Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277849--05183-2285896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20S Ein weiterer Vorschlag wäre der, daß versucht würde, die Unterrichtsbehörden dahin zu bringen, daß sie sür jeden Religionsunterricht vorschreiben, daß darin gelehrt wird, daß Toleranz das höchste Gebot ist, daß jede Verunglimpfung eines Glaubens der Allgemeinheit schadet usw. Vielleicht ließe sich dieses Thema selbst in der Staatsbürgerkunde abwandeln. Jedenfalls glaube ich, daß dieser Vorschlag eher Erfolg haben dürste. Lehrt Geist und Körper sich wehren Von Gertrud Lichtenberg (Hannover) Als Mutter und frühere Lehrerin halte ich die Schaffung eines sogenannten „Wehrbuches" nicht nur sür wünschenswert — sondern sogar sür eine Notwendigkeit. Meiner Meinung nach müßte es m Fassung und Ausbau dem sogenannten „Anti-Anti" ähneln, dessen Kenntnis ich woh! bei dem größten Teil unserer Leser voraussehen darf. Aber das Büchlein, das lediglich gewissermaßen ein Gerippe darstellen soll, gehört nur in die Hand des Neligionsleh rers, dessen Aufgabe es sein muß, es mit pulsierendem Leben zu erfüllen. Für einen Jugenderzieher, der das nicht vermag oder will, hätte das ausführlichste Werk mit den besten markantesten Beispielen keinen Zweck. Aber zum Glück wächst uns ja eine junge, moderne Generation von Jugendbildnern heran, die es vermögen, unsere Kinder lebendiges Judentum zu lehren. Ihnen murren amauch bezüglich des Webruuches verirauen. In diesem Zusammenhänge möchte ich noch auf die körperliche Ertüchtigung unserer Jugend Hinweisen. Das jüdische Kind, das sich — nötigenfalls — auch körperlich „wehren" kann, wird einen leichteren Stand auch judenseindlichen Mitschülern gegenüber haben; denn der kindlichen Psyche imponiert bekanntlich körperliche Kraft mehr als geistige Vorzüge. Wenn ein Kind im Turnen Ungenügendes leistet, sollte ebenso für häusliche Nachhilfe gesorgt werden, als wenn es sich um Lücken im wissenschaftlichen Unterricht handelte. Denn Turnen ist heute kein „Nebenfach" mehr wie in der Vorkriegszeit. Diejenigen Machen Schulkinder, die mit den notwendigen geistigen Waffen für den Abwehrkampf auch nicht körperlich hinter ihren christlichen Mitschülern zurückstehen, werden ihren Platz an der Sonne im Schulleben, das für sie die „große Welt" bedeutet, behaupten können und nicht, wie der kleine Leo Silberstein in Glasers „Jahrgang 1902" zum Gespött ihrer „starken" Lehrer und Mitschüler werden. Benutzt unsere Aufklärungsschriftent Von Br, Alfred Goldschmidt Man hört nicht selten, daß Menschen, die als Juden in eine sie peinigende Situation kommen, sich ihr im Augenblick nicht gewachsen erweisen, weil sie über das Material nicht verfügen, das der Augenblick erfordert. Schlagsertigkeit wird um so eher ausgelöst, wenn Menschen über das geeignete Material verfügen. das zur Ueberwindung des Augenblicks erforderlich ist. Dieses A b w e h r m a t e r i a l liegt ja glücklicherweise sehr reichlich in geeigneter konzentrierter Form beim Central verein vor. Der Gedanke, es dem jüdischen Kinde in systematischer Form durch Eltern und Lehrer von dem Augenblick an. wo das jüdische Kind zum erstenmal in Gegensätze gestellt wird, zuzuführen, kann nur begrüßt werden. Die Mutter eines Vierzehnjährigen Ich hätte den Wunsch, auch in den h ö h e r e n Schulen schon in der Untersekunda damit zu beginnen, da viele Knaben schon nach Vollendung dieses Schuljahres ins Leben treten und dann nichts mehr von der späteren Unterweisung hätten. Bekämpft den Indifferentismus t Von Lehrer Iwan Goldschmidt (Bütow L Tömmern) Wir müssen eine Grenze ziehen Zwischen den Schulen in Groß gemeinden und den L-chrstütten von Mittel- und Kleingemeinden. In diesen ist ein Wehrunterricht in skizzierten oder ähnlich zu machenden Vorschlägen möglich, in jenen aber nur sehr schwer durchführbar. Und gerade sollte die Jugend des platten Landes im Aufklärungsdienst besonders stark aktiv emgreifen können. Doch welche Motive erschweren diese Gemeinschaftsarbeit für bas Judentum auf dem Lande? Einmal haben die Kleingemeinden mit schweren finanziellen Sorgen zu kämpfen; sie sind nicht i in stände, ihre Beamten standesgemäß zu besolden, geschweige denn auch noch umfangreiches Lehrmaterial für diesen Nn'terrichtszweig zu beschaffen. Ebensowenig kann man von dem Lehrer verlangen, der ja zu seiner eigenen Fortbildung schon einen Teil seines Monatsgehaltes verwenden muß, daß er auch noch zur Erteilung des W e h r u n t e r r i ch t s eigene Mittel zur Verfügung stellt. Die Finanzsrage wäre aber wohl ein Uebel minderer Art, da sicherlich die maßgebenden Stellen zur Erreichung dieses hohen Zieles Mittel zur Verfügung stellen würden. Weit 'gefährlicher ist der Gei st des Jndifferentismus, der in den Kleingemeinben herrscht. Hierin liegt der Haupthaken, weshalb wir nur schrittweise vorwärts kommen. Die Jugend sollen wir gewinnen, wenn das Alker uns „guasi" entgegenarbeitet?! Die Schule soll in dieser Hinsicht auch segenbringenv wirken, wenn das Haus die S t ü tz e i h r v e r s a g t?! Wer die Jugend unserer Kleingemeinden durch Wehrunterricht zur Mitarbeit heranzichen will, der mutz erst einen Nährbode n f i n d e n in dem Alter. Solange die Eltern noch hohnlächelnd über Antisemitismus sich hinwegsetzen und erst dann an ihn glauben, wenn Schaufenster klirren, Geschäfte geplündert werden und Pogromstimmung herrscht, werden wir Lehrer nicht viel mit unserem Wehrunterricht erreichen. Die Stimme eines christlichen Lehrers Von Oberstudiendirektor Br, K. Müller (Potsdam) Oft habe ich mich gewundert, daß nicht schon bisher seitens der jüdischen Gemeinde Drittel angewendet wurden, um die Jugend mit den Kenntnissen zu versorgen, die Ledermann empfiehlt. In Gesprächen mit solchen Kindern auch in reiferen Jahren mußte man immer wieder die Feststellung machen, daß sie entweder von diesen Dingen nichts wußten oder mit der Sprache nicht richtig heraus wollten. Gerade an einer Schule, an der antisemitische Ausschreitungen nicht selten waren — obgleich der Leiter mit aller Enrschiedenheit gegen sie vorging —, mußte eine gewisse Bedrücktheit bei jüdischen Kindern festgestellt werden. Sie konnte sich nur aus dem Bewußtsein erklären, in einer h o f f n u n g s los e n Minderheit zu sein, und vielleicht auch daraus, daß man das, was man wußte, nicht recht anwenden konnte, oder vielleicht geradezu ohne diese Abwehrmittel zu sein. Die Kenntnis, die vermittelt werden soll, wird um so notwendiger werden, als der A r b e i t s u n t e r r i ch t in den Schulen je länger je mehr sich durchsetzt. Denn die Themen, die genannt werden, kommen dann schon durch die Mitarbeit der Kinder selbst zur Sprache. Sie tragen selbst die Bausteine herbei, aus denen sich das neue Wissen in seiner Gesamtheit ausbauen soll. Dieser „Wehrunterricht" wird sich daher nicht allein darauf erstrecken müssen, den Kindern die genannten Tatsachen zu übermitteln, sondern er wird ihnen auch Mut machen müssen, sie bei MERAN. CONTI NENTAl-Hotel Modernes Haus mit letztem Komfort. An der Promenade. Pension von M. 11,— bis M. 15,— sich bietender Gelegenheit im eigentlichen Schulunterricht vor ihren Lehrern und Mitschülern anzuwenden. Daran fehlt es in den meisten Fällen, weil die jüdischen Kinder nur zu oft das niederdrückende Bewußtsein haben, das sie treibt, sich lieber mit den sie und ihren Glauben angehenden Dingen im Hintergründe zu halten, als es noch selbst zur Sprache zu bringen. Es muß ihnen eine Selbstverständlichkeit sein, daß sie ebenso ein Teil des Bolkessind, wenn sie auch einen anderen Glauben habe nals die anderen, und sie müßten es als Pflicht empfinden, daß sie diesen Glauben auch bei Erörterungen bekennen und verteidigen. Daß das ohne Aufdringlichkeit geschehen muß, ist selbstverständlich und wird auch fast immer so geübt werden. Setzt sich dieses Bekennen und Verteidigen erst durch, dann wird auch das andere erreicht, daß die andersgläubigen Kinder es als Selbstverständlichkeit anerkennen. So wird der „Wehrunterricht", wenn er seine mittelbaren Wirkungen im Schulunterricht ausübt, zur wirksamen Erziehung der Mitschüler anderen Glaubens werden. In 'diesem Unterricht sollte auch auf die Bedeutung des jüdischen Geisteslebens und Wirkens eingegangen werden. Gewiß sind jüdische Künstler, Schriftsteller und Musiker wie andere Geistesgrößen stets mit berücksichtigt worden; aber solange das Bestreben besteht, dem Judentum nur destruktive Tendenzen zu unterstellen und es so herabzusetzen, sollte die positive Bedeutung doch nicht in den Schatten gestellt werden. Ich erinnere mich deutlich, welch tiefen Eindruck es auf junge Mädchen machte, als ich mit ihnen den Kreis der „Schönen Jüdinnen" aus dem Anfänge des vergangenen Jahrhunderts besprach, wie Nahet und die anderen alle. Die kulturelle Leistung einer Glaubensgemeinschaft durch eine Geistesgröße wird dann bald sich in der Wertschätzung aussprechen, die den übrigen Angehörigen entgegengebracht wird. Und das kann in allen Fächern geschehen. Ich kann nur sagen, daß ich diesen „Wehrunterricht", den ich lieber jüdischen Kulturunterricht nennen möchte, begrüßen würde. Eindringendes Verständnis tut not Von Mittelschullehrer Br, H. Stern (Berlin) Es genügt für diese Sache nicht das bloße Wissen um T a t s a che n , die man in bestimmten Unterrichtsstunden den Schülern zum Zwecke der Abwehr von Angriffen auf den zurzeit beliebten antisemitischen Kampfgebieten „beibringen" kann. Solche Abrichtungen 2(1 Ü00, wie sie etwa der „A n t i - A n t i" oder mein „Angriff

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.