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Central-Verein-Zeitung · 1929-04-05 · 14 (5.4.1929) · p. Seite 177

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
Seite 177 (sequence 5)
Language
German
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177 Das Gesellschaftsproblem zwischen Juden und Christen. Bon Theodor Kappstein, i. Die siebenzig Schändungen jüdischer Grabmäler aus den deuifchcu Friedhöfen der Israeliten, dies Faustballen und Ansspucken unter Fußtritten tvider die heilige Ruhe der Toten — das ist der alleräußerste Bruch jeglicher Gemeinschaft zwischen Juden und Richtjuden („Christen" wollen wir lieber nicht sagen). Die lange Aussaat des Hasses, -letztlich auch des Politischen Hasses, als Ventil der Berstörung angesichts" des verlorenen Weltkrieges und seiner dämonischen Auswirkung, geht gräßlich aus. Alan ist sich so verständnislos aus dem Wege gegangen, bis man sich ans dem Wege räumt. Aber ist das eine Antwort'? Der tüunnerliche Rest von Scham ttnö Selbstachtung geht .nicht vor die Hunde, ach nein, er verliert sich au die menschliche Verdammnis. In einem seiner tiefsinnigsten Gedichte spricht Hebbel ein Geheimnis der Rächt aus: „Und ans seinen Finsternissen tritt der Herr, so weit er tarnt; und die Fäden, die zerrissen, knüpft er alle wieder an." Um diese Fähigkeit möchte man die Gottheit beneiden: doch eifre jeder ihrer unbestochenen von Vorurteilen freien Liebe nach, die Kraft des Steins in [einem Ring an den Tag ztl legen! Die untermenschlichen Le i che i tschau der als Aasgeier überlassen wir ihrer Verworfenheit. Allein, besteht tticht, weit oberhalb dieses Abgrunds, ein G e s e! l - s ch a f t s p r o b l e nt, ein c K l a g e und A u l l a g e d er G e - tu e i n s ch a s t z lv i s ch e lt d e tt I u d e n u tt b d e tt < C h r i st e n? Bon ihr wollen nur sprechen; ich werde recht persönlich dabei verfahren. Doch zunächst beschaffet! wir uns einen gediegenen Ausgangspunkt Wir blickeu um ein einziges Jahrhundert zurück und bleiben dabei in Berlin. Viele hundert Juden hatten in den Freiheitskriegen heldisch mitgekämpst; ein erheblicher Teil von ihnen kehrte heim als -Kittet des Eisernen Kreuzes (das damals sparsam verliehen wurde) -- und barm sank dieses gemeinsame Vaterland zurück in die Parteizerriffenheit. Ein Superintendent in Halberstadt schrieb pseudonym die Posse „Unser Vorkehr", die das häusliche Leben der Inden gemein verspottete und über viele Bühnen flog. Gesellig und literarisch marschierte Israel gegen die alle und neue Gyettoeinkapsetuug, begünstigt durch Reichtum und Bildung. Die Geselligkeit der Salons beeinflußte^ die Gesellschaft; kluge Frauen ließen ihr Herz sprechen und leiteten den Geist der Männer: Nahe! Lewin, Dorothea Schlegel, Henriette Herz und andere wurden die TemPelhüterinueu der edlen Humanität; durch den gehobenen Ton ihrer Zirkel verzauberten diese Hnldinnen die widerstrebende Gesellschaft in die idealische höhere Kultur, da das Auge weiter sieht, das Ohr seiner hörr die Herzen freier schlagen. Fürst Hardenberg, der mehrere Inden in seiner persönlichen Umgebung hatte, wurde „Judenkönig" geschimpft; doch Kaiser Franz nannte den Frankfurter Rothschild seinen „Alliierten" — das schlug Vreschen in die Vorurteile. Moses Mendelssohn, der in diesem Jahre des hundertjährigen Faust zugleich mit seinen! christlichen Geistesbruder Lessing' 20vjähria wird, verschmolz die nationaljüdische Kultur mit der germanischen Bildung. Fanny Lewald hat uns rührend erzählt, wie eifersüchtig ihre Mutter letztlich aus die höhere Bildung ihrer Tochter war, unter deren Mangel sie schmerzlich gelitten hatte. Eduard Simson und tvie viele sonst halfen an ihrem schweren eigenen Schicksal des Studiums und der Zulassung ztH den Prüfungen die Kettet! der Knechtschaft brechen für ihre abgesonderte Rasse. Der 15jährige Ferdinand Lassalle schrieb als Paria in sein Tagebuch: „Ich könnte wie der Jude in Bulwers „Laila" mein Leben wagen, um die Juden aus ihrer drückenden Lage zu reißen." Und wie ebneten Heinrich Heine und Ludwig Börne die Bahn — Heine, der Dulder und Spötter mit seiner Mo r gen redet lle: Trommle die Leute aus dem Schlaf, marschiere trommelnd inuuer voran, das ist die ganze Wissenschaft! Börne uüt seinen typisch nationalen Weisen der Einfälle und Ausfälle, die aufregten und zum Denken zwangen, in denen der feste Verstand das heiße Herz meisterte, das Geinüt wiederum den Kopf vorwärts jagte. Und Lassalle —! Ich will jedoch vom junget! Friede. Daniel Schleierm a ch e r und seiner Freundschaft mit Henriette Herz, der Gattin des Berliner Arztes Marcus Herz, sprechen: jene gedrückte und arme Zeit war frei und reich, sie löste das Gesellschastsprobte m zwische n I u den und C h r i st e n. Gegenüber den Salons der Langeweile, urteilt der gründliche Kenner der Romantikzeit Heinrich Meisner (dessen drei Bände Schleiermacher-Briefe jeder Gebildete besitzen sollte), die in den aristokratischen Kreisen ihr Leben fristeten, und den Zirkeln der Lebewelt titit ihren mehr als freien Sitten standen die Geselligkeiten der wohlhabenden Berliner jüdischen Familien ans anerkannter Höhe, die geschätzt uku°, wenn auch nicht unbestritten. Henriette Herz löste in dein jugendlichen Pfarrer und Gelehrten eine neue Gefühlsutöglichkeit nuS in der Form einer Frauensrenndschaft. Das jungstarke Genie gab beständig; er begehrte die Rückstrahlung der eigenen Gedanken, geklärt und verklärt vom Erfassen und Bewahren der Hörer, in der schönen Form der Seele, der Sprache, des Auges. Das schwingende Erkennen der weiblichen Psyche beflügelte seinen Geist — ja, er bekannte gelegentlich den Wunsch, selber ein Weibwesen zu sein. Die um vier Jahre ältere Arztfrau Henriette mit ihrer Schönheit der stattlicheuZ§rscheiuung. mit ihrer beherrschten, ruhigen Klarheit, jedetn das ^eine zu gönnen int Salon, die Menschen ohne Laune zu gruppieren, hielt das würdigste Hans int Berlin von damals. Ihr romantischer Verehrer rühmt die „passive Wissenschafllichteit", die gern hörte, trenn kluge Männer sprachen, tun zu verstehen, „tote sie es meinen" - nicht nur, tras sie sagen. Schteiermaeher zog sich tnanchen Spott der Berliner zu, wenn der unscheinbare Manu, dessen fesselnd geistvoller Kopf kies in den Schultern steckte, mit der hochgewachsenen üppigen Freundin gesehen wurde; er schtvärmte von einer Wahlverwandtschaft, die zwei gleichartige Substanzen unzertrennbar zusammenführte. Ring zuweilen Henriette mit dem Feuer der Sinnenglnt gespielt haben; mag der leichtentzündliche Schleierntacher (der schon vorher in Landsberg und in Scljlobttten bei Dohnas enthusiastisch losgiug», der später in der jnngverroiuveten Henriette von Mühleusels-WiUich feine Gattin erkor, deren geistiger Baker er nun*, zarte Grenzen übersprungen haben: diH beiden Freunde blieben unantastbar. Dorothea Beit. Friedrich Schlegels vielberedete Freundin, verließ ihren Gatten, um mit ihretn geliebten Götterbuben in Freiheit zu Hausen. Die Herz verurteilte solche rotnautische Läusigkett scharf, doch sie wie Schleiermacher (der bei diesen! Schlegel wohnte mtb mit ihm arbeitete) traten persönlich wie öffentlich für ihre Freunde ein. Schleiermacher machte den Schleier durchsichtig zlvischeu den Christen und den Juden in der Gesellschaft, wenn er an die Herz schrieb: „Wenn ich ruich bisweilen als den Mittelpunkt der schönen Well ansehe, die mich umgibt, so weis; ich. und ihr müßt es alle wissen, daß nicht meine Persönlichkeit dieser Mittelpunkt ist, sondern der G e i st, der in u n s a l len auf g l e i ch e A r t tu o h tt t. Du tveißt^ja, tvie ich das schöne Ganze heilig halte und also anch mich als Teil, und gewiß soll keine Schuld der Zerstörung auf mich fallen." Hnt> er zog ihr Sinnen als Deutschlands Prophet und des Vaterlandes Hohepriester hinein in die Verflechtungen von 1807, m beut innigen Lob: „In der Geschichte maltet der Genius der Menschheit. Die unsichtbare Hand der Vorsehung und das Tun der Akenscheu selbst ist eins . . .. Du wirst sehen/daß der Unterschied weit geringer ist, als er scheint, wenn man das Kleine mit dent Großen austauscht. Das gilt von der Masse mtb von jedem Menschen . . Ww steht es nun um das Gesellschaftsproblem zwischen Christen und Juden in der Gegenwart? {Weitere Aufsätze folgen.) Der jüdische Roman in Frankreich. Von L. Steinfeld (Paris). Das Hcrvortreteu der gesellschaftlichen und psychologischen These ist die deutlichste Verbindungslinie, die die französische Literatur der Gegenwart mit der vor 1914 verbindet. Die meisten Fragen, die bei uns der wissenschaftlichen Bearbeitung oder der Publizistik Vorbehalten bleiben, erörtert der Franzose am liebsten an Hand einer Fabel. Früher war die Bühne dieses Tribunal der Ideen, die die Gesellschaft und die Nation beschäftigten. Honte ist das Thesenstück auch in Frankreich stark zurückgedrängt. Dafür ist der Roman, weit mehr als bei uns, der Diskussion aktueller Fragen zugänglich geworden, keineswegs nur in seiner für den Tageskonsuur bestimmten Schicht, sondern bis in die anerkannten Spitzenleistungen hinein. Das^ gilt insbesondere von der jüdischen Frage. Der „jüdische Roman" hak als Sondergattung der Literatur in Frankreich seit dem Kriege volles Heintatrecht erworben. Eine ganze Kette von Umständen hat hierzu mitgewirkt. Einmal suchte die jüngere Schriftstellergeneration krampfhaft nach' einer Erweiterung des geistigen Horizonts, inuuer mehr erotische und kosmopolitische Elemente drängten in den Roman hinein, und so konnte es nicht ausbleiben, daß man auch den Ueberlieferungeu des Orients im Judentum nachging. Schon äußerlich regte hierzu die Zuwanderung aus den Pogromgebieten des Ostens an. Aber man blieb hierbei nicht stehen. Man suchte das jüdische Problern auch psychologisch zu erfassen, mau fand, sobald man erst diese bisher fernliegenden Dinge beachtete, eine Fülle neuer menschlicher und soziologischer Gesichtspunkte. Hatte die Autoren des jüdischen Romans, Inden sowohl wie Nichtjuden, anfangs nur die Neuartigkeit des Milieus und eine ungewohnte Problemstellung gelockt, so tat sich bald ein weites Neuland auf, das der literarischen Pioniere harrte. So zieht sich der jüdische Roman durch die gesamte Produktion Frankreichs in 6. GeoGee LpküklilMlS für feine herren-Mäsche, Lrikotagkn usm. BERLIN W CHARLOTTENSTRASSE SS FERNSPRECHER: «VIERKÜR 6330

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