Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- Seite 245 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277852--05231-2285947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
enm» Serlin, 10. Mai 1020 VIII. Jahrgang * Nr. 10 Einzelnummer 20pfennig VMter sürSeulscktum «Esuoentum. vrymi des lLntralVerems üeulfcker SstuttsdürseriiMfedLN Slauvens-Ä clss OiiclSri.kiir'riS Bierteljahrsabonnement 2.5V RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag u. Schriflleitung: Berlin SW 68, ßtitbenftr. 13. ... _. __ ... _ stube G, Berlin 8W 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expe^ition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 MM für die 7gespaltene 6eile nach Rudolf Moffes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familieuanzeigen und Stellengesuch« (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Eentralvereins 0,45 MM, die SO nun breite Neklamezeile 4,80 JIM, Fernsprecher: Ami Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel- Goldschmidt-Rothschild & Co., Bauernschaft im» Radikalismus / *. * «>,»» -„i Seit einiger Zeit mehren sich die Anzeichen für ein außerordentliches Wiederaufleben der völkisch-nationalsozialistischen Bewegung besonders im Nordwesten lmseres Vaterlandes in einer geradezu überraschenden Weise. Es handelt sich hierbei besonders um die vorwiegend bäuerlichen Bezirke im mittleren und westlichen Schleswig - Holstein und um Teilgebiete der Provinz Hannover, nämlich die Lüneburger Heide und das Gebiet nördlich davon zwischen der unteren Elbe und der Weser m ü n d u n g, mit Ausstrahlungen nach dem Westen, bis nach.Oldenburg hinein. An sich könnte die politische Radikalisierung angesichts der kritischen Wirtschaftslage in Deutschland nicht wundernehmen. Ebenso wie die Arbeiterschaft in Zeiten der Wirtschaftskrise und der großen Erwerbslosigkeit stets die Neigung zeigt, der Kommunistischen Partei Wühlerstimmen zu liefern, ebenso besteht auch in vorwiegend ländlichen Bezirken die Tendenz, in Zeiten ungünstiger Wirtschaftslage das deutschnationale Lager zu verlassen und in Pas völkisch-nationalsozialistische Fahrwasser hinüberzugleiten. So ist ja auch in erster Linie die starke Zunahme der völkischnationalsozialistischen Stimmen bei der ersten Reichstagswahl des Jahres 1924 in gewissen norddeutschen Bezirken, vornehmlich in Mecklenburg, zu erklären, wobei allerdings seinerzeit bestimmte Führerpersönlichkeiten, die damals im Lande noch sehr angesehen waren, erheblich dazu beigetragen haben, die in jenen Gegenden besonders starke Unzufriedenheit über die Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse im Sinne einer oppositionellen Politischen Haltung zn verwerten. Bei dem diesmaligen Wiederaufleben der nationalsozialistischen Bewegung in Nordwestdeutschland ist es nicht so leicht, eine einheitliche Begründung zu geben. Ausgesprochene Führerpersönlichkeiten, die an Ort und Stelle tätig wären, um die ökonomische Notlage der ländlichen Bevölkerung in Politische Münze umzusetzen, fehlen hier so gut wie völlig. Außerdem tarn man wohl sagen, daß die ökonomische Notlage in anderen Teilen Deutschlands sehr viel schlimmer ist als gerade im Nordwesten, ohne daß sich die ländliche Bevölkerung der eigentlichen Notbezirke zu einer so weitgehenden Radikalisierung entschlossen hätte, wie sie in Hannover und Schleswig-Holstein vorliegt. Wenn man von den besonders gelagerten Verhältnissen in O st P r e u ß e n , wo die Polnische Gefahr das Politische Denken auch der Massen sehr stark beherrscht und trotz gelegentlicher Putschpläne „zum Zwecke nationaler Wiedergeburt" eine größere Disziplin der Parteipolitik bedingt, absieht, so bleiben als agrarische Notstandsgebiete vor allem die östlichen preußischen Provinzen und die Höhengebiete im Rheinland übrig. In den letzteren sorgt der immer noch beherrschende Einfluß der Zentrumspartei dafür, daß es nicht zu einer politischen Radikalisierung kommt; bei den Klein- und Parzellenbetrieben dort überwiegt auch die Neigung, es mit den Sozialdemokraten oder gar mit den Kommunisten zu versuchen, die gelegentlichen Tendenzen, mit den Völkischen zu paktieren. In den preußischen Ostprovinzen aber sorgt der dort noch herrschende Einfluß der von den den Ls ch na tio nal en Großgrundbesitzern geführten und maßgeblich beeinflußten Landbünde dafür, daß eine weitere Politische Radikalisierung vermieden wird; die überall sehr rege Opposition gegen die großagrarische Landbundleitung sucht auch Sessenlliche Vrolestluudgebung des C. V. gegen die Manauer Mwaimordlegende. Telegraphischer Vorbericht. Würzburg, 7. Mai 1929. Die Ortsgruppe Würzburg Des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte am Montag, den 6. Mai eine öffentliche Protestkundgebung grössten Stils gegen das Ritualmordmärchen, das infolge des Manancr Kindermordes von nationalsozialistischer Seite mittels Wort und Schrift Durch ganz Franken und auch Durch Würzburg in die Bevölkernng getragen wird, veranstaltet. Der Huttensche Garten, Der grötzte Saal Würzbnrgs, war lange vor Beginn völlig überfüllt, so datz der Saal polizeilich gesperrt wurde und Hunderte keinen Einlast mehr fanden. Etwa 15V0 bis 1800 Personen, darunter 800 bis 400 Nationalsozialisten, waren anwesend. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der Ortsgruppe Würzbnrg Des C. V., Jnstizrat Rosenthal, sprach Pfarrer Rudolf Winter mann (Frankfurt a. M.) als evangelischer Christ gegen den Ritnalmordwahn. Sodann entwickelte Dr." 2(lsred Wiener, der Syndikus Des E. V., in ausführlichem Vortrage alle Beweisgründe gegen einen sogenannten Ritnalmord und benutzte die Gelegenheit, der Massenversammlung die Stellung des Deutschen Juden im deutschen Volke und zur deutschen Kultur darznlegcn. In der Aussprache nahm der Oberbürgermeister von Würzburg, Dr. 1°. c. Loeffler, Geh. Rat Vogt und Stadtrat Brandtmann das Wort. Von nationalsozialistischer Seite sprachen der Laudtagsabgeordnetc Dr. Hellmuth sowie der Redakteur des Nürnberger „Stürmer", Stadtrat Karl Holz. Nniversttätsprofesior Geheimrat Hehn, der sich ebenfalls als Referent zur Verfügung gestellt hatte, war leider im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert, hatte aber in einem Briefe seinen wissenschaftlichen Standpunkt gegenüber einem sogenannten Ritualmorv dargelegt. Die Versammlung konnte bis zum Schlust der Aussprache durchgesührt werden. Als Pfarrer Wintermann sein Schlutzwort halten wollte, setzten derartige Störungen von nationalsozialistischer Seite ein, dass die Polizei die Versammlung gegen VA% Uhr schlotz.