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Central-Verein-Zeitung · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · p. Seite 198

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
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Beft e Hungen aufFefitagskaf fee unter Aufficht des Rabbinafs geröffet, werden durch alle meine Filialen ausgeführt, sel.Wwe. schreiben; jeder kann von seinem politischen Standpunkte aus das aus dem Programm herauslesen, was er für sich persönlich wünscht. Das gibt auf der anderen Seite dem nationalsozialistischen Redner die Möglichkeit, seinen Hörern einen in seiner Mischung je nach Ort und Zusammensetzung der Zuhörerschaft wechselnden, wenn auch immer judenseindlich garnierten Brei vorzusetzen. In der Stadt wird die allgemeine Rot der Beamten, der Hausfrauen und der kleinen Leute, Wohnungselend und Arbeitslosigkeit geschildert; den Bauern wiederum bringt man zum Bewußtsein, wie schlecht es ihnen durch die Zoll- und Steuerpolitik der jeweiligen Regierung gehe. Schwierigkeiten der Gegenwart, die niemand wegleugnet, weil sie jeder am eigenen Leibe verspürt, bilden ein bequemes Mittel, die Zuhörer darüber hinwegzutäuschen, daß man selbst kein Mittel weiß, um einen durchgreifenden Wandel zu schaffen. So wühlt man die Menschen innerlich auf, verwirrt ihren Blick und hetzt sie in eine Kampfstellung gegen Einrichtungen oder Personen, die entweder an ihrer schlechten Lage unschuldig sind oder die den ernsten Willen zur sachlichen Hilfe haben. Der alte Kehrreim wird ewig neu gesungen: „Dis Juden und die Sozialdemokraten sind schuld." Gegen das Elend wird die Gewalt an gerufen. Wie ein roter Faden zieht sich die ständige Forderung des Bürgerkrieges durch alls nationalsozialistischen Referate. Kein Vorgang des öffentlichen Lebens bleibt unerörtert, denn es kann keine Maßnahme geben, die n u r gute Seiten hat. Das Nebel in dieser deutschen Welt ist geschaffen durch Demokratie, Judenheit, Schiebertum; alle sind darin verstrickt bis auf die Nationalsozialisten. Wenn wir an die Herrschaft kommen: z u e r st der Galgen. So hört es die Menge. Ihre Sinne werden betört. Und so entsteht bei der Schar der Unzufriedenen. die dem Redner lauschen, der Glaube, zu ihnen sprächen Menschen, die wirklich Herz und Verstand hätten für das, was Tag und Markt und Menge in trübem Sinne bewegt. So wird die Menge eingelullt und berauscht und ist dann unfähig, den Vorschlag ernsthaft nachzuprüfen. Wenn dann eine solche Rede in die Forderung ausläuft: „Nach innen und nach außen kann uns nur Eisen retten und nur Blut erlösen", dann glaubt man in dem Redner einen Menschen prophetischen Geistes zu sehen, und niemand kommt aus den Gedanken, daß das Eisen sich auch gegen ihn selbst kehren und daß sein eigenes Blut gefordert werden könne. So ist es begreiflich, daß die Nationalsozialisten vielfach ihre Versammlungen füllen und die Zahl ihrer Anhänger vermehren können. Denn Sensation jeder Art, Auflockerung der trübsten Instinkte feiern hier ihre Triumphe. Unnütz sind Erörterungen darüber, ob die Gesamtheit des deutschen Volkes und insbesondere die deutschen Juden durch die nationalsozialistische Bewegung in faßbarer Form geschädigt werden; denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das deutsche Volk und sein jüdischer Bestandteil ernsthaft in einem Augenblick b e d r o h t ist. wo die Masse der Unerfahrenen — besonders aus dem flachen Lande — ein willenloses Werkzeug in der Hand bedenkenloser Verführer darstellt. Auch in der Politik folgen viele gern dem Beispiel mancher Patienten, die die Kur bei einem bestimmten Arzte abzubrechen pflegen, wenn sie nach ganz kurzer Zeit nicht zum Erfolge geführt hat. So wird von mancher Seite der Wunsch geäußert, auch der Centralverein müßte seine Methoden ändern. Seins Kur nütze nichts. Denn sonst könnten die Hakenkreuzler ihren Menschenfang nicht weiter treiben. Grundsätzlich wird dabei übersehen, daß der neue Staat noch nicht fertig gebaut ist, daß die neue Wirtschaft erst Ansätze ihrer Entwicklung zecht, und daß in der Weltgeschichte jede Umwälzung stets einen Kampf zogen die Minderheiten mit sich brachte und mit sich bringen mußte. Man gibt mehr oder weniger freundschaftlich gute Ratschläge, ohne sich darüber flar zu sein, daß gewisse Grundtatsachen bei der Durchführung von Maßnahinen auch gegen Auswüchse der politischen Agitation zu allen Zeiten unverändert bleiben müssen. Denn die Menschen, auf die die Agitation hinzielt, sind in ihrer seelischen Stellungnahme zu bestimmten politischen und wirtschaftlichen Vorgängen gleichfalls unverändert geblieben. Was man also im Lause einer langen und vielfachen Erfahrung als wichtig und richtunggebend erkannt hat, wird man nicht in törichter Sucht nach Modernität nur deshalb künftig beiseite lassen 1 dürfen, weil man sich in diesem und jenem rmederyolen muß. I Die gegen die Juden gerichtete Propaganda wendet sich heute | wie zu allen Zeiten an dieselben Instinkte der Massen. Mt i dieser Tatsache muß auch zeder Versuch, die s,o entstandene s Erregung aufzulöfen und abklingen zu laffen, rechnen. Also: Wo Unwahrheiten verbreitet w erden, muß man Wahrheiten an ihre Stelle zu setzendersuchen. Woverleumdetwird.müssendieVerleumder zur Rechenschaft gezogen werden. Jeder geistige und seelische Betrug ist durch KlarstellungderUrsachenundBeeinflussung 1 derSeelen aufzuklären. Wer von diesen Grundsätzen g abgehen zu können glaubt, ist ein Phantast. 8 Unverantwortlich wäre die Methode, etwa durch Anpassung j der eigenen Gedanken und durch Einführung der j eigonenLebenssormindie Vorstellungs- und Wunschs Welt des Gegners diesen von seinen Jrrtümern befreien zu s wollen. Manche meinen in bester Absicht und in ehrlicher j Ueberzeugung von der Richtigkeit ihrer Ansicht, daß der Verhetzung der Landbevölkerung gegen die Juden durch Verpflanzung der Juden von der Stadt aufs Land entgegengewirkt werden könne. Und dabei soll es noch dazu gleich- J gültig sein, ob sich dieser jüdische Bauernstand in Deutschland oder in Palästina entwickelt. Niemand wird die Bedeutung fl einer vorsichtigen, von Verantwortungsgefühl und nicht von | Agitationsbedürfnis getragenen Berussumschichtung unter den jj Juden gering werten, niemand wird insbesondere die produk- E tive Arbeit jüdischer Bauern, wo immer es auch sei, unterjj schätzen. Aber eines steht fest: die Bedrohung unseres j Bürgerfriedens durch den Nationalsozialismus wird dadurch 8 nicht behoben werden. Es mag sogar sein, daß durch landwirtschaftliche Betätigung von Juden gewissen gegen die Juden gerichteten Angriffen der Boden entzogen wird. Aber der einj fache Mann, auf den die nationalsozialistische Propaganda ß wirken soll, vermag die Gedankenverbindung zwischen der kandjj wirtschaftlichen Betätigung von Juden und der Haltlosigkeit jj der nationalsozialistischen Reden nicht herzustellen. Und I selbst wenn alle Juden Bauern wären, würden die I Nationalsozialisten aus. dem nie erschöpften Schatz der I von ihnen verbreiteten angeblichen Tatsachen stets neue her- I vorzishen, um noch vergiftetere Waffen gegen Judentum und g Judenheit zu schmieden! Wer schützt uns übrigens davor, daß » gerade ein verstärktes Interesse der Juden für die Landwirtjj schast von den judenseindlichen Rednern nicht in dem Sinne 1 gedeutet würde, daß das Judentum hier nun auch den Der- \ such mache, den Bauern ihr Land zu nehmen? Aber noch ein l zweiter, viel bedenklicherer Umstand ist bei der Nachprüfung? dieses Vorschlages von jüdischer Seite zu berücksichtigen: es liegt in ihm ein sehr starkes Zugeständnis an die judenfeindj lichen Gedankengänge von dem unproduktiven Inhalt der von j Juden hauptsächlich betriebenen Berufe. Offenbar find viele jj Juden durch die fortgesetzt wiederholte Behauptung von dem j raffenden „jüdischen" im Gegensatz zum schaffenden „arischen" | Kapital selbst innerlich unsicher geworden. Noch immer ist ji z. B. der Handel wie zede Verteilung der Güter an die ihrer jj bedürfenden Menschen genau so wichtig gewesen wie die Er- 1 zeugung der Güter als solcher. Wir verhindern die Widerj legung dieses volkswirtschaftlichen Unsinns, wenn wir uns i selbst in unbegründeter Verachtung unserer wirtschaftlichen jj Betätigung dem Gegner zur Verfügung stellen. Nein, selbst auf die Gefahr hin, daß man unsere Methoden ij für veraltet hält und trotz aller Verlockungen, die auch für I uns in dem Suchen nach neuen Wegen liegen: Wir haben 1 aus unserer Arbeit gelernt, daß unser Prinzip richtig ist — und j bei aller Beweglichkeit unserer Taktik in Einzelfällen glauben § wrr die Pflicht zu haben, an unserer grundsätzlichen Methode I festzuhalten. Minderheiten werden immer bedroht bleiben. 8 Das ist ihr Schicksal, das auch zum Teil ihre Stärke bedingt. » Denn ihr Lebenswille wird durch den Kampf gestählt. Was zu 8 beklagen ist, ist vielleicht nur das eine: daß diejenigen, die 1 praktisch nichts leisten und immer da zurückstehen, wo ff gearbeitet werden muß, eine Selbstentschuldigung für ihre Unff tätigkeit vielfach durch Bespöttelung bewährter Methoden § tätiger Menschen zu finden suchen. ff

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