Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- Seite 219 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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21- I Karmy Mettdelsßshtt j Herbert Euleriberg erweitert die Reihe seiner. „Schattenbilder" durch einen demnächst erscheinenden neuen Band, aus dem er uns nachstehenden Aussatz über Fanny Mendelssohn liebensj würdiüerweise Zum Vorabdruck zur Verfügung stellt. Dieses Schatten-! bild will lediglich als künstlerische Leistung und selbstverständlich nicht in irgendeinen: Zusammenhang mit den Tendenzen unseres Vereins gewürdigt werden. Die Schristleitung. „Hör' gut zu, mein Sohn! Ein kleines Talent macht oft glücklicher als ein großes." Die Frau, die diese versöhnliche Weisheit von sich! gab und aus ihren vor ihr stehenden, etwas bedröppelk dreiublickenden Sohn einredete, war keine Schönheit zu nennen. Sie war j ziemlich klein geraten und hatte sogar als nicht angenehmes Erbteil \ von ihrem Großvater, dem Denker Moses Mendelssohn, eine schiefe j Schulter. Aber man sah ihn kaum, diesen winzigen „Schönbeits-? fehler", wie ihr liebenswürdiger Vater, der reiche Berliner Bantherr Abraham Mendelssohn, diese Mißbildung ritterlich zu verschleiern Pflegte. Oder übersah ihn wenigstens gern um ihrer herrlichen großen ausdrucksvollen Augen willen, die ihr die gütige Natur verliehen hatte, um sie über den Mangel ihrer Erscheinung 1 hinwegzutröften. Diesen, ihren wunderbaren, von innen her J leuchtenden Augen verdankte sie wohl auch den hochaufragenden | blonden Gatten, den Hofmaler Hensel, einen der schönsten Männer, ] die in dem Berlin Friedrich Wilhelms des Dritten und des Vierten | herumwandelten und wirkten. ß Mit dem befriedigten Lächeln der Mutter über ihre eigene \ Schöpfung zog sie nun ihren Knaben näher an sich und betrachtete i ihn Zärtlich aus ihren, von ein paar dicken schwarzen Brauen überdachten Augen, denen man die Kurzsichtigkeit kaum anmerkte, Sie \ I)fltte diesen ihren einzigen Sohn „Sebastian" taufen lassen. Nach dem Namen des musikalischen Hausheiligen der Familie Mendelssohn, nach Johann Sebastian Bach, dessen verschlossene Matthäus- Passion ihr Bruder Felix wieder ausgegraben und feierlich ausgesührt hatte. Die Tauferei des jungen Hensel war schon ganz Zwangläufig vor sich gegangen. Denn Fanny war ja mitsamt j* ihren Geschwistern schon protestantische Christin durch den Entschluß I ihres Vaters geworden und damit in dem gleichen Glauben erzogen, der sich bei dem blonden Brandenburger Hensel, dem Landpfarrers- J sohn aus Trebbin, von selbst verstanden hatte. Einen Augenblick \ lang wollte Fanny ihren hübschen Sohn, diese wunderliebliche Mi- I schung aus ihr und ihrem Prächtigen Gatten, aus ihren Schoß | ziehen. Aber dafür war er wohl doch schon zu groß für die zierliche Mutter geworden. So ließ sie ihndaun stehen, wie er vor ihr stand, dies nette Bürschchen, das sie gemacht hatte, und strich ihm nur mit ihren vorn vielen Klavierspielen ausgearbeiteten Händen liebkosend die gelben Locken aus der Stirne zurück. „Siehst du," plauderte sie in ihrer munteren schnellen Art dem Jungen vor, der später einmal die Lebensbeschreibung des Hauses Mendelssohn verfassen sollte, „du darfst nicht gleich verzagen, wenn es einmal eine Wcche und Länger stockt und du Nicht recht weiter zu kommen scheinst in der Musik. Denk dann zum Trost an deine Mutter! Die hat das Pech gehabt, als Schwester ihres berühmten Bruders, deines guten Onkel Felix, aus die Welk zu kommen. Sogar vier Jahre vor ihm. Aber dieser Vorsprung hat mir nichts genützt. Er hat mich doch überflügelt. Und wie! Das kann ich dir gar nicht beschreiben. Um mich und meine musikalische Gabe hernuszupauken und zu Ehre zu bringen, hat er zwar einige meiner Liederkompositionen unter seinem eigenen Namen herausgegeben. Aber ich fürchte trotz all seiner Schmeicheleien, die er mir immer sagt und schreibt, fallen meine kleinen häßlichen Entlein doch garstig unter den himmlischen Schwaneneiern aus, die er ausgebrütet hat. Ach ja! Ich bin nur die weibliche, schwächere Beilage zu seinem großen Musikvermögen. Und wir beiden Schwestern, Tante Rebekka und ich, umschwimmen ihn immer wie die kleinen „Fischottern", so nennt er uns stets, den mächtigen Walfisch. Sogar im Klavicrspielen hat er es weiter gebracht als ich, wiewohl keiner sein Klavierkonzert aus G-moll besser spielen kann als meine Wenigkeit, was er mir selber schriftlich gegeben hat. Aber . das alles soll uns nicht abhalten, fröhlich zu sein unb guter Dinge, wie dein Großvater sagte, wenn er sich ausnahmsweise wieder einmal verrechnet hatte. Glaub' mir, ich bin mit und in meiner geringeren Begabung mindestens ebenso zufrieden als mein Bruder Felix, der Glückliche? Ja, ich denke mir manchmal, wenn mich meine Musik so recht erfüllt, Schosarblasen kann schöner als Glockenläuten klingen, und ich fühl' mich vielleicht Wähler in meiner kleinen Haut, als der göttliche Felix in seiner großen, weltberühmten. Und damit wollen wir uns wieder zu dem Vieltastigen Marterkasten zurückbogeben, vor dem du jetzt eben geweint hast, und werden mit frischen Kräften dein Tagewerk wieder vornehmen." Diesmal kamen Mutter und Sohn nicht sehr weit mit dem Ueben und Lernen auf dem Klavier, das die zur Musik erkorene Fanny, um den Jungen Mut in der Kunst, die er begann, zu machen, häufig mit ihm betrieb. Sie hatte sich eben grade, müde der eintönigen Läuse, die sie mit ihm spielte, auf einen höheren musikalischen Zweig geschwungen und phantasierte ihrem kleinen Sebastian etwas aus ihren Schöpfungen vor. Erst ein niedliches, venezianisches Stück, das schon von weitem die Wagen mit dem Mercedes-Benz-Abzeichen, jeder Junge ist stolz, wenn er einen Mercedes-Benz* Stern tragen kann. Audi die Jugend weiß, dah dieser Stern die ältesten Marken der Weit und den Wagen von wirklicher Klasse kennzeichnet: