Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m XMlttCC Übet Streiter. / Deutliche Sprache. Bekanntlich ist Dr. Artur Dinier seit einigen Monaten aus der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei von Adolf Hitler wegen seiner Betätigung auf dein Gebiete des Geistchristentums ausgeschlossen worden. Dinier, der nicht gewohnt ist. ein Blatt vor den Mund zu nehmen, macht nun in Nürnberger Versammlungen seinem gepreßten Herzen Lust und hat, wie „Das G e i st ch r i st e n t u m" (Monatsschrift zur Vollendung der Reformation durch Wiederherstellung der reinen Heilandslehre. Herausgegeben von Dr. phil. nat. Artur Dinter. Organ der Geistchristliehen Religionsgemeinschaft E. V., 2. Jahrgang, März 1929, Heft 15) auf Seite 127/28 mitteilt, folgendes Bild des nationalsozialistischen Franken Julius Streicher, des Herausgebers des bekannten ./Stürmer", seinen Besuchern entworfen: „Er behauptet, ein gebildeter Mensch tonne unsere Versammlangen ja gar nicht besuchen, da ihr Geistesniveauso niedrig sei, daß nur noch ein sehr fragwürdiges Publikum unsere immer leerer werdenden Versammlungen besuche. (Große Heiterkeit.) Das sagt ausgerechnet I u 11 n § Streicher! (Erneute Heiterkeit.) In unseren Versammlungen würde nichts als spiritistischer Unfug und Geisterspuk getrieben, ein vernünftiger Mensch könne sich diesen Irrsinn ja überhaupt nicht mehr anhören. (Erneute stürmische Heiterkeit.) Nun, meine Damen und Herren, Sie werden ja selber am besten wissen, wie Sie dieses Urteil des jüdisch-römischen Herrn Julius Streicher einzuschätzen haben. Ich muß es Ihnen, die Sie den besten Kreisen des Nürnberger Bürgertums angehören, und ebenso den christlichen Arbeitern, die hier sitzen, überlassen, ob Sie mit einer derartigen Einschätzung einverstanden sind. Ich will mir kein Urteil erlauben über das Geistesrliveau des Publikums, das, ohne demJrrsinnzu verfallen, d i e S t r e i ch e r s ch e n Geistesergüsse immer wieder von neuem allwöchentlich über sich ergehen lassen nur ß . . Dinter muß seinen langjährigen Parteigenossen ja kennen. Niemand ist reinrassig. Irl der Umgebung der Stadt Bamberg haben auf Veranlassung dom Anthropologischen Institut in München und von der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft anthropologische Messungen an Gärtnersamilien begonnen. Die „M ü n ch en er Tele g r a m m z e i t u n g u n d S p o r t t e l e g r a p h" hat sich deshalb an ben bekannten Rassenforscher und Leiter des Anthropologischen Instituts, München, Profestor Mollison, um Aufklärung gewandt. Seiner interessanten Antwort entnehmen wir nachstehende allgemeine Airsführungen über Wert und Sinn der Rasiensorschung. „Es muß einmal der Allgemeinheit gesagt werden, daß esunrichtigist,Rassen mitVölkern zu verwechseln. Es gibt keinen reinrassigen Deutschen, genau so, wie es keinen reinrassigen Franzosen oder Engländer gibt, obzwar der letztere als Jnsularvolk noch am ehesten einer Rafsenmischung hätte entgehen können. Ja nicht einmal so abseits gelegene Völker wie die Eskimos sind reinrassig zu nennen. Dänische und andere nordische Seefahrervölker haben hier schon vor Jahrhunderten eine Rafsenmischung verursacht. Vielleicht gehören heutzutage die Buschmänner noch zu den reinrassigsten stammen der Erde. Aber Reinrassigkeit ist immer ein Begriff, der relativ bleiben muß. Die Nasseuforschung darf also nicht mit der Völkerkunde verwechselt werden. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, die Völker nach Rassen einzuschachteln, oder umgekehrt. Vielmehr trachtet sie zu bestimmen, welche verschiedenen Rassen als Ahnen einzelner geographisch alteingesessener Bevölkerungsgruppen kleinerer Gebiete, die mit Landesgrenzen nichts zu tun haben, in Betracht kommen können. Natürlich muß die Anthropologie Hand . in Hand mit der F a m i l i e n f o r s ch u n g gehen. Darunter verstehen wir nicht die' ungewöhnliche Genealogie, die nur die aufwärtssührcnde männliche Linie erforscht, sondern auch die Feststellung der Abstammung aller weiblichen Vorfahren. Wenn sich ein Mensch einer solchen Forschung seiner Familie widmet, so ist dies schon gleichbedeutend mit einer Lebensarbeit. Dies erklärt auch die Langsamkeit der erzielten Resultate der Rassenforschung, deren zahlreiche Hilssmittel nebst der Familiensorschung die Statistik, Anatomie, Charakterologie, Psychologie usw. sind. Die geringe Beachtung, die man in weitesten Kreisen der Anthropologie schenkt, kann auch darauf Zurückgesührt werden, daß es gar manchem schmerzhast erscheinen mag, den Glauben an seine eigene Reinrassigkeit widerlegt gtt sehen. Dies ist aber eine unabänderliche Tatsache, llnd man soll ja nicht meinen, daß diese Rassenmischung lediglich von der Völterwanderungszeit herstammt,, wie es allgemein auch von den gebildeten Leuten angenommen wird.' Ereignisie, wie die Völkerwanderung, haben am Rafsengesüge Europas viel weniger Zu ändern vermocht, als man denken könnte. Denn eine wirkliche Reinrassigkeit liegt noch viel werter in der Vergangenheit zurück." lEIBNIZ Keks Enthält nur feinste Molkereibutter Niedriger Höngen! Judengegnerische Propagandaredner für die „evangelische" Schule arbeiten zurzeit mit einer wundersamen Mär, dis der religiösen christlichen Bevölkerung das Gruseln vor den „atheistischen Lehrern, die für die staatliche Gemeinschaftsschule eintreten", bcibringen soll. Man höre und staune, was von den „wahrheitsliebenden" Berichterstattern verbreitet wird. „An der evangelischen Volksschule in Detmold unterrichtet eine jüdische Lehrerin in evangelischer Religion!" Wem ständen nicht die Haare zu Berge über eine solch freche „jüdische" Anmaßung. Weil gerade in den letzten Wachen mit dieser Kunde gearbeitet wird und auch an mich darüber Anfragen gekommen sind, ferner auch die „Lippis ch e S ch u l z e i t u n g" sich mit dieser unwahrhasten Behauptung beschäftigt hat, soll an dieser Stelle der phautasievalten Dichtung die einfache Wahrheit gegenüberstehen. Was ist geschehen? In unserer Stadt befindet sich eine preußische jüdische Junglehrerrn, die wöchentlich eine Anzahl von Stunden an der D e t m o! d e r Gemeinschaftsschule hospitieren muß. Im letzten Quartal des vorigen Jahres nmßte ein Lehrer der Volksschule wegen schwerer Erkrankung beurlaubt werden, und man übertrug Fräulein M., der jüdischen Junglehrerin, die Vertretung. Am ersten Tage dieser Vertretung war stundenplanmäßig biblischer Geschichtsunterricht zu erteilen. Der Schulleiter, nebenbei gesagt, strenggläubiger Christ, bat Fräulein M., ausnahmsweise diese Stunde auch zu übernehmen, was auch geschah.^ Der ordnungsmäßige Religions- und biblische Geschichtsunterricht wurde sodann einer evangelischen Lehrkraft übertragen. Dieses ist der einfache Tatbestand! Ritts (Detmol d). PresseschüU. In einem Aufsatz „Minoritätsrechte" bringt das Organ der Union deutschösterrerchischer Juden, „Me Wahrheit" (1928, Nr. 51), von Dr. Emil Weinberg einen Anssatz, der eine Polemik gegen ein Gutachten des Wiener Univerfttätsprofessors Dr. Adolf Merkel enthält, der anläßlich der Kultuswahlen in Wien ein Gutachten über den Minderheitsschutz der Juden auf Wunsch der zionistischen Liste Wiens veröffentlicht hatte. Dort heißt es: „ Es ist durchaus nicht nur das Gesetz allein, das ernenn Staatsbürger oder einer Gruppe von Staatsbürgern den Platz im Staate anweist. In jedem Staate gibt es auch ein ungeschriebenes Recht, dessen Träger die Mehrheit der Bevölkerung ist. Sie ist es, die in jedem Staate die Mehrheit des Gedeihens und des Fortkommens und vor allein die soziale Stellung gibt. Würde das Gesetz allein imstande sein, eine wirkliche Gleichheit aller Staatsbürger in allen Beziehungen herbeizuführen, so käme es überhaupt in den seltensten Fällen zu politiscl)en Kämpfen. In jedem Staate hat die politische Mehrheit es in der Hand, das Schicksal der Minderheiten zu bestimmen." . Es liegt in der Natur der Sache, daß, wenn eine Bevölkerungs« sälicht sich auf sogenannte Mindert) eitsrechte beruft, die herrschende Partei sich auf ihre ungeschriebenen MehrheitsrecW beruft und sich für jedes der Minderheit eingeräumte Recht ausgiebig entschädigt/ In der französischen Zeitschrift „Paix et droit", dem Organ der Alliance Israelite Universelle finden wir in Nr. 19 von 1928 einen Aufsatz „ckuckaisme national“ von M. L i b er. Wir entnehmen diesem interessanten Aufsatz die folgenden Sätze: „Unter diesen Bedingungen ist es schwer, die Zukunft des jüdischen Nationalismus vorauszusagen. Er ist keine Kraft, die aus einen kleinen Raum beschränkt ist, sondern ein einziger Faktor unter vielen. Sein Schicksal ist mit dem der anderen nationalen Minderheiten verknüpft, und man weiß noch nicht, wie sich die Politik der Minderheiten im neuen Europa entwickeln wird." „ . . . Der jüdische Nationalismus ist eine neue Phase in der Entwicklung des Judentums. Er erscheint uns als eine Bestrebung, die sich der Assimilierung der Juden, entgegensetzt und sich bemüht, die jüdische Gesamtheit dadurch zu erhalten, daß sie sie zu den gegenwärtigen Bedingungen des orientalischen Europas annimmt. Die nationaljüdischen Bestrebungen können unsere Anschauungen und unsere Gefühle über Judentum und Nationalität verletzen."