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Central-Verein-Zeitung · 1929-05-03 · 18 (3.5.1929) · p. Seite 231

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
18 (3.5.1929)
Date
1929-05-03
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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231 1 bruch der Nationalsozialisten in ihre Reihen ruhig gefallen ließ. Die 8 Wirtschaftspartei hat Zahlreiche Anhänger in den Kreisen der Hand- I werter und der sogenannten kleinen Händler. Gerade an diese in I ihrem Politischen Denken mitunter erstaunlich naiven Kreise haben 1 sich in den letzten Monaten die Nationalsozialisten besonders heran-, 8 gemacht, und diese Mittelständler bilden den überwiegenden Teil der 8 Besucher der nationalsozialistischen Versammlungen. Daß die 1 Nationalsozialisten sehr wesentliche Bestandteile ihres Programms E dem Marxismus entnommen haben, obwohl sie vorgeben, den Marxis- I mus bekämpfen zu wollen, wird von vielen Mittelständlern einfach nicht erkannt, und es muß auch zugestanden werden, daß die Dialektik und Taktik der Nationalsozialisten sehr geschickt ist. Auch die gegenwärtigen, beinahe katastrophalen Wirtschastsverhältnijse in einem großen Teile unserer heimischen Industrie, welche zu einer verhältnismäßig sehr hohen A r b e i t s l o s e n z i s f e r geführt haben, werden von den Nationalsozialisterl sehr geschickt in der Propaganda verwertet. J Es ist Zll wünschen, daß sich die anderen Parteien aufrassen, um der weiteren Propaganda der destruktiven Ideen und Pläne der Nationalsozialisten mit voller Wucht entgegenzu treten, sonst wird der | Wahltag allen diesen Parteien eine sehr bittere Enttäuschung bereiten.? Der nationalsozialistische Aufmarsch in Dres-en unö Gstsachsen. j M. K. Dresden, den 28. April 1929. i I Die Nationalsozialisten Hitlerscher Richtung scheinen mit großen jj Wahlerfolgen zu rechnen; denn nur diese Hoffnung läßt ver- 3 stehen, daß sie mit erheblichen Geldmitteln, die ihnen bestimmt § nicht nur aus Mitgtiederlreisen zufließen, allsgerüstet werden. 8 Sie hatten ohnehin sei über einem Halbjahr in allen ost- § sächsischen Städten, besonders aber in der w est - 'i lichen Lausitz und einem Teile des westlichen Ostlj sachse n, in regelmäßigen kurzen Abständen überfüllte Versamm- E lungen abgehalten, in denen sie ihre demogogischsten Wanderredner 8 aus die Scharen unzufriedener Mittelstnndler, stellenloser Angestellter 8 und kleiner Beamter löslichen. Mail müßte annehmen, daß sie leere J Kasten Hütten. Aber das Gegenteil ist offenbar der Fall. In D r e s d e n zum Beispiel hielten sie in der-letzten Woche zwei größere Versammlungen ab, die eine mit dem bisherigen Berliner Borsitzeni den der sogenannten „Alten sozialdemokratischen Partei" (A. S. P.), M o s s a k o w s k y ab, die recht gut besucht waren. Für den 28. April hatten sie den teuren großen Zirkus als Versammlungslokal gemietet, | um den Dresdenern den „Befreier Münchens von der Räterepublik", J General Ritter von Epp, zilsammen mit dem „Richthofen-! Staffelführer" Hauptmann G ö h r i n g und denr bekannten Reichstagsäbgeordneten Straffer vorzusühren, und wenn auch dieser 5000 fastende Bau nur von höchstens 2000 Hörern besucht war, so darf man sich über die Tragweite einer derartigen Propaganda keinen 1 optimistischen Täuschungen hingeben; denn da diese Partei — zlmächst J durch ungeschickte Nieder Haltung ihrer Parteiredner seitens der süchsü J sehen Regierung am Wachsen gehindert — in Sachsell verhältnismäßig jung ist, besteht für sie die Aussicht ans starken Znstrorn aus Iden innerlich politisch haltlosen Gemütern, die durch andere Parteien bereits Enttäuschungen erlebten! Und schon wieder künden die Plakate für die nächste Woche zwei große Versammlungen mit P. Gen gl er und Dr. Göbbels (!) an, der sicher die Ernte einheimsen wird, die sein Vorläufer der letzten Monate, der „Bauchnabelpfafs" Münchmeher, vorgesät hatte. Dazu kommt, daß überall da, wo Versammlungen anderer Parteien mangelhaft geschützt erschienen, gnt- Z organisierte n nt io u al so z i a l i st r s ch e Störungstrnpps, jj die direkt unter Regie arbeiten, — wie eine Q u i d d e - Versa mnilung H in Dresden deutlich belvies —, -g e g n e r i s ch e V e r s a m nr l u n g e n I te r ro r isi er en und zu v o rzei tigem Ende zw i ng en. Bei solch intensiver Tätigkeit und der wohlvorbereiteten Einstellung der verelendeten Blassen aus allem Schichten der Bevölkerung ist zu befürchten, daß es den Nationalsozialisten gelingt, die Rolle, die bisher die A. S. P. innehatte, nämlich ein Zünglein an der Wage im Landtage zu werden und ans die Regierungsbildung einen unheilvollen Einfluß zu gewinnen, au spielen. Hierzu fornmt noch, daß der weit über Dresden hinaus verbreitete und auch nach seinem politischen Teil | von der kleineren Presse direkt nachgedruckte „D r e s d e n e r A n | zeiger", diese nationalfozialistische Propaganda g d u r ch eine recht liebevolle und b e v o r z irg e n d e Beiz richterftattung geradezu förderte. Irr sogar das von!? dem altsozialistischen Abgeordneten Bethge geleitete' Regierungsorgan, die „S ä chsische Staats z eitun g", enthält juderi- | gegnerische Entgleisungen, ohne bis jetzt von den hierzu berufenen § Stellen zur Ordnung gerufen zu werden. Z Aber -auch die bisherige Wahlvorbereitung der Deutschnationalen I Vottspartei läßt erwarten, daß dort wieder mit dem -alten Mittel der Zu den Hetze ans «Ltimmensang gegangen wird. So wurde erst kürzlich in einer solchen Kundgebung durch einen Schriftsteller Gnratzsch unter dem Titel „Der Kampf um das Deutschtum am deutschen Theater" in wohlbekannter Weise dem Judentum alles, was! Kein »Selbstmord, sondern Gewistenskonftikt t 3u Professor Bredts Aufsatz über die Wiener Juden. In. einem im „Nrnren Wiener Journal" vom 24. März 1929 unter dem Titel: ,,W i l l das jüdische B ü r g e v t u m Wiens Selb st m o r d begehen? Los vom Ä u st r o -- M a r x i s m u s!" erschienenen Artikel schreibt der Fraktionsvorsitzende der Deutschen Wirtschaftspartei und Reichstagsabgeordnete Un i v er s i t a t sp r of es s o r D r. I. B. B r e d t: „Wenn ich den jüdischen Bürgern Wiens, von denen ich weiß, daß sie gute Bürger Wiens sind-, einen Rat geben darf, so ist es dieser: Los vom Marxismus, der ihr natürlicher Feind ist, und hinein in jene Parteien, in denen sie ... . wohl-gelitten sind!" Bei der Bedeutung des Autors und in Anbetracht der programmmatischen NenträlitÜt der Wirtschaftspartei gegenüber der sogenannten Judensrage haben wir den Präsidenten der Union deutschö st e r r e i ch i s ch e r Inden, D r. Jakob O r n st e i n, Wim, um seine Stellungnahme zu den Ausführungen Professor Bredts gebeten. Dr. Jakob (Drnstein sihreibt: „Der den Inden offenbar wohlmeinende Verfasser dieses Artikels geht von der irrigen Auffassung ans, als ob die Inden auch in politischer Beziehung ein geschlossenes Ganzes darstellen oder darstellen sollen. Diese Auffassung geht bei unseren Widersachern, insbesondere den Hakenkrenzlern aller Schattierungen, so weit, daß sie für die von ihnen nicht gebilligte politische Betätigung einzelner oder mrrlj eines größeren Teils der Inden in der Sozialdemokratie die gesamte Judenschaft verantwortlich machen wollen. Wir wollen nicht bei der Tatsache verweilen, daß diese Führer beinahe durchwegs dem Judentum den Rücken gekehrt haben. Und wenn sie auch alle noch 31t uns gehören würden, ist es nicht ganz verfehlt und nur vom jndengegnerischen Standpunkte verständlich, allen, insbesondere auch den treu an ihren bürgerlichen Tendenzen festhaltenden Inden, die Verantwortung für die sozialdemokratischen Inden bzw. ehemaligen Inden anszubürden? Die Hakenkrenzler würden sich, wohl Hütern für das Christentum eine ähnliche Solidarhaftung zu konstruieren; denn dann läge doch die Lüge von der ausschließlich oder überwiegend „jüdischen Führung" klar Zutage. Wer würde den tatkräftigen Wiener Bürgermeister Kart S e i tz, den gewesenen Staatskanzler Dr. R cnncr, den Vizepräsidenten des Nationalrates Eldersch 11. a. m. für Puppen der jüdischen Drahtzieher halten, die allein den Austro-Marxismns oder den Austro-Bolschewismns geschaffen haben sollen und ihn ansrechtcrhalten! ... Und nun eine entscheidende Frage: „S Lehe n it n s M i t t e l gegen die noch oder ehemals jüdischen Führer zu Gebote, deren g r 0 ß e r T e i l durch ihren Austritt ans unserer G l a u b e n s g e n 0 s s e n f dj a f 1 i h r e vollst ä n d i g e G l e i g ü l t i g k e i L gegen d a s I u b c 11t u rn g e - zeigt haben? Und wenn es solche gäbe, hätten wir in Achtimg vor jeder ehrlichen Ueberzeugnng überhlurpt das Recht, sie anzuwenden? Die Antwort kann nur verneinend lauten, weil in einer wahrhaften Demokratie die Betätigung jeder wahren Ueberzeugnng geachtet werden muß. Wir müssen es in richtiger Auffassung der Demokratie ablehnen, daß auch die Frage der Zugehörigkeit zu einer Partei oder der Anteilnahme an der Führerschaft nicht nach den rein objektiven Merkmalen der aufrichtigen U e b erzen g u n g, sondern nach dem Religionsbekenntnis beurteilt wird. Professor Tr. Bredt erteilt nun den jüdischen Bürgern Wiens den Rat, sich jenen Parteien anzuschließen, „in denen sie, ohne sich in wirtlich oder angeblich faul ist, tapfer in.die Schuhe geschoben, und der Vorsitzende des G r 0 ß d r e s d e n e r ch r i st l i ch e n Elte r n - rates stand mit seinem Vortrag über „Die Gefährdung der deutschen Iirgend durch Schmrch und Schund" auch nach dieser Richtung seinem Vorredner nicht nach. Bedauerlich ist die betrübende Tatsache, daß die anderen nichtsozialistischen Parteien sich dem völkisch-antisemitischen Terror nicht oder doch nicht genügend entgegenstettm. Ein völkischantisemitischer Einfluß radikaler Art, wie er immerhin zrr befürchten ist, dürfte in der sächsischen Landesgesetzgebuug sich dann um so mehr unangenehm ftchlbar machen, als Sachsen mit seiner Jndnstriebevölterung ein politisch sehr nervöses Land ist. Unsere Freunde in Sachsen müssen sich dessen bewllßt worden und möglichst große Anstrengungen machen, um einer radikal-antisemitischen Beemflusinng des Landtages durch nationalsozialistische! und dentschnatioi^ale Wahlerfolge nin jeden Preis Vorbeugen zu können.

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