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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-17 · 20 (17.5.1929) · p. Seite 260

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
Seite 260 (sequence 4)
Language
German
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„Münchmeher freut sich über den Besuch und betont, daß er andere Bilder nicht mehr kenne. Ob Maienwetler oder Schnee und Eis, immer mehr füllen sich die Säle. Weil man die Wahrheit höre, weil seine Bewegung nicht mehr auszuhalten sei. Wir gehen unbeirrt unseren Weg. Wenn Löper verhaftet worden sei, so ist das ein Ehrenschild. In der heutigen Republik muh Zeder anständige Mensch im Zuchthaus gesessen Hadem Tie -Länderparlamente sind doch nur Kaspertheater. Was könne man denn dort machen. Nur Berlin bestimme. Berlin mit seiner jüdisch-marxistischen Regierung, in der die Plattsußindianer den Ton angeben. Münchmeher ergeht sich in den wüstester: Schimpfereien des heutigen Staates. Nur allein seine Partei kann und wird Wandel schaffen. Wie Mussolini in Italien, so wird der Nationalsozialist in Deutschland aufräumen. Schon heute gehe so manchem ein Bibbern durch die Glieder. Keiner aber solle glauben, dann Gnade zu finden. Wer heute nicht mitkämpse, der könne sich dann nach einem anderen Beruf umsehen. Ueberall kommen Tausende zur Partei. In Bayreuth sei nur der gesellschaftsfähig, der Hakenkreuzler sei. Frau S i e g f r i e d W a g n e r sei die Führerin. In Pommer habe der S t a h l h e l m öffentlich erklärt, daß er f o r t a n mit dem Hakenkreuz gehe. Das habe nun die Juden auf den Plan gebracht. In ihrer Zeitung, Herausgeber: Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, hätten sie einen wüsten Artikel gebracht. (Münchmeher schwenkt dabei ein Zeitungsblatt.) Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens gibt es überhaupt nicht. Es gibt nur Jude«, die in Deutschland leben. Ebenso wie es keine deutschen Neger oder Hottentotten gebe. Münchmeher kommt dann auf den Artikel des Abgeordneten Dr. Georgs im „Anhalter Anzeiger", der aus die unsinnige Behauptung der Ritualmorde hingewiesen hatte, zu sprechen. Dr. Georgs wird in einer Form heruntergezvgen, die selbst bei der Versammlung betretenes Schweigen auslöst. Münchmeher betrachtet die Ritualmvrde nach wie vor als bewiesen. Münchmeher legt darin gegen die einzelnen Parteien los. Die Volkspartei bis zu den Sozialdemokraten seien in der Gewalt der Juden, dieser Pest im deutschen Vaterlande. Deutsches Volk, wehre dich. Halte die Pest von dir, ehe es zu spät ist. Halte deinen Christenglauben rein. Christenkrerlz und Hakenkreuz gehören zusammen. Wir richten keinen Wotanskult auf, wie unsere Gegner behaupten. Wir sind Christen und beuge:: uns vor Gottes Wort. Die Volkspartcr hat es ihn: besonders angetan. D. V. P. heiße Deutsche Verräterpartei. Die Zentrumspartei ist eine Zuhälterpartei. S. P. D. heißt Sozialdemokratische Prostitution Deutschlands. Für soziale Dinge sei kein Geld da. Unser heutiger Staat ist eine Judenrepublik. Das dürfe man sagen, denn das Reichsgericht habe das bestätigt. In der nächsten Zeit werde es zur Entscheidung in Deutschland kommen. Hie Sowjetstern, hie Hakenkreuz. Was dazwischen steht, wird zerrieben. Münchmeher watet im Blut und malt die Schrecken an die Wand, wenn erst der Sowjetmann mit der Handgranate vor den: Spießbürger stände. Das Messer mache auch nicht halt vor einer zarten Mädchenkehle. Nur seine Bewegung biete den letzten Halt. Nur unterm Hakenkreuz wird gesiegt. Auch in Dessau habe man zu lange geschlafen. Es wäre nur zu begrüßen, wenn man Hauptmann Löper wieder einlochte, dann würde die Partei nochmal so stark. Münchmeher empfiehlt dann noch seine Zeitungen und Broschüren. Beschwörend fordert er auf, mitzuarbeiten an der Rettung Deutschlands aus der Hand der Juden und der „kommunistischen Bluthunde". Energischste Arbeit des Centralvereins an Ort und Stelle wird zur Begegnung der Wirkung derartiger Versammlungen notwendig sein. „Der Hieb muß sitzen!" Ein merkwürdiger Freispruch. Abermals hatte sich vor den: Königsberger Schöffengericht der Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Eisenbahnassistent a. D. Erich K o ch (früher Elberfeld), zu verantworten. Der Angeklagte hatte im Dezember 1928 Möbelwagen herumfahreu lassen, an denen selbstgezeichnete Plakate der N. ä. D. A. P. zun: Boykott bestimmter jüdischer Geschäfte aufforderten und gleichzeitig zum Besuch einer Versannnlung einludeu. Unter den Plakaten befand sich auch ein gezeichnetes Vilderplakat, das eine Judenfigur darstettte, der eine Faust auf den Kopf gesetzt wurde. Darunter stand: „Der Hieb muß sitzen." Mit Koch zugleich angeklagt war auch der Propagandaleiter der Königsberger Ortsgruppe der Partei, der Kaufmann Herr m a n n, der jedoch zum Termin nicht erschienen war, so daß das Verfahren gegen ihn abgezweigt werden mußte. Koch erklärte jedoch, allein die Verantwortung für die Herstellung des Plakats übernehmen zu wollen, das nach seinen Angaben in „künstlerischer" Weise entworfen sei. Er bestritt, zu Gewalttätigkeiten gegen die jüdische Bevölkerung aufgefordert zu haben. Er wollte lediglich aus wirtschaftlichen Gründen den jüdischen Warenhäusern einen moralischen Hieb in der Versammlung erteilen, und darauf habe sich das Plakat bezogen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hielt den Angeklagten wegen Aufreizung zum Klasseuhaß und des groben Unfugs für überführt, da dieses Plakat sicherlich gegen die Juden im allgemeinen zu Gewalttätigkeiten aufreizen sollte. Außerdem liege in der Art der Plakatierung grober Unfug vor. Er beantragte deswegen gegen Koch eine Geldstrafe von 100 Mark. Ter Verteidiger, Rechtsanwalt Weber I, hielt in seinem Plaidvher eine politische Agitationsrede gegen das Judentum im allgemeinen und gegen die jüdischen Warenhäuser im besonderen und beantragte Freisprechung. Das Gericht sprach den Angeklagten frei, da es nicht für festgestellt erachtete, daß der Angeklagte Koch zu Gewalttätigkeiten habe ausreizen wollen und groben Unfug verübt habe. Dieser Freispruch tmt| wundernehmen. Es ist zwar üblich, daß die Nationalsozialisten sich als harmlose Unschuldslämmer ausspiclen, wenn sie vor Gericht stehen. Ihre Absichten sind aber, wie die Gewalttäter: in Schleswig-Holstein und Baden lehren, durchaus nicht so harmlos. Wenn der Führer einer solchen Partei eine Judenfigur zeichnet und ihr eine geballte Faust auf den Kopf setzt, so wird man nach der Praxis der Nationalsozialisten und nach dem Ton ihrer Versammlungen dieses Bild ohne Zwang ß' als Aufforderung deuten müssen: „Schlagt die Juden nieder!" | < Wenn es auch nicht notwendig ist, mit Hilfe der sehr weit- | gehenden Rechtsprechung des Reichsgerichts aus der Vorkriegszeit ß jede besondere laute Agitation unter dem Gesichtspunkt der Anj reizung zum Klaffenhaß zu verfolgen, so werden die Gerichte doch § aus der Praxis der nationalsozialistischen Agitationspolitik | < schließen müssen, daß man nicht den Ausreden glauben darf, die I! angeklagte Nationalsozialisten im Biedermannstone im Gerichtssaal f Vorträgen; die blutigen „Erfolge" der nationalsozialistischen Proj paganda werden den Gerichten ein Hinweis sein, aus den Taten j die Absichten dieser Partei zu erkennen. § Der Hrün-er ües % D. H. gegen öen Hochschularitjsemitismus. Die Nationalsozialisten haben an einer Reihe von Hochschulen bei den Studentenschaftswahlen Erfolge erzielt, die überaus nachdenklich stimmen müssen. An der Universität Jena bilden sic; jetzt mit 212 Stimmen die z w e i t st ä r kst e Gruppe, während! sie 1928 überhaupt keine Stimmen dort erzielt hatten. Aehnliche / Erfolge werden aus Darmstadt, Hamburg und anderen Z Hochschulen gemeldet. j Angesichts dieser völkischen Erfolge :nuß es besonders begrüßt j werden, wenn eine der ehrwürdigsten und angesehensten Persönlich- | leiten des deutschen CouleurstudeutenLuins öffentlich ihre Stnnme I gegen die judenfeiudliche Agitation erhebt. Geheimer Sanitätsrat ß Dr. Konrad Küster (Berlin), der bekannte Gründer des Allge-;j meinen Deutschen Burschenbundes (A. D. B.), der mit seiner be- \ rühmten Tivoli-Rede seinerzeit die Reformburschen schäften ins «- Leben gerufen hatte, veröffentlichte in der Zeitschrift der deutschh freiheitlichen Akademiker Böhmens, der „D e u t s ch e n Ho ch s ch u I - jj fr arte", einen Aufsatz mit der Ueberfchrist: ,„Bölkisllst und ,anti- If semitisch'* als Hindernis einer alldeutschen LolkZgemeinschaft." Er J weist einleitend darauf hin, daß die Schaffung einer geistigen Volksß gemeinschaft aller Deutschen das Gebot unserer Zeit sei und führt 8 dann aus:?jj Die völkische Bewegung richtet sich einzig und allein gegen die I jüdischen Bürger, ist also nichts weiter als ein blinder Antisemitismus. I Jeder Fanatismus ist reine Gefühlssache und arbeitet ohne Verstand |j und ohne wissenschaftliche Unterlagen. Tie Juden sind zum Teil auch ff arisch. Das große Reich der Chofaren in Südrußland führte im 9. oder I 10. Jahrhundert die jüdische Religion als die am meisten zusagende bei i sich ein. So sind viele vom Osten eingewanderte Juden unzweifelhaft ff Arier. Aber das tut nichts! Der Jude wird trotzdem bekämpft. Dieser 8 Kampf geht nicht daraus hinaus, die Juden zu vollen Deutschen zu jj erziehen, und zwar dadurch, daß man bei sich; selbst echt deutsches Wesen 8 züchtet und ausstrahlt, sondern man sondert sie von sich ab und ver- § hindert dadurch eine allgemeine Volksgemeinschaft in Deutschland. f Ja, man verstößt dabei selbst gegen deutsches Wesen und setzt dessen j Würde herab durch mangelnde Vornehmheit und starke Ungerechtigkeit im Benehmen gegen jüdische Staatsbürger. Bekannt ist, daß Jude:: — iund das besonders in Preußen vor dem Kriege — nicht zu Offizieren } ernannt wurden, auch wenn sie nülitärisch noch so tüchtig waren. Auch 1 die Studentenschaft ging rurd geht hier — und das besonders nach dem ß Weltkriege — schrägliuige Irrwege. Jüdische Studenten werden von t der Aufnahme in einzelne Verbindungen, besonders farbentragende, ausgeschlossen. Ties hat für das Deutschtum unheilvolle Folgen. Schon vor den: Weltkriege bildeten sich bei dem Auftreten der antisemitischen I Hetzer rein jüdische Farbenverbindungen auf fast allen deutschen Universitäten, die sich zum K.-C. (Kartellkonvent deutscher Staatsbürger | jüdischen Glaubens) zufammenschlossen. Sie führten eü: echt deutsches 1 Burschen- und Farbenleben bei sich ein und standen aus Mensuren ihren i Mann. Sie verschafften sich unbedingtes Ansehen und standen, wie f zun: Beispiel die „Sprevia" in Berlin, geachtet da. Aber es war doch | eine unbedingte Absonderung und Spaltung. Nach dem Weltkriege ver-;j einigten sich eine Reihe von Burschenschaften und Verbindungen, die auch, 1 wie früher allgemein, Juden aufnähmen, zu einem festen Verbände, den: V. C. (Vurschenbunds-Convent). Dieser ist freiheitlich-national und großdeutsch. Zu ihm gehören auch Wiener, Brünner und Prager J Burschenschaften. Er ist somit für das Deutschtum ein richtiger Derz band. Trotzdem ist er von dem Verband der Verbände bei seiner An- I Meldung nicht ausgenommen worden, obgleich fatzungsgemäß nichts | gegen ihn einzuwenden war. Der K.-C. hat sich von vornherein nicht | gemeldet, weil er wußte, daß er nicht ausgenommen würde. Die Ab- | lehnung erfolgte einzig und allein ans antisemitischen Gründen. Vor | mir liegt der Stndentenführer für Berlin, Wintersemenster 1928/29. Er | enthält ein Verzeichnis der Vereine und Verbände der Berliner Studenten- J schaft. K.-C.- und B.-C.-Verband sind nicht mit angeführt, obwohl selbst } die Ländervereinigungen von den Vereinigten Staaten von Nordamerika ß und von Aegypten bis zur Ukraine sämtlich verzeichnet sind. j Noch ärger :st es in Oesterreich und in der Tschechoslowakei mit dem | deutschen Antisemitismus der Studentenschaft bestellt. Hier treten Ver- § treter der deutschen Studentenschaft auf und lassen deutsche Juden und J freiheitliche, nicht antisemitische Deutsche (von ihnen geringschätzig | „Jüdischliberale" genannt), vollständig unberücksichtigt. § Geheimrat Dr. Küster schließt mit den Worten: 1 „Es sollte deshalb sür wirklich denkende Deutsche nicht schwer f halten, endlich von dem Antisemitismus zu lassen, der überall | hemmend wirkt, das deutsche Ansehen schädigt und eine allgeistige I deutsche Volksgemeinschaft nicht entstehen läßt." W. N. 8

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