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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-03 · 18 (3.5.1929) · p. Seite 233

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
18 (3.5.1929)
Date
1929-05-03
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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Bon Selma Stern. Die „Z -e i t s ch r i f t f ü r die Geschichte der Juden in De u t s ch l a n d"J, deren erste Nummer soeben vom Philo- Verlag herausgegeben wurde und deren Erscheinen die süddeutschen" Landesverbände jüdischer Gemeinden, der Preußenverbänd und der E e n t r a l v e r e i n in dankenswerter Weise ermöglichten, ist, wie der Name zum Ausdruck bringt. Erbe jener von Ludwig Geiger im Jahre 1887 gegründeten und fünf Jahre lang geleiteten Zeitschrift. Der alte Titel, die Mitwirkung von Vertretern der allgemeinen Geschichtswissenschaft, der alten, der mittelalterlichen, der neuen und der Nechtsgeschichte, die Namen der drei Herausgeber, über deren wissenschaftliche Bedeutung und geistige Eigenart den Lesern dieser Zeitung nichts gesagt zu werden braucht, erwecken Hoffnungen und Erwartungen. Ter alte Titel lockt, weil die Geigersche Zeitschrift einmal fünf Jahre lang Mittelpunkt der jüdisch-historischen Studien in Deutschland war, die einzige Sammel- und Verwertungsstelle urkundlichen, bibliographischen und ungedruckten Materials, das einzige Organ, das allgemein deutsche und jüdische Geschichtsschreibung miteinander verband und wechselseitig beeinflußte. Die Mitwirkung der Vertreter verschiedener Disziplinen dokumentiert, daß sich die Zeitschrift nicht nur als Erbin alter Traditionen fühlt, sondern auch als Trägerin und Verbreiterin von Neuem. Als Geiger seine Zeitschrift gründete, war das Gebiet der jüdischen Geschichte säst unerforscht. Eben erst hatte die Historische Kommission des Deutsch-israelitschen Gemeindebundes (später Historische Kommission Für die Geschichte der Juden in Deutschland) begonnen, „in großen Sammelarbeiten die Quellen für die Geschichte der Juden in Deutschland zu bearbeiten", in der richtigen Erkenntnis, daß es zur Erforschung der jüdischen Geschichte vor allem daraus anfotitmc, zuerst die Quellen 31t sichten und zu verwerten. So wurde auch für Geiger und seine Mitarbeiter die Materialsauinckung, die Derössentlichung ungedruckter Texte und Briese, die Untersuchung von Urkunden Hauptaufgabe der Zeitschrift. Aber in der Freude 'jener ganzen Zeit an realistischer Quellenbearbeitung und Erschließung, wie es die damals gegründeten deutschen historischen Kommissionen allenthalben unternahmen, verlor inan sich ost in Kleinigkeiten, in Miszellen und Notizen. Es ist charakteristisch, daß nicht ein einziges Mal die Trage der Forschnngsmethode jüdischer Geschichte ausgeworfen oder nach dem Wesen jüdischer Geschichtsschreibung gefragt wurde, daß man weder wirtschastsgeschichtliche noch versassüngsgeschichtliche Probleme behandelte, daß inan es niemals unternahin, dem Zusammenhang von jüdischer und deutscher Geschichte nachzngehen und ihre Wechselbeziehungen zu untersuchen. Die neue Zeitschrift findet eine andere jüdische Welt, eine andere geschichtswissenschaftliche Konstellation, ein anderes jüdisches Lebensgesühl vor. Das steigende Interesse an der religiösen Erscheinung, das steigende Interesse von außen, besonders wirtschaftsgeschichtlicher Art, die Loslösung von starr gewordenen Programmen, die Gründung von jüdischen Zeitungen, Zeitschriften, Enzyklopädien und wissenschaftlichen Instituten, das wachsende jüdische Bewußtsein, die Entwicklung, iuic sie sich in den großen jüdischen Verbänden zeigt, sind der zeitgemäße Ausdruck des wachsenden Interesses an der jüdischen Geschichte, das sich gleichzeitig in geschichtlichen, rechtsgeschichtlichen, Wirtschafts- und verfasiungsgesckichtlichen Untersuchungen, in großen Aktensammlungen, in Stadt-, Landschaft- und Gemeindegeschichten offenbart. Daß sich die Leiter der neuen Zeitschrift der veränderten historischen Lage und der dadurch veränderten wissenschaftlichen Ausgabe bewußt sinh, daß sie auch die Schwierigkeiten kennen, die der jüdischen Geschichtsforschung mehr als jeder anderen jüdischen Forschung harren, beweisen die Aufsätze der ersten Nummer der Zeitschrift. In einer einleitenden Untersuchung „Zur.Forschungsmethode der jüdischen Geschichte" kritisiert Naphael S t r a u ß, einer der Redakteure der Zeitschrift, sehr feinsinnig die bisher unzulängliche Methode der mittelalterlich-jüdischen Ouellenbenutzung. Er verlangt an Stelle der ethnologischen und psychologischen Deutung der jüdischen Geschichte die historische Erklärung an Stelle der Hervorkehrung „historisch-dogmatischer Begriffe" die Einzelbetrachtung der historischen Tatsache. Nicht allein um der Erkenntnis der Einzelheit willen, sondern um mit Hilfe des wissenschaftlich besser gesichteten Bildes die innere Verknüpfung der geistigen und materiellen Kultur der Juden erkennen zu lassen. Es ist bezeichnend, daß auch A. Kober in feinem klaren und erschöpfenden Ueberblick über die „Geschichte der Juden in der historischen Forschung der letzten 35 Jahre" die Frage der Methodologie ansrollt und die methodischen Gesichtspunkte, die'Engen Tänbler in den Mitteilungen des Gesamtarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland aufstellte, zum Ausgangspunkt seiner Darstellung wählt. '*) Unter Mitwirkung von Guido Kisch (Halle), Richard Ko ebner (Breslau), Wilhelm Levison (Bonn), Samuel Stein b erg (Prag), Moritz S t e x n (Berlin),^ Alfred Stern (Zürich), Eugen T ä u b l e r «Heidelberg), Adolf W ar s ch a u e r (Berlin). Herausgegeben von Jsmar E l b 0 g e n (Berlin), Aron Frei m n 11 n (Frankfurt), Mar F x endent h a! (Nürnberg). In einer scharfsinnigen, historisch-philologischen Untersuchung geht S. L e v i (Mainz) den srühgeschichtlichen Spuren der Juden in Deutschland nach, während I. Ellbogen in interessanter Weise in seinem Aufsatz über „Hebräische Quellen zur Frühgeschichte der Juden in Deutschland" aus rabbinischen Schriften des frühen Mittelalters zum ersten Male historisch nächtige Nachrichten herausschält und sie kritisch verwertet. Das bisher wohl infolge der Sprödheit des Materials wenig erforschte Gebiet altjüdischer Verfassung bearbeitet Max Freudenthat m ausgezeichneter Weise durch me Veröffentlichung und kritische Auslegung der „Verfassungsurkunde einer reichsritterschaftlichen Judenschaft" (DasKahlsbuch vonSugenheim) aus demJahre1756, die nicht nur die Stellung der Vorsteher, Gemeindebeamten und Rabbiner, die Armenfürsorge, die Synagogenordnung, die Kirchenzucht und das innere Leben einer kleinen Gemeinde des 18. Jahrhunderts beleuchtet, sondern auch auf die rechtlichen Beziehungen dieser Gemeinschaft zu ihrer Ortsherrscbaft, den Reichsrittern, neues Licht wirst. Ausführliche Besprechungen von Guido K i s ch über das Buch von Max F r e u d e n t hm l „Leipziger Meßgäste; die jüdischen Besucher der Leipziger Messen in den Jahren 1675 bis 1764" (1928) und von Alfred Stern über Robert Auschet „Napoleon et des Juii's" (1928) sowie bibliographische von Heinrich Loewe zusammengestellte Notizen beschließen die Zeitschrift. Tie Hoffnung, die die Zeitschrift erweckt, ist von einer bangen Frage begleitet. Wird sie lebensfähig sein oder wird sie das Schicksal erwarten, dem fast alle jüdischen Zeitschriften des 19. Jahrhunderts anheimsielen? Wird es möglich sein, die von Naphael Strauß geforderte und unbedingt notwendige Einzelbetrachtung geschichtlicher Ereignisse durchzuführen, ohne den Blick für den großen Zusammenhang historischen Geschehens zu verlieren? Wird es möglich sein, die unbedingt notwendige Sammlung von Notizen durchzusetzen, ohne der Gefahr der Kleinlichkeit zu unterliegen? Wird mau die Synthese von indischer und deutscher Geschichte Herstellen, ihre unendlich komplizierten geistigen, kulturellen, wirtschaftlichen, rechtlichen und soziologischen Beziehungen klarlegen können, ohne dilettantisch und unsachlich zu werden? Diese Ausgabe wird kamn zu leisten sein, wenn die Redakteure nur Vermjttlungsredakteure bleiben, wenn sie nicht, wenigstens in gewissem Umfange, planvoll Probleme und Ärbeitsnwglichkeiten innerhalb eines Kreises von Mitarbeitern erschließen. Nur so kann man die vielen und drängenden Fragen jüdischer Geschichtsforschung lösen, die allgemein deutsche Geschichtsschreibung bereichern und die jüdische Geschichte zu dem machen, ums sie sein soll — nicht zu einer legendenhaften, uns nicht mehr berührenden Vergangenheit, sondern zu einem lebendigen, uns gestaltenden und von uns umgeformten geistigen Besitz. Zerfall oder Erneuerung? Unser gleichnamiger 'Aussatz in Nr. 10 der „C. V.-Zeitung" hat den Zorn des völkischen „Deutschen Tageblattes" erregt. Verständlich — unangenehme Wahrheiten sind nie beliebt! Zorn macht bekanntlich blind: das „Deutsche Tageblatt' macht er jedoch hell s e f] c r i f ch und veranlaßt es zu der überraschenden Entdeckung, unser Aufsatz verfolge die Tendenz, „einen jüdischen Keil zwischen die verschiedenen studentischen Gruppen zu treiben". Nach dieser Richtung mag das „Deutsche Tageblatt" unbesorgt sein. Würden uns solche finsteren Absichten beseelen, sv brauchten wir uns nicht selbst zu bemühen, wüßten wir doch die Arbeit für die Entzweiung der Deutschen S t u b c it t c it f d) a f t bei den V ölkis ch e n in a k l e r b e ft e n Händen. Mit bewunderungswürdigem Geschick haben sie es verstanden, den aus dem Gemeiuschanswitlen aller deutschen Studenten entstandenen festgefügten Bau der Deutschen Studentenschaft durch ihre Verhetzungsarbeit zu zertrümmern. Geradezu grotesk wirkt es, wenn ausgerechnet das „Deutsche Tageblatt" sich für kompetent erachtet, uns ein Privatissimum über journalistifttze Moral zu halten. Anlaß hierzu gibt ihm folgendes: Unser Artikel berichte über den bekannten Beschluß der Deutschen Burschenschaft, daß „notfalls die österreichischen Studentenschaften ihre (völkischen) Satzungem ändern müßten". Dieser Beschluß war jedoch, als unser Artikel - erschien, bereits ausgehoben worden. Dies war uns bei Redaktionsschluß (5. März) noch nicht bekannt. Tie Blätter der großen studentischen Verbände haben teilweise erst in ihrer Aprilnummcr über die Aushebung berichtet. Tie „Deutsche Hochschule" und die „Deutsche Akadernikerzeitling", die bereits in ihren Märznnrnmern darüber berichteten, gelangten erst Mitte März in unsere Hand. Unverständlich erscheint, wie uns das „Deutsche Tageblatt" das Recht bestreiten kann, in dem erwähnten Beschluß der Deutschen Burschenschaft eine Ablehnung des völkischen Prinzips 31t erblicken. Die Opposition innerhalb der Deutschen Burschenschaft, die eine Beseitigung des Beschlusses verlangte und erreichte, hat dies mit der Begründung getan, der Beschluß stelle einen Bruch mit dem völkischen Grundprinzip der Deutschen Burschenschaft dar. Mit diesem Argument verlangte der Hauptredner der Opposition, Rechtsanwalt Meyer, aus dem Eisenacher Burschentag die Beseitigung des Beschlußes. 11 n f c x c Fe st st e l l u n g e n w a r e n da h e r nach jeder R i ch t u n g h i n z u t r e s s e n b. Dr. Werner Rosenberg.

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