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Central-Verein-Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · p. Seite 149

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
Seite 149 (sequence 9)
Language
German
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Sabs „öefreiungsfchlacht". Von Ernst Liflauer. Es ist leicht, über ein Buch von Bab zu schreiben, denn nmner^ ist in ihm, ja, in jedem einzelnen Kapitel, oft jedem Absatz und <ratz der gesamte Mensch, seine gesamte Anschauung gegenwärtig und enthalten; und eben darum ist es schwer. Er kommt vorn Hundertsten ins Tausendste^ aber nicht sprunghaft,'sondern auf stusenhaft organischem Wege, Schon der Untertitel beutet es an: literarische Anlässe, Romane, Anthologien, Gedichtbände, Dramen leiten ihn zu Betrachtungen Politischer, sozialer, kultureller, geschichtlicher Art, und gelegentlich gibt er auf wenigen Seiten einen ganzen, Jahrhunderte mnspannenden Ausrist, etwa eine Geschichte des abendländischen Wissens von Rußland oder einen Ueberblick über den Kamps von Antike und Christentum irr den beiden letzten Jahrtausenden. Bab ist ein ausgezeichneter Kritiker der Dichtkunst; er weist um das Wesen der Sprache, nur die sprachliche Verwurzelung des dichterischen Kunstwerks. So leidenschaftlich sich Bab um die Lyrik bemüht, zu deren Erkenntnis er Ausgezeichnetes leistet, dennoch gibt er im rein ästhetiichen Bereich nicht sein Höchstes. Zuweilen scheint er von seltsamen Äerkennungen rmd Vorurteilen beengt; es ist zürn Beispiel ganz unmöglich, in einer Uebersicht ülwr die heutige Lyrik, wie sie sein neues Buch enthält, einen'Lyriker von der Tiefe und Reinheit Wilhelm von Scholz' nicht zu nennen. Ebenso hat Bab Trefflichstes zrrr Erkenntnis der dramatischen Form ausgesprochen und ihre sprachliche Verwurzelung mit großer Klarheit dargelegt; aber im szenischen Bereich dürsten manche Urteile kaum von der oberstert Instanz, der Zeit, bestätigt werden. Nur ungern erlebte man, daß Bab einen behenden Nutznießer wie Hasenclever einen großen politischen Lyriker nannte und in einem mittleren, zeitgebundeneu Talent wie Bötticher die sichere Verheißung der Größe zu spüren wähnte. Man beobachtet auch Zuweilen, daß Bab dichterische Erscheinungen, um sie auf eine einheitliche Formel zu bringen, allzusehr vereinfacht und ihren einzelnen Leistungen gegenüber ungerecht wird. Diese Gefahr, so sollte man meinen, droht nun vollends den allzemeineu Betrachtungen, den Zusammenfassungen, Abrissen, Ueberblicke u, aber diese Vermutung trifft durchaus nicht zu. Im Gegenteil, vollkommen klar und überzeugend ordnen sich die Geschehnisse unter seinem geistigen Blicke an; mehr: alle Aussätze Babs wirken als aus einen: Mitelpunkt herausgestrahlt, und eben dieselben Leitgedanken wie früher irr den: Abriß des Goetheschen Lebens oder der „Chronik des Dramas" wirken in diesem neuesten Buch „Besreiungsschlacht". Und auch in Babs Büchern über Shakespeare, Shaw, Tehmel find die eigentlichen ästhetischen Urteile trotz des Ranges, den er immer wahrt, minder wichtig als die Kultur-, die geistespolitische Schau, der sie neu eingereiht, in deren Licht sie neu erblickt werden. Bab also ist ein ausgezeichneter, von keiner modischen Strömung verführbarer Kritiker — weshalb ihn auch die Allzuheutigen bestenfalls mit mißachtendem Wohlwollen behandeln —, aber er gibt sein Höchstes doch als Kritiker der Kultur, als Denker der Gegenwart, als synthetischer Darsteller großer, geistiger Folge. Wie jedes Babsche Buch die Babsche Welt in nuce gibt, so, in besonders hohem Ausmaß, auch diese letzte Sammlung^. Obwohl diese Aussätze zu verschiedenen Zeiten entstanden — zum Beispiel anläßlich Thomas M a n n s „Zauberberg", Bruno Franks „Politischer Novelle", Emil Ludwigs „Bismarck", der Reisiger scheu Uebersetzung von Whitmans „Grashalmen", der Galsworthy scheu „Forsyte Saga" —, beleuchten sie einander; wie die Themen eines vielsützigen symphonischen Werkes kehren gewisse Leitgedanken wieder. Alle gedanklich bauenden Schriftsteller können es nicht vermeiden, sich zu wiederholen, selbst wenn sie es wollen; sie schreiben an einem einzigen Wert: Denkstoff, immer der gleiche, entfaltet sich zu immer verschiedenem Zweck in immer verschiedenem bücht. Gerade um dieser Einheit willen, gerade unter den: Eindruck dieser letzten Sammlung, wünscht man, daß Bab ein großes, zusanunensassendes Werk, eine Babsche Summa schasse; will sagen: ein Werk, das nicht durch Bücher, durch Anlässe hervorgerusen wird, sondern von vornherein als Gesamtbild empfangen ist und Gesamtheit darstellt, eben die gegenwärtige geistesgeschichtliche, kulturpolitische Situation des Abendlandes und ihre geschichtlichen Voraussetzungen. Das Nundgemälde der Zeit, das Bab umreißt, sei mit knappen Umrissen nachgezeichnet; und zwar bieten alle Aussätze des neuen Buches Stofs und Farbe; vornehmlich aber: „Tie Schlacht von Salamis", „Vom Geiste des Bürgertums", „Bernhard Shaw als Politiker oder das sabische Vorbild", „Henri Ford und der Sozialismus", „Walt Whitman und die Botschaft Amerikas".. „Die Russen mit) wir", „Goethe und der Aufgang des Abendlandes". Die Befreiungsschlacht, von welcher der — nicht sonderlich glücklich gewühlte — Titel zeugt, ist eine Schlacht von Salamis im Geiste: der abendländische Geist muß sie schlagen wider den Einbruch des östlichen, des slawischen, insonderheit des russischen. Tie abendländischen Völker, insbesondere die Germanen, die das römische Imperium zerbrachen, wurden zugleich Schüler der griechischrömischen und zugleich, mit der Annahme des Christentums, Erben der orientalischen Kultur. Jene zielt ans Befestigung, Umgrenzung, Verklärung, auf Verklärung des Irdischen, diese ans ihre Ueberwin- Julius Bab: „Besreiungsschlacht", Kulturpolitischs Betrachtungen aus literarischen Anlässen. Verlag Engelhorns Nachfg. (Stuttgart), 217 Seiten. I düng, auf Verklärung des Diesseits in einem jenseitigen Licht. Dieser Kamps von Form und Wider-Form wird durch die gesamte abendländische Geschichte hin ausgekämpst. (Es ist auch der Kampf von Klassik imb Romantik: der Kampf, den das neunzehnte Jahrhundert „mit dem Geist der Romantik" führt, und den Bab in seinen: „Fortinbras" beschrieben hat; es ist der Gegensatz, wie mau neuerdings formuliert hat, von „Vollendung und Unendlichieit".) Goethe aber, in dessen Verkündigung das Buch mündet, ist für Bab der erste Mensch, der jenen Kamps und Zwiespalt löst: er geht, um ins Unendliche zu schreiten, in: Endlichen nach allen Seiten, ihm ist sein gesamtes Dasein symbolisch, alles Vergängliche ist ihm ein Gleichnis. Eil: Bundesgenosse in diesem großen Kampf des Westens mih des Ostens — wohl ge merkt ein geistiger, nicht ein Wasfenkampf — dünkt Bab das junge amerikanische Volk, als dessen gesteigertes Urbild er Walt Whitman, den liebereichen Riesen, den Künder büffelhast ungetümer Gesänge Preist. Doch ist es heute noch nicht erkennbar, ob nicht die übermäßig rationale und zivilisatorische Wesenheit des Westens das Abendland nicht ebenso gefährdet wie die irrationale Maßlosigkeit des Ostens. Vorläufig erscheint das Abendland als ein Reich der Mitte, das nach zwei Fronten hin zu dämmen hat. Ganz Vortreffliches äußert Bab über das russische Wesen/ Lenin stülpt die abendländische Zivilisation über die, geistig und räumlich gesprochen, russische Unendlichkeit, wie einst Peter der Große. (Und, schalten wir ein. es ist tief symbolisch, daß Petrograd heut Leningrad heißt, zugleich aber der Schwerpunkt des russischen Reiches nach Moskau, in die alte Hauptstadt, zurückverlegt war.) Der Bolschewismus ist eine spezifisch russische Form kollektiver Wirtschaft. Für den abendländischen Menschen aber sind jene mannigfach religiös überglänzten Lehren und Formen wichtig, in denen sich ein kollektiv betontes Zeitalter vielfältig, mehr oder minder keimhaft oder gereist verkündigt. Bon dieser Arbeit an der Zukunft aber ist das Bürgertum bei weitem nicht ausgeschlossen: gerade Sühne des Bürgertums schassen mit au dieser langsamen, stetigen Entwicklung. Das Babsche Buch — das auch noch von anderen Themen, immer im Hinblick ans die große Kernfrage, handelt: zum Beispiel vom wahren und falschen politischen Drama ist das Buch eines Mittlers, nicht in dem Sinne, wie man Von Vermittlungs-Schulzen oder Beschwichtignugs-Hosräteu spricht, sondern in jener tiefen Bedeutung, die Robert R e u m a n n vor einiger Zeit in diesen Blättern formulierte: der Jude ist der Mittler. Geister wie Bab Mitteln zwischen Bürgertum m:d Arbeiterschaft, zwischen Hertunst und Zukunft, zwischen Deutschtum und Judentum, zwischen den Böllern des Abendlandes. Unsere Zeit, wie alle krisenhaften, alle Epochen zunscheu End" und Anfang, ermangeln der fruchtbaren Mitte; um so notwendiger sind ihnen die wenigen Geister, die Mitte tragen in sich selbst. Sie sind natürlich in Gefahr, von den jeweils verschiedenen Ge ge-l seiten bekämpft zu werden und sich, wie man sagt, zwischen zwei Stühle zu setzen; gerade Bab aber hat das epigrammatische Wort geprägt, ihm eigne die Kunst, „Zwischen $iun Stühlen zu it efjen". Ernst Glaeser: ,,Jahrgang 1992". Verlag Gustav Kiepenhener, Potsdam 1928. Glaeser gehört zu denen, die den Krieg hinter der Front mit den Augen des erwachenden Jünglings erlebten, die leider seinen Ernst wohl sahen, aber nur indirekt am eigenen Leibe spürten, und die daher aus Deutschlands hohen Schulen heute einen Geist zu züchten versuchen, der jenem Geist vor 1914 erschreckend ähnlich sieht. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ' welche Gefühlsmomente es überhaupt erst ermöglichen, daß eine solche Geistesverfassung wieder Platz greifen konnte. Und wenn wir in diesem Blatte das Buch Ernst Glaesers würdigen, seine Ehrlichkeit anerkennen, so geschieht es deswegen, weil Repräsentanten des Jahrgangs 1902, wie ihn Glaeser darstellt, uns willkommen sind, in unserem Kampfe gegen Verhetzung und Verleumdung, weil er zu denen gehört, die "1111 Menschen nur den Menschen und in der Leistung nur die Leistung erblicken. Drei Schicksale, verschlungen mit dem des Autors, werden geschildert. Da ist der Freund, Ferd. v. K., der trotz und gerade wegen seiner adeligen Abkunst, liegen der freiheitlichen Gesinnung seines Vaters, unter den: Vorurteil und dem Haß der verhetzten Menge zn leiden hat. Da ist Glaeser selbst und seine Erlebnisse um die Geheimnisse der Liebe, die ihren schönsten Ausdruck in der Freundschaft mit Anna finden', die ein sinnloses Geschoß, aus der Luft aus friedliche Bürger geschleudert, zersetzt. Da ist endlich Leo Silberstein, der getretene und verängstigte Jude, der Anlaß wird für Glaesers Erkenntnis von der Bosheit und dem Vorurteil der Menschen. Schon oft ist aus jüdischer und nichtjüdischer Feder die Schilderung von den Seelenqualen eines „.Judenjungen" in Deutschland geflossen.' Aber noch selten ist ein solches Schicksal mit solcher Ein dein glich keil als Symptom für die Geistesverfassung einer gesamten Bevölkerung gezeichnet worden. Hier fühlt mau bei jedem Wort, daß es nicht Effekthascherei ist, die den Verfasser veranlaßt, Leo Silbersteins Schicksal an den Anfang seines Buches zu setzen. Man fühlt, daß diese Schilderung aus dem Herzen kommt, und daß sie um der Gerechtigkeit willen geschrieben wurde, wie ja das gesamte Schassen des 26 jährigen von dieser Ehrlichkeit des Wollens zeugt. Es ist eine ganz einfache Geschichte, die uns interessiert. Sie beginnt damit, daß der schwächliche Leo Silberstein in der Turnstunde

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