Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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215 i 1 I 1 I Oer Kvliusetat im preußischen Landtag. Lebhafte Debatte über die Juderrsrage — Dompropst Dr. Linneborn gegen Ritualmordhetze -- Der Nationalsozialist K ube fordert Entlastung der jüdischen StuDienräte — Ein völkischer Redner für konfessionellen Frieden — Pfarrer Grane nennt den Antisemitismus ,,Schmach und Schande" — Abgeordneter Otto für die Anstellung jüdischer Konrektoren — Der „jüdische Geist" in Den Staatstheatern. Die Beratungen über den Haushalt des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, die vom 13. bis 19. April den Preußischen Landtag beschäftigten, verdienen über die Grenzen Preußens hinaus die Aufmerksamkeit aller jüdischen Deutschen. Allein an fünf Tagen dieser Beratung wurden Fragen angeschnitten, die uns sehr eng berühren, oft standen jüdische Angelegenheiten im Mittelpunkt der Debatte. Wir berichteten bereits in der letzten Nummer der „C. V.-Zertung" von der Rede, in der der Zentrumsabgeordnete und Dompropst von Paderborn, Dr. Linneborn, die Judenfeindschast der Nationalsozialisten geißelte. Aus dieser Rede, die eine Antwort an den Nationalsozialisten Dr. Ley darstellte, sind heute noch ergänzend zu unserem vorwochentlichen Bericht nachstehende Ausführungen mitzuteilen. Dr. Linneborn führte aus: „Ich muß es ausdrücklich a b l e h n e n , wenn vor einiger Zeit versucht worden ist, auch das Zentrum als Helfershelfer für eine In den hetze anzusprechen, die ich für unsittlich und eines gebildeten, hochstehenden Volkes u n - würdig erachten muß. Diese Judenhetze ist namentlich auch in letzter Zeit durch völkische und nationalsozialistische Kreise in unser Volk hineingetragen worden." Als der Redner dann von den unwürdigen Schändungen israelitischer Friedhöfe sprach, erfolgten erregte Zurufe bei den Nationalsozialisten, in denen sie die Verantwortung für diese Schändungen ablehnen. Dr. Linneborn fuhr fort: „Ich sage nicht, daß Sie das getan haben, aber ich sage: das sind die Folgen der Idee, die die Völkischen und Nationalsozialisten vertreten. (Stürmischer Widerspruch und Unruhe bei den Nationalsozialisten, lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien und der Deutschen Volkspartei.) Wenn das deutsche Volk zu diesem Judenhaß aufgepeitscht wird, wie Sie das tun — ich habe Beweise dafür —, dann ist eine solche Verhetzung kräftig genug, um auch derartige schädliche Handlungen herbeizuführen." Dr. Linneborn sprach dann von dem früher von uns auch bereits erwähnten Bilde im „W e st deutschen Beobachte r", das den Gladbecker Schülermord als einen Ritualmord darstellte. .. .„Die Nationalsozialisten haben zur Entschuldigung der Zeichnung, die an dem Westdeutschen Beobachter' getadelt wurde, gesagt, daß das Bild, das der Westdeutsche Beobachter' gebracht hat, nichts anderes sei als eine Nachbildung eines Reliefs, das sich an der Kirche zu Oberwesel befindet. Ich habe eine Photographie von dem Bilde in Oberwesel hier. Es handelt sich darum, daß nach der Legende, und zwar aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, ein Christenknabe von Juden gemartert worden sein soll. ° Das ist dort dargestellt. Das zeigt auch die Umschrift um dieses Bild. Nun wissen wir alle, wie im Anfang, als das Christentum auch in die heidnische Welt eintrat, den Christen Schandtaten nachgesagt wurden, und daß das den Juden gegenüber im Laufe der Zeit auch immerfort aufrechterhalten worden ist. So auch der Vorwurf des Ritualmordes. Wenn das im 13. Jahrhundert geschehen ist, dann bestreite ich Ihnen als modernem Menschen, als einem Menschen, der mitten in der öffentlichen Bewegung steht, der die ganzen Verbindungsmittel der Menschheit kennt, das Recht, nun in ähnlicher Werse, und zwar frivol aus der Luft gegriffen, dem Judentum und unseren jüdischen Staatsbürgern denselben Vorwurf zu machen und das in einer Art und Weise darzustellen, wovon jeder gesittete Mensch sich mit der größten Empörung abwenden muß. Wenn das meine persönliche Meinung allein sein sollte, dann lege ich Ihnen hiermit drese Zeichnung auf den Tisch des Hauses, auf das jeder sehen kann, in wie schändlicher Weise hier der Haß gegen das Judentum gepflegt wird, wo der Mord an Daube, jenem unglücklichen Gymnasiasten, in einen Ritualraum der Juden hineinverlegt wird, wo die Juden in einer Art und Weise dargestellt werden, daß sich jeder mit Empörung abwenden müßte, wo die Juden dargestellt sind, wie sie das Blut schöpfen und aussaufen. Anders ist es nicht, und ich freue mich, daß Sie, verehrter Herr (zum Abgeordneten Dr. L ey), den Mut haben, dieses Bild hier noch zu verteidigen! (Abgeordneter Dr. Ley: „Selbstverständlich, das tue ich auch!") Das ist eine Charakterisierung derjenigen Tätigkeit, die Sie im Namen des Christentums hier führen wollen. (Lebhafte Zustimmung und Pfuirufe im Zentrum, große Unruhe bei den Nationalsozialisten: Zuruf des Abgeordneten Haake (Nationalsozialist): „Warum haben Sie denn nicht ein ähnliches Bild von Ihrer katholischen Kirche in Obersranken mitgebracht?") Das habe ich nicht erhalten können, und ich habe auch anderes zu tun, als hier Ihren Unsinnigkeiten nachzugehen. Dazu habe ich keine Verpflichtung. Aber als Vertreter auch des gesamten preußischen Volkes habe ich die Verpflichtung, solche Schändlichkeiten hier vor dem ganzen Hause mit der gebührenden Empörung zu geißeln und mich mit Ekel davon abznwenden. (Lebhaftes Bravo im Zentrum, bei den Sozialdemokraten und bei den Demokraten.) Herr Hube ist derjenige gewesen, der dann den Mut gefunden hat, zu erklären, er spreche im Namen derjenigen Katholiken, die sich nicht politisch im Zentrum zufammengefunden hätten, und ich meine, ich habe das Recht, nun auch diese Katholiken einmal zu fragen, ob sie wirklich Herrn Hube beauftragt haben, ihr Sprecher zu sein. (Sehr gut! im Zentrum. — Abgeordneter Dr. Ley: „Genau wie Sie sich als Vertreter des gesamten Volkes hinstellen!") — Dafür bin ich gewählt, aber Herr Kube ist nicht von den Katholiken, die außerhalb des Zentrums sind, beauftragt, zu sprechen. . . . Nun, meine verehrten Damen und Herren, ich habe soeben dieses nationalsozialistische Kulturdokument auf den Tisch des Hauses gelegt. Ich habe soeben feststellen können, daß jeder diese Zeichnung als eine verächtliche Verhöhnung des Judentums ansehen muß. Ich glaube nicht, daß man bei dieser Zeichnung von immanenten Knnstregeln und -gesehen sprechen könnte, die man nicht antasten dürfte. Es findet sich auch nicht, glaube ich, irgendwie ein Anlaß, das als eine wirtlich gelungene Karikatur, als Witz und Humor zu bezeichnen . .V' Das Charlottenburger nationalsozialistische Schülerflugblatt. Schüler I Schülerinnen Berlins! a Mil allen Mitteln versuchen und &3aefi4«»t»4 chre volksfeindlichen Irrlehren auch bef Schuljugend etnzuimpfen &tsIätt£mioif$e«&tsm und Lehrerschaft bet heutigen Republik leisten willkommene Vorspanndienste bet dieser Verseuchung unseres Volkes Unsere (fltctn und di« gesamte nationale Bevölkerung uu ,n r>-m Wahn, diesem zielsicheren Wirken der Marxistische« Schlltsrs durch Zeitungsartikel ein Ende bereiten zu können. ®it SchMer «»b SchMerir,«?« firrd gev-illt. trotz alle« Verbote u«d fo«sttge« Schika«e«. aÜ Gchrrlvott de« ««getragene« K a «r p f au^unt^men gegen Judentum, Marxismus und jegliche EBBI Knechtseligkeit des heutigen Staates; für ein freies u. gerechtes Deutschland i In der l. großen Nationalsozialistischen Schülerversammlung spricht am Do««erstag, den 8. Mat. < Himmelfahrt ) vormittags t0 Uhr im Viktsriagarte«. Wilmersdorf. Wilhelmsaue 114—115 ficket Wagner, m. r>. et. Schulkampf? Unkostenbettrag 10 Pfg Kameraden. Kamerad innen bilde! die Kampffront volksdewuvker Schuljugend! Htvsi« t« de« Ratlo«arsoKia!isttfche« Deatfche« GetzflSssbrrrrd. $4 lebe Ds«tsch!a«d! Nationalsozialistischer Deutscher Schülerbund Berlin. Anmeldungen und Fragen an: N. S D. S ch ü l e r b u n d. Fbarlottenbrrrg, Berliner Straße 77. Fernruf: Wilhelm 8027 Sprechstunde daselbst Donnerstags don 5 -6 Uhr Druck i W. Flndeif«n .Ldarlbg., Oldersstr 7. Wir berichteten in der „C. V.-Zeitnngu Nr. 16 vom 19. April von dem Flugblatt, das am 10. April an Charlottenburger Schulen angeklebti und vor den Schulen verteilt wurde, um die Schüler zu einer nationalsozialistischen Sclnilversaramlung aui'zurufen. Es ist uns erst jetzt gelungen, dieses Flugblatt im Original zu erhalten, und wir ersehen daraus, dass der Tatbestand noch viel trauriger ist, als wir ihn neulich schilderten. Es handelt sich hier um einen Schülerbiind, also um eine politische Organisation fiir Schüler, die den Zweck hat, die Schüler gegen die Eltern, gegen das Kultusministerium und die Lehrerschaft und schliesslich gegen die Mitschüler, die nicht der gleichen Ansicht sind, auf zu hetzen. Der Text dieses Flugblattes ist so erschütternd, dass wir es für unsere Pflicht halfen, es im Original hier wiederzugeben.