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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-17 · 20 (17.5.1929) · p. Seite 262

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
Seite 262 (sequence 6)
Language
German
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mm 2L>2 mordvertoidigung habe beginnen müssen, und wandte sich dann scharf gegen das Wort Ritualmord legende. Legende! „Unter einer Legende verstehe ich einen Ausdruck frommen Glaubens. Hier ist nicht von Legende -die Rede, sondern hier handelt es sich um ein hartnäckiges Gerücht, ein Von-Mund-zu-Mund-Reden, ein Munkeln, das, wenn es sich ans Tageslicht drängt, von allen Seiten Widerspruch erfährt. Es handelt fick) teils um eine politische Kampfesart, teils um einen wüsten Aberglauben." Er erinnerte dann an den Blutaberglauben des Mittelalters und an. die Tatsache, daß die letzte Verbrennung einer Hexe in Deutschland in WürZburg stattgefunden habe, und fragte, ob denn wirklich die Würzburger die letzten sein wollten, die noch immer an d« Ritalmord glaubten. „Es ist bereits gesagt worden, wenn wir je in Einmütigkeit zusammenzustehen notwendig gehabt haben, so ist cs heute der Fall; denn es schenkt uns niemand etwas in der Welt. Was das deutsche Volk nicht selbst aus sich herausgräbt, aus dem tiefen Schacht feines Volkstums, das loerden wir nicht haben, und ich schließe mich dem Redner an, der gesagt hat: Es ist niemandes Recht, einem der deutsch sein will, der seine deutschen Hände, sein deutsches Gehirn, seine deutsche Erkenntnis in unserer schweren Zeit anwendcn will, um Deutschland Gutes zu tun, um Deutschland vorwärtszuhelfen, es ist niemandes Sache zu sagen: Du darfst nicht helfen, du bist mir kein Bundesgenosse; gehe zurück, lieber will ich verderben, als daß du mir Helsen sollst! Das ist kein Standpunkt!" Nach einer ausgiebigen Rede des Nationalsozialisten Landtagsabgeordneten Dr. Hellmuth, der die Existenz von Nitualmorden zu beweisen versuchte, wandte sich Geheimrat Vogt als alter Offizier, als Demokrat und freiheitlich gesinnter Mensch im Interesse des öffentlichen Friedens gegen die Vergiftung des politischen Kampfes. Der Vorsitzende, Justizrat Dr. Roierrthat, gab einen Brief der Christlich-sozialen Arbeiterpartei an die Ortsgruppe Würzburg des Centralvereins bekannt, in dem es heißt: . . Wir haben unsere Parteifreunde dazu eingeladen, und es erübrigt sich wohl, eigens zu betonen, daß wir der aus Dummheit und Demagogie aufgebauten Hetze der Nationalsozialisten nicht nur ablehnend gegenüberstehen, sondern sie als der Wahrheit und Gerechtigkeit und dem tiefsten deutschen Wesen widersprechend scharf verurteilen müssen. Es heißt das, die niedrigsten Instinkte für parteipolitische Zwecke auswühlen und in die geistige Gosse steigen!" Dann nahm der Redakteur des „Stürmer", Karl Holz, das Wort zu einer Diskussionsrede, in der er im wesentlichen die Argumente des Dr. Hellmuth wiederholte, längst widerlegte und zum Teil falsch verstandene Urkundenbeweise vorbrachte und gleich Dr. Hellmuth den Pfarrer Wintermann als „Judenknecht" beschimpfte. Der letzte Diskussionsredner, der sozialistische Stadtrat Brandmautt, der sich gegen die 'Verhetzung durch die Hakenkreuzler wandte, wurde durch den Lärm der Nationalsozialisten unterbrochen und das Schlußwort von Pfarrer Wintermann ging so im nationalsozialistischen Lärm unter, daß die Polizei den Saal räumte. Mfkiärungsversammlungen des Lentcalverrins in Hof, ftmberg und Memmingen. Wie wir bereits in der vorigen Nummer der „C. V.-Zeitung" meldeten, hielt Rabbiner Dr. Nenhaus (Mülheim, Ruhr) in einer Reihe von bayerischen Ortsgruppen öffentliche Ausklärungsversammlungen ab, die von bestem Erfolg gekrönt waren. So sprach er am 6. Mai in Hof über den Talmud. Zahlreiche Hörer waren erschienen. Der „Hofer Anzeiger", „Generalanzeiger für Oberfranken" und die „Obersränkische Volkszeitung" berichteten eingehend über den Vortrag. Trotz Störungsversuchen von nationalsozialistischen Schreiern vermochte Dr. N e u h a u 8 in seiner ruhigen, sachlichen wissenschaftlichen Art sich durchzusetzen und den Vortrag zu Ende zu führen. Nach dem Vortrage sprangen Nationalsozialisten aus das Podium und verhinderten durch Schreien und wüstes Schimpfen die Fortführung der Versammlung. Der Berichterstatter des „Hofer Anzeigers" schreibt: „Die Versammlung brachte für den, der zuzuhören fähig und willens war, interessante Aufklärung, den übrigen aber, die dazu nicht in der Lage sind, sollte man nicht den Gefallen tun, sich aus ihre Art der Auseinandersetzung, die über lautes Geschrei nicht hinausgeht, einzulassen." - Am 7. Mai sprach Rabbiner Dr. Neuhaus über das gleiche Thema .in Amberg. Der große Rathaussaal war bis aus den letzten Platz gefüllt, so daß viele Zuhörer stehen mußten. lieber diesen Vortrag berichteten der „A m b e r g e r Anzeige r", die „A m b e r g e r V v l k s z e i t u n g" und das „Amberger Tagblatt" ausführlich. Uebereinstimmend rühmten sie die Objektivität und strenge Wissenschaftlichkeit des Vortrages und verurteilten die planmäßigen Störungsversuche der Hakenkreuzler. Es gelang also auch hier judenseindlichen Schreiern nicht, die Wirkung des Vortrages zu schmälern. Am 8. Mai folgte ein Vortrag in Memmingen über „Judentum und Staat". Neben dem „Memminger Volksblatt" gab die „Memminger Zeitung" den Vortrag eingehend wieder und schloß ihren Bericht mit den Worten: „Der Abend war getragen von einem hohen und reinen Geist. Keine Bitte um Duldung und Anerkennung, kein Geschrei um Hilfe, sondern ein stilles und selbstbewußtes Pochen aus das Recht. Kein Blenden mit Gesten und berauschenden Worten, kein Drohen und Wassenklirren, nur ein Appell an die Klarheit der Gedanken und an die Kraft des Geistes und des Herzens. Der Abend war ein voller Erfolg." Wie man in China Riinalmvrvhetzer bestraft. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden die christlichen Missionare in China des Ritualmordes an chinesischen Kindern beschuldigt. Das Volk wurde systematisch gegen die .Christen aufgehetzt, Plakate berichteten von christlichen Blutmorden. Der in Sch a n g h a i erscheinende „Ostasiatische Lloyd" berichtet in seiner Nummer .vom 10. Juni 1892, wie man dort die gefährlichen Hetzer bestrafte: „Proklamationen gegen die Verbreiter dieser Plakate sind erlassen und verschiedene Schuldige bereits eingesaugen worden, die zur Strafe in Ketten in den Straßen paradieren müssen, um den Hals den Holzkragen tragend, auf dem geschrieben steht: „Für das Erfinden von grundlosen Gerüchten, um das Volk aufzu hetzen." PifessesJiau« Vor einiger Zeit brachte das „Neue Wiener Journal" eine Erklärung des. Führers der österreichischen Heimwehren, Dr. Richard Steidle, die sich mit der Frage des Antisemitismus in den Heimwehren besaßt und in der es u. a. heißt: „Die Heimatwehr-Bewegung hat nie einen Gesinnungszwang in der einen oder anderen Richtung ausgeübt, und es stets jedem ihrer Anhänger sreigestellt, zu diesem Problem nach eigener Ueberzeugung und bestem Gewissen Stellung zu nehmen, genau so wie die Heirnatwehr- Bewegung es jedem einzelnen Mitglied überläßt, zu allen kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Fragen die ihm zusagende . . . Haltung einzunehmen . . . Tatsache ist, daß unter : uns in Lebensgemeinschaft mit dem deutschen Volke ein Teil des jüdischen Voltes lebt, durch Abstammung, Wesensart und Geschichte der Jahrhunderte von uns getrennt, durch Sprache und Geschichte der letzten hundert Jahre aber mit uns vereint: in dem Willen zur Vermischung oder reinlichen Scheidung ebenso zwiespältig, wie auch das deutsche Volk in dieser Frage. Tie Probleme, die sich aus der einmal gegebenen Lebensgemeinschaft ergeben, können aber bestimmt nicht in ruhigem, gerechtem und friedlichem Sinne bereinigt werden, wenn aus übel angebrachter Rücksichtnahme ... einer Stimmung der Boden bereitet wird, die den unmittelbaren Täter nur allzu leicht mit dem zu identifizieren geneigt ist, der dem Täter Vorschub leistet oder zu leisten scheint." Das „Hamburger Fremderrblatt" von: 4. Mai 1929 beschäftigt sich in einer H — n n. gezeichneten „Politischen Wochenschau" mit den Berliner Unruhen am 1. Mai. Dort heißt es u. a.: „Wer sich so rückhaltlos außerhalb von Staat und Gesellschaft . . . stellt, wie die Kommunisten, gegen den müssen Staat und Gesellschaft sich mit allen Mitteln schützen. Man wird darüber freilich auch die Wachsamkeit gegenüber denjenigen bürgerlichen Schichten nicht verringern dürfen, die bei Unruhen sofort Morgenluft wittern und die Möglichkeit sehen, ihre nur vertagten Diktaturideale zu verwirklichen. Das in der Mitte stehende Bürgertum und vor allem die großen Massen derer, die politisch uninteressiert sind, . . . sollten aus den Vorgängen lernen, daß eine aktive Betätigung für den Staat das sicherste Mittel gegen den Umsturz ist." i 4 c Die „Bremervörde? Zeitung" hat sich schon zu wiederholten Malen in beachtlicher Weise mit dem Nationalsozialismus und seinen Agitationsmethoden auseinandergesetzt. So jetzt wieder in ihren Nummern vom 17. und 18. April 1929. In einem Aussatz „Nationalsozialistisches" vom 17. April heißt es z. B.: „Blutrot liegt vor uns ein Flugblatt, das die Ortsgruppe Bremervörde der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei verbreitet. Das Vorhandensein dieser „Partei" kennzeichnet den Niedergang des deutschen Volkes seit Weltkrieg und Revolution. Andere Parteien haben ... besondere Ideen, durch die sie sich voneinander unterscheiden. Diese „Partei" allein lebt vom Haß gegen „Juden und Hammelsellschurzträgern" (Freimaurer), die nach ihrer Meinung Schuld an aller Not unserer Zeit tragen. Um Haß zu säen und Haß zu pflegen, bedarf es keinerlei geistiger Begabung, nur niedriger Gesinnung. Die letztere bekundet sich einmal in häßlicher Beschimpfung der Andersdenkenden . . . zum anderen in der Freude an solcher Kampfesart." J s „Die Krisis des konservativen Menschen" heißt ein Aufsatz von Johannes Buhler in dem deutschnatiönalen Organ „Der Tag" vom 20. April 1929. Wir entnehmen diesem außerordentlich interessanten Artikel die folgenden Stellen: „Daß der Rassengedanke an sich den konservativen Menschen anfpricht, ist ganz in Ordnung, da es sich dabei ... um etwas eminent Wirkliches, Tatsächliches handelt. Aber statt nun das Tatsachenmaterial sorgfältig zu prüfen . . . jagt man häufig Phantomennach . . . „Hochzüchtung" des Menschengeschlechts, wie es sich gelegentlich Rassensanatiker vorstellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man hat jüngst gesagt: Wer den wahren nordischen Menschen finden will, muß weit zurück . . . zum Stemzeitmenschen. Was soll uns inmitten unserer heutigen deutschen Not der Steinzeitmensch? . . . Aber in solchen Dingen, bei denen wir nach der ganzen Sachlage, einem ungemein lückenhaften und vieldeutigen Quellenmaterial . . . das alleinige Heil für uns finden zu wollen, ist Utopie, Flucht aus der Wirklichkeit und Gegenwart." In der Monatsschrift „Vox Student-ium" jjom April- Juni 1929 lesen wir in einem Artikel „Zum Studium des jüdischen Problems" folgendes: „Diese andere Seite des Problems kommt besonders in dem ausgezeichneten Werke von Professor Guttmann zum Ausdruck: „Das Judentum und seine Umwelt" (V und 400 S., Philo-Verlag, Berlin 1927). Das Buch wird den zunächst enttäuschen, der in ihm eine Behandlung der Beziehungen zwischen Juden und Christen, so wie sie sich heute darstellen, sucht. Der Verfasser unternimmt es vielmehr, aus dein Alten Testament, dem Talmud und der Doktrin der Rabbiner eine Sozialtheorie zu entwickeln. Der religiöse Partikularismus, dessen Verschwinden Lamparter in Aussicht stellt, gewinnt hier eine neue Bedeutung. Es ist .der Ausdruck der einzigartigen religiösen Erfahrung, die dem Volke Israel zuteil wurde. Ec ist die eigentliche Quelle jenes ethischen Universalismus des Judentums, dessen beständiges Hervortreten in der Geschichte Herr Guttmann überzeugend auszeigt. Ein bemerkenswertes Buch, in dem in fast trockener Weise die Geschichte einer ganzen Kultur, des ganzen geistigen und moralischen Lebens einer Nation ausgerollt wird. Dieses Buch dürste die Mitglieder der Vierviller Tagung ohne Zweifel stark interessieren. Es handelt sich da weder um Antisemitismus noch um die Apologie des Judentums. Es handelt sich nur um Tatsachen, um Texte und Kommentare. Es wäre interessant, diese Studie mit einigen in England und Amerika erschienenen Werken zu vergleichen, die von der geistigen Erbschaft des israelitischen Volkes handeln. Wix werden in einer der folgenden Nummern dieser Zeitschrift darauf zurück, kommen." I : :! >

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