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Central-Verein-Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · p. Seite 146

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
Seite 146 (sequence 6)
Language
German
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m Menschen lächerlich findet. All das hat, systematisch betrachtet, mit dem eigentlichen Witz nichts zu tun und spielt vielmehr hinüber ans das Gebiet eines seltsam primitiven Schwankhnmors — man könnte sagen: der Antisemiten-Witz ist der Humor des — nun, des geistig Minderbemittelten. Stofflich lebt er außer jener Nmneusverulkung (die von der Shakespeares — „drück dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol!" — recht genau so weit entfernt ist wie Miesbach von London) und außer einer dieser Namensveruliüng wesensverwnndteu Verballhornung des Jargons (einer Verballhornung der Verballhornung also, einem Phantasiejargou, der mit seinem Vorbild keinerlei Aehnlichkeit hat) sehr charakteristischerweise von seiner nächsten Verwandten: von der Zote selbst. Die Mehrzahl der Antisemitenwitze sind in einem Phantasiejargon vorgetragene schwnnkhafte Zoten. Und der Nest bezieht seine Stoffe ans dem jüdischen Judenwitz. Dieser jüdische Judenwitz null stellt eines der seltsamsten und schworst zu begreifenden Phänomene dar. Auch die Franzosen, auch die Berliner sind witzig. Daß aber eine Gemeinschaft mit einer geradezu dämonischen Konsequenz sich selbst zum Ziel ihrer Witze macht, ist ein Unikum. (Man stelle sich einen Franzosen vor, der in einem Witze Frankreich herabsetzt!) Dabei wäre all das noch leichter verständlich, wenn die Juden in Dingen des Judentums etwa besonders gutmütig oder indolent wären. Aber das gerade Gegenteil trifft zu. Allerdings — mit einer wichtigen Einschränkung. Denn protestiert der Jude gegen jeden nichtjüdischen Umgriff auf das Judentum mit aller Leidenschaft — für die Aggression des Juden aus das Judentmu hat er Verständnis. Das ist nicht etwa eine Inkonsequenz. Denn zwischen Antisemitenwitz und jüdischem Judenwitz gibt es — außer dem qualitativen — noch einen sehr wesentlichen grundsätzlichen Unterschied: Ist der Antisemitenwitz (soweit er nicht glattweg stumpfsinnig ist) ein eindeutiger Angriff — der jüdische Judenwitz ist in jedem einzelnen FalleAngrifs plus (verdrängte oder umgewertete) Verteidigung, also d o p p e l w e r t i g, ambivalent, Liebe \i n d Haß, Lob und Tadel in einem. Diese Haßliebe eines Menschenschlages mit überscharsen Augen und überhellen Gehirnen macht den Jndenwih erst verständlich. Witze wie dieser: Mandelbaum soll der von ihm verehrten Filmdiva einen Schoßhund kaufen. Der Hundehändler demonstriert: „Dieser kleine Wachtelhund kostet 2000 Mark, dieser Zwergspitz ist noch kleiner und kostet 3000 Mark und dieser ganz kleine Nehpintscher, der kleinste, den ich überhaupt habe, kostet 5000 Mark." Da sagt Mandelbaum: „Entschuldigen Sie, was kostet bei Ihnen gar kein Hund?" Witze also wie dieser sind, so „jüdisch" sie sein mögen, noch nicht die eigentlichen Judenwitze. Sie sind nicht ambivalent. Sie sind noch zu sehr getragen von der eindeutigen und ungespaltenen Freude am guten Funktionieren eines logischen und doch wieder nur Pseudologischen Apparates, wie nur jahrtausendealtes Talmudstudium ihn Hochzuchten konnte. Und auch Witze wie dieser: Ein Jude fährt in der Eisenbahn. Jünglinge mit dem Hakenkreuz steigen ein und wollen ihn Provozieren, indem sie ununterbrochen „Hoch Hitler" schreien. Der Jude reagiert nicht. Schließlich steigen die Jünglinge aus undschreien noch einmal vom Perron aus „Hoch Hitler!" Da tritt der Jude ans Fenster und sagt bescheiden: „Sie verwechseln rnich, meine Herren — ich bin gar nicht Hitler!" Oder dieser: Der Lehrer erzählt den Knaben einiges von Astronomie. Moritz kommt nach Hause und sagt: „Weißt du, Mutter, daß es 12 483 612 Sterne gibt?" Die Mutter: „Woher weiht du das?" Moritz: „Tie Gojim (Christen) haben sie gezählt." Auch Witze, sage^ ich, wie diese beiden repräsentieren insofern noch nicht den reinen Jndenwih, als ihre Objekte ausnahmsweise nicht Juden sind, sondern Vertreter einer tatsächlichen oder supponierten „rassischen" Ueberlegenheit, der der Jude, durch seine isolierte Stellung vom geraden Wege der Kritik abgedrängt, „verdrängt", aus dem Umweg über den Witz entgegentritt. Sind also die hier bisher aufgezählten Typen (Freude an der logifch-shllogistischen Ueberspihung und verdrängte Kritik des Schwächern am Stärkern) an sich schon charakteristisch für den jüdischen Witzmechanismus — der eigentliche Judenwitz ist, wie schon gesagt, der Witz der ambivalenten Selbstbeobachtung. Welche Fehler des Inden behandelt dieser Witz? Was kritisiert er? Was stellt er in Frage? — Sichtet man das Material, so fühlt man sich versucht zu formulieren: Was stellt er nicht in Frage? Immerhin — es läßt sich gruppieren. Man lese: Zwei Juden begegnen einander in der Nähe der Badeanstalt. Der eine: „Hast du genommen ein Bad?" Ter andere: „Wieso? Fehlt eines?", oder: Zwei Juden bcöe$neu einander int Bade. Der eine nickt dem anderen gedankenbekümmert zu und sagt: „Wieder ein Jahr tun!", oder: Der Kommerzienrat lädt zwei arme Juden für denfolgenden Tag zum Essen ein, legt ihnen aber nahe, sie möchten vorher das Hemd wechseln. Draußen sagt der eine zum andern: „Jetzt möcht ich wissen — was hat er davon, wenn ich bein Hemd anzieh und 1 du meines?" " 1 Die These all dieser Witze liegt ja wohl auf der Hand: Der Jude sei K schmutzig. Auf der Hand liegt auch der Werdegang dieser Behauptung: 8 Der Jude, dem der schlichte Mann es an Kleidung, Haartracht, Jargon I anmerkt, daß er ein Jude ist, ist der Einwanderer ans dem nahen tz Osten. Bekennen wir uns dazu: er ist tatsächlich oft schmutzig. Un- | nötig zu sagen, daß es eine soziale Bedingtheit der Reinlichkeit gibt g und daß dieser Ostjude zwar unter uns unsauber wirkt, bei sich" zu I Hause aber, unter ruthenischem oder Polnischem Land- und Stadt- J Proletariat, ganz bestimmt eher durch relative Sauberkeit (rituelle i Waschungen! Speisegesetze!) als durch Schmutzigkeit abstechen rvird. Und nun ist der Witzprozeß in dem Halb-Westjuden, der der eigentliche j Produzent des Judenwitzes ist, auch schon ausgedeckt: Er kennt den! Gedankengang des schlichten Mannes — der den manifesten Spezialjj fall zu generalisieren geneigt ist („Jude ist Jude. Alle Juden sind \ schmutzig") - - und er protestiert gegen diese Generalisierung, indem er sie übersteigert — eine für den Witz charakteristische Technik Jj des ad-adsurdum-Führens, wie wir sie ja auch schon früher („was? kostet bei Ihnen gar kein Hund?") kennengelernt haben. Der Erfolg % spricht für ihn; denn so ergibt sich ein Extremtypus „Ter schmutzige f Jude" — eine Witzblattfigur, die in den Augen des nur halbwegs Besonnenen ebensowenig Realitätswert hat wie „der vergeßliche Pro- :'j fessor", „der hirnlose Serenissimus" oder „der verliebte Pfarrer". 1 Genau ebenso verhält es sich mit den „Feigheitswihen" wie diesem: H Seligmann wird zu einer Saujagd im Spessart eingeladen. | Eine riesige Wildsau kouunt. Der Seligmann begleitende Jäger | schießt, verfehlt das Tiernmd rettet sich aus einen Baum. Ae Sau | wendet sich nun gegen Seligmann, doch dieser sagt zu ihr: „Was h wollen Sie, Hab ich geschossen?" f Womit, nebenbei gesagt, auch schon die Gefährlichkeit dieser jj Typisierungen unter bestimmten Umständen demonstriert ist. j Tenn der Gegenbeweis durch Uebersteigernng ist eine disseren- | zierte Waffe, die nur dem Differenzierten gegenüber wirksam ist. Der schlichte Alaun hört nur den schlichtet Sinn, und er glaubt an den schmutzigen und feigen Juden, wie er an den vergeßlichen Professor 'jj glaubt. Und gar jenen „Minderbemittelten", die den Antisemiten- 3 witz produzieren, leitet der mißverstandene jüdische Judenwitz wider f| Willen Wasser aus ihre Mühle. § Weitere Komplexe jüdischer Selbstkritik finden sich in den -j « cf) n o r r c r w ihe n und in den S ch a d ch e n w i tz e n. Ter Umweg über den Witz wird gewühlt, weil es sich -um tiefwurzelnde, ja H zum Teil geheiligte Institutionen handelt, an denen Kritik geübt wer- 1 den soll. Wie Siegmnnd Freud in seinem früher zitierten Werke jj sehr richtig konstatiert, liegt da ein Konflikt dort Populäraussassung | und Religionsgesetz vor. Das jüdische Gebot macht das Almosengeben zur Pflicht — also sinngemäß das Almosen so r d e r n zu | einem guten Recht des Bedürftigen. Die daraus resultierende Frech- | heit des Schnorrers aber führt der „gesunde" Volkssinn durch lieber- J| steigernng im Witz ad absurdum. Etwa: . s Ein Schnorrer All zu Rothschild. Auf der Treppe trifft er :f einen cutdern, der von obenkommt und ihn warnt: „Geh nicht | hinaus! Er ist, schlecht gelaunt. Er gibt jedem nur einen Gulden." 1 Ter erste: „Ich geh trotzdem hinauf. Warum soll ich ihm den f Gulden schenken? Schenkt er mir etwas?" Dieser Witz bedarf nach dem Gesagten keines Kommentars. Und ganz | ähnlich verhalt es sich mit den Schadchen-Witzen. Man lese: J Ein Schadchen (jüdischer Ehevermittler) macht mit dem Bräntif gam den ersten Besuch im Hause der Braut, weist im Salon, in | dem man sie warten läßt, auf das prunkvolle Silbergerät und sagt: | „Da können Sie sehen, wie reich diese Leute sind." Der Kandidat fl ist mißtrauisch und sagt: „Vielleicht haben die Leute all das nur 1 zusammengeborgt, um mir zu inrpomeren." Und der Vermittler: s „Was fällt Ihnen ein, wer borgt schon diesen Leuten?" Oder: ' 1 Der Heiratslustige beim Schadchen. Dieser: „Also, welche Eigeni schäften soll Ihre Braut haben?" Ter Kandidat: „Schön soll sie I sein — reich — und gescheit." Der Schadchen: „Gut, junger Mann. I Aber daraus mach ich drei Partien." | Aus diesem Beispiel erhellt noch klarer als aus dem voranf gehenden, worum es da geht. Witzige Uebersteigerung als Protest I gegen, die (jüdisch-orientalische) Konvenienzehe. Bei dieser Andeutung § muß ich es bewenden lassen. j| Aber man glaube nicht, daß diese ambivalente Selbstkritik sich 1 mit der Auszeigung negativer Eigenschaften und ihrer unterbewußten Z Verteidigung zusriedengibt. Auch die vielleicht edelste und jedenfalls welthistorisch bedeutendste Eigenschaft des Juden: Messianismus und \ jüngerhafte Hingabe an das Messtanische, sind vor dem Witz nicht sicher. Man lese: z Der große Rabbi N. zu Krakau betet, schreit plötzlich aus und f verkündet: „In diesem Augenblick ist der große Rabbi L. in Lem- * berg gestorben." Erschütterung. Gemeindetrauer. — Nach Tagen 1 kommen Reisende aus Lemberg und berichten, das Ganze sei nicht I wahr und der Rabbi L. in Lemberg bei bestem Wohlbefinden. Ein f Fremder nimmt die Gelegenheit wahr, einen Schüler des Krakauer 1 Rabbis aufzuziehen, und sagt: „Rabbi L. lebt! Welche Blamage i für Euren Rabbi!" „Macht nichts," sagte der Schüler, „der Kück J (Blick) von Krakau bis nach Lemberg war doch großartig!" |

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