Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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145 Der jüdische Witz. I Vvrr Robert Reumann (Men). E Daß Humor und Witz so verschieden sind wie Tag und Nacht, ist | uns seit der Lektüre ältester Aesthetik- und Psycholvgiebücher nicht f ganz unbekannt. Begnügen wir uns für diese knappe Betrachtung | mit der ebenfalls aus jenen Werken geschöpften und ein wenig I primitiven Feststellung, das; der Humor im Gemüt, der Witz im Gehirn wurzle. Aber all das beantwortet uns nicht die Frage: Was ist ein Witz? Man lese: Ein Herr N. in Wien sagt einem getauften Juden ans eine judenfeindliche Bemerkung: „Herr Hofrat, ihr Ankesemitismus war bekannt. Ihr Antisemitismus ist mir neu." Oder: In Wien wirkt ein sehr aggressiver Schriftsteller K., der schon mehrfach für die Schärfe seiner Attacken körperliche Züchtiguna.en über sich ergehen lassen mußte. Da eine neue Missetat eilies feiner 'habituellen Gegner bekannt wird, äußert ein Herr: „Wenn der K. das hört, bekommt er wieder eine Ohrfeige." Und nun überlege man: Wenn jener Herr N. gesagt lstitte: „Wie kommen ^ie dazu, eine judenfeindlickje Benrerkung zu lnachen, da Sie doch selbst Jude waren?", oder loenn jener andere gesagt hätte: „Wenn das der K. hört, wird er wieder so scharf ins Zeug gehen, daß er sich Ohrfeigen ausfetzt", wären das Witze gewesen? Bestilnmt nicht. Was macht also das Wesen dieser Witze aus? Der Witz überspringt logische Z w i s ch e n g l i e d e r. Der erste Effekt beim Hörer ist: Verblüffung. Ter zweite: Erleuchtung. Ter Hörer „versteht", d. h. er findet (und das ist die Quelle seiner mehr oder minder intensiven kj Lusterfüllung) das übersprungene Zwischenglied. (Womit übrigens | die Verwandtschaft von Witz und Rätsel aufgedeckt ist.) Also: Kürze ist des Witzes Seele, wie Polonius sagt. Ausgesührte Gedanken sind | -unwitzig. „Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in wenig, aber i immer in z u wenig Worten." :j Und NUN einen Schritt weiter. Man hat die Witze früher ein- I geteilt in Klangwitz, Wortspiel, Karikatur, Charakterisierung, Abfertigung. Siegmund Freud (deßen grundlegendes Werk „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" hier ein für allemal 1 zitiert sei: was über den Witz im allgemeinen geäußert wird, geht | auf Freuds Untersuchung zurück) — Freud also teilt den Witz ein 1 in Wortwitz und Geoankenwitz. Beide Einteilungen sind so richtig | wie unfruchtbar. Weit fruchtbarer ist schon Freuds andere Ein- Das Judentum in der Geschichte Schlesiens. i Eine Ausstellung iur Breslauer Museum für Kunstgewerbe und Altertümer. Als im März 1928 der Verein „Jüdisches Museum, Breslau" gegründet wurde, faßte man von vornherein den Plan, das Unternehmen ans eine möglichst breite Basis zu stellen. Man beabsichtigte nicht ein n u r pietätvolles Ansbewahren, woraus zwangläusig eine gewisse Wahllosigkeit gefolgt wäre. Nur Dinge von w i r k l i ch k ü n st l e r is ch e m oder h i st o r i s ch e m Wert sollten gesammelt werden. Für den Osten schien das Unternehmen besonders wichtig, weil sich in schlesischen Synagogen noch kostbare Gegenstände befanden, die es durch zweckmäßige' Aufbewahrung und verständnisvolle Restaurierung vor dem Uiitergange zu retten galt. Günstigenfalls wären sie zerstreut und in L)pezialsammlungen aufgeteilt worden. Die ersten Erfolge der Vereinstätigkeit bringt jetzt eine Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" an die Oeffentlichkeit. In einem historischen Teile werden die wechselnden Geschicke der Juden in Schlesien in lebendiger Weise vor uns aufgerollt. Jeder neue Herrscher leitet eine neue Aera ein; Privilegien werden erneuert, erweitert oder eingeschränkt. Alles das wird durch Urkunden belegt und durch bildliche Darstellungen belebt. Trotz der großen Zahl der ausgestellten Gegenstände ist die Anordnung auch ästhetisch gelängen. Die Wandfläche wirkt ruhig und gegliedert, und in geschickter Weise sind an den markantesten Stellen Bildnisse der für die schlesischen Inden besonders wichtigen Persönlichkeiten untergebracht. Der Reiz einer dekorativen Gesamtanordnung spricht noch stärker in dem Raume, in dem die K u l t g e g e n st ä n d e d e r S y n a g o g e zusammengestellt sind. Ohne daß nur annähernd der Versuch gemacht worden ist, einen jüdischen Knltraum nachzuahmen, ist eine Feierlichkeit von suggestiver Stimmungskrast erreicht worden. Die großen Gegenstände, T h o r a s ch r e i n c und Thoravorhäng e, gliedern den Raum und geben den Rahmen für die kleinen Dinge, die im wesentlichen dem Schmuck der Thorarolle dienen. (Silberne Thorakronen, Thoraschilde und Rimonim.) In einem weiteren Raume befinden sich Kultgegenstände für den Hallsgebrauch. Im allgemeineir schließen sich die Kunstwerke dem Stil ihrer Zeit an, aber sie haben ihre eigene Note dllrch die vielfach angebrachten symbolischen Darstellungen, die meist eine liebevolle Kleinarbeit bedingen. In einem letzten Raume sind neben Porträts t U u st vierte H andschriften und I nkunabeln untergebracht, bei denen der monumentaldekorative Charakter der hebräischen Schrift großen Eindruck macht. teiluug: er unterscheidet harmlose (abstrakte) Witze und tendenziöse Witze. ' Und unter den tendenziösen vor allem den obszönen und den feindseligen (aggressiven) Witz. Diese beiden Spielarten —"obszön unb aggressiv — sind für unser Thema lvichtig. Mau lese den folgenden Witz, der sich in Daniel Spitzers „Wiener Spaziergänge"'findet: Das Ehepaar 3t. lebt ans ziemlich großen: Fllße. Nach der Ansicht der einen soll der Mann viel verdient unb sich dabei etwas zurückgelegt haben, nach anderen wieder soll sich die.Frau etwas zurückgelegt und dabei viel verdieilt haben. Und diesen andern, der wieder (lallt Freud) jenen Herrn N. zllm Autor hat: N. wird ans einen Schriftsteller aufmerksam gemacht, der in einer Wiener Zeitung eine Reihe sehr langweiliger Aufsätze über kleine Episoden nng den Beziehungen Napoleons zll Oesterreich veröffentlicht hat. Der Verfasser ist rothaarig. Ta man seinen Namen nennt, fragt Herr N.: „Ist das nicht der rote Fadian, der sich durch die Geschichte der Napoleonideu zieht?" Der erste dieser beiden Witze fjrtt einen eindeutig frivolen, der zweite einen eindeutig aggressiven Sinn. Wollten wrr diesen unter Auslösung der Witzverkürzung voll aussprechen, wie nur das beim Antesemiten und bei der Ohrfeige des Herrn K. getan haben, so ergäbe sich in Fall 1 eine Zote, in Fall 2 eine Plumpe Feindseligkeit. Tatsächlich würden diese beiden Typen dem schlichten Mann aus dem Volke zur Auslösung der erstrebten Lustkomplexe' genügen (er lacht über die Zote!). Wir, die loir kultivierter oder wenigstens zivilisierter sind, brauchell, wenn loir über die gleichen Materien (das; einer rothaarig sei!) lachen Ulld uns dieses'Lachens nicht schärnen wollen, den Umweg über den Witz. Er bietet lms ein ästhetisches Alibi. Lachend dürfen wir sagen, was wir ernsthaft meinen und — verschweigen. Und damit sind wir bei unserem eigentlichen Thema angelangt: beim Judenwitz. Deutlicher: bei dem Witz, dessen Objekt der Jude ist. Erste Frage: Wer ist der Autor? In der überlvlegenden Mehrzahl der Fälle — ein Jude. Die Minderzahl — um diese zunächst zu erledigen — ist in neunundneunzig Prozent der Fälle schlichte Tendenz (Judenfeindschaft), die Zllr Auslösung des Lustkomplexes den Umweg über den Witz nicht braucht (und übrigens zu diesem Umweg in einem ebenso hohen Prozentsatz habituell gar nicht in der Lage wäre). Daß bei diesen „Antiseuliten-Witzen" der schlichte Marin darüber lacht, wenn einer „Moische Kanalgitterbestandteil" genannt wird, rnuß uns weiter llicht ivnndernehmen, denn es handelt sich ja nin denselben Hörer, der auch die unverblümte Zote oder die schlichte Konstatierullg der Rothaarigkeit eines (Fortsetzung des Textes auf Seite 146) Die große Zahl qualitätvoller Kunstgegeustände und der vorzügliche museumstechnische Aufball lassen es bedauerlich erscheinen, daß es sich hier nur um eine zeitlich begrenzte Ausstellung und nicht um den Grundstock des geplanten Museums handelt, daß die Dinge wieder anseinandergerissen werdell müssen. Hoffentlich aber wird das gute Gelingen das Vertrauen der Privatsammler und Gemeinden stärlen, sie veranlassen, ihre Schütze nicht nur für die Ausstelllmg, sondern für dauernd als Leihgaben zur Verfügung zll stellen. Eine wesentliche Förderung des Verständnisses gewährt der reich illustrierte Katalog von Professor Hintze, dem Direktor des Breslauer Schloßmuseums lm-d Organisator der Ausstellung, der dllrch die Gründlichkeit und Ausführlichkeit in der Behandlung des Materials weit über die Bedeutung des üblichen Ausstellungskataloges hinausgeht, so daß man ihn als ein in dieser Form noch nicht vorhandenes Handbuch s ü r j ü d i s ch e A l t e r t ü m e r bezeichnen kann. Dr. Margarete Steinberg (Breslau).