Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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KampS dem Mittelalter! Das Ritualmordmärdien geht am Das ermordete Kind in Manau. — Der Sonderberichterstatter des „Stürmer**. — UeberlüUte Massenversammlungen der Nationalsozialisten. Die Vorstandschaft der Bayerischen Rabbinerkonferenz, gezeichnet Dr. Freudenthal (Nürnberg), Dr. Hanover (Würz, bürg), Dr. Stein (Schweinfurt), Dr. Scrlomon (Bayreuth), Dr.Baerwald (München), Dr. Wohlgemut (Kitzingen), Dr. Ephraim Aurgpreppach), veröffentlicht im„Boten vom Haßgau" (Nr. 73 vom 28. März d. I.) folgende Oeffentliche Erklärung. „Das verabscheuungswürdige Verbrechen des Kindermordes bei Manau gibt gewissenlosen Hetzern willkommenen Anlaß, wiederum die schon unzählige Male als Lüge gebrandmarkte Mär eines Ritualmordes in die Bevölkerung zu werfen. Diese niederträchtige Bezichtigung wurde in den ersten Jahrhunderten des neu erstandenen Christentums ebenso ungerechtfertigt gegen Christen erhoben, wie in der Folgezeit gegenüber den Juden. Wir empfinden es als Schmach, daß sich das Judentum auch heute noch gegen einen so schinrpflichen Vorwurf wehren zu müssen gezwungen ist, gegen einen Vorwurf, der auch dem oberflächlichsten Leser der Bibel als ein Wahngebilde des Hasses erscheinen muß. Wir erklären hiermit feierlichst: Die Quellen der jüdischen Lehre, insbesondere auch des Talmud, enthalten kein Wort, das auch nur entfernt im Sinne dieses teuflischen Vorwurfs gedeutet werden könnte. Auch keine irgendwie geartete Sekte, noch irgendein „Stamm", wie es wohl neuerdings in judenseindlichen Erklärungen behauptet wird, hat jemals eine solch scheußliche Lehre aufgestellt oder einer solchen Tat sich schuldig gemacht. Diese unsere feierliche Erklärung wird durch die grundlegenden Werke der bedeutendsten christlichen Gelehrten, des katholischen Pfarrers Dr. Frank, zuletzt in Königshosen i. Gr., und des evangelischen Professors Geheimrat Strack in Berlin, vollinhaltlich gedeckt. Die Ritualmordlüge ist eine Ausgeburt finsteren Hasses, eine Verleumdung unseres Glaubens, die wir in tiefster Entrüstung zurückweisen. Wir sind bereit, die Wahrheit dieser Erklärung gegenüberallen Verleumdern vor jedem Gericht zu erhärten." Was ist geschehen? Am 24. März wurde in Manau bei Hosheim in Bayern ein fünfjähriges Kind vermißt, das man spät abends in einem Wald mit durchschnittener Kehle auffand. Die Polizei nahm sich sofort mit aller Energie der Aufklärung dieses grauenhaften Verbrechens an. Kaum aber war die Mordtat bekannt geworden, da erschien auch schon der Führer der Nationalsozia» listen aus Marktbreit am Tatorte, um Material zu sammeln. Wie er dieses „Material" zu verwerten gedachte, das enthält eine Notiz im „Stürmer" Nr. 12 vom März 1929, in der es heißt: „Die Kehle war durchschnitten und die Leiche völlig blutleer. Die Aufregung in der Bevölkerung ist ungeheuer. Allgemein herrscht die Üeberzeugung, daß es sich hier um einen jüdischen Blutmord handle." Die nächste Nummer des „Stürmer" brachte bereits in schreiender Aufmachung einen Leitartikel: „Der Blutmord in Manau. Der blonde Knabe. Der Stich in die Halsschlagader. Der blutleere Körper. Die Wunde am Rückenwirbel. Das geheimnisvolle Auto." In dem Aufsatz selbst werden alle Einzelheiten des Mordes, wie ihn die Phantasie des Sonderberichterstatters Dr. H. rekonstruiert, in breiter Ausführlichkeit geschildert. Folgende Stelle sei wiedergegeben: „Die Sektion der Leiche ergab, daß der Körper völlig ausgeblutet war . . . Damit ist der Beweis einwandfrei geliefert, daß es sich hier nur um einen jüdischen Blutmord handeln kann ... An der Mordstelle konnte festgestellt werden, daß der Mörder sein Schächtmesser . . . von dem Blute dadurch reinigte, daß er es anurinierte. Nachträglich sei noch bemerkt, daß das Opfer auch noch äm Rückenwirbel eine Wunde trägt, die an den jüdischen Brauch erinnert, am Vorabend des .Schabbes' schwerkranke Juden zu .knicken', damit sie nicht durch den Tod den .Schabbes' entheiligen . . . Der Schreiber dieser Zeilen hörte überall nur eine Stimme: ,Es geht auf Oster« zu, es kann nur ein Blutmord fein!' Diese Nummer des „Stürmer" wurde in einer großen Anzahl von Exemplaren in der Manauer Gegend verteilt nationalsozialistische Agitatoren erregten die Bevölkerung, der sich eine tiefgehende Unruhe bemächtigt hat, in diesem Sinne. Drei Versammlungen, die die Nationalsozialisten am Montag, den 1. April, in Hofheim veranstalteten, in denen Landtagsabgeordneter Dr. Hellmuth (Marktbreit), zur „Schüchtfrage", Landtagsabgeordneter Holtz zur „Sache" lind die Nationalsozialisten K r a n n und P o i s e l zur „Not der Landwirtschaft" sprachen, waren lange vor Beginn überfüllt. Es braucht wohl nicht besonders betont zu werden, daß die völkischen Agitatoren im Sinn und Ton des „Stürmer" sprachen und daß sie alle Register volksverhetzender Massenbeeinflussung aufzogen, um aus diesem abscheulichen Verbrechen für sich Kapital zu schlagen. Es ist selbstverständlich, daß von unserer Seite alles gegen diese maßlose Hetze geschieht, der, wie wir wissen, sowohl die Geistlichkeit aller Konfessionen als auch die Behörden aufs lebhafteste entgegenzutreten gewillt sind. Wir hoffen vor allem, daß die polizeiliche Aufklärung dieses Verbrechens, das den Nationalsozialsten um die Osterzeit nur allzu gelegen kam, den Verleumdern den Boden für ihre Agitation entziehen wird. Traurig und erschütternd aber bleibt, daß im 20. Jahrhundert ein ganzer Landstrich durch wahnwitzige Gerüchte in Unruhe versetzt werden kann. Streichers „Stürmer" erscheint nunmehr im siebenten Jahr und vergiftet mit jeder Nummer Hunderte von Seelen, vor allem aber Hunderte von Kinderseelen. Der „Stürmer" kann ohne Uebertreibung als das übelste Hetzblatt, das auf die niedrigsten Instinkte der Masse spekuliert, bezeichnet werden. Wir fragen mit einer Unzahl rechtlich und sittlich denkender Menschen, wie lange diesem Treiben noch zugesehen werden soll? * Wer die vorstehenden Ausführungen gelesen hat, wird nicht erftauvit sein, daß ein Schwesterblatt des „Stürmer", der in Salzburg erscheinende „Eiserne Besen" (Nr. 11 von 1929) einen in Wien versuchten Lustmord zum Anlaß für einen Aufsatz „Jüdische Ritualmorde" nimmt. In diesem Artikel wird mit aller Ausführlichkeit von dem angeblichen jüdischen Osterritus berichtet, der gebiete, bei der Mazzebereitung Menschenblut zu verwenden u. ä. Eine strafrechtliche Verfolgung des Schriftleiters, der seinen Wohnsitz nicht im Deutschen Reich hat, ist für uns leider nicht möglich. Es ist aber das Notwendige veranlaßt worden, um die Verbreitung der Zeitung in Deutschland zu verhindern. i