Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 150 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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150 vorn schneidigen Lehrer vor der gesamten Klasse lächerlich gemacht wird, datz diese Herabwürdigung des Menschentums Glaeser und seinen Freund Veranlassern ihm. ihren Schrch anznbieten. Und sic endet ohne den tätigen Beweis der angebotenen Hilfe, weil der todkranke Leo dahinstirbt, während drangen die Kanonen K'rber das Pflaster donnern nnd die patriotische Begeisterung der Menge die irr dorr Tod stellenden Truppen bejubelt. .- Tie Freunde kommen .zum kranken Leo Silberstein nnd verkünden ihm ihren Beschlnst, ihn gegen jede Anfeindung zu schilpen, urrd was sagt Leo Sitbersteiu dazu: „Ihr ivollt mich imrner schützen, rverl ich rnieh gegen etwas rricht wehren kann, gegerr dar ihr euch besser wehren könnt. Während rnich die anderer; für Treck halten und rnich qrräterr, wo sie tonnen, schlitzt ihr mich .... Ihr schützt rnich, weil ich nichts bin, die anderen treten mich ans dern gleichen Grunde." Und an einer anderen stelle, als die Freunde von dern toten Leo Abschied nehmen, da sagt der Vater sitberstein. der, rvenri er in Erregung gerät, irr seinen hessischen Dialekt verfällt-. „Leo, irreirr Sohn, de Indde sein arrch Deutsche, hak henk morgen der Landrak gesagt und sich e neu Uniform bei mir bestellt, nn ich kann rricht bei dir sitze und dir die Hand halte nnd ineine, wie sich's gehört - - inr Geschäft mns; ich stehe, hinter de Käst nnd lächle gir denr liebe gute Aiensche,. die sich gar rret mehr genierri. bei Derm Bester yi taufe . . . Sei mir rret bös . . . Wenn ich es Geschäft z manche tat, hiest es gleich, ich Uhu ge ge de Krieg, rrnd die Jude wäre ler Deutsche. . . Geftorbe ist er, warum hat er rret noch einen B-onat gewartet? bis ist doch Krieg, keiner guckt uns mehr über die Schulter an. alle erkenne se rnrs." Aber es ist gut, dast Leo gestorben ist, denn ihm blieb die Enttäuschung erspart, die die jüdische Jugend, die heute heranrvächst, erlebt, und die, rote wenn rrichts seit jenen Tagen von 1914 geschehen wäre, genau so vor ihren Lehrern, dorr Kameraden zittern nm's;, und die so wenig verspürt von jener warmen Liebe, die ans dern Buch Ernst Glaesers strömt. Und wenn der Jahrgang 1002 nichts anderes ist als ein Appell, der irr dorr sä 000 Seelen, die das Buch leien, gehört wird, so hat es genug gewirkt, nnd es ist müßig, kritische Studien darüber anzustellen, ob es in seiner letzten Form vollendet urrd geschlossen ist, oder ob es nur lebendige Ausschnitte ans einer Zeit darstellt, die in ihrer ganzen Tragik ,-yt erfassen, vielleicht heute noch keinem Menschen möglich ist. Hans Oppenheimer. Jija (<hreuvurg: „Das bewegte Leben des Lastk Roitschwanz". Rhein-Verlag, Basel 1929. Durch emeri unglücklichen Zufall iuirö der zlverghast kleine - Lasst Aoitsärwany der sich den Kops gewaltsam vollgestopft hat mit nur MD verstandenen bchschewistisckien Weisheiten, während seine Seele erfüllt ist von dem Reichtum ehrlvürdiger talmudisthcher Tradition, ans feinem russischen Vaterstädtchen Homel vertrieben. Vorher hat cr^dori beschaulich als Schneider gelebt, nun macht ihn das Schicksal zum Spietball seiner buntesten Einfälle. Während einer kurzen Zeitspanne hetzt es den unscheinbaren Menschen von Ort zu Ort, von Land zu Land. Ueberall lässt sich Lasst von seinen Mitmenschen ausnutzcn, lvenn es ihm nicht glückt, dank seines Mutterwitzes aus Kosten ihrer Dummheit zu leben: denn Hunger tut weh urrd der unscheinbare Ostjude will wenigstens einigermatzen satt roerden. So kommt er zu den seltsamsten Stellungen, aber nirgends ist cs ihm vergönnt, länger zu weiten. Unter anderem wirkt er in Tnla als Verbesserer der Kaninchenrasse, ohne nur ein einziges Exemplar dieser Tiere zu Gesicht zu bekommen. In Königsberg stellt ihrr ein geschäftstüchtiger Perverser Apotheker als lebendigen Rekiamegegenftand in fernem Schaufenster ans, wo er, ansoyhungert und elend, wie er ist, das trostlose Resultat der Ernährung mit einem verfälschten Lebertran- Präparat verkörpern soll: sein kraftstrotzendes überfüttertes Gegenstück sitzt an seiner Seite. In Berlin beginnt er in einem Film von der alten ki'tschchsten Sorte seine Lauibahn als Kinostar, die aber jäh abbricht, weil er nickst reiten kann: dann arbeitet er als Pfleger in einer Heilanstalt für Katzen, nnd er lägt sich in ein Fell stecken, um den erkrankten Assen in einem Wanderzirkus zu vertreten. Nach einem kurzen Gastspiel als Verkäufer in einem Mainzer Wurstwarengeschüst amtiert er in Frankfurt als Rabbiner, lucti die dortige Gemeinde einen Geistlichen braucht, der aus Schwarz Weis; mackst ^und alle llebertretnngen des Religionsgesetzes mit raffiniertester Spitzfindigkeit als erlaubt hinzustellen versteht. In der Weltstadt Paris tritt er nacheinander in die Dienste zweier sich wild bekämpfender russischer Zeitungen und spielt, obgleich er es kaum weih, wie ein Pinsel aussieht. in der Welt der Boheme vor Kollegen und Publikum die Rolle eines berühmten Malers und Originals. Ein degenerierter und extravaganter Millionär macht ihn -- dem Wortlaut nach — zu seinem Prioatfekreiär, in Wahrheit aber zu seinem Versuchsobjekt, an dem er alle Sensationen, die er sich seines geschwächten Körpers wegen versagen mutz, noch einmal erleben will. In London arbeitet Lasik im Aufträge eines Dnnnnkopst's von atlergrösstem Format als angeblicher Iudenmissionar und an Bord eines Ozeandampfers als Schuhputzer. In den Pausen, die stoischen diesen und anderen Betätigungen liegen, lernt er Wochen- und monatelang die Gefängnisse der verschiedensten Nationen kennen, weil die Behörden sich in feiner Person täuschen, oder nichts Besseres mit ihm anzusnngLN Nüssen, oder ihn wirklich für stnalsgefährlich halten. Alles nimmt Lasik mit der -Ruhe des wahren Philosophen hin, und immer wieder erzählt er Mensche», die ihn hören nnd nickst hören wollen, seine wunderbaren tiefgründigen Legenden, die letzte und rührendste von dern Kinde, dessen Pfeifchen Gott, der der sündigen Gemeinde am Ianm Kippur nicht vergeben will, versöhnt, kurz vor seinem Tode an Nabels Grabe in Palästina. Ja, der körperlich und seelisch zerbrochene kleine Jude iü ins Heilige Land gekommen, obgleich er keineswegs Zionist nt: aber er hat Wohl ganz im stillen gehofft, dort ein Weilchen ausruhen zu können, und mutz nint erfahren, das; auch hier der Starte den Schwachen erdrückt, datz fiel» bk Engländer, die sich als Mandatsherren brüsten, mit den Arabern nnd auch Juden verbündet zu haben scheinen, um die Wehrlosen zu peinigen. Er sehnt sich fort ans dein „Orangenparadies" nach Hornel, Erich Hamann / Mm Schokoladen Fabrik unä Zentrale: Berlin - Witmersäocf Brom den burgische Straße 17 — Telephon: Brabant 801-80,1 Hauptgeschäft: Kurfürsrcndami'.i 2(5 a Leipziger Straße 75 — Unter den Linden 14 — Am Rostmeck Potsdamer Straße 22 — Pariser Straße 28/29 —Brandrnburgrsche Straße 17. wo die Kantorstochter lebt, die einzige Frau, die er wirklich geliebt hat, rrnd vor allem, weil er au dem kleinen Städtchen, das ihm die wahre Heimat bedeutet, hängt. Als er einsieht, datz ihm sein Herzenswunsch nicht erfüllt werden soll, stirbt er bewntzt wie ein Held, obgleich ihm kaum das elende Plätzchen znrn Sterben gegönnt wird. Itja Ehreuburgs Roman ist reich an Humor nnd reicher noch an ticister Tragik. Er schildert eil) Stiefkind des Glücks, einen Menschen. der glaubt, mit aller religiösen Ileberlieseruug gebrochen zu haben, nnd doch erfüllt ist von alljüdischer Herzensfrömmigkeil. Ei)) spannendes, wertvolles Produkt typisch nenrussischer Erzählnngsknnst! Gertrud Lichtenbcrg (Hannover). Erna Aruhoiv: „Was ich in Palästina sah." Verlag ^crvnrattd Hirt, Breslau 1929. Das Büchlein gehört zu einer Reihe von Schriften, derselben Verfasserin, die unter dein Titel „Trautzen'in fernen Länder))" bei Ferdinand Hirt in Breslau erscheint und von denken bis jetzt die über P a l ä st i n a, I a p a n, E c Y l o n, (5 h i n a , S p a n i e n und 2t e g y P l e n erschienen find. Die Schriften sind hauptsächlich für die Schüler der oberen Klassen bestimmt. Da dies im Titelblatt nickst vermerkt ist, inlitet das Buch den unbefangenen Leser zunächst etwas rnerkwürdig an. Es hat den gewissen Torr naiver Sachlichkeit, wie man ü)n von der Schciie teer ans den Lesebüchern kennt. Tiefe ganz unkritische Berichterstattung ist ja irn Grunde für junge Leser nicht imrner ganz das 'Richtige. Nicht jeder junge Aiensch hat die geistige Lebendigkeit, um später selbständig das Primitive Wissen, das ihnr durch solche Lektüre übermittelt wurde, durch das Erfassen der vielfältigen Problematik, die fast allen Dingen innewohist. zu erweitern und zu vertiefen. Wenn auch vermieden werden must, in solchen Jugendbüchern irgend etwas zu schreiben, das eine Losung von Fragen zu sein beansprucht, um ntd)t in den Verdacht politischer Tendenz zu foimum, so sollte doch wenigstens das Vorhandensein von Problemen erwähnt werden- Es ist alles nicht falsch, was in dein Büchlein z. .B. über die Juden steht, aber ganz richtig ist es auch nicht. Mar) kann nun einmal ))icht ohne weiteres vom „jüdischen Volk" sprechen )ind diesen Begriff in jungen, unkritische;) Köpfen verankern, ohne nicht noch einiges als Erläuterung hinznzufügen. Tie zionistische Bewegung wird durch die Darsieliungsweise der Verfasserin nur in ihren Erfolgen dern Leser vorgesührt. Die Gegenüberstellmrg der jüdischen Bevölkerungszisfern (.55 (Oll bei Wassenstillstarrd, 150000 heute) ist irreführend, da schon vor den; Kriege blll-lln Juden in Palästina lebten nnd daher viele der Ein)oanderer als R'ückloanderer zu bezeichnen sind. Obwohl das Buch in; Jahre 1927. frühestens 1926, geschrieben sein mutz, ist nur von Erfolg und Glück die Rede, nnd von einer Wirlschaststrisis, ja, auch nur von Schwierigkeiten, fällt kein Wort. Das kleine Buch bietet eine Fülle an „Material", gibt an) 10 Seite!) eine gedrängte, bunte Schau des Landes );nd seiner Menschen, und vor allen) sehr gute Hinweise auf die Stellen der Heiligen Schrift, die doch gcwissernratzen den Text zu jedes Menschen Fahrt durchs Heilige Land abgeben sollte. Denn nur so kann der Reisende alles das finden, was das Land an Unvergänglichen besitzt. Wegen dieser Angaben, die zrvar nidit ganz übersichtlich (kein Sachregister!), aber doch in der Reihenfolge, in der der Europäer beute in den meisten Fällen das Land zu bereisen pflegt, angeordnet sind, kann man das Buch auch als Reisebegleiter empsthlen De. M. W. Neue Sucher, (Besprechung der Bücher Vorbehalten.) Gustav Adolf Walz: „Die Staatsidee des Rationalismus und der Romantik und die Staatsphilofophie Fichtes", Dr. Walter Rothschstd, Berlin-Grunewald, 1828/29. — Julius Bah: „Schauspieler und Schauspielkunst", Oesterh-etd u. Co., Berlin W 15, 192(i. — Theodor Lessing: „Dämonen", Ocsterheld u. So.. Berlin 15, 1929. — Dr. Ruppert Storr: ..Die Frömmigkeit im Alten Testament", Bolksvereins-Berlag, München-Gladbach, 1928. — Dr. Bruno Maueäer: „Nationalisierung als Äulturfattor", Reimar Lobbing, Berlin 6.1, .1929, — Arnold Zweig: „Herkunft und Zukunft", Phaedon-Berlüg, Wien, .1929. — Univers.-Prof. Dr. Isidor Bollsk: „Vom ftidischeu Sein und Werder;", Volkstümliche Aufsätze aus dem Nachlaß, Dr. Josef Flesch, Prag, 1928. — Bas Amrni: „Techinnah", Ein belehrendes Audnchtsbuch für jüdische Frauen und Bräute, Hermon Verlags-Ä.-lS., Frankfurt a. M„ 5688. -- Schatbrrswitz: „Feuerzeichen", Hermon Verlags-A.-G., Frankfurt a. M., 1928. — Jakob Teitel: „Aus meiner Lebensarbeit", I. Kaufftnann, Frankfurt a. M., 1929. — „Erinnerungen eines jüdischen Richters irn alten Rußland", mit einem Vorwort von S. Dubnow und einer Charakteristik vm: M. Gorki, deutsch von Dr. Elias Hurtviez, I. 5iauffmann, Frankfurt a. M„ 1929. — Dr. Mar Henke: „Blntsprobe iin Baterschaftsbeweise", Verlag der Aerztlichen Rundschau, Otto Gineliu, München, 1928. — Max NoFsauer: „Die Dotrorschule", Verlag der Aerztlicheu Rundschau, Otto Gmelin, München, 1929. -- I. B. Levy: „Hebräische Lesefibel", mit Zeichnungen von Erna Pi'.'.ner, M. Lehrberger u. Co., Frankfurt a. M„ 1929. — Georg Herrmann: „Trä)une der Ellen Stein", Deutsche Berlagsanstali, Stuttgart, 1929. — Georg .HervMMtN: „Die Zeitlupe und Betrachtungen über Menschen und Dinge", Deutsche Perlagsanstalt, Stuttgart, 1928. — Henri BerrbuFen „Jesus", C. Wetter u. Co., Leipzig-Wien, 1928. — Artur Lrebevt: „Geist und Welt der Dialektik", Pan-Borlag, Kurt Metzner G. m. b. H„ Berlin 'VT 9. BAD KflUHEIH/PflHKHOTEL - ERÖFFNUNG 24. N1ÄR2 -