Berlin-Eharlottenburg). Druck von Rudolf Masse, Berlin 81V 109.

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