Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277852--05232-2285948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hier, da sie vorwiegend von den bäuerlichen Elementen getragen wird, aus ihrer Oppositionsstellung heraus den Anschluß nach links und nicht nach der Seite der rechtsradikalen Ultras. Eine solche Hemmung ist im Nordwesten nicht gegeben, wo der Großgrundbesitz fehlt und in dem soziologisch ziemlich homogenen Bauernlande keine Opposition gegen den Großgrundbesitz aufkommt. Ohnedies fehlt in Schleswig- Holstein der Landbund nahezu vollkommen; er ist dort, nachdem er ebenso wie die übrigen wirtschaftspolitischen Verbünde der Landwirtschaft (Bauernvereine und Bauernschaft) angesichts seiner Abhängigkeit von der Politischen Taktik der Berliner Zentrale in den praktischen Lebensfragen der Provinz versagt hatte, durch die sogenannte Einheitsorganisation ersetzt worden. In H a n n o v e r dagegen hat der dortige Provinzlandbund, der sich allerdings schon sehr weitgehend radikalisiert haO und in klarer Opposition gegen die parteimäßig gebundenen Taktiker der Landbundzentrale steht, das Heft noch fest in der Hand. Will man feststellen, worauf die Radikalisierung in den ökonomisch nicht sonderlich bedrängten Nordwestgebieten beruht, die sich für Schleswig-Holstein außerhalb und für Hannover innerhalb der Landbundorganisation vollzogen hat, so muß man wohl in erster Linie auf das Versagen der wirtschastspolitischen Verbandstätigkeit Hinweisen, gegen das sich die freiere und in anderen Aktionen nicht festgelegte Bauernschaft gerade dieser Provinzen tatkräftig aufgelehnt hat: in dem einen Falle durch Opposition im Rahmen der Reichsorganisation, in dem anderen Falle durch vollständige Loslösung von der Reichsleitung des Landbundes bzw. von den verschiedenen Spitzenorganisationen. Wir erleben ja einen ähnlichen Prozeß der Auflehnung gegen die dem Bauerntum entfremdeten und tili politischen Klüugeltum befangenen Führer bei der Bauernvereinsorganisation, wo sich die beiden größten und wichtigsten Provinzverbünde, Rheinland und W e st f a l e n, in offener Opposition gegenüber der R e i ch s - l e i t u n g befinden, weil sie, mit ähnlichen Parolen wie seinerzeit die bäuerliche Bevölkerung in Schleswig-Holstein, die Schaffung aktionskräftiger und draußen in der Provinz aktiverer Einheitsorganisationen im agrarischen Verbandswesen fordern. Eine zweite Komponente der Radikalisierung ist die Unzufriedenheit mit der politischen Entwicklung in Deutschland, und zwar sowohl mit der innerpolitischen als auch mit der außenpolitischen. Die seit Jahren von einer skrupellosen Provinzpresse bearbeiteten Bauern sind jetzt gerade dort, wo sie. über die größte intellektuelle Befähigung verfügen, und das ist im Nordwesten der Fall, so weit, daß sie die mangelnde Konsequenz der deutschnationalen Verhetzung sehr deutlich empfinden; anstatt sich mit den üblichen Klagen über die Verelendung des politischen Lebens zufrieden zu geben, fordern sie jetzt erhöhte Aktivität. Sicherlich hat das unglückselige Wahlrecht, das in Deutschland die Parteibureaukratie zum unbeschränkten Herrscher gemacht und die lebendigen Kräfte der Demokratie ausgeschaltet hat, infolge der schlechten Auslese der politischen Führung einen großen Teil der Schuld an dieser Entwicklung. Man muß sich weiter darüber klar sein, daß die vergleichsweise primitive Denkart der Landbevölkerung, die ja keineswegs im Gegensatz zu der relativ bedeutenden Bildung und Denkkraft jener Kreise steht, die einfachsten Gedankengänge der politischen Argumentation bevorzugt. Die Frage, wer denn eigentlich an der ungünstigen ökonomischen Entwicklung und an der Verödung des innerpolitischen Lebens in Deutschland Schuld trägt, beantwortet sich der Leser jener rechtsradikalen Provinzpresse, die einen breiten Raum ihrer Spalten zur Erörterung außenpolitischer und reparationspolitischer Dinge hergibt, verhältnismäßig einfach dahin, daß die Schuldknechtschaft des Dawes- Planes ein „Teufelswerk" der internationalen Finanzgervaltigen sei. Und da die Bauernschaft, ohne sich über diese Zusammenhänge natürlich klar zu werden, ganz erheblich unter der fortschreitenden Entwicklung auch der ländlichen Verhältnisse zum Kapitalismus leidet, und das um so mehr, je ungünstiger die allgemeine wirtschaftliche Lage ist, so ergibt sich auch bei der Beurteilung innerwirtschaftlicher Fragen eine sehr starke Animosität gegenüber den Kapital Mächten. In dieser Situation hat die skrupellose Agitation gegen das Judentum, das als bildkräftiges Symbol einfach dem Abstraktum „Kapitalismus" gleichgesetzt wird, ein leichtes Spiel. Bei der großen Unzufriedenheit, die sich gegen die bureaukratische Handhabung der Verwaltung, gegen das Steuersystem und gegen die Volkssremdheit der Justizorgane in den letzten Jahren aufgespeichert hat, ist es ebenso Leicht, daß für diesen Druck der verschiedenartigsten Bureaukratien ein anderer Symbolbegriff, neben dem des Judentums, geschaffen wird, als Quelle und letzte Ursache aller bedrückenden Maßnahmen: dieses Symbol sieht der Bauer, vom nationalsozialistischen Agitator irregeleitet, im „Freimaurer". Dabei richtet sich die Stimmung natürlich auch, so unbegründet das ist, gegen den einzelnen Juden und das einzelne Logenmitglied — obwohl der Kamps um die Opposition eigentlich, wie auch alle klügeren Bauern sehr wohl erkannt haben, nur der „Idee" und dem „weltumspannenden System des Juden- und Freimaurertums" gelten sollte. Allerdings ist. und das sei zum Schluß bemerkt, tzjese überaus primitive Shmbolseindschaft, wie sie die Politische Agitation geschaffen und verbreitet hat, kaum mehr als eine Modensache. Heute schon ist in Schleswig-Holstein, wo die nationalsozialistisch-völkische Bewegung am weitesten fortgeschritten und am radikalsten verbreitet worden ist, ein deutliches Abrücken der bäuerlichen Bevölkerung vor den allzu simplen Methoden der parteipolitischen Verhetzung und damit im Zusammenhang eine allgemeine parteipolitische Müdigkeit zu verzeichnen: die mobilisierten Kräfte des Bauerntums wenden sich von parteipolitischen Jdeengängen ab und den zunächst nicht minder radikalen Methoden der Politischen „Selbsthilfe" Zn — wobei festzustellen ist, daß nunmehr auch die Idee der ökonomischen Selbsthilfe, hoffentlich die nächste Phase dieser Entwicklung, mehr und mehr an Boden gewinnt. Ende des Mua?mordmarchen§ in Memel. { Das Gutachten des Urnverfitiitspeofeffors Dr. Loehr. In unserem Bericht über die Memeler Vorgänge in der letzten. I Nummer der „C. V.-Zeitung" teilten wir mit, daß der Königsberger Syndikus des Centralvereins nach Memel entsandt worden 1 sei. Durch seine Tätigkeit ist in Kürze eine weitgehende Klärung und Beruhigung der Lage erreicht worden. Aus dem Dunkel unkontrol- > lierbarer Gerüchte wurde die Untersuchung in das Helle Licht objektiver i Berichterstattung gerückt. In ihm zerstob der ^Puk. In erster Linie! trug zur Beruhigung bei, daß die Oberstaatsanwaltschaft der Preise die Meldung zu gehen ließ: < „In der Tod es fache Martha Jakumeit ist bisher noch kein An- Ej Haltspunkt für eine ft rasbare H andl u n g gegeben." E Ferner wirkte ein bedeutungsvolles Gutachten des Ordinarius der evangelisch-theologischen Fakultät, des bekannten Königsberger Uni- - i versitätsprofessors Dr. Mar Loehr, sehr beruhigend. Es lautet: h „Bezüglich der Frage, ob es einen sogenannten jüdischen Ritualmord gibt, ist mit einem unbedingten Nein? zn antworten» Jedes Geniesten menschlichen Blutes i wie irgendwelchen Blutes überhaupt ist dem Inden Z religionsgesetzlich strengstens verboten. Aber auch die 1 ,Nutzniestung> von einem Toten, er sei Nichtisraelrt oder i Israelit, d. h. die Verwendung von Blut oder Teilen irgendeiner menschlichen Leiche ist verboten. Beides, jeg- ] liche Art von Blut wie ein toter Körper, verunreinigt nach uralter israelitischer und jüdischer Religions- 8 anschannng, und must darum die Berührung damit Pein- 8 lich vermieden werden. Sogenannte Geheim- £ Literatur, in der jene Dinge, Blut und Leichenteile, j zu verwenden geboten wäre, gibt es nicht, wie heute jeder } weist, der sich mit dem Judentum und seiner Literatur beschäftigt hat. Jene ,Vlutbeschuldigung', zum ersten y Male im Jahre 1236 it. Ehr. anfgetommen, damals sofort von einer durch Kaiser Friedrich den Zweiten berufenen r wissenschaftlichen Kommission widerlegt, lebt infolge der bei uns weitverbreiteten Unkenntnis in jüdischen Dingen | immer wieder auf; ein mittelalterlicher Aberglaube, dem § mit Erfolg beizukommen Wohl niemals gelingen wird." 8 Es steht zur abschließenden Klärung lediglich noch das Protokoll | über das Ergebnis der Exhumiernng aus. k Eine Nebenwirkung von allgemeinpolitischer Bedeutung jj droht die Ritualmordhetze leider noch zu haben. Die „Königsberger ff Hartungsche Zeitung" schreibt nämlich: . I „Die politische Auswirkung dieses Vorfalles ist gerade im Inter- | esse des Deutschtums im Memelgebiet außerordentlich unerwünscht. | Schon jetzt haben sich verschiedene Litauer in zunächst privaten \: Gesprächen dahin geäußert, daß unter litauischer I u st i z - v e r w a l t u n g derartige Vorkommnisse nicht m ö g - A l i ch wären. Nur die I u st i z a u t o n o m i e des Memelgebietes j habe einen solchen Skandal ermöglicht." | Die Justizverwaltung liegt in den Händen von in Deutschland f ausgebildeten deutschen Beamten. Diese Zeitungsnotiz ist eine traurige j Bestätigung der für uns als Deutsche unangenehmen Folgen des | Judenhasses. 1