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Central-Verein-Zeitung · 1929-04-12 · 15 (12.4.1929) · p. Seite 186

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
Seite 186 (sequence 2)
Language
German
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m daß die Inhaber der oberen Wohnung keine Kinder hätten. Der Inhaber dieser oberen Wohnung sei ein Ausländer. Die achtzehnjährige Tochter wird von der Polizei vernommen und bestätigt die Angaben ihrer Mutter: Sie habe tatsächlich in dev oberen Wohnung ein „entsetzliches Ki nde r g eschre i" gehört. Ihr sei es vorgekommen, als ob jemand gestöhnt habe. Auch die „ekelhasten Gerüche" habe sie selbst wahrgenommen. Die jetzt von neuem gehörte Stütze weiß noch mehr. Sie hat in der mysteriösen oberen Wohnung vor etwa acht Tagen Kinder h e r u m l a u f e n und W e i h n a ch t s l i e d e r singen gehört. Sie erzählt von neuem von den „scheußlichen Gerüchen". Eine weitere Hausangestellte der Frau W. bestätigt deren Angaben ebenfalls. Sie habe in der oberen Wohnung schon östers Kinder herumlausen hören und habe den Geruch — sie charakterisiert ihn als „süßlich" — ebenfalls wahrgenommen. Die Kriminalpolizei, die alle Erzählungen der Frauen mit der gebotenen Vorsicht aufnimmt und insbesondere die Andeutung über Ritualmorde von vornherein ins Reich der Phantasie verweist, geht jetzt den Dingen aus den Grund. Sie unterzieht die geheimnisvolle obere Wohnung einer Durchsuchung. Belastungsmaterial findet sich hierbei nicht, wohl aber kommt man der Aufklärung des Falles schon einen ordentlichen Schritt näher. Der Wohnungsinhaber, tatsächlich ein Ausländer — ein Engländer —, besitzt eine Hausdame. Diese hatte vor Weihnachten einen achtjährigen Knaben von außerhalb Zu Besuch. Die Angaben über das Laufen, Singen und Weinen eines Kindes finden also ihre harmlose Aufklärung und sind durchaus vereinbar mit der beim Portier getroffenen Feststellung, daß die betreffende Wohnung Kinder im allgemeinen nicht beherbergt. Die weiteren Ermittlungen der Kriminalpolizei bringen dann auch schnell, noch am gleichen Tage, des ganzen Rätsels Lösung. Unter der Wohnung der Frau W. wohnt ein alter Herr K., der stark asthmaleidend ist und aus diesem Grunde, sobald er einen Anfall bekommt, eine sogenannte „Räucherkur" vornimmt. Unglücklicherweise hatte nun dieser alte Herr wahrend der letzten Wochen seine Anfälle gerade immer des Nachts. Nach der Kur pflegte er seine Fenster Zu öffnen, unb der unangenehm riechende Qualm stieg dann Zu Frau W. empor und drang unheilverkündend in ihr Schlafzimmer. Bevor die Kriminalpolizei die Akten über diesen geheimnisvollen „Ritualmord"fall beiseitelegte, ging sie noch'näher der Persönlichkeit der Frau W. nach. Da erfuhr sie dann, daß die Dame nicht nur im Hause als hysterisch galt, sondern daß sie auch bei dem zuständigen Polizeirevier und ebenso bei derjenigen kriminalpolizeilichen Dienststelle, die für die Bekämpfung des Mädchenhandels zuständig ist, durchaus nicht unbekannt war. Frau W. gehört zu dem nicht seltenen Personenkreis, der leichtfertig die Polizeibehörde mit haltlosen Anzeigen Zu behelligen pflegt. Jeder Leser wird mir zugeben, daß der geschilderte „Kriminalfall" äußerst lehrreich ist. Er beweist nicht nur, wie leicht Ritualmordgerüchte entstehen, sondern zeigt auch, wie schnell und wirksam die Polizei, wenn sie entschlossen zupackt, solchem Ritualmordspuk ein Ende machen kann. Freilich, die Nationalsozialisten ch)ätten es sicher lieber gesehen, wenn die Berliner Kriminalpolizei in jenem Falle ein bißchen langsamer und weniger gewissenhaft gearbeitet hätte. Welch reiches Kapitals für ihre Presse hätten die Berliner Antisemiten aus diesem „Ritualmord"fall der Frau W. schlagen können, wenn er ihnen r e ch t z e i t i g , d. h. v o r dem Eingreifen der Kriminalpolizei, zur Kenntnis gekommen wäre. Kein Zweifel, daß sie ihn nicht minder bösartig ausgeschlachtet hätten wie jetzt die Kindertragödie in Bayern. Die Aufklärung des Manauer Mordsaltes ist bedauerlicherweise noch nicht gelungen. Die Strasverfolgungsbehörden und die Negierung,'die die Folgen der Aufreizung unter der Bevölkerung fürchtet, nehmen sich der Untersuchung mit größtem Eifer an. Nachdem aussichtsreiche Spuren kurz nach der Tat nicht festzustellen waren, hat sich die Staatsanwaltschaft Bamberg entschlossen, eine hohe Belohnung — 3 5 00 Mark — für die Ergreifung oder sichere Ermöglichung der Ermittlung des!!!■■■■■■■■■■■ ..... ■ Mörders auszusetzen. Ein gewisser Verdacht richtet sich ff gegen einen Radfahrer, der an dem Mordtage nachmittags g gegen 4 Uhr 35 Minuten von Walchenfeld gegen Manau 31t I fuhr. Er wird beschrieben: Alter 28 bis 30 Jahre, bartlos, jf etwa mittelgroß, vermutlich dunkle oder blaue Schirmmütze | (nicht Sportmütze), gräuliche Kleidung. I Es ist zu hoffen, daß die scheußliche Bluttat recht bald ihre § Aufklärung findet, damit in der verhetzten Bevölkerung ß wieder Ruhe eintritt. Mit Befriedigung muß anerkannt | werden, daß die einheitliche Stellungnahme J der gefamten Geistlichkeit gegen die wahn- I witzige B l u t in 0 r d b e s ch u l d i. g u n g schon jetzt | einen großen Teil der Bevölkerung von der Unsinnigkeit der | nationalsozialistischen Angriffe überzeugt hat, so daß jeder | einsichtige Bürger hinter dem grauenhaften Manauer Mord j kein mystisches Religionsverbrechen sieht, sondern nur die uui gewöhnlich rohe Tat eines Verbrechers, deren Ahndung jeder | Staatsbürger wünschen muß. z Seit dem Austauchen der Blutmordgerüchte nach Ausj findung der Leiche steh en unsere Bamberg er 3fi:eunbe mit dem | Bayerischen Landesverband des Centralvereins in München | und mit der Hauptgeschäftsstelle in Berlin in ständiger briet- J licher und telephonischer Verbindung. s hugenbZrg unö hiüer 1 Die gemeinsame ,,Grosze Anfrage". |! Die D e u t,s ch n a t i 0 n a l e V 0 tkspartei kann als stärkste J bürgerliche Partei Deutschlands Zweifellos Anspruch auf gebührende [J Beachtung im politischen Lager erheben. Wir jüdische Deutsche, denen f sie sich als „ausgesprochen völkisch" gegmüberstellt und denen sie den | Eintritt verwehrt, müssen sie ab lehnen und. wo sie uns als jndenf gegnerisch angreift, bekämpfen; wir glaubten bisher, daß sie Wert f:{ darauf legte, nicht mit den Nationalsozialisten der Hitler, st Streicher und Münchmeyer in einen Topf geworfen zu werden. Soll j sich das unter Hngeubergs Führung ändern? Ueberall wird von einem | geheimen Abkommen Hugenberg-Hitler gem-mifelh Sicher ist die 8 Streitaxt, die noch bis vor kurzem hurtig geschwungen wurde, I Zwischen beiden Parteien begraben, und die deutschnationale f P x e s s e i n B e r l i 11 unb i nt R e t ch verhält sich dem Toben der Nationalsozialisten gegenüber auffallend zurückhaltend, ja begönnernd, j Und das Neueste: Teutschnationale Volkspartei und National- ' fozialisten bringen im Preußischen Landtag gemeinsam eine \ „G r 0 ße Anfrage" ein, ob das Staaksministerinm „den deutj schon Teil der B e v ö l k e r u n g P r e u ßens vor d e n S überwiegend bem I u d e n t u m ungehörige n m a r - { xistischen H e tz e r n Zu schützen bereit sei". Es bedarf keines Wortes, daß wir wie alle besonnenen Deutschen gegen jede Hetze ein- 'i gestellt find und sie verurteilen, von welcher Seite sie auch komme. i Die Sozialdemokratie, die hier angegriffen ist, wird sich schon gei bührend Zu verteidigen wissen. Es ist aber beschämend, daß sich die Deutsrhnationale Volkspartei zum ersten Male hier dazu hergibt, 1 den Nationalsozialisten Vorspanndienste zu leisten in einer Zeit, j wo tatsächlich die Straffer und Streicher, die Münchmeyer und die '£ Lenz Kübel von Schmutz gegen das Judentum und gegen alles, was f uns heilig ist, schleudern, wo eine judeuseindliche Versammlung die 1 andere jagt, wo Redner mit der schönen Vergangenheit eines Münchß weher das Nitualmordmärchen aufwürmen, uw im Zeichen völkischer | Haßpredigt unsere Friedhöfe von Irregeleiteten geschändet und unsere Gotteshäuser verschimpsiert werden. P Wir haben bisher nicht gehört, daß die Herrn Hugenberg nahe- . stehende Presse ein Wort der Verurteilung für die ß F r i e d h 0 s s s ch ä n d e r gefunden hat, eine Handlungsweise, die 1 man von jeden: anständigen Deutschen, welcher Partei er auch immer g angehört, als selbstverständlich erwartet. Aber daß eine Partei vorn 4 Range der Teutschnationalen nun auch mit dieser „Großen Anfrage" jj in die nationalsozialistische Front einschwenkt, kommt uns doch über- I raschend. Gewiß wird die Deutschnatronale Volkspartei bei ihren A „großzügigen Plänen" keinerlei Rücksicht auf das deutsche Judentum f nehmen. Sie wird über uns ihren Weg gehen. Das mag sie mit I sich abmachen. Wer jedoch die deutsche politische Geschichte der letzten J zehn Jahre genauer kennt, der weiß, daß an dern Nationalsozialismus 1 noch keiner seiner Verbündeten Freude gehabt hat, ob diese Verbün- I deten Graefe, Kahr oder Ludendorff geheißen haben. Wer sich grün I macht, den fressen die Ziegen. Manchesmal sind diese Ziegen auch 8 nationalsozialistische Wölfe. I

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