Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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144 in der völkischen Vorstellungslvelt spukt, erst innerhalb des Vollzugs dieses Mst-iegs? Immerhin ist die vor getragene Auffassung diskutabel, denn sie reißt Fenster ans und lüstet die stockige Inzucht des völkischen Denkens. Es gibt Sätze bei Wirth von eurem säst revolutionären Klang, so »venn er bekennt, daß die ausschließliche Behandlung der jüdischen Frage nur ein Abweicheu von der eigenen Verantwortlichkeit bedeute. (Wir haben im gleichen ^innzusammenhang schon vor Jahren von dem salschen Scheinalarm gesprochen, der durch den Antisemitismus erzeugt wird und der die Aufmerksamkeit von den wrrklich bedrohten Einbruchsstellen des Kulturgebäudes abzieht.) Oder noch ein anderes Beispiel: Der Jude ist nach dem Geständnis von Wirth durch die Nassenlnischung schon so unlöslich mit den übrigen Völkern verbunden, daß es unmöglich wäre, ihn abzusondern. Das sind freilich Binsenwahrheiten, aber auch die klingen hold ans solchem Munde. Erkannt wird, daß die Prekäre Kultursituation ihren Grund hat in dem Versagen des Bürgertums gegenüber den sozialen Gegenwartsproblemen, namentlich in Boden- und Siedlungssvagen. Die von Wirth Vvrgeschlagenen Lösungsversuche sind Nationalökonomie von einer geradezu idyllischen Kindlichkeit: Ablösung von dem Materialismus und Alberichsluch der Weltwirtschaft, Heiligung der Gotteserde, Rückkehr des Geldes in ihren Mutterschoß. Dabei leben die 60 Millionen Deutsche auf unzureichender Nahrungs- und Jnldustriestossbasis, loben jedes Jahr mehr als zwei Monate von der Frucht fremder Ackerkrume, müssen die geheiligte Erde mit Mietskasernen bepflastern und Devisenaustausch mit allen Völkern der Welt treiben. Aber dern Philosophen ist auch heute noch holdes Schwärmen gestattet, namentlich wenn es erfolgt auf der Grundlage einer anständigen Gesinnung. Werden die Feststellungen von Wirth ein Echo wecken, daß für unseren Kulturbestand Grohstadtbehausung, Großstadtleben, Rauschgifte usw. — die Liste müßte noch sehr vervollständigt werden — gefährlicher sind als alle Juden? Wenws unsereiner sagt, so dringt es'nicht in die verstopften Ohren, weil man den „Judenknecht" nicht hören will. Vielleicht, wenn das Gekeis der Frau Mathilde Ludendorss verflogen ist, wird das gleiche Wort, aus Frenndesmrmd gesprochen, -eine freundlichere Ausnahme finden. Neues aus öer sogenannten wissenschaftlichen Rassenlehre. Bon Stndienrat Dr. Kurt Lewin (Berlin). Es kommt selten vor, daß wir in Nassenfragen mit dem „H a m - m e r", dein bekannten Blatt der Antisemiten, einer Meinung find. Wenn er aber schreibt (Nr. 635, 1928): „Die Anthropologie steht vor dem Bankrott —- sie hat sich in ein chaotisches Stimmengewirr verwandelt!", so können wir dem nur zustimmen. Zumal nicht die Anthropologie als Gesamtsorschung gemeint ist, sondern nur soweit sie eine Stütze der „Rassentheorien" war. Wie die bekannten Lohgerber müssen die unentwegten Anhänger der Rassenlehre jetzt betrübt mitansehen, wie ihnen ihre Felle eines nach dein anderen davonschwimmen. Eugen Fischer hält nicht mehr die Reinrassigkeit für die-Voraussetzung des kulturellen Ausstiegs eines Volkes, sondern führt ihn aus das Zusammentreffen sich glücklich ergänzender, verschiedener Nassen zurück. (Vortrag auf der „Eugenischen Tagung" vom Herbst 1928 in Berlin.) F. L. Clautz, in dessen Buch „Rasse und Seele" sie die Unterlagen für ihre „Rassenpsychologie" gefunden zu haben glaubten, wehrt sich in seinem neuen Buch „Von Seele und Antlitz der Nassen und Völker" gegen den Vorwurf, Antisemit zu sein und will mit der zünftigen Nassenkunde überhaupt nichts zu tun haben! K. F. Wolfs, der uns Juden wirklich nicht sehr gewogen ist, sagt Günther blutigste Fehde an, weil ferne Schriften die rassische Einheitlichkeit des deutschen Volkes antasteten. Um diese zu retten, sucht er nachzuweisen, daß der Schädelindex, das alte Panier'der Nasfenfanatiker, gar kein Rassenmerkmal sei. (K. F. Wolfs: „Rassenlehre" und „Der heutige- Stand der^Rassenforschung".) Für seine eigenen Methoden o.tlt aber der ^atz des Hamburger Anthropologen W..Scheidt: „Was wir brauchen, sind gediegene, frei deutbare Befunde, nicht etwa,Bestätigungen' der Reime,rassenkundlicher Dichter'!" Wolfs sieht mit außerordentlich kritischem Scharfblick die Widersprüche in der Rassentheorie der anderen und folgert: „Solange die Anthropologie diese offenkundigen Widersprüche nicht auszuklären und innerhalb eines großen, harmonischen Systems zwanglos in Einklang zu bringen vermag, ist jeder Versuch, eine .Nassenkunde des deutschen Volkes' (Günther, d. Vers.) zu schreiben oder den ,Stammbaum der Deutschen' (F. Kern, d. Vers.) zu bestimmen, verfrüht und zwecklos. Geradezu unverantwortlich aber ist es, über die Widersprüche stillschweigend hinweggleiten zu wollen. Das mögen sich die Herren nur ganz eindringlich gesagt sein lassen!" Herr Wolfs aber auch! Denn seine Kritik reicht nur für die anderen. Aus der Erkenntnis der U n Möglichkeit, das Rassenproblem zu lösen, zieht er 'ücht eüva die einzig mögliche Folgerung, nun auch selber die Hände davonzulassen. Nein, unter Verzicht auf die Anthropologie baut er eine eigene kulturhistorisch- Oer Philo Verlag ü““““' liefert alle in dieser Nummer besprochenen Bücher. soziologisch-sprachliche Rassenlehre zusammen, die an Unmöglichkeit alle anderen in den Schatten stellt. —- Für ihn sind „Arier, Semiten und Mongolen drei Urformen der Menschherb von denen die erste in Europa, die zweite in Vorderasien, die dritte in Ostasten bodenständig und fo angepaßt ist, daß sie niemals von einer anderen aus der Heimat wird verdrängt werden können." Seine „Semiten" oder „Südleute" sind die gesamte Mittelmeerbevölkerung (Spanier, Italiener, Juden, Berber usw.), alle Reger, Australier usw. usw. Natürlich sympathisiert er mit dem Zionismus und hält ihn für die einzige Rettung der untergehenden Inden, die er wohlwollend als die „ausgeglichensten Semiten" den Deutschen als den „ausgeglichensten Ariern" gegenüberstellt. seiner Weisheit letzter Schluß ist: „Der Mensch, der sich aus der Stadt zurücksehnt zur freien Mutter Erde, der siedeln will in frommer Einfalt, das ist der Arier und ihm gehört die Zukunft." Besser als durch seine eigene Rassenlehre konnte Wolf f den Bankrott der Rassentheorie gar nicht beweisen. Mit den Nassen in ihrer heutigen Zusammensetzung und Durchmischung ist nichts mehr anzüsangen. Also: Zurück zu Methusalem! Man interessiert sich wieder für den Ursprung des Menschengeschlechtes. Einftänrmigkeit oder Mehrstimmigkeit?' Ist der Mensch mit einer Wurzel oder mit mehreren im Tierreich verankert? „Stammbaum" oder „Stammrasen"? Haben sich die einzelnen Typen allmählich aus der Stammform bzw. aus einander entwickelt oder hat die gemeinsame Wurzel auf einmal, gleichzeitig, wie ein Grasbüschel, zahlreich Parallele Zweige hervorgebracht? Es ist ganz klar, daß die völkischen Rassentheoretiker sich säst einheitlich zur Mehrstimmigkeit bekennen. Je tiefer im Tierreich die Trennung angesetzt wird, desto besser. Sie schwören ans die Jugendsünde des großen Hermann Kl a ätsch, der einmal die drei^HauPtrassen der Menschheit mir den drei Großafsen Schimpanse, Gorilla und Orang-Utan in Verbindung brachte. Daß eine schon im Tierstadium vollzogene Trennung der Menschheit irr „Arten" biologisch, ganz unhaltbar ist, da sie die unbeschränkte Fruchtbarkeit der Rasse'nkreuzungen unbedingt ans schließt, daß nach dem Zeugnis O. Hausers auch Klaatsch selbst diese Anschauung später aufgegeben hat, ist ihnen gleichgültig. Und'mag ein Buch auch so schlecht und so unwissenschaftlich sein wie F. G. Crookshanks „Der Mongole in unserer Mitte", es wird — auch von Herrn Wolfs — beifällig begrüßt, nur weil es den alten Kohl wieder aufwärmt. So ganz traut man aber der mehrstümmigen Tierabkunft des Menschen doch nicht mehr, und da ist der „Stamm r a s e n" immer noch besser als der „Stamm b a u m"ft. Denn erstens ist er etwas Neues (z. B. kürzlich entwickelt von Hans Friedenthal; der „Hammer" schreibt Freudenthal!) und zweitens so unklar, daß man ihn nach Belieben ausdeuten kann. Die Freude am „Stammrasen" wird aber dem Rasseliteraten bei eingehender Beschäftigung mit ihm bald vergehen. Denn die aus der modernen Erbforschung hervorgegangene Hypothese vom „Stammrasen" hat biologisch nur dann einen Sinn, wenn in der angenommenen Ausgangsform oder den zwei Formen, deren Kreuzung das vielfältige Äusspälten zur Folge gehabt haben soll, der Charakter der „Art", also in diesem Falle das Mensch- Sein, schon herausgebildet war. Sie enthält aber auch als weitere Folgerung eine ganz, ganz enge Verwandtschaft aller Menschenrassen. Alle solche Menschwerdungsphantasten verlassen notwendig den Boden der Wissenschaft. Die Tatsache ihres Wiederauftauchens und ihrer Beachtung ist ein weiterer Beweis der schweren Krisis, die die Nassenkunde gegenwärtig durchmacht. Diese Krisis kann zur Gesundung führen, wenn 'die Nassenkunde jetzt endlich die Wege einschlägt, die ihr W. Scheidt in seiner „Rassenforschung" weift: kritische, unvoreingenommene Bearbeitung wissenschaftlich zuverlässigen und einwandfrei gesamm-elten — oder besser: erst zu sammelnden — Materials. — Auf die Ergebnisse werden wir aber noch recht -lange warten müssen. I Die Begriffe „Stammbaum" und „Stammrasen" sind neuartig. Sie verwenden das Bild der mit Rasen bezeichneten Grasfläche und des Baumes. Stamm r as e n ist also diejenige Erscheinung, von der aus verschiedenen oder einer einzigen Wurzel beliebig viele in ihrem Ergebnis gleichförmige Produkte entspringen. Stammbaum dagegen ist die Bezeichnung für den Vorgang, daß aus dem aics einet einheitlichen Wurzel gewachsenen Stamme durch Verzweigungen und Verästelungen verschiedenartig geformte Endergebnisse entstehen. ' .. -