Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 20 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- Seite 261 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-Die Würzburger Protestkundgebung gegen den Mualmordwahn. eit-- I | »ln- 1 och itif I die 1 aal | roj Len I cn us sie nd che en Ut b m at leis I hs 0 n- ,'i h: j rt >ie ls. rtb ch er ei ft ex;u :n rit n ch m n s- Tt;n i- 'X :§ n te ch Der Mord von Manan gab den Nationalsozialisten, wie in diesen Blättern wiederholt berichtet worden ist, willkommenen Anlaß, das Märchen von einem jüdischen Ritualmord in ganz Franken zu verbreiten. Unser bayrischer Landesverband in München, unsere Nürnberger Geschäftsstelle, unsere Freunde, besonders in Bamberg und Würzburg, taten das Menschenmöglichste, um der nationalsozialistischen Berleumdung des Judentums und der jüdischen Religion entgegenzutreten. In den letzten Wochen hatten es jedoch die Nationalsozialisten besonders auf Würzburg abgesehen. So hat am 30. April der Landtagsabgeordnete Dr. Hellmuth (Markbreit) und der Redakteur des „Stürmer" aus Nürnberg, Stadtrat Karl Holz, vor Zahlreich besuchter öffentlicher Versammlung über das Thema „Die Nationalsozialisten und der Manauer Blutmord" gesprochen. Obwohl eindeutige Erklärungen der Man au er Staatsanwaltschaft Vorlagen, daß ein sogenannter „Blutmord" nicht in Frage kommt, obwohl gelehrte Persönlichkeiten, wie der Geistliche Rat Le her, in dem der Bayerischen Volkspartei nahestehenden „Fränkischen Volksblatt" den Unfug des Nitualmordmärchens klargestellt hatten, wurde von beiden Rednern die abscheuliche Berleumdung gegen Juden und Judentum wiederholt. Der Centralverein hatte es bisher vermieden, gegen die nationalsozialistischen Treibereien im Manauer Fall in öffentlichen Versammlungen aufzutreten. Nach dieser nationalsozialistischen Herausforderung kn Würzburg aber entschlossen sich unsere Würzburger Freunde, die Oeffentlichkeit Würzburgs zu einer Protestkundgebung gegen das Ritualmordmärchen ausznrufen, und zwar mit Recht, wie der Berlaus der gewaltigen Versammlung, über die wir in der vorigen Nummer kurz berichteten, gezeigt hat. Besonders erfreulich war es, daß sowohl ein Vertreter der evangelischen wie der katholischen Kirche sich dem Protest gegen den Ritualmordwähn offen und ehrlich anschlossen. Pfarrer Rudolf Wintermann (Frankfurt a. M.) sprach als evangelischer Christ, Geheimrat Professor Dr. Johannes Hehn (Würzburg) brachte als Gelehrter in einem weiter unten wiedergegebenen Brief seine deutliche Ablehnung gegen den Ritualmordspuk zum Ausdruck. Rührend wirkte die Rede des Würzburger Oberbürgermeisters Dr. li. c. Löss- I e r. Hier sprach kein Politiker, hier sprach der um den Frieden in der schönen Mainstadt ehrlich besorgte Führer der städtischen Behörden. Er wandte sich eindringlich an die völkische Jugend: „Hand weg von dem Nitualmordmürchen. Das ist eine vergiftete Kampseswasfe, die kein anständiger Völkischer gebrauchen soll." Unsere Würzburger Veranstaltung, unter der geschickten Leitung unseres Vorsitzenden, Justizrat Dr. Karl Rose n t h a l, hat zweifellos zahlreichen unserer Freunde recht gegeben, die unsere Aufklärnngsarbeit stärker als bisher in die Oeffentlichkeit getragen zu sehen wünschen. Gewiß haben nationalsozialistische Störenfriede es erreicht, daß die Referenten der Versammlung, Pfarrer Rudolf W inte r m a n n und Syndikus Dr. Alfred Wiener, nicht ihr Schlußwort sprechen konnten. Aber beide, besonders Dr. Wiener, konnten fast ohne Störung ihre Hauptreden halten. Die lautlose Stille, mit der Dr. Wiener bet seiner anderthalbstündigen Rede angehört wurde, und der starke Beifall am Schluß seiner Rede bewiesen, daß seine Ausführungen bei der Ueberzahl der Versammlungsbesucher — etwa 1500 bis 1800 Personen — ihren Eindruck nicht verfehlt hatten. Die Würzburger Zeitungen und ein Teil der großen auswärtigen Blatter brachten ausführliche Berichte, so daß Hunderttausende deutscher Volksgenossen von dieser wuchtigen Protestkundgebung Kenntnis erhalten haben. Unsere Freunde im Lande mögen daraus die Lehre ziehen, daß ein öffentliches Heraustreten vor die nichtjüdische Bevölkerung, sei es durch eine öffentliche Versammlung, sei es durch eine nur gegen Eintrittskarten zugängliche Ausiläruugsveranstältung außerordentlich nützlich sein kann. Allerdings muß die Sicherheit bestehen, daß solche Veranstaltungen — wie es in Würzburg geschehen war — bis ins Kleinste vorbereitet werden. BersammluAgsbericht. Die Versammlung fand im größten Saale Würzburgs, im Huttenschen Garten, statt und war schon lange vor Beginn derartig überfüllt, daß die Polizei den Zutritt sperren mußte. Hunderte, die keinen Einlaß fanden, warteten geduldig vor dem Eingang bis zum Schluß der Veranstaltung. E t w a 3 0 0 bis 400 N a t i o n a l s o Z i a l i st e n , darunt c r s e h r viele Jugendliche, waren unter Führung des Landtagsabgeordneten Dr. Hellmuth und des Nürnberger Stadtrats Karl Holz erschienen. Einleitend verlas der Vorsitzende unserer Würzburger Ortsgruppe, Jnstrzrat Dr. Karl Rosenthai, einen Brief von Geheimrat Tr. Hehtt, der sich für sein Fernbleiben infolge starker körperlicher Indisposition entschuldigt und schreibt: „Die Frage des Ritualmordes ist ja Längst in dem Sinne erledigt, daß kein ernster Gelehrter an einen Ritualmord glaubt. Auch in der. breiteren Oeffentlichkeit ist in der letzten Zeit diese Frage so ausgiebig geklärt worden, daß ich nichts Wesentliches hinzuznsügen hätte. Ich darf deshalb hoffen, daß durch inein Fernbleiben. der Zweck der Versammlung nicht beeinträchtigt wird." Justizrat Rosen thal begründete sodann die Einberufung der Kundgebung gegen ein offenbares Märchen und führte dabei aus: - Wir mußten uns nunmehr wehren, einmal um den Angriff aus unsere Religion, die uns ebenso heilig ist wie jedem, abznwehren, und anderseits, um die Tatsache, daß eine Bergiftung in die Bevölkerung hineingetragen wird durch die Behauptung, daß die Kinder nicht sicher seien vor Ermordung von unseren Leuten, zu bekämpfen. Mit diesem Märchen war Schrecken in der Oeffentlichkeit verbreitet worden. Mit diesem Augenblick, wo man noch im zwanzigsten Jahrhundert in der Oeffentlichkeit erklärte, daß es einen Ritualmord gäbe, da war es unsere heilige Pflicht, an diese selbe Oeffentlichkeit zu gehen und in die Oeffentlichkeit hinauszuschreien, welches Anrecht uns damit zugefügt worden ist und welche Gefahren inan weiterhin verursacht, wenn man von diesem Gebiet spricht. Der C e n t r a l v e r e i n deutschen S t a a t s b ü r g e r j ü d i s ch e n Glaubens hat Sie eingeladen, weil wir Ihnen nicht nur in Würzburg, sondern im Reich, ja in der ganzen Welt, die Reinheit unseres Schildes dartun wollen und jedem, der glaubt, uns das Gegenteil beweisen zu können, Rede und Antwort stehen. Es ist bei uns anders wie in völkischen Kreisen, wo es heißt: „Juden haben keinen Zutritt." Sodann sprach als evangelischer Christ Pfarrer Rudolf Wintermann (Frankfurt a. M.). Er führte etwa aus: Wir wollen der Tatsache ruhig ins Auge sehen, daß wir im Deutschen Reiche Zusammenwohnenden Menschen sehr verschiedener Konfession sind und nur weiterkommen können durch Achtung von Mensch zu Mensch. Wir wollen uns dieser Mannigfaltigkeit und Vielheit der stellen und Gruppen und Klaffen erfreuen, denn wo viel Einheit ist, ist der Tod, wo Leben ist, ist Atannigsaltigkeit. Wenn wir ohne Sinn für die Gerechtigkeit uns gegenseitig anfchreien und beschmutzen, dann werden wir nnserm Volke nichts nutzen, sondern nur Schadenzufügen. Ich bin hierher gekommen, weil ich weiß, daß Sie Christen sind. Da möchte ich gleich ein Wort vorausschicken. Für mich lebt in meinem Sittenkodex ein Wort, daß wir auch als Christen gemeinsam haben sollten mit jedem Juden: „Tnsollst kein falsches Zeugnis oblegen wider deinen Nächsten." Das ist das alte Wort, das ans dem mosaischen Gesetz auf uns gekommen ist, das für uns seststeht und unerschütterlich ist, mag man auch das Alte Testament schmähen und verwerfen. Die Leute, die von Ritualmord reden, sollen erst einmal den möglichst klaren Beweis führen, daß überhaupt ein Ritualmord vorgekommen sei. Daß dieser Beweis nicht geführt werden kann, weil es einen Ritualmord in der jüdischen Religion nicht gibt, daß vielmehr das Ritualmordmärchen „ein alter Ladenhüter und weiter nichts" ist, wies Pfarrer Wiutermann aus dem Alten Testament und aus der Geschichte des Judentums eindringlich nach. Er ries jeden anstäudigen Menschen, „der gerecht sein will, und der hineinblickt in die Seele anderer Menschen', auf, „gegen diese Verleumder, die nicht davor Zurückschrecken, Menschen, die zum gleichen Staatsbereich gehören, die hinemgewachsen sind in das deutsche Volk, in dem wir stehen, nur die größten Schmutzereien und Gemeinheiten vorznwerfen, zu kämpfen. Ich habe aus dem Glauben heraus gesprochen," so schloß er, „daß es in unserem Volke doch noch eine Front der Menschengibt, die kein falsches Zeugnis ablegen, denen es um die Gerechtigkeit, Sauberkeit und Anständigkeit zu tun ist. In diese Front rechne ich alle die mit hinein-, die darum kämpfen, daß Wahrheit Wahrheit bleibe, die mit mir glauben an eine Volksgemeinschaft ohne jene Grenzen, die von der völkischen' Seite gezogen werden, eine Volksgemeinschaft, ja — zu der auch die Juden gehören!" Die Rede des Pfarrers Wintermann wurde durch viele nationalsozialistische Zwischenrufe unterbrochen. Vor der Rede Dr. Alfred Wieners bat Stadtrat Holz seine nationalsozialistischen Freunde, den Redner in Ruhe anzuhören. Dr. Alfred Wiener bezeichnete einleitend das Kriegsertebnis als eine wesentliche Ursache des gegenwärtigen Judenhasses. Besonders die Jugend verstände den Verlust des Krieges nicht und suche deshalb einen Schuldigen. Sie sei außerstande, die vielen Gründe für den Verlust des Krieges zu würdigen. Dafür sei der Jude nun der bequeme Sündenbvck, weil die Juden eine Minorität im deutschen Volke bilden. Tie Weltgeschichte und die Wissenschaft Lehren, daß in schweren Zeiten Minoritäten meistens als Blitzableiter dienen. Handelt es sich um eine religiöse Minorität, so sucht man Geheimnisse hinter ihrer Religivnsübung. Den ersten Christen im römischen Reiche erging es nicht anders, auch sie wurden beschuldigt, von Religions wegen Kinder zu schlachten und deren Blut für religiöse Zwecke zu gebrauchen. Der Redner belegte diese Ausführungen mit Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart (China und anderswo) und ging dann besonders auf drei sogenannte Ritnalmvrdsälle ein, und zwar auf Simon von Trient, Könitz und Nt an au. Auf Grund zahlreicher nich (jüdischer Zeugnisse, Gutachten und Veröffentlichungen der Behörden konnte Dr. Wiener Nachweisen, daß nur blinder Wahn und politische Voreingenommenheit Morde zu sogenannten Ritual morden gestempelt hatten. Im zweiten Teil seiner Rede legte Tr. Wiener dar, daß der Jude weder ein Fremder ans deutscher Erde sei, noch daß er einen die deutsche Kultur zersetzenden Einfluß üttsübc, wie die Gegner behaupten. Unter dringender Mahnung, nicht mit vergifteten Waffen gegen daS Judentum zu kämpfen-, sondern mit allen anständigen Inden eine Einheitsfront gegen Schädlinge im deutschen Volke überhaupt zu bilden, schloß der Redner. Darauf nahm Oberbürgermeister Dr. Löffler (Würzburg) das Wort. „Ich spreche hier als Bürgermeister der Stadt in keinem politischen Auftrag, rein für mich. Sie, meine Damen und Herren von der völkischen Seite, haben sicherlich dafür Sinn, daß ein Mann, der nun seit 30 Jahren in Würzburg in der Stadtverwaltung praktisch arbeitet, sich nicht nur stumm in diese Versammlung setzt und so tut, als ob ihn die ganze Sache nichts anginge. Es wird die Sache der Bürgerschaft hier bestimmt, cs werden hier Dinge in unserer -Stadt behandelt, und da müssen Sie dafür Sinn haben, daß ich mich dafür im Sinne des Friedens einsetze." Oberbürgermeister Dr. Löffler erinnerte dann daran, daß er vor genau 30 Jahren seine Tätigkeit als Amtsanwalt in Würzburg mit einer Ritual-