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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-03 · 18 (3.5.1929) · p. Seite 232

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
18 (3.5.1929)
Date
1929-05-03
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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232 unkluger Weise vorzudrängen, . . . wohlgelitten sind." Leichter gesagt als getan! Professor Dr. Bredt sagt selbst: „Eine bürgerliche Partei, diesen jüdischen Bürgern von Wien genau so politische Heimat i-st wie den christlichen, muß freilich da sein." Sie" ist aber nicht da! In der Wahlbewegung des Jahres 1927 wurde um die jüdischen Wähler viel geworben. Sie mußten aber es mit aller Entschiedenheit ablehnen, der Christlichsozialen Partei Hilfsdienste zu leisten, einer Partei, deren Führer, der gegenwärtig bedeutendste Staatsmann Oesterreichs, Dr. Seipel, entweder nicht verhindern konnte oder wollte, daß in das Wahlprogramm dieser schmähliche, unwahre Satz, „die Uebermacht des jüdischen Einflusses auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete müsse gebrochen werden", ausgenommen wurde. Der Christlichsozialen Partei also uns anzuschließen, verbietet uns das Gebot der Selbstachtung, unserer Ehre! Die weitaus unbedeutendere bürgerliche Partei unseres Parlaments, die Großdeutschen, steht auf dem Rassenstandpunkte und liebäugelt mit den Nationalsozialisten. Die letzte bürgerliche Partei, die Demokratische Mittelpartei,°der viele Juden angehören, ist nicht zuletzt wegen unseres undemokratischen Wahlrechts noch gering an Zahl und, da im Parlament unvertreten, ziemlich unbedeutend. Professor Dr. Bredt kann also den Juden nicht Vorhalten, daß sie sich „in unkluger Weise vordrängen". Wer durch Begabung, Fleiß und durch die Fähigkeit, anderen seine warme Ueberzcugung eirrzuslößen, zur Führerschaft gelangt, drängt sich nicht vor, der soll in der vorderen oder auch in der vordersten Linie kämpfen, auch wenn er ein Jude ist. Professor Dr. Bredt verspricht sich nur vonchieser, wie er selbst zugibt, gegenwärtig noch nicht möglichen „Beheimatung der Juden l in allen wichtigen Parteien" die Lösung des „Judenproblems". Allein das „Judenproblem" wird erst dann gelöst sein, wenn die „guten Bürger", welcher Konfession sie immer angehören, in Tat und Wahrheit gleichberechtigt sind; selbstverständlich müssen sie aber auch die gleichen Pflichten tragen. Dieser Bürde haben wir österreichischen Juden uns nie entzogen, wir haben sie oft über das uns zukommende Maß geleistet. Aber die Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich ist bisher nur durch die Staatsgrundgefetze gewährleistet, die praktische Handhabung läßt noch alles zu wünschen übrig." # Der Zuschrift eines genauen Kenners der österreichischen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, Dr. Hugo Spieglers, entnehmen wir noch folgende Ausführungen: Alle österreichischen Parteien, die rechts von der gozialdemokratischen stehen, sind offiziell antisemitisch. Wohl hat der aus der christlichsozialen Partei hervorgegangene jetzige Bundespräsident Miklas einer jüdisch-orthodoxen Deputation, die jüngst bei ihm vorsprach, erklärt, daß man weniger auf Worte als aus Taten sehen müsse, um die in Oesterreich herrschende Toleranz zu würdigen, aber er hat damit den bürgerlichen Parteien, die in Oesterreich seit Jahren in der Regierung koaliiert sind, einen schlechten Dienst erwiesen. Denn gerade die Taten der Regierungsparteien in Oesterreich sind durch die Zurückdrüngung der Juden auf allen öffentlichen Gebieten charakterisiert. Begonnen wurde damit, daß den Juden, die zwar jahrzehntelang im Bereiche des heutigen Oesterreich wohnen, aber aus Gegenden des frühere n Oesterreich stammen, auf Grund rabulistischer Deutung des Friedensvertrages die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Der Umfang dieses Rechtsraubes erhellt aus der Tatsache, daß Oesterreich im Friedensvertrag ein Vielfaches von dem Gebiet, das es behielt, an die „Sukzessionsstaaten" abtreten mußte. Alle aus Galizien, Böhmen, Mähren usw. stammenden Juden, verloren aus diese Welse, auch wenn sie seit Generationen im Gebiete der heutigen Republik wohnten, das Staatsbürgerrecht — wenn nicht die „r o t e" Gemeindeverwaltung von Wien rettend einsprang, indem sie im Nahmen des ihr Möglichen den.von der bürgerlichen Regierung plötzlich zu „Ausländern" gestempelten Juden das Heimatrecht in der Hauptstadt und somit natürlich auch im ganzen Lande verlieh. Bei den letzten Parlamentswahlen präsentierten die bürgerlichen Parteien den Wühlern eine E i n h e i t s l i st e, für die man auch unter den Juden zu werben begann. Dank den von Professor Dr. Bredt ganz richtig geschilderten wirtschaftlichen Verhältnissen bestand für diese Agitation in jüdischen Kreisen kein ungünstiger Boden. Da setzten die „Einheitstaktiker" aus ihre Liste einen der berüchtigsten H a k e n k r e u z s ü h r e r Wiens, und zwar nicht etwa in einen: der zahlreichen judenreinen Wahlkreise des österreichischen Alpengebietes, sondern in einem der j ud en reichsten Bezirke Wiens, nämlich in Mariahilf, dessen Hauptstraße Herrn Professor Dr. Bredt zun: Objekt seines „wirtschaftspolitffchen Anschauungsunterrichts" gedient hat. Daraus hätte Professor Tr. Bredt elgentlich folgern müssen, daß bei den sozialdemokratisch wühlenden jüdischen Geschäftsleuten ihr Ehrgefühl und ihre Charakterstärke über rein wirtschaftliche Erwägungen als beredte Widerlegung des Schlagwortes vom jüdischen „Materialismus" siegten. Und vielleicht hätte ihm diese Erkenntnis den Weg zllm Verständnis der j n d i s ch e n Seele gebahnt." Nach Manau Memel. Ritnalmorvgerücht in Memel! | Wie wir bei' Redaktionsschluß aus Memel, der Hauptstadt des von j Deutschland losgelösten und unter litauischer Oberherrschaft stehenden J Memellandes erfahren, geht auch dort die Ritualmordlüge wieder ein- | mal um. Anlaß hierzu bot folgender Vorgang: | Einige Zeit vor Pessach starb ein in einer dortigen jüdischen || Familie an gestelltes Dienstmädchen infolge einer Gasvergiftung. | Die Sektion der Leiche, die durch einen jüdischen Arzt vorgenommen 1 wurde, ergab einwandfrei, daß der Tod des Mädchens infolge der Ein- 8 Wirkung des giftigen Gases eingetreten war. Tie Leiche wurde auch jS unbeanstandet zur Beerdigung freigegeben. Kurz nach der Bestattung | entstand das Gerücht, daß das Mädchen einem Ritualmord zum Opfer | gefallen sei, damit die Juden sein Blut in die Ma.zzen hineinbacken g konnten. Diese widersinnige Behauptung Zirkulierte in der Stadt Ä und ihrer näheren Umgebung. Es wurde infolgedessen bei der Staats- I anwaltschaft angeregt, die Leiche Zu exhumieren, um durch ein nngj parteiisches Aerztekollegmm wissenschaftlich einwandfrei die Gas- |f Vergiftung des Mädchens feststellen zu lassen. Das lehnte jedoch der |j dortige Staatsanwalt mit der Begründung ab, daß die Staatsallwalt- |j schaft kein Interesse an der Exhumierung habe. § Auf Bitten memelländischer Juden hat der C e n t r a lv e r.e i n ff seinen.Königsberger Syndikus entsandt, um sie im Kampf gegen die Ritualmordlüge zu unterstützen. * '' s Seitdem wir in der Nr. 16 der „C. B.-Zeitung" zuletzt über den K Mordfall in Manau berichteten, hat die Untersuchung anscheillend f; irgendwelche Fortschritte nicht gemacht. Trotz eifrigster Bemühungen * der Behörden konnte eine aussichtsvolle Spur des Täters nicht gefunden werden. % Die politische Ausschlachtung des entsetzlichen Verbrechens seitens | der Nationalsozialisten, über die wir berichteten, hat die politisch der- | antwvrtungsvolle, nichtjüdische Oesfentlichkeit in erfreulich starkem ’j Maße aus den Plan gerufen. Zunächst veröffentlichte die „Süd- | deutsche Sonntagspost", das verbreitetste Sonntagsblatt Bayerns, in ihrer Nr. 15 einen Zweiseitigen, austlärenden und beruhigenden 1 Artikel eines Sonderberichterstatters; sodann veröffentlichte der Her- 1 ausgeber des in Würzburg erscheinenden „Fränkischen Volks- | plattes", Organ der Bayerischen Volkspartei, Geistlicher Rat;.i H. Leier, in Nr. 86 einen mit wissenschaftlicher Gründlichkeit geß schriebenen Artikel „Tie geschichtliche Wahrheit über die jüdischen Blut- | morde", in dem er zusammenfaßt, daß es sich bei all den vielen An- | schuldigungen des Blutmordes der Juden um Auswüchse törichten t Aberglaubens handelt, ähnlich wie bei den Anschuldigungen, die 1 gegen die angeblichen Hexen im Mittelalter erhoben worden sind. - | Der „Bayrische Kurier", das führende Blatt der Bayerischen 1 Volkspartei (Nr. 107), gibt den Aufsatz des „F r ü n k i s ch e n Volk s - | blatts" ausführlich wieder und schließt: f „Es handelt sich hier nicht darum, ob man die Juden liebt oder J haßt, ob man ihnen Gutes oder Böses wünscht, sondern es handelt $ sich darum, ob man sich an die Gesetze der Wahrheit und Gerechtigkeit gebunden fühlt gegenüber allen Menschen. Das ist eine Kulturfrage allerersten Ranges." 1 Der in Duisburg erscheinende, dem Zentrum nahestehende } „Rheinische Kurier" brachte einen wörtlichen Abdruck des gleichen ' Aufsatzes; ebenso das Regierungsorgan, der „Bayerische Staatssi anzeiger" (Nr. 94). Sehr ausführlich nahm auch der sogialdemo- [" kratische „Fränkische Volks freund (Nr. 86) gegen die Ritualmord-;j hetze Stellung. 1 Durch Flugblätter und durch Verbreitung der. eben erwähnten ] Zeitungen in allen in Betracht kommenden,Kreisen ist zur Beruhigung der aufgewühlten Bevölkerung mit Erfolg beigetragen worden.. Larröbunübopkott gegen öeutsche Waren. g Die „D e u tsche Wochenscha u" des Generals Luden d o r s f vom 31. Lenzing (März) veröffentlicht in ihrer Beilage „Bauer lind '.1 Arbeiter" mit dem Stichwort „Aus dem Kampfe des Landvolks" folgende Notiz: 1 „Der Hannoversche Landbund hat sich mit der Frage eines I allgemeinen Käuferstreiks als Kampfinaßnahme gegen das Herr- J schende System befaßt. U. n. wurde augeregt, für die Herbst- | bestellung keinen Kunstdünger zu kaufen. Soweit für das Frühf jahr Stickstoffdünger gebraucht werde, solle man keinen jf deutschen, sondern Chilesalpeter kaufen. Ebenso soll die | deutsche Maschinenindustrie boykottiert und an Stelle von jf deutschen sollen amerikanische Maschinen beschafft werden." § - - Wenn das Juden getan hätten ... 8

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