Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-03-29 · 13 (29.3.1929) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
13 (29.3.1929)
Date
1929-03-29
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277846--05138-2285844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

15$ Mrrtsch-Oesterreich. ©enctu so brünett sind die Menschen dort, wie hier, mit breitem Schädel und länglichem Gesicht und oftmals mit Adlernase. Fremdartig berühren uns eigentlich nur jene wufchelhaarigen Gelbgesichter von der Gascvgne, der Languedoc, von den Pyrenäen, der Garonne und dem Mittelmeer mit ihren ovalen Gesichtern und ihren dunkelhaarigen Augen und Haaren. In Deutschland hält man sie gern für französische Charaktergestatten, und doch stößt man nur im Süden auf sie, und auch hier nicht allenthalben; gewöhnlich hat sich chr Blut mit dem der Nachfahren des brünetten Zweiges der Cromagnvnrasse, der Urrafse Frankreichs und des deutschen Westens, deren Kennzeichen am heutigen Deutschen und Franzosen zu so vielen Malen wahrnehmbar sind, namentlich am deutschen Langschädel. Diese Cromagnonrasse ist, anthropologisch gedacht, das gemeinsame Band, das die Westeuropäer umschlingt. Ihre Merkmale leben unter diesen fort. Walther Classen beschreibt sie in seinem „Werden des deutschen Volkes": „Es ist ein Langschädel, flachgewölbt mit kurzem Untergesicht. Diese Schädelform ist nun zwei Rassen gemeinsam, einer großen blonden, einer kleinen brünetten. Die blonde Rasse hat eine eingezogene Nasenwurzel, oft eine Stumpsnase oder rundliche Nase, das Gesicht ist rund. Die brünette. Schwesterrasse ist kleiner an Wuchs, beweglich und gewandt, zäh und beharrlich." Hinüber und herüber fanden vor der ältesten Vergangenheit bis in die historische Zeit Wandlungen statt. Lauschten die Länder ihre Bewohner untereinander aus. Kelten zogen von Gallien nach Deutschland, waren hier durch Jahrhunderte ansässig. Unvertilgbare Hinterlassenschaften ihres Wirkens bildet die Fülle von keltischen Ortsnamen aus deutschem Boden. Und ihre Münzen, die Regenbogenschüffelchen, tauchen in alten Gräbern ans, die vom Rhein bis nach Thüringen hin entdeckt wurden. Und spater, schon in der historischen Vorzeit, mußte nun Gallien umgekehrt eine von Osten kommende Ueberslutung erleiden. Welche Mengen von 'Deutschen strömten nicht seit den Zeiten Roms nach Gallien ab. Dieses setzte selbst hier gewaltige Scharen von ihnen an. Kaiser Probus siedelte Tausende von überwundenen Alemannen in Gallien an, Kaiser Maximilian viele Franken, Kaiser Konstantinus Sachsen und Friesen, im besonderen in den Gegenden von Amiens, Beauvais, Trotzes und Langres Franken, Chamaven und Friesen. Der römisch-gallische Dichter Eumenes preist sie als Bebauer der von ihnen verwüsteten Felder und als Kämpfer in den Legionen Roms. Im 9. Jahrhundert gab es in diesen Gegenden einen pogus Chamavorurn, einen Gau der Ghamaven. Der Geschichtsschreiber Preuß macht die richtige Bemerkung, daß das nördliche Gallien schon vor dem großen Einsall der Franken halb germanisch gewesen sei, so groß war die Zahl der deutschen Siedler, die nach diesem Lande verpflanzt wurden. Die Frankenherrschast brachte dann einen gewaltigen Zustrom von Deutschen, Franken und Sachsen. Jsaae Canon Taylor zählt in seinem Werke „Words and places“ 1100 Namen von Orten in Nordfrankreich aus, die aus germanische Besiedlung hindeuten. Viele Namen von Dörfern klingen an deutsche Ortsnamen an. Am dichtesten saßen die Deutschen im nördlichsten Teil. Hier wurde auch im Mittelalter noch viel deutsch gesprochen. Aus dem Paris des späteren Mittelalters erfahren wir, daß das Flämische weit verbreitete Umgangssprache war. Der Beobachter hat recht, der aus den Domen in Bamberg und Naumburg, sowie am Rheine dieselben Gestalten und Gesichter abkonterfeit und verbildlicht sah wie aus den nordsranzöstschen Kathedralen. Eine ähnliche Bewandtnis zwischen Deutschland und Italien. Dieselbe ethnische Grundlage wenigstens im Deutschland südlich der Donau — im deutschsprechenden Alpenland und in Oberitalien! Römische Gesichter erblicken wir noch jetzt am Rhein, eine Erbschaft aus der Zeit des römischen Imperiums! Wie viele Oberitaliener und so manche Tos- Laner haben nicht germanische Ahnen. Das verraten die Oberitaliener schon durch ihr Aussehen. Nicht erst von der Periode der Völkerwanderung an, bereits vorher begann der germanische Zufluß. Große Kolonien' germanischer Kriegsgefangener, von Alemannen, Markomannen und Onaden wurden von den Kaisern im menschenleer gewordenen Oberitalien angelegt. Eine Raffenänderung trat dadurch ein. Die Italiener, die bis dahin durch ihre Kleinheit ausgefallen waren, wurden größer, so sehr, daß das Mindestmaß der Soldaten von 1,48 Meter ans 1,65 erhöht werden konnte, das der Garden sogar auf 1,72. Und nach bmx Verlauf der Völkerwanderung versiegte jener Zufluß nicht. Das Mmze Mittelalter hindurch war das Alpenland und sein fümiches Vorland das Ziel deutscher Einwanderer. Es gab eine Zeit, da konnte man von Bozen bis Vicenza, Vicenza und Mine durch reindentsches Gebiet reisen, durch die Gelände deutscher Banernrepubliken. Dasselbe Bild zwischen WeWawen und 'Deutschen. Slawisches Blut unter den Mutschen. Aber es sind auch vom 16. Jahrhundert ab viele Deutsche zu Polen, Tschechen und Slowenen geworden. Wie viele deutsche Familiemmwen bei diesen Völkern zeugen nicht davon, in welchem starken Umsange deutsches Volkstum von ihnen ausgesogen wurde. Anthropologisch sind alle europäischen Völker untereinander verwandt. Anthropologische Unterschiede sind nur insofern wahrnehmbar, als die Typen, welche sich überall in bestimmten Formen unter den Europäern bewegen, etwas anders verteilt sind. Dort überwiegt der Typ, dort ein anderer, hier haben sich die Typen genrischt, dort andere. Das geht aber nie so weit, daß nun gerade in einem Volk ein Typ dermaßen überragt, daß das Volk von ihm bestimmt wird. In keinem Volke ist das der Fall, sondern ein Durcheinanderschieben von Typen charakterisiert alle Völker. Innerhalb dieser Völker sind selbst überall Abweichungen in der Verteilung der Typen bemerkbar. Das Einigende, eben das Vorhandensein der gleichen Raffen ist viel größer als das Trennende, die Verschiedenheiten in der Verbreitung der Raffen. Die Völker sind keine festumrissenen anthropologischen Gebilde, sondern geschichtlich gewordene Gemeinschaften, entstanden im Lause einer längeren oder kürzeren Entwicklung, unter der Einwirkung von Einflüssen, die vom Boden, vom Klima, von der Geschichte, von wirtschaftlichen und kulturellen wie geistigen Bewegungen ausgehen. Völker sind lediglich Gemeinschaften des Schicksals, mit gleicher Geistigkeit und Kultur. Die Unterschiede der Nationalitäten sind nicht so tiefgehend, daß nicht ein gemeinsames Band der Zugehörigkeit zur Menschheit im weiteren Sinne, zu Europa im engeren Sinne sie umschlänge. Nichts ist lebendig, das einer Besinnung aus eine höhere Einheit im Wege stände. * Das jüdische Gesicht. In der Physiognomischen Studiengesellschast hielt Dr. Arthur Czellitzer, unterstützt von Lichtbildern, einen Dortrag über den jüdischen Typus. Die Physiognomik ist zwar durch Lava'ters schon ältere Lehren etwas in Mißkredit gekommen, aber dank der Bemühungen des noch jungen Vereins fängt sie an, sich eine wissenschaftlich anerkannte Stellung m schaffen. Neben den anatomischen Merkmalen des Gesichts gibt es einen beruflichen, konfessionellen usw. Typus. Daher ist die Frage, ob es einen speziell jüdischen Typus gibt, berechtigt. Diese Frage wird, wie Dr. Czellitzer ausführt, von den SpeZialfvrschern in diametral entgegengesetztem Sinn beantwortet: während Fishberg in seinem Buch .Rassenmerkmale der Juden" zu dem Schluß gelangt, daß es keinen einheitlichen jüdischen Typus gibt, findet Zollschan in dem Werk ,,Das Raffenproblem" einen räumlich und zeitlich konstanten Typus des jüdischen Gesichts- Diese Ansicht lehnt der Vortragende Zwar ab, zeigt aber, gestützt ans das Buch von Feist, „Stammeskunde der Juden", doch semitische und israelitische Typen ältester Zeit, die den unter uns wandelnden Juden verblüffend gleichen. Daneben aber gibt es eine Anzahl Juden, die sich dem Typus der Völker, mit denen sie leben, weitgehend angegkichen haben: in Rußland trägt der Jude slawische, in Deutschland deutsche Züge: der amerikanische Jude gleicht sich nach Pros. Boas in Schädelform und Gesichtsausdruck dem einheimischen Vorbild an usw. Dafür ist aber weniger die Böschung mit fremdem Blut, die ja zu keiner Zeit ganz gefehlt hat, als vielmehr Klima und Lebensweise, Tracht und Sitte verantwortlich. Dank dem Entgegenkommen der Berliner Paßstelle hat der Vortragende die Möglichkeit gehabt, viele Hunderte von Photographien von Köpfen jüdischer Durchreisenden zu sammeln. Diese legte es zur Prilsung mehreren Sachverständigen vor- Sowohl von jüdischer wie nichtjüdischer Seite ergab sich das Resultat, daß nur 28 Prozent dieser Ostjuden als unverkennbar jüdische, Typen erkannt wurden, während das jüdische Gesicht bei den von Dr. Ezellitzer aus illustrierten Zeitungen gesammelten Bildern prominenter Westjuden charakteristischerweise auf 30 Prozent stieg. Anschließend daran zeigte Professor Hans Frieden thnl als Korreferent, daß es unter den Menschen keine reinen Rassen geben könne wie bei den Tieren, da bei ihnen weder durch eine natürliche noch durch eine bewußte Auswahl eine besondere Art gezüchtet werden könne. Vorbedingung für eine reine Rasse sei I n z u ch t; diese käme aber in geschichtlicher Zeit nur vereinzelt bei sehr hochgestellten Familien oder in entlegenen Gegenden vor. Wohl aber ist bei ihnen der JndivÄmalthpus aus der Masse mehr herausgehoben als bei den sonstigen Europäern. Von den drei menschlichen Typen, die der Redner annimmt, dem Hirte::-, Jäger- und Vauerniypus, ist der letztere bei den Jrrden ctm wenigsten vertreten. Wenn aber dieser breitgesichtige Mensch einmal bei ihm austritt, so sieht er eben nicht „jüdisch" aus. Anderseits ist der sogenannte jüdische Typ auch bei Nichtjuden überall auf Erden vertreten. Die Darlegungen von Professor Friedenthal waren gleichfalls von einer Anzahl dorr Lichtbildern und Diagrammen begleitet. Auch er lehnt also das Vorhandensein eines speZiell jüdischen Typus ab. Nach einer Pause faßte der Vereinsvorsitzende und Korreferent, Dr. Paul Eohn (Guben), die Ergebnisse des Abends zusammen und führte ans, daß auch er keinen besonderen jüdischen Typus anerkennt. Was man darunter versteht, ist das Produkt gr isti g er T ät ig k ei t. , Durch Lichtbilder wurde diese Auffassung den Anwesenden n äheraebracht. Dr. S. F.'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.