Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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21* Es erübrigt sich, über die Bedeutung dieser Rede hier ein Wort zu sagen. Es genügt, festzusteüen, daß im Landtag von einem hohen katholischen Würdenträger das Ritualmordmärchen als eine Lüge hingestellt worden ist, die heute nur von den Nationalsozialisten Zu demagogischen Zwecken gebraucht wird. Temgegenüder bedeutet es wenig, daß Dr. Leh von den NationalsoZialisten rm Lause der Beratungen vorgeschickt wurde, um die Situation für sie zu retten. Er verlas ganze Kapitel aus dem „Antisemiten-Katechismus", durch die er das Vorkommen von jüdischen Ritualmorden „wissenschaftlich" beweisen wollte. Kaum fünfzig Abgeordnete bildeten seine Zuhörer, und auch diese machten sich größtenteils über ihn lustig. Er verstieg sich zu der Behauptung, es gäbe heute noch innerhalb des Judentums eine Sekte, die nach chas'sidischem Gesetze Ritualmord begehe, und suchte zu beweisen, daß das Zentrum im Jahre 1880 eine antisemitische Partei gewesen sei, der auch jetzt judenfeindliche Neigungen nicht fern lägen. Wieder wies ihn Abgeordneter Dr. Linneborn scharf zurück, der unter dem Lärmen und Toben der Nationalsozialisten seine Ausführungen mit den Sätzen schloß: „Das deutsche Volk denkt zu ruhig, als datz es sich zum Antisemitismus aufpeitschen liehe." Der nationalsozialistische Abgeordnete Kube, der diesen ganzen Vorgängen nicht beigewohnt hatte, trat dann in der Landtagssitzung vom 18. April einen deutlichen Rückzug an. Er erklärte nämlich plötzlich, er habe nie behauptet, datz der jüdische Ritualmord und der Judenhaß im katholischen Dogma gelehrt werde. Knbe unternahm dann einen Vorstoß gegen die jüdischen Studienräte an den höheren Schulen, deren Abberufung er forderte. Wenn man die höheren Schulen Berlins besuche, führte er aus, so sähe man an der Zusammensetzung der Lehrer, daß das Judentum immer siegreicher vordringe. Es werde in der Besetzung von Lehrerstellen in Berlin in einer Weise bevorzugt, die geradezu unerträglich sei. Als der Redner sich zu der Bemerkung verstieg, deutsche Kinder dürsten Deutsch und Geschichtsunterricht nicht von Angehörigen eines fremden Volkes erhalten, erfolgten stürmische Unterbrechungen von seiten der Regierungsparteien. Kube meinte weiter, er sei zwar kein Freund des Völkerbundes, er erkläre sich aber einverstanden mit der Feststellung in der Bölkerbundsakte. daß das Judentum als völkische Minderheit anerkannt sei. Dementsprechend forderten die Nationalsozialisten, daß jüdische Kinder von jüdischen Lehrern in jüdischen Schulen unterrichtet würden. Auffallend war die Zurückhaltung, die sich der Abgeordnete Studienrat Dr. Ziegenrücker vom völkisch-nationalen Block, der sich der Deutschen Fraktion angeschlossen hat, auferlegte. Er trat für den konfessionellen Frieden ein und betonte dabei ausdrücklich, daß er nicht etwa nur die christlichen Konfessionen dabei im Auge habe, sondern diesen Frieden für alle Weltanschauungen wünsche. Für die Demokraten sprach sich der Abgeordnete Graue, evangelischer Pfarrer in Berlin, für den konfessionellen Frieden aus. Als er den Antisemitismus als eine Schm a ch und Schande hinstellte, die ausgerottet werden müsse, lärmten und Lobten die Nationalsozialisten. Der demokratische Abgeordnete Dr. Bohner, Oberschulrat beim Berliner Provinzialschulkollegium, wandte sich unter der Zustimmung der Regierungsparteien dagegen, daß ein höherer Schuldirektor bei jüdischen SLudienassefforen in den Personalakten die Kennzeichnung „jüdischen Rassencharakters" gebraucht, um sie abzulehnen. Auch für den jüdischen Volksschullehrer trat ein demokratischer Vertreter ein. Der Abgeordnete Otto stellte fest, daß das Kultusministerium am 26. Juni 1924 eine Verfügung erlassen habe, wonach jüdische Lehrer an evangelischen und katholischen Schulen nicht Konrektoren werden dürsten. Bei dieser Regelung sei es bis heute geblieben, trotzdem die betroffenen jüdischen Lehrer, ebenso wie die Berliner Lehrerschaft überhaupt, sich durch Eingaben dagegen ausgesprochen hätten. In Vertretung des erkrankten Abgeordneten Oberregierungsrat Merten fragte Abgeordneter Otto das Ministerium, ob es bei diesem höchst unbefriedigenden Zustande auch in Zukunft bleiben solle, oder ob das Ministerium eine befriedigendere Lösung herbeizuführen gedenke. Als Vertreter des Kultusministers führte Staatssekretär L a m m e r s aus, die Deutschnationalen hätten beim Staatsgerichtshof eine Klage anhängig gemacht, weil die „Sammelfchule" der Verfassung widerspreche. In dem Verfahren würde auch über die soeben angeschnittene Frage entschieden werden. Als schließlich am Sonnabend, dem letzten Tage des Kultusetats, der Abgeordnete Giesel er von der „Deutschen Fraktion" gegen den „jüdischen Geist" in den Staatstheatern loszog — ein Angriff, der sich im wesentlichen gegen Professor Jeßner richtete —, sich gegen die angebliche BevorzugungjüdischerAutoren wandte und diese als minderwertig^ und unsittlich hinzustellen versuchte, waren kaum 25 Abgeordnete im Saal. Ein Zeichen dafür, wie wenig ernst man den Redner nahm. Wenn wir das Fazit der Verhandlungen im Preußischen Landtag in der Woche vom 13. bis 19. April ziehen, so können wir mit Befriedigung seststellen, daß im Preußenparlament eine zweifellose Mehrheit vorhanden ist, die bereit ist, im Sinne der Verfassung die Gleichberechtigung aller Deutschen zu erhalten. A. PH. « li Wenn im Frühjahr die Motten kommen bewahren Sie Ihre Pelze und Winterkleider am besten auf in mottensicheren Pelzkapseln von PaulLüpfert,Meerane(Sa.)12 C.-Preisliste gratis! Firma Patü Lüplert, Meerane (Sa.!. Bitte bötl um Zuwendung ein rGrösseV.wieSiemirbereitsimÄpr i v.J. haben. Köniqsberq 20. 2 29 Prof. E. K. Enöe öes Liberalismus! Zu Carthills Buch. Der Liberalismus in England hat sich überlebt, das ist die Quintessenz des Earthillschen BuchesJ und es ist zweifellos auch für Deutschland von großer Wichtigkeit, die Gründe, die der Verfasser ins Feld führt, nachzuprüfen, um so mehr, als gerade bei uns ähnliche Stimmen laut werden, die das Eingehen der Demokratie und des formalen Parlamentarismus prophezeien. Der ehemalige deutsche Reichswehrminister Dr. Otto G e ß l e r hat zu Carthills Schrift eine Einleitung geschrieben; darin lehnt er zwar das Werk in seiner Gesamttendenz und in vielen Einzelheiten ab und nennt es das leidenschaftlich geschriebene Pamphlet eines geistvollen englischen Tory gegen die liberale Weltanschauung im ganzen, er hält es aber doch für lehrreich, weil England in der öffentlichen Meinung Deutschlands als die hohe Schule der Politik gelte und weil die liberale Staats- und Gesellschaftsordnung in einer Reihe von europäischen Staaten durch die Diktatur abgelöst worden ist. Das Bedeutsame des C a r t h i l l - Buches ist aber nicht in der Behauptung, daß der Liberalismus in England tot ist, zu finden; er hält dem Dahingeschiedenen keine wohlwollende Trauerrede, sondern er sucht zu beweisen, daß die Doktrinen, auf die der Liberalismus sich stützt, nicht lebensfähig seien und nicht bloß in England, sondern überall unrühmlich dem Verfall entgegen gehen. Herr C a r t h i l l, ein Pseudonym, hinter dem sich ein angesehener Tory oder sogar ein konservativer Minister versteckt, holt weit aus und versetzt der englischen liberalen Partei den ersten Streich: ihre Gedankengänge seien nicht bodenständig, sondern durch die französische Revolution und ihre Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" beeinflußt und hingen von den Entwicklungen der kontinentalen Mächte ab! Das macht natürlich aus den nationalstolzen Engländer besonderen Eindruck. Des weiteren betont er, daß die liberale Partei „international" sei. Das Zion der neuen Religion war Paris, und England siel dabei die Rolle zu, die Partei zu finanzieren und ihr sonstige Unterstützung zu gewähren. Die Anhänger der liberalen Partei rekrutieren sich aus' den Whigs, aus Professoren, Journalisten, Theologen und aus Klassen, die im Staatsbetriebe bisher um die ihnen gebührende Wirksamkeit gekommen waren. Die Zeit, in der die liberale Partei ins Leben trat, war reis für Reformen, und die liberale Partei versuchte der Baumeister dieses neuen Gebäudes zu sein, aber sie versagte, weil sie zwar abzubauen verstand, aber Positives zu schaffen nicht imstande war. Und nun zieht der Verfasser gegen die Doktrinen des Liberalismus zu Felde. Daß er dabei die liberale Partei als Vorfrucht der Sozialdemokratie und Anarchie htnstellt, kann uns nicht wundern, nur ganz nebenbei macht er aus die Unmöglichkeit der sozialdemokratischen und anarchistischen Bewegung aufmerksam, ohne die Fortschritte der englischen Arbeiterpartei einer genügenden Betrachtung zu unterziehen. In seinem Bestreben, den Untergang der liberalen Partei beweiskräftig zu machen, führt er des weiteren aus, daß sich zwischen Gedanken und Taten dieser Partei große Klüfte auftun, ja er geht sogar so weit, daß sie, die Bekämpserin jeder Autorität, das britische Reich gefährdet habe; sie habe die- Bande zwischen dem britischen Reich und Irland gelockert, sie werde es weiter dazu bringen, daß das Kolonialreich, das sich mit ihren Gleichheitsideen befreunden wird, zusammenstürzt. Und trotz ihres Pazifismus ist England unter einem liberalen Ministerium in den Weltkrieg verwickelt worden: deshalb steht es für den Verfasser fest, daß der Liberalismus ausgespielt habe. Seine persönliche Ueberzeugung ist, daß die neue Ordnung der Dinge aus den alten Fundamenten errichtet werden muß; es bleibt (ohne daß es ausgesprochen wird, aber für den praktischen Engländer sehr verständlich) als rettender Engel in dem bestehenden Chaos nur die Entfaltung des gemäßigten patriarchalischen Konservatismus. Fast scheint es, daß der gebildete und in allen Sätteln gerechte Tory eine Wahlbroschüre schreiben wollte; wir hören bei uns ganz dieselben Behauptungen, wenn es zum Wahlgang geht, und die Gegner der Demokratie besonders gegen sie zu Felde Ziehen. Aber Weltanschauungen, Liberalismus und Reaktion werden nicht durch Wahlkämpfe entschieden. Dr. I. Rothholz. *) Carthill: „Die Erbschaft des Liberalismus." Verlag Kurt Vohwinkel.