Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 147 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Was bleibt? Der Zensor Der Deutschen Sprache — ein IuDe. Professor Eduard Enget, Literarhistoriker und SprachNüuiger, Eivethe-^vrscher und Novellist, durchforscht die Weltliteratur und fragt-. „Was bleibt" von dein, was seit Urzeiten bis heute in allen Völkern und sprachen gesagt und gesungen wurde? Engel spricht von den Grundfragen des Urteils über Literatur und richtet die Matzstäbe auf, nach denen Kunst zu werten sei. Er ist ein strenger Literaturrichter und man mag oft über den Eifer lächeln, mit dem er gegen die bleibende Geltung anerkannter.- insbesondere lebender —- Dichter autämpft. Was er über die Bedeutung des hebräischen Schrifttums sagt, wird oft uns, die gerade dieser Abschnitt an ge pH zum Widerspruch reizen. Engel erkennt der Dichtung der Hebräer nicht die 1)oIhv und für die Fortdauer notwendige Form zu. Er nennt die Knnstform der Bibel eintönig und armselig, ermüdend und vermißt irr der Bibel den Urgrund alter Alun[t: die Freude. Er glarrbt einen Rückgang der Nachwirkung hebräischen Schrifttums seststellen zrr lnüssen, weil das allerrneiste gerade der wertvollsten hebräischen allen Dichtung nnserenr Verständnis und Mitgefühl feruliege; vielleicht wird er sich eines Besseren gerade seht belehren lassen, wo rnodcrue und zrr Engels Leidwesen hoch anerkannte Schriftsteller wie Thomas Mann auf biblische Stoffe znrüägreisen rmd sie für interessant und nnserenr Empfinden nahe geling halten, um moderne Menschen zu begeistern. lieber den literarhistorischen Wert der Engelschen Weltliteratur y.i streiten, ist nicht Aufgabe dieses Blattes. Uns fesselt all der Persönlichkeit dieses von den einen gelästerten', von den anderen zum Führer erhobenen Mannes eines: Eduard Engel, der Schöpfer der deutschen Stilkunst, der oft verlachte „Entwelscher", der mit heiligem Zorn für die Reinigung und Durchsetzung der deutschen Sprache eifernde Kämpfer, der von Goethes Geist ganz erfüllte Deutsche, dieser fast alldeutsch 31t nennende Sch r ist stelle r, dessen Werke gerade von nationalistischen Berlagsanstalten und Zeitungen warm empfohlen werden, dieser Eduard Engel ist . . . Jude; d. h. er ist als Jude geboren (wir lvissen nicht, ob er sich noch zur jüdischen Glaubensgemeinschaft zählt). Werden nach dieser Erkenntnis, unsere Völkischen a'ns ihren Bortämpfer verzichten, werden sie ihm jetzt gar Gefühl für deutschen Geist und deutsche Sprache aberkennen, nachdem ne sich nach seinen Grundsätzen jahrzehntelang gerichtet haben? Oder werden sie cinseheil, das; der deutsch ist, der deutsch suhlt und deutsch sein will? Rci. J) Was bleibt c Die Weltliteratur von Eduard Engel. Verlag Köhler n. Amelang, Leipzig. (Schluss des Aufsatzes: „Der jüdische Witz“ von Robert Ncumann.) Präsentiert sich diese Anekdote zunächst lioch als ein gewöhnlicher ..Autoritätswitz" (Angriff auf Rabbiner-Autorität), so gibt ihre Pointe, wie gesagt, doch schon zu denken. Denn selbst in dieser Verzerrung ist der Antwort des Schülers eine gewisse Großartigkeit nicht abzusprechen. Und dieser Punkt sei dar lim auch schärfer firiert. Hier ist es, wo die selbsttritit aufhört, verdienstlich zu sein. In dieser Hatzliebe beginnt eben hier der Hatz, der Selbsthatz 311 überiviegeu. hier ist die Grenze erreicht. Was jenseits liegt, .liegt auch schon jenseits des Witzes (und wäre zu erörtern in einer Untersuchung über die Tragik des jüdischen Gehirnes — demonstriert etwa an dein Beispiel eines Otto W e i n i n g e r). Womit übrigens auch schon die (unausgesprochene) -Frage beantn-ortet ist, ob es für die um die Wahrung der Würde des Judentums Besorgten ratsam und sinnvoll ist, gegen den Judenwitz 31t Felde zu ziehen. Das mutz verneint werden. Denn das hieße, die tragische Bedingtheit solcher Selbstzerstörmrg. solch täglichen Gedankenselbstinords verkennen. Gcnviß, dieser Witz ist ein glimmender Balken int Gebäude des jüdischen Geistes. Aber — er ist nicht der einzige glimmende Balken. Und solchen Balkenbrand zu bekämpfen, müßte die Feuerwehr einen gar nicht kleinen Teil des Baues demolieren. Nein, Da wohnt sich's schon besser in der Angespanukheit stündlichen Abenteuers unter glimmendem Dach. Mau soll es sich nicht zu leicht machen wollen. Daß diese Selbstmitzachtung schließlich auch sich selbst, also die Setbstmiszachtlulg, zum Ziel des Witzes nimmt, wird nun keinen mehr wundernehmen. Diese Witze, die schon auf des Messers Schneide jonglieren, inuner in Ge sät) r, nach der ^eite des tragischen Ernstes abzusiürzen, sind eben deshalb auch die tiefsten und — heften. Ein solcher sei zum Abschluß kommentarlos hier wiedergegeben: Ein Jude kommt mißgestimmt nach Hanse. Die Frau: „Woher kommst du?" Er: „A;rs dem Kaffeehaus. Vorn Kartenspielen. Ich Hab niich geärgert." Sie: „Recht geschieht dir. Was setzt bit dich nieder Kartenspielen mit Leuten, die sich niedersetzen Kartenspielen mit dir?" . . . 147 „Grauenhafte verjuöung -er -rutschen Literatur." Georg Herrmann nnD Der ,,Völkische Beobachter". „I u d c 11 0 t § A u t 0 v e n in b e v m 0 d e r n e n den! s cd c u i t c r a t u r" Uhu das Ttuma des Vortrages, den Georg H e er - m a n u vor kurzem in F r a n k j u r t a. Vl. gehalten bat. Tie „F r a n k -! u r to r T a ch r i ch tc it" berichteten darüber facblid) und gaben die Feststellungen Herriuanns vüeder. der die große Reihe bekannter Namen im deutschen Schrifttum anstübrt, deren Träger Ju'den sind und zitiert: ,.Heute bat sich die Zahl der schvistskellernden Juden verhundertfacht, dergestalt, daß unter drei bekannten Autorennamen sicherlich zwei, mindestens einer jüdisch find." Der „Völkische Beobachter" vom 7. März, der seine Glossen über Georg Herrmanns Vortrag mit obiger Ueberschrist versiebt, schreibt dazu: „Das sind Feststellungen eines Juden, die wir nur bestätigen können. Wenn voir ans die Verjn-dung des deutschen Schrifttums binvoeisen, so werden Nur von der Indenpresse in der Regel 'lügenhafter Ueoerlreibung ans unserer Gehässigkeit gegen das Judentum heraus bezichtigt! Run sagt der Jude Georg Herrmann (Vorchard) genau dasselbe aus in dem Tone überheblichen Stolzes!" Georg Herrmann erwähnte dann weiter, das; nach Vismaras Wert die Inden das „Glas Ehampagner in der deutschen Geschiäile" seien. Auch hierüber läßt sich der „Völkische Beobachter" in bekannter Weise ans. Zn diesen Bemerkungen des „Völkischen Beobachter" schreibt nrrs Georg Hernrmrm: „Das Referat enthält gerade in einem iviehtigen Punkt eine g r 0 b e 11 n r i ch t i g t c i k. Ich sagte in meinem Bortrag nicht als Schlußwort, „die jüdischen Schriftsteller sind nach einem Work Bismareks „Das Glas Ehampagner in der deutschen Geschichte", sondern natürlich „in der modernen deutschen Literatur". Warum mau das Hinei um sichte, verstehe ich wohl. Ich persönlich hasse das Wort „Geschichte" als die mit M e n s ch e il b lut gef ch r t c b e n e E l, r 0 n i t n n g l ü ck seliger E r e i g n i s s e viel zu sehr, als daß es mir auch nur als taj)sn8 linguae Liber die Lippen käme, loenn ich „moderne deutsche Literatur" sagen null. Gott sei Dank, haben die deutschen Juden - lote auch schon bei der geringen Zahl, einer ans 105 bis 110, nicht anders zu erwarten — einen sehr geringen, ja kaum wahrnehmbaren Anteil an dieser Art von Chronik. Natürlich ist auch der Gedanken gang des Vortrags verfälscht worden. Ich skizzierte das Schicksal der deutschen Juden von den römischen Anfängen au und zeigte, wie der Ostjude noch heute der deutsche Jude des Mittelalters ist, und wie nicht nur seine Sprache — ein Mittelhochdeutsch —, seine Volkslieder, sondern auch seine Mystik mit der Gotik parallel sind, und wie dadurch seine Literatur trotz seiner Köpfe insular geblieben ist. Ich verglich ihn mit dem Kammerdiener, der, losgelöst von der französischen Kultur, noch heute das Französisch Voltaires spricht. Der d e u t sch e I u d e aber m achte f n 11 u t c I l alle W a n d l u n g e n f c t n er deuts ch e n Heimat mit und ist mit Beginn einer deutschen, international wertbaren Literatur, das heißt von der Klassikerzeit an, die ihn erst nur als literarisch genießenden Vorkämpfer sah, von Generation zu Generation immer stärker und vielgestaltiger/ selbstschöpserisch geworden, und Zwar d u r ch ans n i ch t a l s Jude, s 0 n d e r n c/l s Deutscher. Das war das Thema, das ich mir gestellt hatte. Ich sagte eigens, daß erst Worte, wie „ein gutes Buch eines Nichtjuden ist national bedeutsamer als das eines Juden" (Flake), diese Feststellung des Anteils der deutschen Juden an der deutschen Literatur herausgefordert hätten. Noch vor zehn Jahren hätte bei der Einheitlichkeit des deutschen Schrifttums niemand, am wenigsten aber ein Jude, in Deutschland an solch eine Feststellung gedacht. Ich wies darauf hin, daß die deutschen Jikden in den letzten zehn, zwanzig Jahren zahlreiche, aber meist einander völlig diametral entgegengesetzte Begabungen in die deutsche Literatur geschickt hätten, und daß es bei ihnen fast zu den Ausnahmen gehört, wenn sie jüdisch e M 0 t i v e oder jüdische Nt e n s ch c it der Gegenwart | ch ilderten. Ich bin doch nun wirklich ein harmloser Mitbürger, und meine ausgesprochenste Eigenschaft ist: Scheu vor der Oeffentlichkeit. Und wenn ich die schon einmal überwinde, ist es immer nicht recht, was ich sage, einfach weil ich simpel eine Katze eine Katze nenne, und gar nicht begreife, daß man sie anders nennen kann. Warum in aller Welt, frage ich mich immer wieder, will man es denn nicht wahrhaben, daß eine Hauskatze, felix domestica, weder ein Löwe, noch ein Esel, ein Dromedar, ein Adler, ein Papagei oder ein Krokodil . . . sondern eben ganz unbestreitbar eine Katze ist. Und ebenso wie sie das ist, so ist auch die Tatsache unbestreitbar, daß ein bedeutsamer Teil der Träger der besten und geachtetsten und weltbekanntesten Namen der deutschen Literatur heute Juden oder jüdischer Abkunft sind. Eine Sache, die der deutschen Literatur zum Vorteil gereicht und de r s i ch n i e m and z u s ch ä m c n b r a n ch t.