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Central-Verein-Zeitung · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · p. Seite 199

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
Seite 199 (sequence 3)
Language
German
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r Versammlung für Schüler! Eine Warnung von Oberschulrätin Dr. Hildegard Wegscheider. Vor Charlottenburger Schulen wurden am 10. April rote Zettel verteilt oder am Schulgebäude angeklebt, in denen die Schüler und Schülerinnen Berlins ausgerusen werden, den Kampf „gegen Judentum, Marxismus und jegliche Knechtseligkeit des heutigen Staates für ein freies und gerechtes Deutschland" auszunehmen. Weiter wurde die „erste große nationalsozialistische Schulversammlung" am Himmelfahrtstage angekündigt, bei der Reichstagsabgeordneter Lehrer Wagner über die Schule sprechen soll. Die Zettel stammten von der Charlotten- \ burger Zentrale der Nationalsozialisten. Der Landesverband Groß-Berlin des Centralvereins ist wegen dieses unerhörten Vorganges sofort bei dem Provinzialschulkollegium vorstellig geworden. Der berechtigten Empörung über diese Versuche, unter die Schuljuge^) statt des Geistes der Kameradschaft Haß und Zwietracht zu^säen, gibt nachstehender Aufsatz Ausdruck. ObersHulralin Dr. Wegscheider schreibt: Die Schule ist eine Stelle, die leicht zu überspülen ist von den Wogen des Parteikampfes, und zwar schlagen über die Schulmauern hinüber zuerst diejenigen Gewässer, die aus den engsten und wenigsten sauberen Bezirken! kommen und sich gerade deshalb diesen Weg bahnen, weil sie annehmen können, daß Unerfahrenheit und mangelndes seelisches Gleichgewicht der Jugend Ohren und Nerven für die lärmende Phrase zugänglich machen. Der ernsthafte politische Kampf um die Schüler wird naturgemäß in den Jugendorganisationen der Parteien und Weltanschanungsverbänden geführt. Daß daneben diese Jugend durch aufreizende Flugblätter von kommunistischer und nationalsozialistischer Seite direkt bearbeitet wird, daß nationalsozialistische Flugblätter erst jetzt wieder in Berlin bis in die Schulräume hineingetragen werden können, zeigt die Gefahren dieses Kampfes. „Juden" und „Marxisten" werden da in einem Atem genannt. Jüdische Kinder und Kinder, deren Eltern Sozialisten sind oder die sich selbst von den Ideen des Sozialismus bewegt kühlen, werden ebenso wie demokratisch gesinnte Lehrer aufs schwerste beschimpft. In diese Schulflugblätter flüchtet sich die alte Anklage, daß die Demokratie und ihre Stützen, die Linksparteien, es an nationaler Würde hätten fehlen lassen. In diesen Kreisen lebt auch das Dolchstoßmärchen noch fort, hier kann man noch von Juden als von Baterlandslosen reden. Jungen Seelen werden durch solches Beginnen schwere Wunden geschlagen; um ihrer Herkunft willen oder wegen ihrer Ueberzeugung wirft man ihnen Knechtseligkeit und niedrige Gesinnung vor. Die Nationalsozialistische Partei bereitet eine sensationelle Schulversammlung in Berlin vor. Was am 9. Mai der Lehrer Wagner, der Reichstagsabgeordnete, der Jugend sagen wird, das wissen wir im allgemeinen schon vorher. Aus erfahrene Leute kann es keinen Eindruck machen; aber zweifellos wird dieser Mann wie alle seine rednerisch tätigen Parteigenossen die Güte seiner Argumente durch einen scharfen Beiguß von Schmäh- und Schimpfwörtern aufzubessern suchen. Weder Lehrer noch Schüler brauchen solche Angriffe zu fürchten, wenn sie, was die neue Zeit von ihnen fordert, dafür gesorgt haben, daß der Erwachsene auf dem Rednerpult nicht gefürchtete Autorität ist, der man sich blind unterwirft. Die Schulen brauchen sich nicht vor solchen Angriffen zu fürchten, wenn Schüler und Schülerinnen gewöhnt sind, in freier Rede und Gegenrede fachlich durch gemeinschaftliche Arbeit der Wahrheit zuzustreben, wenn eine Erziehung zur Perachtung des Schlagwortes, eine Erziehung zur selbständigen Meinungsbildung in der Schule durchgeführt wird. Viel fehlt noch an dieser Erziehung! Aber die letzten zehn Jahre haben doch auch in der Schule eine Umlegung des Steuers erreicht. Ich glaube, daß die ängstliche Abschließung von der Oeffentlichkeit, von der Presse, von der Beteiligung am geistigen Kampf der Parteien, kurz dasjenige, was man im schlechten Sinne von rechts als Entpolitisierung feiert, daß das sich allmählich überleben wird. Daß die Schule ihre Innerlichkeit nicht mehr durch eine Mauer wird umhegen wollen, die sie vom Leben abfchnürt, sondern durch Entwicklung von Organen im Lehrer und in der Schülerschaft stärken, die Mut und Kraft geben, Angriffe unsachlicher Art zu verachten, sachliche Angriffe zu prüfen, ihre berechtigte Seite anzuerkennen, ihre Uebertreibung abzuwehren. Es ist vergebene Liebesmühe, die große Menge der Erwachsenen zur Veredelung des politischen Kampfes erziehen zu wollen. Aber in der Schule ist Gelegenheit dazu! Die Werdenden müsien Würde und Stolz mit energischem Kampfwillen und klarer Parteinahme verbinden lernen. Zwischen Alter und Jugend aber steht die Lehrerschaft. Ich habe das Vertrauen, daß ein großer Teil von ihr beweglich und pflichtbewußt genug ist, um diese Erziehung an sich selbst vorzunehmen und sie dadurch auch für die Jugend zu sichern. „Wehrunterricht“ Eltern, Lehrer und Jagend sprechen - Schlusswort von Jakob Ledermann Der oben geschilderte Vorgaug zeigt von neuem, wie wichtig es ist, daß die jüdischen Kinder in die Lage versetzt werden, schon in der Schule ungerechtfertigten Anfeindungen gegen das Judentum entgegenzutreten. Wenn Frau Dr. W e g s ch e i d e r in ihrem Aufsatz Erziehung zur Verachtung des Schlagwortes, freie Aussprache in Rede und Gegenrede, Ueberprüsung sachlicher Angriffe und schließlich die Erziehung zur Veredelung des politischen Kampfes fordert, so. fetzt all das, soweit es sich aus die Judenfrage bezieht. Wissen vom Judentum, Kenntnis der üblichen judenfeindlichen Schlagwörter und ein genaues Wissen um die Tatsachen voraus, die zu ihrer Entkräftung dienen. Um den Kindern dieses Wissen zu vermitteln, schlug Jakob Ledermann in Nr. 10 der „C. V.-Zeitung" vom 8. März die Einrichtung einer Unterrichtsstunde vor, die er als „Wehrunterricht" bezeichnet^ Aus der außergewöhnlich großen Zahl von Zuschriften, die uns zu diesem Aufsatz aus Kreisen der Elternschaft, der Lehrer, der Rabbiner und der Jugend selbst zugegangen sind, geben wir' nachstehend einige Briefe auszugsweise wieder. D i e S ch r i s t l e i t u n g. Auch die Eltern sollten lernen! Von Helene Raphael In mir wehrt sich alles gegen den Wehrunterricht. Ich halte die Idee für falsch und unausführbar. Falsch: denn was Herr Ledermann hier fordert, einen Aufklärungsunterricht über jüdisch-ethische und jüdisch-politische Fragen, gehört nie und ui m m er in de n S ch u lunterri ch t. Aus zwei Gründen: weil die Schuljugend auch nicht auf religiösem Gebiete Politisch bearbeitet werden darf, und dann, weil in dem Sinne, wie es Herr L. meint, ja ein großer Teil der Eltern mit Recht erklären würde: „Fragen wie die, sind wir Juden Deutsche oder Fremde? berühren unsere Einstellung. (C. V. oder Zionisten.) Wir verbitten uns derartige Aufklärungsarbeit in der Schule, die gehört ins Hans." Das ist der Kern der Frage. Im Hause soll und muß jede^Mutter und jeder Vater derartige Aufklärungsarbeit leisten; aber schule und Lehrer müssen sich davon frei halten. Unausführbar: weil, soviel mir bekannt, die Oberschulbehörde die Unterrichtsfächer bestimmt und schwerlich geneigt sein dürfte, derartigen Vorschlägen zuzustimmen. Aber auch hier ist noch ein Zweiter Einwand zu machen: der Vorwurf, waren die Juden Drückeberger im Weltkriege? müßte auch behandelt werden. Sollten wir nicht um des lieben Friedens willen von uns aus darauf verzichten, den unseligen Krieg und die an ihn sich anknüpfenden Lügen immer wieder in unseren Kindern wachzurufen? Aber nach so viel Ablehnung möchte ich Herrn Ledermann einen anderen Vorschlag machen. Ich habe ihn auf anderem Gebiete und an anderer Stelle gerade jetzt auch gemacht. Was uns fehlt, ist eine Generation „erzogener Elter n". Wenn unsere Eltern in ihren Häusern nach ihren Anschauungen leben, wenn sie den Kindern Vorleben, was ein guter Jude ist (ganz einerlei, welcher Richtung er angehört), wenn sie die Kinder mit ihren Anschauungen vertraut machen, dann wird dieses Vorbild viel mehr' bedeuten als jede Schulstunde, die sich damit befaßen würde. Also mögen sich die Eltern mit all diesen Fragen erst selbst beschäftigen, sich darüber: aussprechen und es vor allem vermeiden, die Kinder in einer oder der anderen Weise religionspolitisch beeinflussen zu wollen. Nur durch eigenes Erleben kann sich der Mensch eine Anschauung bilden.

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