Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gewalttaten | „ Die TagesblätLer berichteten bereits, daß nach einem Vor- A trag des früheren Pfarrers Münchmeyer in einer national- I sozialistischen Versammlung vom 5. d. M., in der der Redner | in einer besonders scharfen, bei ihm nicht überraschenden Art | und Weise gegen die Juden losgezogen war, Teilnehmer der (Versammlung in der darauffolgenden Nacht um 3^ Uhr versucht haben, in die dortige Synagoge einzubrechen. Da ihnen dieses nicht gelang, haben sie die Fensterscherbett der im gleichen Gebäude befindlichen Schnlräume zerschlagen, sind in das Schurzimmer eingestiegen, haben die Wandkarten von den Wänden gerissen, den im Schul- Z zimmer befindlichen Globus zertrümmert, auf die Strasze J geworfen und den Fustboden in gemeinster Weise beß sudelt. f Unser Sonderberichterstatter schreibt uns dazu: Die; Behörden haben mit größter Energie eingegriffen. Fünf f Täter sind bereits am Morgen nach der Tat entdeckt, J festgenommen und, nachdem sie am nächsten Tage gestani den hatten, wieder entlassen worden, unter ihnen ein Sohn 1 des Generaldirektors der Kosackschen Papier-?l fa brik in Arnsberg. Im beschleunigten Verfahren, das von f dem Staatsanwalt Horstmann in Arnsverg und dem j Landgerichtsrat Cohauz geführt wird, soll die Verhandlung l gegen die Uebeltäter bereits am 12. d. M. stattfinden. \ Sofort nach der Tat ist seitens des Gemeinde- und i unseres Ortsgruppenvorsihenden, Herrn Eoldberg, Stras- | antrag wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch ge- - stellt worden. Die Synagogengemeinde wird sich als Nebenklüger dem Verfahren anschließen und sich durch einen Anwalt bei der Verhandlung vertreten lassen. Eine Bitte der Täter, von einer Anzeige gegen Erstattung und Wiedergutmachung des Schadens abzusehen, ist natürlich abgelehnt worden. * Münchmehers Reden sind also mehr als nur Reden gewesen. Sie sind nicht — wie so oft behauptet wird — nur besucht worden, weil viele sich diese „Attraktion" ansehen g und anhören und diesen „interessanten" Mann kennen- | lernen wollten, der durch „Weibergeschichten" sein Amt verloren hat. Sie gaben vielmehr diesmal nachweisbar Den f unmittelbaren Anlaf; zu Gewalttätigkeiten, zn schweren Schäden an jüdischem Gut. Diese Zusammenhänge klarzustellen, wird Aufgabe der Staatsanwaltschaft sein. Vor allen Dingen wird geprüft werden müssen, inwieweit der Wortlaut der Ausführungen Münchmeyers geeignet war, zur Gewalttätigkeit anzureizen. Jedenh falls geht es nach unserer Ueberzeugung nicht an, daß ein | Demagoge ungehemmt hetzt, dem man gern den „Jagdschein % der Lächerlichkeit" zuerkennen möchte. Es ist höchst ernst ge- | worden mit dem Demagogen Münchmeyer. Aus politischen ■ Auseinandersetzungen dürfen sich keine kriminellen Handlungen ) ergeben. Wer sie verursacht, gehört nicht auf die politische 1 Bühne. f GriftigtAuiklärung in NorWuim und Melmld In den vorstehenden Ausführungen wird für jeden, der sehen J will, bündig dargetan, welche anarchischen Folgen Herrn | Münchmeyers Agitation unbedingt Hervorrufen mutz; jj Folgen, die sich letzten Endes weniger gegen das Judentum als gegen den Staat und die staatliche Ordnung richten. Datz der Central- ( verein es entschieden ablehnt, das Niveau seiner Versammlungen { auch nur im entferntesten dem der Münchmeyerschen, Streicherschen und ähnlicher anzüglichen. bewies wieder einmal die große I öffentliche Versammlung des Centralvereins. | die zur Abrechnung mit Münchmeyer am Donnerstag, dem 4. April, 1 in Nordhansen stattfand. Es ist gegenüber dem üblichen Ab- Ä lauf der Versammlungen eines Münchmeyer hervorzuheben. daß das g sozialdemokratische Organ Nordhausens, „Die V o l k s st i m m e", in 1 seinem Bericht einleitend bemerkt: „Zeichneten sich die völkischen I Versammlungen, in denen Leute wie Münchmeyer und Killinger auf I das Volk losgelassen wurden, durch Radau und Hetzereien aus. so E herrschte hier wohltuende Sachlichkeit und eine >1 geradezu bewundernswerte Toleranz." J Einer der größten Säle Nordhausens war von etwa 560 bis 1 600 Personen voll besetzt, die sich die Antwort des Centralvereins Z an Münchmeyer aus seiner Versammlung in Nordhausen anhören 8 wollten. Zuerst gab der Landtagsabgeordnete Chefredakteur Otto I N u s ch k e einen Ueberblick über die maßgebenden grundlegenden! Ideen des Nationalsozialismus, stellte die Geschichte des in Arnsberg. Nationalsozialismus dar und beleuchtete seine Irrlehren. Er führte dann Wichtiges zur Rassenfrage, zur Warenhausfrage und zu anderen schwebenden Tagesfragen aus. die mit dem Nationalsozialismus Zusammenhängen. Der Syndikus des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener, gab einen Ueberblick über die Geschichte der Juden in Deutschland, über ihre Verbundenheit mit der deutschen Kultur schon zu Zeiten des Ghettos und früher, um sodann aus den letzten Jahrzehnten an beweiskräftigen Beispielen zu zeigen, wie verkehrt das Gerede von einer jüdischen Rasse, von einem jüdischpolitischen, deutschlandfeindlichen Volke ist. Der Führer der Nationalsozialisten in Nordhausen, Major Quelle, war. selbst erschienen, um in ausführlicher Rede seine Weltanschauung zu verteidigen. Er beschränkte sich aber im wesentlichen auf Einzelbemerkungen und auf die Verlesung einer großen Reihe zusammenhangloser Zitate. Ihm wurde von jüdischer und von nichtjüdischer Seite in der Aussprache und durch die Schlußworte der beiden Hauptredner erwidert mit dem Erfolge, datz die große Versammlung den beiden Rednern durch starken Beifall ihre Zustimmung ausdrückte. Obwohl die Versammlung hier und da ein wenig bewegt war, gelang es doch, sie mustergültig durchznführen. Tie deutschnationale „A! l g e m e i n e Zeitung", die demokratische „N o r d h ä u s e r Zeitung" sowie die sozialdemokratische „V o l k s st i m m e" brachten ausführliche Berichte über den Abend, so daß dadurch erneut Tausende über unsere Einstellung erfuhren. Unseren Freunden, Rechtsanwalt Dr. Heinrich Stern und Walter E i s n e r, sowie den übrigen Vorstandsmitgliedern in Nordhausen gebührt der wärmste Dank für die ausgezeichnete Vorbereitung und Durchführung dieser bedeutungsvollen Veranstaltung. * Am Montag, dem 8. April, sprach Dr. Ludwig Holländer in Bielefeld im Rahmen eines gesellig-politischen Abends des Reichsbanners in einer Aufklärungsversammlung vor geladenen Gästen. Die Versammlung stand unter Leitung des Gauleiters des Reichsbanners, Lehrer L a d e b e ck. Die beiden Säle des Liudenhof waren überfüllt, etwa 200 Personen waren der Einladung gefolgt: alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten. Dr. Holländer sprach über „Wesen, Entwicklung und Ideenwelt der völkischen Bewegung". In ausgezeichneter, tiefschürfender Weise zeigte er. wie im 17. Jahrhundert zum ersten Male die Lehre von der Wertigkeit der Gallier die Grundlage für die Rassenlehre schuf, welchen Einfluß die französische Revolution aus diese Lehre ausübte, welche Wandlungen sie unter Gobineau erfuhr, bis sie heute zu einem nationalistisch-völkischen Dogma geworden fei, das weit über Deutschlands Grenzen hinaus sich verhängnisvoll gegen alle politischen Minoritäten auswirke. Dr. Holländer untersuchte dann die Methoden der völkischen Bewegung und die psychologischen Grundlagen ihrer Erfolge. Ten Weg zu ihrer Ueberwindung sah er mit Spinoza in der „Ueberwindung der Affekte durch Affekte". Bon einer Aussprache des mit großem Beifall ausgenommenen Vortrages wurde abgesehen, um seinen Eindruck nicht zu verwischen. Rezitationen des Schauspielers Grünhage (Stadttheater Bielefeld) bildeten Auftakt und Schluß des wohlgelungenen Abends. Wer verunglimpft die Opfer des Weltkrieges? Mildes Urteil gegen den Gauleiter Koch. Vor dem Königsberger Großen Schöffengericht hatte sich der Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Erich Koch (früher Elberfeld), wegen öffentlicher Beleidigung des Syndikus unseres Landesverbandes Ostpreußen. Kurt Sabatzky, zu verantworten. Der Angeklagte hatte in der Versammlung vom 22. November 1928 in der Königsberger Stadthalle in bezug auf einen in der „C. V.-Zeitung" veröffentlichten Bericht Sabatzkys über die Nationalsozialisten in Ostpreußen gesagt: „Wenn ich diesen jüdischen Dreckspatz Sabatzky auf der Straße treffe, werde ich ihn mit der Reitpeitsche Züchtigen." Als Sabatzky daraufhin Strafantrag stellte, erklärte Koch in einer weiteren öffentlichen Versammlung, die im Dezember in Königsberg stattfand: „Der Führer des C. V., der Jude Sabatzky, hat gegen mich Strafantrag gestellt und will meine Verhaftung. Trotzdem wird das Duell zwischen uns bzw. Zwischen ihm und mir doch stattfinden." Er erklärte weiterhin, daß Sabatzky das Andenken von zwei Millionen Frontsoldaten beschmutzt und besudelt habe. Koch konnte zwar dis Ausführungen nicht ableugnen, erklärte jedoch er sei als Frontkämpfer empört gewesen, weil Sabatzky wahrheitswidrig erbärt habe, die Heldengedenkfeier der Nationalsozialisten sei unwürdig verlaufen. Insbesondere sei es nicht, wie in dem Artikel behauptet wird, in der Versammlung zu einer Schlägerei gekommen. Der Artikel habe ihn so empört, daß er diese Redewendung gebrauchen mußte. Demgegenüber führte der Nebenkläger Sabatzky aus, er habe den Bericht selbstverständlich so geschrieben, wie er ihm von nichtjüdischen Gesinnungsfreunden mitgeteilt worden