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Central-Verein-Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · p. Seite 148

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
Seite 148 (sequence 8)
Language
German
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il'jK;P: Hermann Cohens Schriften zur Philosophie unö Zeitgeschichte Von Dr. Heinrich Aevy (Eberswal-e). Jur Verläufe von mehr als 50 Jahren hatte Hermann Cohen neben den umfangreichen und schwierigen philosophischen. Werken, in denen er Zuerst Kant verstehen lehrte und dann sein eigenes System entwickelte, eine große Zahl von einzelnen wissenschaftlichen Abhandlungen, Reden Nachrufen Nezensionen Persönlichen und aktuellen Kundgebungen dem Druck übergeben. Diese waren jedoch bei [einem Tode, im April 1918, vielfach nur mit großer Mühe erreichbar, teils in den verschiedensten Zeitschriften, Sammelwerken und Zeitungen verstreut, teils im Buchhandel vollständig vergriffen. Die „Hermann-Cohen-Stistung bei der Akademie für die Wissenschaft des Judentums" stellte sich deshalb die Aufgabe, diese Arbeiten zu sammeln, um die hohen Werte, welche sie bergen, der Nachwelt 311 erhalten. Durch die Ungunst der Zeirverhältnisse war aber erst im Jahre 1927 die Veröffentlichung der „Jüdischen Schriften" (in drei Bänden), im Jahre 1928 die der vorliegenden, würdig ausgestatteten zweibändigen „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte", möglich, die Cohens Schütt, Albert Görtand und Ernst Cassirer, herausgegeben haben. Eingeleitet durch die Gedenkrede Cassirers, der, durch geistige und persönliche Freundschaft mit Cohen verbunden, die Gestalt des großen Denkers und Lehrers wie des wundervollen Menschen plastisch vor uns erstehen läßt, enthalten sie ausschließlich Beiträge, die nichtjüdische Gegenstände behandeln. Im 1. Teil, der den ersten Baud und über die Hälfte des zweiten einnimmt, zeigen uns diese Schriften unter denn Titel „Systematisches (Zur Philosophie und ihrer Geschichte)" Cohen als den scharssin.nigen und tiefen Philosophen, der als feine geistigen Ahnen P lato n , dann Descartes und die Begründer der mathematischen Naturwissenschaft, vorzüglich aber die großen Deuts ch e n N i c 0 l a 11 s C u s a n ns. Leib n-i Z. vor allen K a n t, dazu F i ch t e als ethische Persönlichkeit, verehrte und ihr Werk zu vollenden strebte. Der Philosoph Cohen aber war, im vollen Einklang mit Kants Gedanken des Primats der praktischen Vernunft, von einem leidenschaftlichen Ethos beseelt: in seiner ethischen Lehre wie in seinem Handeln, daher in seiner Stellungnahme zu anderen Persönlichkeiten, zu literarischen Erscheinungen, zu allen seine Epoche bewegenden Kulturfragen bewahrte er eine unerschütterliche Treue der U e b e r z e u g u n g, für die er mit seiner ganzen Persönlichkeit sich einsctzte. Diese unbestechliche Wahrheitsliebe, dieses gewaltige Ethos Cohens tritt nicht zürn wenigsten schon in den rein philosophischer! Aufsätzen und Sieden zutage; die nicht philosophisch vorgebildeteu Leser werden vielleicht noch stärker in den übrigen Teilen der Sammlung, die „Politisches und Zeitgeschichtliches", „Persönliches" (zumeist Nachrufe für Freunde und Kollegen) sowie „Rezensionen" enthalten, von Cohens Energie des r-einen Woltens, das sich mit ticTem Denken paart, ergriffen werden. Die Ethik ist das Zentrum der Philosophie und der Persönlichkeit Cohens. In diesem Zentrum erblickt aber Cohen die von ihm selbst immer neu und innerlichst erlebte Einheit des deutschen und des jüdischen Geistes; denn der j ü d i s ch e p r 0 P h e k i s ch e M e s s i a n i s nr u s und die deutschen Geistesheroen, L e s s in g, K an t, Fichte, Schiller. Goethe, finden: gleicherweise den Sinn alles menschlichen Strebens in der unermüdlichen Arbeit für ein im Unendlichen liegendes Ziel, an welchem die Versitklichung der Welt vollendet sein soll. Tie sh st em a t i schp h i l 0 s 0 P h i s che Abteilung bringt zunächst Cohens Dissertation, die sich bereits mit bedeutenden Problemen befaßt: er untersucht hier die Lehren^ der antiken Philosophen vom Zufall und von der Notwendigkeit, Schon zwei Jahre später (1867) bereitet er seine Entdeckung des kritischen Gehalts der Jdeenlehre Platons und der Verwandtschaft dieser Lehre mit Kants Vernunstkritik, damit aber sein eigenes späteres System der Philosophie vor, welches platonische und tantische Gedanken in sich vereinigt. Ehe nun aber Cohen seine bedeutsamen Werke über Kant veröffentlichte, zogen ihn Probleme an, welche die von Lazarus und Stein thal begründete „Völkerpsychologie" zu lösen versuchte. Als ihren Gegenstand^kann man etwa die Gemeinschaft s fee l e bezeichnen, welche die Sprache, den Mythus, die Religion, Sitte und Rocht, Knust, Literatur und Wissenschaft hervorbringt. Es sind dies gerade heute recht moderne Probleme, die damals, ans der N 0 m a n t t1 mit ihrem Begriff des „Volksgeistes" hervorgegangen, von den Völkerpsychologen und so auch von Cohen rational-wissenschastlich behandelt wurden. Die Themen dieser Aufsätze, sehr interessant, namentlich für den Forscher, der Cohens spätere Entwicklung verfolgt, lauten: „Mythologische Vorstellungen von Gott und Seele, psychologisch entwickelt" und „Die dichterische Phantasie und der Mechanismus des Bewußtseins". Zn dem ästhetischen Problem dieses Aussatzes trieb Cohen sein Kunstenthusiasmus, der besonders durch die Musik entfacht wurde: ein Zeugnis für Cohens Musikbegeisterung ist der originelle Anssatz dieser Sammlung „Mozarts Operntexte" (1906). Cohens Stellung zu den philosophischen Grundproblemen und vorzüglich zu der Lehre, die ihm als die höchste Offenbarung der Philosophie und zugleich des deutsckM Geistes galt, zur Lehre Kants, wird in den vorliegenden Bänden dem Leser durch kürzere Beleuchtungen in verschiedenen Aussätzen viel leichter faßlich als in seinen Hauptwerken. Hier sind als Ueberblicke n. a. die Reden über K a n t Gvosserr Spr-iaÜMis für feine Herren-Wäsche, Lriimtggru usw. BERLIN W CHARLOTTENSTRASSE 65 FERNSPRECHER: MERKUR 6330 und besonders die große Einleitung zu F. A. Langes „Geschichte des Materiallsmus'' zu nennen; als schm orige re wissenschaftliche Abhandlung die äußerst wichtige, vergriffen gewesene Schrift „Das Prinzip der Jnfinitesimal-Methode und seine Geschichte" (188Z). z Abgedruckt ist auch 'der Aussatz, mit dem Cohen 1870 die Karrk- JnterPretaLion berühmter Universitätslehrer scharf kritisierte — ein in mittel barer Vorläufer jener wahrhaft epochemachenden Werte Cohens über Kant, die bis dahin unverstandene fundamentale -Ge- 8 danken des Philosophen herausarbeiteten und zur Geltung brachten. I Die furchtlose Art der Polemik, die Cohen hier etwas aggressiv 3 gegen eine so selbstherrliche Natur wie Kuno Fischer, viel später mit I berechtigter Erregung sarkastisch gegen den Berliner Ordinarius der | Philosophie, Paulsen, führte, war immer gegen solche Persönlichkeiten Z und Bücher gerichtet,- die nach seiner Ueberzeugung die Sache dos Idealismus gefährdeten. Sie hat Cohn manchen einflußreichen Feind * geschaffen. Aber auf ihn findet das Sprichwort volle Anwendung tzViel \ Fein dH viel Ehb". Scheute er doch nicht davor zurück, mit vornehmer Sachlichkeit auch großen Männern, die er hoch verehrte, entgegeni zu treten, wenn sie aus philosophische Irrwege geraten waren — ein ' Beispiel hierfür bieten die „Jnbiläumsbetrachtungen", die sich kritisch J gegen Helmholtz, auch gegen Fr. Th. Bischer, den Aesthetiter ii und Verfasser von „Auch Einer", wenden, ebenso die philosophisckw Auseinandersetzung mit dem Freund F. A. San ge. Sieben der Machc l des Cohenschen Gedankens n>ar es aber gerade die hierin sich bek kündende Charaktersestigleit Cohens, als eines Hüters der Kultur-!1 guter, die ernsthaft Studierende über die außerordentlichen Schwierigkeiten seiner Hauptwerke hinwegriß und nur ihn die wert über g Deutschlands Grenzen hinaus wirkende „Marburger Schule" scharte, ß Es kam: leider nur krrrz, aber es möge um so nachdrücklick)er auf $ den zweiten, dritten und vierten Teil der vorliegenden Schriften j§ Cohens hin gewiesen werden. Diese Teile vermitteln, wie bereits auj gedeutet, auch dem der Philosophie ferner stehenden Leser einen Ein- | druck von dem Geist und der Persönlichkeit Cohens — vom ersten Teil sirrd hierzu die wichtigen Untersuchungen über das Verhältnis der % Ethik zur Religion und zur Politik ans der Einleitung zu \ F. A. Langes „Geschichte des Materialismus" heranzuzieheu. Man § lese nur die prägnante Antwort, die Cohen 1904 auf eine Umfrage f über das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gegeben' hat. § „Das ist der grundsätzliche Irrtum", so heißt es hier, „dich der? Mensch reis und selbständig werden könnte ans anderem Wege als | durch seine selbständige Mtwirtung am Staate, und in erster Linie | an der Mitbegründung des Staatswillens . . . Das gleiche Wahl- £ recht ist das exakte Mittel der sittlichen Voltserziehung." So zeigen auch schon die wenigen Zeiten, auf denen Cohen die Ablehnung der Todesstrafe unter dem Titel „Vernichtung der sittlichen Person" aus ethischen Motiven- — hier gegen Kant — begründet, den ganzen Mann. Immer wieder nimmt Cohen zu aktuellen Fragen mahnend ^teUung, wie z. B.. 1914 zur Ansländersperre an den deutschen Universitäten; er protestiert dagegen im Sinne des „weltbürgerlichen Gemüts des Nationalgeistes, das dem deutschen Genius angeboren, diesen letzten Zeitläuften aber wie abhanden gekommen scheint". Ebenso erhebt er Einspruch dagegen, daß „die nationale, simultane ß B olt s-Staa ks schule in die konfessionelle schule verstümmelt worden ist". 1 Es ist interessant, wie stark Cohens ethische, politische und kulturelle Anschauungen mit denen Fichtes verwandt sind. Fichte wie Cohen vereinigen ihr Weltbürgertum und ihre Humanität mit glühender Vaterlandsliebe, mit dem Bekenntnis zum deutschen Volkstmrt, und beide geben der natürlichen Vaterlandsliebe eine höhere Weihe, indem, sie die besten ethischen und kulturellen Kräfte dem | deutschen Volte vindiziereu. Es könnte sogar Cohen mit genau | demselben Unrecht wie Fichte aus Grund herausgerissener Stellen, $ namentlich seiner Kriegsaussätze, als einseiliger deutschvöltischer Nationalist erscheinen. In Wahrheit ist diese Einseitigkeit bei beiden Persönlichkeiten völlig ausgeschlossen durch ihren ethischen Idealismus, der ein über die Schranken der Nationalität hinaus alle Menschen umfassender, gleichwohl den Wert eines jeden Volkstums anerkennender ethischer Sozialismus ist. Cohen beruft sich für diesen Sozialismus aber bereits aus jene Formel des tätef gorischen Imperativs K a n t s, der ja auch Fichtes Lehrer war: l „Handle so, daß du deine Person wie die Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." — * Eine kurze Würdigung der Cohenschen „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" muß sich mir diesen wenigen Hinweisen begarügen, j Sie, kann nur noch allen, die sich um die 'Herausgabe der beiden Bände verdient gemacht haben. Dank dafür aussprechen, daß sie die für den philosophischen Forscher wie für den Verehrer der Person- 1 lichkeit Cohens so wertvollen Gaben der Oessentlichkeit zugänglich 1 gemacht haben.

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