Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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««»A^ 4. , . , ___j 235 1 Das Gesellsthaftsproblem 1 zwischen ^uöen und Christen. 1 Von Theodor Kappsteirr. (Schluß.) I Ich.blicke auf andere Lebenskreise I, mit denen ich in Berlin im I engeren und weiteren Sinn in beruflichen wie persönlichen Verkehr A kam. Sv stand die Volkshochschule „Humboldt-Akademie", der ich nun jj mehr als dreißig Jahre als Dozent" und Mitleiter gedient habe, bei 8 meinem Eintritt unter dem freisinnigen Parlamentarier und Soziak- I Politiker Max Hirsch, und ich erinnere mich an das Problem um g M agn u 8 Hirsch selb bei seinen ersten verwegenen Ritten ins j verbotene Land der öffentlichen geschlechtlichen Aufklärung. Seiner I rum scharr Heimgegangenen Schwester Franziska M a n n, deren H Liebe zu den einsamen Frauen sie in" die soziale Arbeit trieb, 8 habe ich bei der Einrichtung ihrer stimmungsstarken „Lichten I ^üimtage" mit Rat und Tat mt§ warmem Herzen geholfen. Dabei 8 fällt mir der alte Hermann Ab r ah a m ein, der die Idee von Lina 8 Al o r g e n sie r n, die ich auch noch in ihrer bezwingenden Konfusion ** kennen Lernte, zu den Akittelstandskücheu erweit erte, während die Kinderspeisungen in die Hand der Stadt übergingen, und der seine Kindererholungsheime mit der ihm eigenen praktischen Energie durchsührte. In seinem künstlerischen, gastfreien Hause waltete der ehrwürdige Patriarch mit sprudelnder Laune und mit innerer Gebundenheit an die jüdischen Vätersitten. Und wenn man in den Zeiten seiner immer wieder notwendig werdenden Operationen diesen durch einen Unfall verkrüppelten Helden der Menschengüte von seinem Bett ans fein Lebenswerk in fester Hand weiterführen sah, von seiner gleichgesinnten Pflegerin betreut und den unentbehrlichen Papagei lieben sich im Käfig, so mutzte ihn auch der bewundern, dem manche Eigenheit an dem Selbstwüchsigen mißbehagte. Ich habe über ihn geschrieben und -bei festlichen Anlassen redend mitgewirkt; ich denke dankbar an die köstliche Pflaumenernte in seiner Besitzung in Werder und ail die rührende Speisung russischer Flüchtlinge mit koscherer Küche arn hohen jüdischen Festtag. Wie der anregende Verkehr mit meinen Humboldt-Kosiegen sich oberhalb der angestammten Religion entwickelte — ich nenne neben Julius Ba b und Paul Jacobsohn nur noch den mir nahestehenden Kunsthistoriker Ernst Cohn- Wiener —, so kam ich oft und gern in das Haus der Schriftstellerin Emma V e l y , die bei Levy s o h n s und M o s s e s Hansfrenndiu war und in ihren Nachmittagsstunden bei Tee und Keks geistige Menschen, Christen und Juden, geradezu überlegen seelisch 511 verbinden wuhte! Hier stieg das romantische Bild des GesellschaftZsalons der Henriette Herz in lebendiger Verjüngung vor uns auf. Die mit Ni a u t h n e r verwandte jüdische Schriftstellerin Auguste Hauschner (deren Freundeskreis soeben die Briese ihrer vielen Schützlinge an die mütterliche Freundin als Denkmal für sie veröffentlicht) las mir einmal aus der Handschrift eines ihrer Romane eine christliche Traurede vor, bei deren Aufbau sie sich nicht sicher fühlte, und ließ sie von dem evangelischen Theologen begutachten. Mit Rafael L ö w e n f e l d und seinem Hause hat mich'bis zu seinem Tode eine Fülle fruchtbarer Beziehungen verbunden. Denn lvir haben gemeinsam die Dichterabende im Berliner Rathaus unb im Charlottenburger Schiller-Saal an den Sonntagen eingerichtet. Der immer bleiche Mann mit dem glühenden Wesen und mit seiner sich verzehrenden Leidenschaft für gesunde Volkskunst war gewiß gelegentlich eine schwierige Persönlichkeit. Und der eben verstorbene Schauspieler Friedrich Holthaus lief in ungezügeltem Zorn ait§ urperer Gesellschaft weg, als er (nach seiner Entfremdung mit Löwenfeld) mit ihm inunserem Hause zusammentraf; doch diese gesellschaftliche Problematik zwischen dem 'Juden und dem Christen belastete nur diesen. Ludwig Gold stein an meiner „Königsberger Hartnngschen Zeitung" und sein Berliner Theaterkritiker und Korrespondent haben sich in freundschaftlichem Verständnis immer herzlich wohlgefühlt. Ebenso vollzieht es sich in unserem Verein Berliner Presse und in allen Berufsverbänden der Schriftsteller und Journalisten. die alle ohne Wahl umfassen. Unserem jüdischen Freunde, dem Nervenarzt Georg Peritz, war seine mich literarisch befähigte Gattin Emma Reichen jäh weggestorben aus dem jungen Eheglück. Ich habe die schwersten ersten Tage mit ihm geteilt. Hier erlebte mau ill gegenseitiger Aufgeschlossenheit bis in die Wurzeln, daß der M e n s ch z u m Ai c u s che n g e h ö r t, daß die geschichtlich erwachsenen Bildungen der religiös eingefärbten Sitte schlechthin verstummen vor den elementaren Mächten unseres Daseins. linier meinen K riegska m erad e n in der schlesischen Festnngsstadt G! a tz pflegten lvir einen ungezwungenen Umgang ohne jede Reserve; als ein jüdischer Kaufmann aus jener gemeinsamen Zeit (Winter 1917) aus feinem eben bezogenen Eigenheim himveg in den Tod mußte, da habe ich in der Halle des jüdischen Friedhofs in Weitzeu- {ec Freundesworte gefunden. Mehrere geistige Familien bilden seit zehn Jahren in Berlin eitle sogenannte „Insel": monatlich einmal kommen wir Sonntags in _ einem der Häuser unseres geschlossenen Kreises gesellig zusammen, nach dem Tee mit angenehmer Zukost liest jemand aus einem seiner werdenden Bücher Prolxütücke oder es wird ein Vortrag über ein Zeitprvblem geschwungen: die ') Die ersten Aussätze dieser Serie sind in Nr. 14 und 10 „C. B.-Zeitung" erschienen. lEIBNIZ- Keks Enthält nur feinste Molkereibutter UMW Aussprache zeichnet sich durch rücksichtslose Wahrhaftigkeit ans, denn auf der „Insel" wehen rauhe Jnsellüste. Diese „Insel", die als Knltnrinsel in schwerer Zeit entstand, ist gleichfalls paritätisch, lvir Christen und Juden stehen auch sonst im Freuudescmstausch: der Frauenarzt Max Hirsch, dem ich mein Büchlein über Goethes Weltanschauung lvidmete, setzte dafür meinen Namen ans seine Studie über — die Fruchtabtreibung; auch der Pfarrer und Mnsikforscher (C. Löwe) Maximilian Runze, Karl und Bettina Fries und der kritische Okkultismussorscher Richard B a e r w a l d gehören neben anderen zu' uns. Ich ziehe d i c S u m m e. Schon Goethe lvollte sich von Lavater und seinesgleichen nicht seine Nase nach den Wünschen der Wahneiferer andersherum drehen lassen, als die Natur sie ihm gebildet hatte; in der Abwehr konnte er, wie bekannt, auch gegen kirchliche Tradition seiner eigenen Religion überaus deutlich werden. Die Christen müßten nach meinem Urteil mit den Israeliten scholl darum sich dauernd verbunden suhlen, weil sie von Anfang an die Bibel der Juden zu ihrer eigenen Erbauung benutzt haben "und bis auf diesen Tag einen erheblichen Teil ihrer Gottesdienste damit versorgen. Ich selber habe bei meiner christlichen Einsegnung von Emil Fromm el den 23. Psalm, also ein jüdisches Kultuslied, mit auf chen Lebensweg bekommen. Selbst der Antisemit Stöcker predigte ^im alten Dom seiner evangelischen Gemeinde ein ganzes Jahr hindurch über alttestamentliche „Texte". Auch wenn dabei mit der sogenannten Weissagung, auch messianischen Weissagung, und ihrer Erfüllung im Evangelium ein merkwürdiger Gebrauch getrieben wird, den der Heidelberger Theologe Adolf Hausrath iir einer scharfen Untersuchung als Allsplünderung der jüdischen Bibel im Urchristentum feststellt, auch dann verpflichtet die Christen diese nmmtorbrechen fließende Bereicherung ihrer religiösen Stimmung ans den jüdischen Quellen zu bleibendem Tank! Antworten sie darauf mit Haß und Verfolgung, so empfinde ich das als unüberwundenes Heidentum, darüber hinaus als Mangel an elementarem Menschengefühl. Als Berthold Allerbach in einer Gesellschaft den feinen Gedanken äußerte, es sollte am Anfang des Johannesevangelinms eigentlich nicht heißen: Im Anfang war das' Wort, was Goethe in die „Tat" verdeutlichen wollte, sondern: im Anfang war der Ton oder der Laut, da entgegnete ihnl der Berliner Oberhosprediger Rudolf Kögel mit nnbrüderlicher Schroffheit: „Wir ^öhne des Neuen Testaments beharren dabei, im Anfang war das Wort," also der Vorgeschichtliche Christus. Dabei wird allerdings das Gesellschaftsproblem zwischen- Christen und Jnderl nicht gedeihen. Nun steht diesem ablehnenden Christentum auch ein Judentum entgegen, das sich einkapselt, sich absondert vom Nichtjuden oder ihm zu fühlen gibt, das; die eigentliche Blüte des Menschengeschlechts doch eigentlich nur Israel sei. Das hebt die Gemeinschaft ans unb mag sich auch nicht selten in mannigfachen Berufsfragen geltend machen, wenn dar bewllßte oder unterbewußte Zusammenhang den Glaubensgenossen bevorzugt und den Andersgläubigen benachteiligt. Geschichtlich begreiflich aus der langen schmählichen Ghettozeit tmd eine Notwehr gegen den Kastensinn des christlichen Adels deutscher Nation und des Bürgertums, das ihm töricht nacheiferte. Aber wer mit offenen Augen 'um sich blickt, der unterscheidet doch gewiß nicht grundsätzlich zwischen dem jüdischen Kaufmann und dem christlichen Kaufmann, zwischen dem jüdischen und dem christlichen Arzt — nur beim Rechtsanwalt findet sich noch die Praxis, daß auch die Judenfeinde in besonders knifflichen Fällen den juristischen Scharfsinn des Juden zu Hilfe rufen. Wenn ich nach einem Vortrag in einem jüdischen Frauenverein binnen drei Tagen vom Vorstand der Synagoge eine ins einzelne ausrechnende Mahnung bekam zur — schleunigen Zahlung meiner nicht geleisteten jüdischen Gemeindesteuer, so ist diese geschäftliche muntere Ofsentheit