Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 17 (25.4.1929)
- Date
- 1929-04-25
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Körperhaltung sich eine gewisse Erscheinungsform gebildet habe, die vergleichbar sei mit dem charakteristischen Aussehen^ eines Gelehrten oder eines Bauern. Wenn dies richtig ist, so muß sich dieser Gesichtsausdruck ändern, sobald jene psychologischen Ursachen schwinden, so wie der Bauer sein Aussehen ändert, wenn er die Scholle verläßt, um ein Stubenhocker zu werden. Und das ist in der Tat der Fall, wie wir später sehen werden. Aus diesem Grunde schließen sich auch Feist sowie Boas im wesentlichen dieser Meinung an. Uebrigens hat gerade Boas selbst, worauf in dieser Zeitung schon wiederholt hingewiesen wurde, die Veränderlichkeit der Schädelform und der Körpergröße bei den nach Amerika einwandernden polnischen Juden erkannt und beschrieben. Prüfen wir nun, was denn eigentlich am jüdischen Gesicht das besonders Charakteristische ist. Zunächst einmal ist es nicht die Nase! Nur die Witzblattzeichner geben je.dem Juden eine krumme Nase; F i s h b e r g hat in ausgedehnten Messungen gezeigt, daß kaum eiu kleiner Bruchteil aller Juden eine gekrümmte Nase ausweist; etwas größer ist die Zahl der Nasen mit hängender Spitze, aber die Mehrzahl hat durchaus uncharakteristische Nasen. Auch die oft behauptete charakteristische Form des Auges, die sogenannte mandelförmige Lidspalte, ist ganz bestimmt nicht stichhaltig. Das häufige Vorkommen von dunklem Haar und dunklen Augen ist nur im Gegensatz zu einer Umgebung von Blonden und Blauäugigen, also in Skandinavien, England, Norddeutschland, ein Unterscheidungsmerkmal. Je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr tritt hier jeder Unterschied Zurück. Wichtiger erscheint mir die Form der Lippen. Besonders die wulstige Unterlippe ist es, die für mein Gefühl das Wesentliche am jüdischen Aussehen eines Gesichts ausmacht. Sodann Kräuselung des Haares, die viel charakteristischer ist als die Farbe. Aber, um es noch einmal zu betonen, alle diese Eigenschaften, also z. B. eine bestimmt geformte Nasenspitze, eine dicke Unterlippe, eine gewisse Haarform, brauchen keineswegs zusammen vorhanden zu sein, damit wir von einem Gesicht jüdischen Eindruck gewinnen. Oft ist es nur einer dieser Züge, der unser Urteil bestimmt. Ost ist aber auch keine dies er oder ähnlicher Eigenschaften vorhanden und nur die schon vorhin erwähnten Umstände der Körperhaltung, des Mienenspiels, des Stimmklangs, der Beweglichkeit sind es, die unseren Eindruck formen. Jedenfalls hat S t r a tz recht, wenn er sagt, daß „unter allen Rassen der Erde bei . einzelnen Individuen und Familien jüdisch aussehende Menschen Vorkommen". Fishberg hat sogar eine ganze Menge solcher Bilder gesammelt und äbgebildet; dabei handelt es sich um Stämme, bei denen eine Ver Mischung mit Juden ausgeschlossen ist: neben Japanern nordamerikanische Indianer und Papuas, Bakairi und Afghanen. Uebrigens spricht der Umstand, daß im Mittelalter.die Juden gezwungen wurden, einen gelben Fleck als Abzeichen zu tragen, durchaus dafür, daß auch damals nicht alle Juden jüdisck) aussahen; wäre dies der Fall gewesen, so hätte man nicht nötig gehabt, sie gewaltsam zu kennzeichnen! Und nun kehre ich zurück zum Ausgangspunkt, d. h. zu der Forderung, bei eigenem Studium dieser Fragen sich freizumachen von der Willkür, die in der Auswahl unserer Objekte liegt. Die meisten Forschungsreifenden früherer Zeit bringen (ebenso heute noch viele populäre und halbpopuläre Bücher) oft die Photographien bestimmter Personen mit der Unterschrift „typischer Malaie" oder „typischer Perser" oder „typischer Germane". Das sind natürlich stets Individuen, die man willkürlich zum Typus verallgemeinert hat. Oft charakteristischer für den Autor als für feine Objekte, denn sie zeigen uns, was er für charakteristisch hält! Um dieser Gefahr der willkürlichen Auslese zu entgehen, habe ich mehrere Hunderte von Paßbildern junger Ostjuden, die aus dem Wege nach Uebersee Berlin passierten, zu Tafeln zusammengestellt. Die Paßstelle der jüdischen Wanderfürsorge gestattete mir die Entnahme der Bilder, die sämtlich ungefähr gleich groß und frei von Netouche waren. Ich wählte Männer im-Alter von 20 bis 30 Jahren, die sämtlich aus Russisch-Polen stammten, also auch in bezug aus Wohnmeise, Sitte und Lebensart ein einheitliches Menschenmaterial darstellt-en. Vor allem aber, und das ist die Hauptsache, sind diese Personen so, wie sie die Paßstelle passierten, hintereinander genommen, ahne jede Auswahl meinerseits. Hier ist also jede Willkür des Untersuchers ausgeschlossen, und die Fixierung auf großen. Tafeln gestattet es, zur Kontrolle meiner eigenen Ansicht die Bilder beliebig vielen anderen Gutachtern zu unterbreiten. So konnte man Zunächst die Frage studieren: wie viele dieser Gesichter sehen jüdisch aus? Die Leute waren im Aeußeren allesamt schon „modernisiert", kein Kaftan, kein Kopskäppchen, keine Schläfenlocken, vielmehr Kragen usw. Also siel auch die Fehlerquelle der andersartigen Tracht fort, die während des Krieges unsere Soldaten so oft über die „Erkennbarkeit" des Ostjuden täuschte. Da zeigte sich nun, daß nur 29 v. H. dieser Männer zu m s o g. jüdischen Typus Zu rechnen w a r e n. Andere Beurteiler dieser Bilder kamen säst genau zu denselben Zahlen wie ich. Es fanden sich aber auch einige ausgesprochen schmale „nordische" und ausfallend viele breite „ostische" Gesichter, um die Güntherf ch e n Bezeichnungen zu gebrauchen: Germanen oder Slawen nach der üblichen Bezeichnung. Es ist dies ein neuer Beweis für die j alte Erfahrung, daß die Juden sich überall in ihrer j äußeren Erscheinung dem anthropologischen Typ I ihrer Umgebung angleiche n. Das ist nicht nur durch die Vermischung mit umgebenden Nichtjuden in Mischehen zu er- | klären, sondern auch durch die sehr komplizierte Wirkung, die Klima, y Ernährung, Lebensweise, Denkungsart und Landessitte auf die Körperform ausüben. Dies ist der Grund, warum wir in Polen und [• Rußland so viele slawisch aussehende Juden treffen, in Italien und? Südsrankreich „romanische Juden", in Nordafrika „arabische Juden", hi Deutschland, England und Skandinavien „germanische Juden". Denselben Mangel an Einheitlichkeit finden wir, wenn wir die ö Farbe von Haar und Augen betrachten: von den Abgebildeten \ hatten 5 8 v. H. braune oder schwarze, also dunkle Augen,? 4 2 v. H. blaue, graue oder sonst helle Augen. Die Haar-- färbe war dunkel bei 67 v. H., hell- oder dunkel b l o n d bei :: 3 0,5 v. H., rot bei 2,5 v. H. Besonders wichtig ist die Häufigkeit " der Kombinationen: Blau-blond, d. h. blaue Augen bei blondem " Haar, letztere 8 v. H., und Dunkeltypen, d. h. dunkle Augen bei >- dunklem Haar, zeigten 59 v. H., während der Rest auf Mischtypen entfällt. Da derartige Nt i sch typen, wie z. B. Blauäugige mit s. schwarzen Haaren oder Blonde mit dunkler Iris, ein sehr wichtiges f Kriterium für Rassenmischurig sind, finden wir sie am seltensten bei f Völkern reiner Rasse, wie den Schweden, den Sizilianern oder j; Griechen. Daß etwa ein Drittel dieser Ostjuden solche Mischtypen h sind, ist ein wichtiger Beweispunkt gegen ihre Reinrassigkeit!' p Uebrigens passen unsere Prozentzahlen sehr gut zu den Angaben f Fishbergs über seine New UvAer Untersuchungen an Ostjudon. i Auch ihre Körpergröße liegt in den von ihm und W e i ß e n b e r g 4 angegebenen Grenzen; durchschnittlich sind sie nur 161,5 Zentimeter groß, also recht kleine Menschen. Hier ist aber aus die schon erj| wähnte Verlängerung der Gestalt hin-Zuweisen, die unter besseren § Lebensbedingungen rasch eintrttt, nämlich in ein bis zwei Genef rationen. Weisen doch die in New L)ork geborenen Juden eine durchschnittliche Größe von 167,9 Zentimeter auf, und die Juden von London-Westend erreichen sogar im Durchschnitt 171,5!! Auffallend ist die Häufigkeit eines ausgesprochen g e i st i g e n \ Ausdrucks auf den Gesichtern meiner Paßbilder und, worauf be- J sonders Hans Frieden thal aufmerksam gemacht hat, die 1 Seltenheit eigentlich derber oder bäuerischer Züge. Dabei sind diese $ Leute in ihrer sozialen Stellung durchaus keine Geistesarbeiter, p keine sogenannte Oberschicht, vielmehr zu 80 v. H. Handwerker p und Arbeiter, zu 14 v. H. Händler oder K a u f l e u t e und nur 6 v. H. freie Berufe, wie Studenten, Lehrer u. dgl. Der $ einzige Schriftsteller unter ihnen zeigt allerdings eine ganz charak- :i teristische Turchgeistigung seiner Züge, so daß sein etwas schwärj merisches JdeaUstenantlitz jedem Beschauer sofort aufsällt. Aber ein J ähnlicher Eindruck bietet sich auch bei vielen anderen, deren Paß sie Z als Schuhmacher, Schneider oder ungelernte Arbeiter ausweist. — H Nach der gleichen Methode ist aus den Paßbildern von Frauen jj eine Tafel hergestellt worden. Tie Zahl der auswandernden Ost- | jüdinnen des entsprechenden Alters war zu gering für Wissenschaft- ’[] siche Beobachtungen, und Kinder oder Greisinnen eignen sich nicht zu *] derartigen Untersuchungen. Ich gebe daher die folgenden Zahlen nur mit aller Reserve. Außerordentlich viele zeigten das typische J Bild der Slawin. Nur 26 v. H. den eigentlich "jüdischen Typus. f Ganz selten, kaum 5 v. H., sind die germanisck)en Gesichter. Diese J Personen zeigen auch die zu ihrem Gesichtsausschnitt passende „Blau- 1 blond-Kombination", b. h. blaue Augen und Blondhaar. Genau die;f Hälfte weist die Kombination von dunklem Haar mit dunklen Augen auf, und die Mischtypen erreichen hier sogar die Höhe von 45 v. H. S Als Ergänzung zu dieser Methode habe ich eine zweite zum Studium j des w e st jüdischen Gesichts benutzt, und zwar sammelte ich aus f den illustrierten Zeitschriften die Abbildungen jüdischer Männer. Da j es hier nur aus die Abstammung ankam, waren natürlich aus dem j Judentum Ausgetretene und Getaufte mitzuverwerten. Es waren im l Gegensatz zu nieinen Ostjuden ausnahmslos Prominente, denn man j muß aus irgendeinen! Gebiete prominent sein, um sein Bild veröfftntjj licht zu sehen. Diese Bilder sind methodologisch weniger brauchbar g als die Paßbilder, denn sie sind retouchiert. Die Menschen gehören 1 verschiedenen Altersklassen an. Ihre Kleidung, ihre Haltung, ihr ] Ausdruck sind bisweilen für die Öffentlichkeit zurechtgemacht — und j trotzdem fast genau dasselbe Resultat: auch hier etwa 30 v. H., die ,j man, ohne sie zu kennen, für jüdische Typen erklärte. Nur war die | Zahl der nordischen bzw. germanischen Köpfe vielleicht ein wenig || höher; ich sage „vielleicht", weil gerade dieser Typus oft sicherlich das § Wunschbild war. J Gewissermaßen als Gegenstück zu diesen modernen Judengesichtern 1 habe ich aus dem bekannten Buche von K o h u t 292 Porträts be- 8 rühmter Juden daraufhin geprüft, wie viele ausgesprochen jüdischen § Typus zeigen; es waren 141, also 48 v.H. Daß diese Zahl so viel j höher aussiel, wird nur zum Teil durch die altvaterische Haar- und I Barttracht erklärt; es scheint doch auch im Typus in den letzten Jahrjj zehnten eine deutliche Angleichung an die nichtjüdische Umgebung statt- § gesunden zu haben. Dafür sprechen die New Iorker Untersuchungen 1 an den Auswanderern und ihren Kindern. 1 Ich bin weit davon entfernt, meine Resultate für abschließend ß und endgültig zu halten. Aber ich glaube, daß es nützlich war, mit z einigermaßen exakter Methode ein Gebiet zu betreten, auf dem ß grenzenlose Willkür, Voreingenommenheit und Tendenz sich nur 1 allzusehr tummeln. |