Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Aufnordung" oder Kulturverfall? Zu einer Zeilungspolemik zwischen Mathilde Ludendorff und Hermann Wirth. / Von Pres. Dr. Erik Aolting, M. d. L. (Frankfurt a.M.). Eilt Buch §euncuut Wirt h s : „Der Aufgang lder Ntenschheit" (erschienen im Vertag von Enger! Diederichs, Jena)r) entfachte int völk isch-nationalsozialistisehen Lager einen heftigen Disput-), an dem der sattsam bekannte Gras Ernst zu Reventlow und die n?ivermeidliche Nt a t h i l d e L u d e n d o r f s redseligen Anteil nahmen. Man könnte an dieser Workklanberei sch!neigend vorübergehen, trenn nicht in der Hitze des Gefechts hier und da ein Geständnis aufbräche, das unsere Beachtung verdient, weil sich vielleicht eine neue Wendung darin ankündigt. Es handelt sich nicht um die üblichen Ptagiatanschnloigungen, die im völkischen Lager längst eine Dauererscheinung geworden sind. Es geht diesmal um größere Gegenstände als um die Frage, ab Herr R e v e u t l o id Herrn D i n t e t* bestahlen hat, was der Herr- Graf durch den Nachweis zu erledigen sncht, daß sich Herr Din ter toiderrechtlich geistiges Eigentunr von Herrn T h om/r s W e st e r i rh angeeignet habe. Der Streit setzt ein bei der Frage, ob die Lehre Jesus von Nazareth bereits ein Verfalls- Produkt ist, das die nordische Erbmasse in uns vergewaltigte und den hehren Steinzeitglaubtu zerbrach, oder ob die christliche Mission auf einen bereits augcfaulLen Stamme sglauben, auf einen „Lapposinrnschen" Aberglaubenswust stich, der die Bäterreligion nur noch in Verdunkelung und Verzerrung enthielt. Mathilde Lndendorsf schäumt u>ie gewöhnlich über var Christenn nusfeind schüft, lehnt überhaupt den Gebauten einer universellen Welkreligion ab, der nur in der verächtlichen Weltrepublik jenem Menschenbrei gemäß ist, der sich Menschheit nennt. Sie anerkennt nur eine Religion aus Bluts- und Nassengrnndlage, eine Gotteserkenntnis, die bestimmt wird durch Erbmasse, wobei die Frage vssenbleibt, tute dern Seltenzerfall und der gänzlichen Zersplitterung der religiösen Borstellungstvelt Einhalt geboten werden kann, wenn jeder Rassensplitter sich seine eigenen Neligionssymbole schafft, ähnlich tute in der Inflationszeit jede Konunnne ihr eigenes Notgeld druckte. Kreise, die der Frau Lndendorsf nahestehen, haben schor; oftmals behauptet, daß das Proletariat eine van der kapitalistischen .Herrenschicht deutlich abgeschiedene Unterrasse dnrstelle. Soll nnrr der längst vergrabekle „Proletkult" dadurch wieder auserstehen, daß mmt eine besondere Proletenreligwu in Szene setzt, und sollen Alemannen, Sachsen, Bajuvaren und Franken je ein besonderes Rtodell eines Wotantempels errichten? Daß im geschichtlicheil Kultnrprozeß allmählich die großen Gcnernlisationen heraustonunen, daß eine zunehmende Annäheruug all die absolnken Werke erfolgt, liegt jenseits des Horizonts dieser edlen Frau. Ergötzlich ist das Gegenspiel. Wo die L u d e n d o r f f - Seite von sittenreiuem Hochstand redet, sieht der Anhang um Wirth nur die Trümmer einer alten Volksgestttnug, den völligen Niedergang unter dem Alberichfluch der Hab- und Machtgier. Während Frau Ludendorfs von dem „sachlichell Bericht des sachlichen Tacitns" redet, nennt die andere Partei, übrigens im Einvernehmen mit der gesamten Gelehrtenwelt, nicht nur der Juden, me Frau Lndendorsf meint, den Bericht des Tacitns eine Tendenzschrift, die für das allgefaulte Rollt Hassebbe bedeutete wie die Mär von dem „guten Wilden", für das 18. Jahrhundert. Und während Wirth eine besondere Prädestinicrtheik gerade der nordischen Völker für das Christentum voraussetzt, spricht der Lndendorfs-Kreis von eitler uns aufgezwnugeuen Vergelvaltigung, die zum volklichen ^eolenmord führte. Man sieht, die Spannungen sind nicht ganz unbeträchtlich. Aber 'das alles ist eigentlich nur Vorgeplänkel. Schwererer Geschützdonner seük erst ein, lvenn über den angeregten Neligiousdisput hinaus das Bild des Juden beschworen wird, womit man beim alten Liebtingsthema anlangt, dem K u ltur Versal l. Gegen die herrschende Knlknrpest kann helfen allein das nordische Erwachen, so weit ist man einig. Aber lonrunr läßt der heißersehnte Prozeß der Aufnordung solange ans sich warten? Frau Mathilde Lndendorfs, tvirkungsvoll sekundiert vom Herrn Grasen Reventlow, ist uln die Antwort nicht verlegen. Ist das Work Jude erst einmal gefallen, so wird ihre Bokabnlatur stets blumig und reich. Der Jude ist der heirmrtLose Schrnaroher, der verderbliche Frentdkörper, der Hanpttrankheitserreger, der die Säfte unseres Bolkskörpers unausgesetzt vergiftet -- das ist nur eine flüchtige Auslese aus der dargebotenen Begründung, die keine originelle Zutat bringt, sich aber immer wieder angeuehln liest. Man nurß den Inden aus hem Wege schaden — wird mit aller Deutlichkeit gefordert, und, weil in diesen Krerson die spätere Abschwächung allzu riskanter Forntnlierungeu beliebt ist, setzt man etwas später treuherzig hinzu/'daß eine solche Aufnordung mit Antisemitismus oder Rassenhaß nicht das mindeste zu tun habe. Wir übersehen die Liebenswürdigkeit dieser nachträglichen Geste und halten uns an den Extrakt: kein nordisches Er- *.) Eingehend besprochen in „C. V.-ZcUnng" Nr. 8 vom 22. Februar d. I. ') Vgl. ZU den obigen RmMhrungen „Deutsche Wochenschau^ vonl 2b. Januar 1929 und „Reichswart" von: .19. tzzw. 22. Februar 1929. wachen ohne Judenpogrom, ein ^aü, den man auch positiv wenden kann: haut die Juden ans dem Lande, und der nordische Tag bricht an! So simpel ist das Weltbild eines Hermann Wirth nicht. Grund genug, weshalb Frau Mathilde Verdächtigungen und Bannsprüche wie einen Speerwald gegen ihn ansschüttet. Wirth sucht sich die Gunst der hohen Dame dadurch geneigter zu machen, daß er in larmoyanter Weise berichtet, wie er zur Fristung seines Lebens gezwungen gewesen sei, seine Bibliothek zu verkaufen und wöchentlich eigenhändig die Jauchengrube seines Siehlerheitnes zn leeren. In solche Gruben der Erniedrigung nnls; ein unbescholtener Manu hinabsteigen, um sich den völkischen Gesinnnngsfrennden gegenüber von dein Verdacht zn reinigen, daß ein Abweichen der Bieinnng bei ihm bedingt sei durch mangelnde moralische Verläßlichkeit. Worin aber besteht die Divergenz der Anschauungen? Wirth vermag, auf breites Mschichtsntalcri a 1 gestützt, nicht anznerkennen, das; der deutsche Verfall erst in dem Augenblick begonnen habe, wo der erste Jude den deutschen Boden betrat. Wenn aber der Jude nicht diese Vorgängenheitswirfting hatte, so kann er auch nicht die von ihm erhoffte Wirkung in die Zukunft Haben. Auch nach der jüdischen Sezession würden wir Zurückbleibenden nicht ohne Fehler und Büttel als edle Lichtgestalten dastchen. Der Niedergang und die Zersetzung der germanischen Welt rührt nach Wirths Meinung her ans älterer Zeit, vielleicht ans einer Naffenmischnng mit asiatischen und afrikanischen Urbewohnern ans europäischem Boden. Sicher aber hebt sie an mit dein Hervortreten von Geldwirtschast und Imperialismus, von Bodenspekulation, Zinswirtschaft und erblichtut Königstum. Bon da ab läuft eine abwärts gleitende Linie von absoluter Zwangtäufigkeit, ans deren Tempo der Jude eingewirtl haben mag, für deren llrspruug er aber nicht schuldig gemacht werden kann. Auch diese Erklärung birgt viele Schiefheiten. Zu fragen bleibt, ob nicht auch Geldwirtschaft, Imperialismus und die übrigen von Wirth zitierten Verfallsphänomene ihrerseits wieder Zwangslänsigkeiten sind, gegeben durch die Produkt!onsvcrhältnisse und den Druck der Bevölkerungsvermehrnng. Und wird nicht „der Jude", wie er (Fortsetzung des Textes auf Seite tli.) Lob öer Leistung. Professor Lazare Samoilowitsch im Berliner Aeroklub. Der Führer der „Krassin" - Hiljsexpedition für Nobile, Professor Lazare S a nt oi l v!v i t sch , weilte aus der Rückreise von Italien,' wo er von dem Untersuchungsausschuß über die ,,Jtalia"-Katastrophe als Zeuge vernommen tvorden uw, mit seinem Fahrtgenvssen, dem Flieger Tschuchnowski, dieser Tage in Berlin. Auf besondere Einladung sprach er im Aeroklub von Deutschland über sein Rettnngsnntcrnchmen. Da steht der Mann, dessen Kenntnissen der Arktis und dessen zäher Energie es zu danken ist, daß es gelang, zn dem „Roten Zelt" -der seit Wochen Verschollenst vorzudringen und seine Insassen zu bergen. lind wie nun der Professor Samoilowitsch in fließendem Deutsch nur der Sachlichkeit des Gelehrten und der Bescheidenheit des Großen seinen gespannt lauschenden Zuhörern die atemberaubende Geschichte der Expedition entwickelte, da unterbrechen diese ihn oft mit stürmischem Beifall, der sich noch steigert, als bei den Lichtbildern der Vortragende selbst ans der Leinwand erscheint. Daran sollte eigentlich gar nichts Seltsames sein. Jedoch es wird erst bemerkenswert, wenn man berücksichtigt, daß d i e Z it h ö r e r a l 8 e h e - malige deutsche Fl ieg e r o f fi zi e re ja st a u s s ch l i e ß - l i ch sch r x echts ft c h ende n K reisen a n g e h ö r e n, n n d daß de r Nc ein n auf d e m K a t h e d e r da o b e n —- nt i t den blauen An gen und dem blonden Schnurrbart — Jude und dazu noch ein russischer ist. Hat das Publikum das gewußt? Vielleicht. Jedenfalls hat es rein gefühlsmäßig bei der einfachen Schilderung dieser Tat nt c n s ch l i ch e r N ü ch st c nliebe seine Vocnrtei-le vergessen. Ja, es applaudierte sogar mit lebhafter Heiterkeit, als Santoilowitsch berichtete, daß nach der Rettung der ,,I-talm"-Leute den: deutschen Dantpfer „Monte Cervantes", der, uut Passagieren einer Reise des Scherl-Verlages untentu'gD in Seenot geraten um, vom Sowietbantpfer „Krassin" Hilfe geleistet wurde, und daß die deutschen Passagiere zum Dank dafür die.Internationale anstimmten. Wie weit doch rnanchinal Dankbarkeit gehen kann. . . e. sch.