Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- Seite 218 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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21S hier die künstlerisch interessanten Haggada-Handschrrften des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg erwähnt. Ebenso wie Haggadas, wenn auch nicht so häufig, wurden andere hebräische Handschriften, vor allem Gebetbücher und die Estherrolle, aber auch Bibeln und Schriften der weitschichtigen hebräischen Literatur des Mittelalters häufig mit Illustrationen ausgestattet, die ihnen noch heute einen besonderen Wert verleihen; in der Pressa in Köln wurde eine nach Budapest gehörige, aber 1295 in Köln geschriebene Handschrift des Mischne Thora von Maimonides ausgestellt, die zu den hervorragendsten Leistungen des mittelalterlichen Buchschmucks gehört. Die Verzeichnisse der illustrierten Handschriften der deutschen Bibliotheken nehmen vielfach von diesem Kulturgut Notiz, aber die Wissenschaft ist vorerst auf diesem Gebiete noch nicht sehr weit vorgeschritten, es fehlt noch an den erforderlichen Vorarbeiten. Mustergültig in der Beschreibung des künstlerischen Teiles hebräischer Handschriften ist das neue Verzeichnis der Handschriften der Wiener Nationalbibliothek von A. Z. Schwarz (Leipzig 1925). Bruchstückweise findet man hebräische Handschriften vielfach noch in ganz anderer Verwendung. Vor etwa 30 Jahren entdeckte man in der Stadtbibliothek zu Trier, daß nicht weniger als 130 Handschriften- und Jnkunabeln-Bände an den Einbanddeckeln hebräische Fragmente enthielten, zusammen etwa 300 Blatt, aus denen sich 15 verschiedene Handschriften zusammenstellen ließen; ihr Ursprung führt ausnahmslos in die Bibliothek des Klosters Clausen an der Mosel. Auf ähnliche Weise hat man in der Wiener Nationalbibliothek, ohne die Bestände sämtlich durchzusehen, nahezu 200 Bruchstücke verschiedener hebräischer Handschriften entdeckt. Auch zum Zusammenhalten von Archivaren sind sie vielfach benutzt worden. In Urkundenbänden, die dem Grafen v. Pappen heim gehören, fand man vor wenigen Jahren wertvolle alte Blätter aus dem Raschi-Kommentar zum Talmud. Bei Studien über die Geschichte der Juden in Ladenburg (Baden) entdeckte man als Aktendeckel ein wichtiges Fragment einer alten Handschrift des uralten Midrasch Sifre. Es ist unnötig, weitere Einzelheiten aufzuzählen. Diese kurzen Bemerkungen genügen als Hinweis auf die Tatsache, daß in zahlreichen öffentlichen Bibliotheken der deutschen Länder, Städte und Universitäten sowie in den Sammlungen der alten fürstlichen Häuser häufig hebräische Handschriften zu finden sind, die nicht nur für die jüdische Literatur Bedeutung haben, sondern für die Gesamtheit hohe Kulturwerte darstellen. Auch in Archiven und Aktensammlungen, in denen man sie am wenigsten erwartet, begegnen sie einem nicht selten. Es sollte mehr als früher auf diese wertvollen Ueberreste geachtet und ihre vollständige Katalogisierung angestrebt werden. Aber auch die in jüdischem Besitze befindlichen Handschriften seien einer pfleglichen Behandlung empfohlen, damit nicht noch mehr von diesem wertvollen Kulturgut verloren geht! Das erste Heft der Zeitschrift für die Geschichte der luden in Deutschland Herausgeber: Ismar Eibogen (Berlin), Aron Freimann (Frankfurt a. M.), Max F reudenthai (Nürnberg) ist soeben erschienen. dem Inhalt STRAUS, Zur Forschungsinethode der jüdischen Geschichte KOBER, Die Geschichte der deutschen Juden In der historischen Forschung der letzten 35 Jahre LEVI, Frühgcschiditliche Spuren der Juden in Deutschland, mit Nachbemerkungen der Herren Blaufuss, Behrens, Neeb und Oxe ELBOGEN, Hebräische Quellen zur Frühgeschichte der Juden in Deutschland FREUDEN¬ THAL, Die Verfassungsurkunde einer reichsritterlichen Judensdiaft LOEWE, Die Juden in Deutschland Bibliographische Notizen Bücherschau . Nachrichten. Jahresabonnement 4 Hefte M. 10,—. Einzelheft M. 2,75. Philo Verlag und Buchhandlung G. m. b. H., Berlin SW 68. iches MUiWö Mineral | Natürliches Mineralwasser1 Das GesuDdhellswasser! Fachinger Versandstelle, [BerlinSW 11, Schöneberger Strasse Ha. Telefon: L ö t z o w 826 ') / 61. „Deuisch-Mische Probleme der Gegenwart." In der Hauptversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Frühjahr 1928 hat Ludwig Holländer ein Referat über das Thema: „Abwehrverein oder Gesinnungsverein?" gehalten. Auf einstimmigen Beschluß der Versammlung wurde die Drucklegung dieses Vortrages beschlossen^). Probleme, die in der Zwischenzeit über die Lebensfragen der deutschen Judenheit aufgetaucht sind, haben Ergänzungen des Vortrages erfordert, der nun unter dem obigen Titel im Druck erschienen ist. Diese kleine Broschüre ist zu den bedeutendsten Veröffentlichungen zu zählen, die über die Grundfragen des deutsch-jüdischen Lebens erschienen sind. Wer das Wirken Ludwig Holländers, vor allem im letzten Jahrzehnt, aufmerksam verfolgt hat, wer seine Reden gehört, ferne Schriften gelesen hat, der mutzte erkennen, daß er zu einem der tiefschürfendsten Wahrheitssucher geworden ist, den das deutsche Judentum seit Eugen Fuchs aufweist. Auch an die Spitze seines neuen Werkes gehört der Satz, den der Verfasser bescheiden an den Schluß setzt: „Arbeiten, wir daran, klar zu denken! Das ist der erste Grundsatz einer moralischen Geltung. Das heißt: Bemühen wir uns einmal, all das. was rein suggestiv auf uns wirkt, auszuschalten, klar die Dinge zu setzen, wie sie sich wissenschaftlich dem Wahrheitssucher darstellen itnb fällen wir so unsere Entscheidung." Es ist gewiß nicht leicht, leidenschaftslos gerade die Probleme, die von den heftigsten Kämpfen umtobt sind, darzustellen, und ganz sicherlich ist es erst recht nicht Leicht für den, der mitten in diesen Kämpfen. steht. Der beste Beweis dafür, daß Holländer diese Ausgabe gelungen ist. ist die Tatsache, daß er auch die Ueberzeugung des Andersdenkenden anerkennt; er stellt nur die Gegensätzlichkeit der Meinungen fest, begründet sie und erläutert dann allerdings mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, wann und warum ein Zusammengehen nicht möglich ist. . Die Frage „Abwehr- oder Gesinnungsverein?" muß im letzten Sinne bejaht werden, wenn wir uns klar darüber sind, daß die Aufgabe des Centralverems nicht nur darin besteht, Angriffe gegen unsere verfassungsmäßig gewährleistete Gleichstellung abzuwehren — obwohl auch insoweit schon ein reiner Abwehrverein auf manche innere Schwierigkeiten stoßen muß —, sondern daß sie darin gipfelt, in kultureller und in jeder anderen Beziehung unsere Einbettung im deutschen Volke zu vollziehen. Denn diese Einfügung in die Kultur unserer deutschen Umwelt hat zur natürlichen Voraussetzung unsere Erkenntnis, daß wir im Lande verwurzelt sind, ohne daß dadurch aber unser Verbundensein mit Judenheit und Judentum in Frage gestellt wird. Dabei handelt es sich um ein sehr kompliziertes Problem. Die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum zu lösen, ist eine viel schwierigere Ausgabe als z. B. ein glattes Nationatjudentum. Schon die Erkenntnis des Begriffes „Judentum" ist nicht leicht zu finden. Es dürfte eines der bedeutendsten Verdienste dieser Schrift sein, daß sie mit aller Klarheit den Satz aufstellt: Das „Judentum" war und ist niemals ein so eindeutiger Begriff, daß es mit der Bezeichnung als religiöses Bekenntnis erschöpfend zu kennzeichnen wäre, es setzt sich vielmehr aus einer Reihe von geschichtlichen, gesellfchaftsgeschichtlichen Momenten Zusammen, die durch religiöse Gesichtspunkte verbunden sind. Ihnen haben sich Gesichtspunkte der Stammesgemeinschaft, der Schicksatsgemernschaft zugesellt. Sie alle, verbunden noch mit manchen anderen kulturellen Erscheinungen, machen den inneren seelischen Bestandteil derjenigen Menschengruppe aus, die sich heute Juden nennen. Wenn so in Wahrheit das Judentum erkannt und sein unvergänglicher Kern herausgeschült wird, so kann auch hinsichtlich seiner Zukunft keine Schwarzseherei obwalten. „Wenn wir im Sinne unseres Ideals arbeiten, indem wir immer wieder durch Verbreitung unserer Anschauungen nicht einen auf Phrasen gegründeten, sondern in der Gesinnung vertieften Stolz erzeugen, wird auch innerhalb unserer deutsch-jüdischen Welt die Lust zu leben und Leben zu geben, sich steigern." Zum Schluß setzt Holländer sich noch mit dem Keren Hajessod und dem Palästina-Problem auseinander. Durch Palästina kann die Judenfrage nicht gelöst werden. Wer mit Leidenschaft diese Dinge in die Debatte wirft, überschätzt ihre Bedeutung. Deshalb möge man durch sie unfern Blick nicht von wichtigen Aufgaben ablenken lassen. In dieser Besprechung konnten natürlich nur wenige Gedanken aus der wirklich inhaltsschweren Arbeit herausgegrifsen werden. Dieses Wenige genügt aber vielleicht, um zu Zeigen, daß es sich in der Tat um eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Probleme handelt, die jeden deutschen Juden bewegen müßten, der nach Klarheit ringt. _ Dr. Kirrt Alexander (Krefeld). x) Ludwig Holländer: „Deutsch-Jüdische Probleme der Gegenwart. Eine Auseinandersetzung über die Grundfragen des Centralverems deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Philo-Verlag, 1929.