Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 20 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2ö3 Hugo Oingsers „Zusammenbruch -er Wiffenschafi" und seine Stellung zur religiösen Ethik -es Lu-entums. Von Dr. Heinrich Kevy (Eberslual-e). Die wissenschaftliche Gesinnung, die Stimmung, die Wertungsart und den Inhalt des Dinglerschen Werkes^) wird schwerlich jemand ahnen, der nur den unheilverkündenden Titel „Der Zusammenbruch der Wissenschaft" liest oder hört: unwillkürlich wird man an Spenglers „Untergang des Abendlandes" erinnert; man erwartet daher die erregende Darstellung eines unaufhaltsamen Schicksals, das die Wissenschaft ereile. Sofern die klein gedruckte Fortsetzung des Titels „und der Primat der Philosophie" beachtet wird, erhebt sich allerdings wohl eine Hoffnung, daß wir nicht wissenschaftsfeindlichen Mächten der Finsternis ausgeliefert werden sollendoch welche Funktion der Philosophie angesichts des Zusammenbruchs der Wissenschaft Zugeschricben wird, ist nicht Voraus- Zusehen. Die wahre Meinung des Buchs ist dagegen diese: Zwar herrscht zurzeit ein vom Verfasser sehr ernst genommenes und bekämpftes „Chaos" in der Wissenschaft, und gerade in denjenigen Disziplinen, die um ihrer Exaktheit willen als vorbildlich gelten: in Mathematik und Physik: durch die konsequente philosophische Besinunng auf ihre Grundlagen aber kann diesem Chaos nicht nur ein Ende bereitet, sondern es kann dadurch sogar der Aufbau der Wissenschaft wie der gesamten Kultur endgültig gesichert werden. Die hiermit gestellte Aufgabe nun will Dingler in seinem Buche lösen: zunächst vermittels elner Kritik an den kühnen modernen Theorien der Mathematik und Physik. Diese Kritik hat aber ihr Fundament in Grundsätzen, die vom Verfasser als unumstößlich aufgezeigt werden sollen. Daher entwickelt er eine eigene philosophische Lehre von den letzten Prinzipien der Wissenschaft, die sich zu einer im Umrisse gezeichneten Welt- und Lebensanschauung ausweitet. So überrascht das Buch vom „Zusanunenbruch der Wissenschaft" durch streng wissenschaftliche Haltung, durch seinen positiven Aufbau der Wissenschaft und allgemein durch das Gegenteil einer Untergangsstimmung, nämlich durch einen starken Kulturoptimismus. Ter Autor überrascht aber auch dadurch, das; er seine ethischen und religiösen Grundanschauungen, die mit seiner logischen Grundlegung ein einheitliches Ganzes bilden, in der jüdischen Ethik und Gotteslehre, in den „klaren Erkenntnisien des klassischen Judentums" und namentlich in seinem viel augefeindeten Gesetz wiederfindet. Es ist nicht nur Pas Interesse der Leser dieses Blattes, welches dazu auffordert, das Dinglersche Buch im Hinblick auf seine Hochschätzung der jüdischen Ethik und Gotteslehre zu betrachten. Dingler selbst findet ja im Alten Testament die Antworten auf diejenigen Fragen, die jedes Menschen Herz bewegen; eben darum gipfelt sein Buch, das überall dem Menschen Sicherheit geben will und deshalb nach und über der Sicherheit der wissenschaftlichen Erkenntnis die Sicherheit für unser rechtes Handeln sucht, in diesen j ü d i s ch e u als a l l g e in ein* m c ns ch l ich e n Le h r e n. Freilich ist diese ausdrückliche und philosophische Anerkennung der Weisheit der Psalmen und der Propheten zumal mit der Betonung, daß sie dem religiösen Genie des Judentums entsprungen ist, in unserer Zeit und besonders in Deutschland .etwas Seltenes. Die Veräußerlichung und das rasende Tempo des Lebens drängen die lange geheiligten religiösen Urkunden zurück; vor allem leugnet aber die durch mangelnde Innerlichkeit begünstigte Massensuggestion des Antisemitismus, daß die höchsten Werte dem jüdischen Geist entstammen könnten. Solchen Mächten gegenüber hat der Münchener Professor Dingler die Unbefangenheit und den Mut, alte Wahrheit, die „schon längst gesunden", an ihrem jüdischen Urquell aufzusuchen. Ein besonderer Anlaß zu seiner Versenkung in das Alte Testament scheint das Kriegserlebnis gewesen zu sein, denn während des Krieges verfaßte Dingler eine allgemeinverständliche Schrift, die schon im Titel die Bedeutung des Judentums hervorhebt: „Die Kultur der Juden. Eine Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft)." Die Tendenz dieser Schrift, auf die hiermit nachdrücklichst verwiesen werden soll, wird in folgenden Worten ihrer Einleitung eindrucksvoll bezeichnet: „Die als völlig überholt, als kindlich angesehenen Schriften der alten jüdischen Denker, jene Anschauungen, die uns manche auch noch aus dem anderen Grunde, daß sie artfremd seren und daher in unsere Schulen nicht paßten, verekeln wollen, diese enthalten bereits die völlige Erfüllung der in vorstehendem ausgesprochenen Wünsche, die volle Lösung der dort gestellten Fragen (nämlich der ethischen). Wenn wir mit dem ganzen Rüstzeug der modernen Wissenschaft und Philosophie, mit aller Kritik und Skepsis an sie herantreten und sie durchforschen, dann werden wir mit wachsendem Erstaunen irnd Ehrfurcht gewahr, daß jene alten Denker ohne eine Wissenschaft, ohne eine Philosophie unter den Füßen zu haben, ohne alle geistige Rüstung i) „Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der Philosophie" von Dr. Hugo Dingler, Professor an der Universität München. 1926. Verlag von Ernst Reinhardt in München. -) Erschienen 1919 in Der Neue Geist - Verlag, Leipzig. &pf4/MOHP 4H4Ht' c&tM4444P TSo ßdfttUtß' \4$ct+ WM cdlnUr. /4ber %AfS£fl-Borax muß es sein in der bekannfen roten Originalpackung. Überall erhältlich! dem allgewaltigen Leben gegenübergestellt, das Rechte, das allein Rechte erschaut und es in der wundervollsten Sprache zum Ausdruck gebracht haben. Nicht „Moses oder Darwin" heißt es mehr, .... sondern „Moses u n d Darwin" können wir mit jedem Grade wissenschaftlicher Sicherheit nun als die Signatur dessen aussprechen, was wir über die wichtigsten Fragen des Menschenlebens auszusagen haben." Gegenüber dieser populären Schrift hat das Werk „Der Zusammenbruch der Wissenschaft" die Bedeutung, daß es streng wissenschaftlich seine Lehren, zu denen das Thema „Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft" gehört, zu beweisen versucht und damit zugleich einen Unterbau' für jene Schrift errichtet. Diesen Unterbau bilden die eingehenden, den schwierigsten Problemen gewidmeten Untersuchungen über Prinzip, Methode und Rechtsgruud^der mathematischen Erkenntnis und der naturwissenschaftlichen Forschung — für die Beurteilung der gegenwärtigen Krisen in diesen Disziplinen von großem Interesse und für jeden, der noch nicht über die Arbeit des Naturforschers und den Ausball itnb Ennn der exakten Wissenschaften gründlich nachgedacht hat, außerordentlich belehrend. Das Ergebnis Dinglers — dessen Stellungnahme zu jenen hohen Fragen der Wissenschaft hier weder geprüft noch genauer dargelegt werden kann — ist, daß die exakten Wissenschaften systematische Konstruktionen sind, deren unerschütterliche Prinzipien durch unbewußte Wahl alls zahllosen Möglichkeiten atlmühlich gefunden, in der klassischen Physik Newtons 'unumstößlich formuliert, in der neuesten Forschung aber oft verlassen worden siild; dadurch eben sei das jetzige Chaos entstanden. Tie exakten Wissenschaften beruhen also ans einem unbewußten Willen, der nun aber im System des Verfassers bewußt wird als der Wille, die Realität aufs einfachste durch unseren Verstand zu beherrschen. Der Wille selbst geht somit der Wissenschaft voraus — dies unternimmt der Verfasser im Fortgang seiner Darstellung zur „Lehre vom Wesen der Wirklichkeit", zum „Problem der' Geschichte", zum „Wunderbaren" und schließlich zum „Reich der Werte" zu zeigen, in Kapiteln, die durch weite Ausblicke ans Vergangenheit und Zukunft der Menschheck große Leserkreise fesseln werden. Ter Wille ist somit frei, er ist das Absolute, durch welches erst die Wissenschaft bedingt ist. (Der Ausgangspunkt dieser Gedankenwendung liegt in der Philosophie Kants; Dingler selbst erinnert an Schopenhauer.) Die Freiheit des Willens und meines Willens bleibt so bestehen und ist unbedingt gesichert. Die Wissenschaft dient dem Willen, den sie zwar wieder in gewissem Sinne in ihr Erklärungssystem einzubeziehen, /wer nicht zu bedingen vermag, den sie als letztes, was allem zugrunde liegt, zwar gerade vernunftnotwendig fordert, aber nicht mehr erklären kann. Dieser letzte, oberste, reine Wille nun MM MMMM Mb«) eeMen. Der Treuesten einer, das Ehrenmitglied des Centratvereins, der langjährige Vorsitzende unseres Niederschlesischen Landesverbandes und frühere Vorsitzende unserer Ortsgruppe Breslau, Justizrat Felix H i r s ch b e r g (Breslau), ist soeben nach längerer Krankheit entschlafen. Die pflichtgetreue Hingabe dieses aufrechten deutschen Juden, die Herzensgüte und die Klugheit, die ihn auszeichneten, haben unserer Arbeit die trefflichsten Dienste geleistet. Die feste und starke Stellung des Eentralvereins in Deutschlands Osten ist untrennbar mit dem Namen Hirschberg verknüpft. Wir gedenken dieses wahrhaft religiösen Mannes, der allzu früh aus unserem Kreise schied, in herzlichster Dankbarkeit. Wir wissen am besten, was unsere hohe Sache an ihm verloren hat. Was seine trauel.de Familie und die große Zahl seiner Freunde und Verehrer mit ihm ins Grab gelegt haben, kann nur der ermessen, der mit diesem seltenen Manne einmal Stunden ernster Unterredung verbracht hat. Sein Andenken sei für die Seinen, für uns und für das deutsche Judentum ein Segen immerdar. A. W.