Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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142 geworden ist. Inn hat in Buchhändlertreisen nicht geivagt, das Publikum, sachlich anszutlären, weil die Lollettivistische Mode der Zeit — das soziale, „antikapitalistische" Denken — vorschrieb, dem Publikum den Glauben vom „teuren" Buche zu Lassen, das „billige" Massenbuch zu vermitteln, weil das verarmte Publikum den 150prozenLigen Ladenpreis im Verhältnis zu seiner Verarmung als teuer empfand — kurzum, weil man nicht den Charakter besaß, die Wahrheit zu sagen. Mau hat vielmehr versucht, dem verarmten Publikum das ersehnte „billige" Buch zu geben! Dies ist aber technisch und wirtschaftlich nur möglich, wenn man über die ' Normalauslage und Normalhonorierung der Urproduktion hiuausgeht, statt 3000 Exemplare 20 000 oder 30 0O0 druckt, statt 10 bis 15 Prozent Honorar nur 5 Prozent, oder nur ein Pauschalgeld oder gar keins bezahlt. Man ist dann ans die Preise von 50 Pfennig bis 2,85 Mark gekommen — und hat an die Stelle der Urprodnktwnsnot nun die Not des Mnssenverkausen m ü s s e n s gesetzt: denn während man für jene Urproduktion normaler Art nur 3000 Käufer brauchte, mußte man jetzt 20 000 bis 30 O00 Käufer finden, entsprechend teurere Reklame machen usw. Ter Endeffekt war ebenfalls, daß man mit hohen Restbestäuden der billigen Bücher, also mit Verlusten liegen blieb, und dies sogar, n a ch d e m mau dem Publikum mehr Geld abgenommen hatte als bei der normalen Urproduktion; denn 3000 mal 7,50 sind 22 500 Mark aber 20 O00 mal 2,85 sind 57 000 Mark (man muß den Band von 7,50 Mark dem von 2,85 Mark gleichsetzen, weil nnr deren materielle und ideelle Ausstattung ungefähr sich die Waage hält, während Bände unter 2,85 Mark stets schlechter als die Normalproduktion ausgestattet sind, also schon materiell dem Käufer keinen Ausgleich bieten!). Wie man wirtschaftlich die Lage des Buches in dieser Zeit auch betrachten mag, das sogenannte teure wie das sogenannte billige Buch sind wirtschaftliche Verluste für den Verleger und Autor, wenn sie im Publikumserfolg nicht über die erste Auslage (von 3000 bzw. 20 000 Stücken) hinauswachsen. Hier kann nur die Rückkehr zur Wahrheit und zur gesunden wirtschaftlichen Kalkulation und Publikumserziehnng helfen: wenn die Herstellung 200 bis 240 Prozent kostet, muß der Ladenpreis dem entsprechen. Die Entwicklung wird zweifellos zu dieser Realität zwangläusig sichren: während dieser Zeit werden noch viele Autoren, Verlage, Buchhandlungen auf der Strecke bleiben, weil das Publikum auch nur langsam mitgehen wird. Man darf nun nicht glauben, daß mit Beseitigung der wirtschaftlichen Fehler beim Buch in dieser Zeit die Not plötzlich behoben wäre. Das hieße nur materialistisch urteilen. Das Buch ist aber keine materialistische, sondern eine geistige Ware, die den Menschen an geht. Das Verhältnis des Menschen zum Buche hat sich grundlegend geändert. Der Zersetzungsprozeß, der hier um sich gegriffen hat, ist nicht erst während oder nach dem Kriege begonnen worden. Für den Scharfsichtigen hat er schon beim jungen Deutschland begonnen, damals, als nach Ablauf der Klassik und Romantik der Glaube an die geistige Wesenheit des Seins, das Wissen um die organische Einheit alles Lebens, kurzum, als die Humanitätsidee und -religion abgelöst wurde durch das, was wir „das moderne Denken" nennen. Es ist das Denken, das sich nur auf den Intellekt, die kluge Bewußtheit zurückzieht und keine Rücksicht auf das Irrationale, die Seele, das Unterbewußte nimmt, es ist das Denken, das unter Leugnung alles Absoluten und aller ewigen Gesetzmäßigkeit in unserer Zeit im Relativismus geendet hat. Natürlich ist die Entwicklung seit etwa 1830 in der Form von Wellental und -berg erfolgt: einzelne schöpferische Erscheinungen find in den verflossenen hundert Jahren selbstverständlich hervorgetreten. Aber der Weg ging vom leidenschaftlich auf Humanität und Geistigkeit gerichteten Harmonie- und Gott-Naturstrebeu der Goethe, Schiller, Wilhelm von Humboldt zum Relativismus, der Auflösung jeder Geistigkeit. An Stelle der Menschenbildung, des Sich-zur-Persönlichkeit-Bildens trat das, was wir am Ausgang des vorigen Jahrhunderts „literarische Bildung" nannten. Diese wurde meist von Frauen betrieben, während die Männer mehr und mehr von der Dichtung und Literatur sortglitten, Spezialisten, Fachleute, Buchverneiner wurden itnb jenes Wort Goethes wahr machten: „Denn wer der Dichtung Stimme nicht vernimmt, Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei." Dieses Barbarentum war schon vor dem Weltkriege ein ganz selbstverständlicher Zustand geworden. Er hat sich durch den Krieg noch vertieft und verbreitert, .weil im Kriege der Dichter als Vertreter des schöpferischen Geistes, als Stimme Gottes völlig versagt hat. Wohl ist die Sehnsucht in weiten Kreisen lebendig gewesen, daß der Dichter für die höchsten Güter des Menschenlebens eintreten Möge; aber es ist mit verschwindend geringen Ausnahmen das Gegenteil der Fall gewesen. Da auch die Wissenschaft, die nur der Wahrheit zu dienen hat, versagte, ist das letzte Vertrauen zum Buche, der letzte Glaube au das Buch im Kriege verloren gegangen. Die Entwicklung seitdem ist nicht dazu angetan, das Vertrauen, den Glauben znrückzugewinnen. Denn nun haben sich noch andere Mächte der Zeit gegen das Buch gewandt. Diese Mächte sind die kollektivistischen, die wir in allen Lagern, vom Stahlhelm und Deutschvölkischen, vom Deutschnationalen und Klerikalen an bis zum Sozialistischen, Kommunistischen, Jüdischen und bis zu den Jugendvereinen, Klassenbewegungen, Berussgewertschasten hin, herrschen sehen. D a s B u ch aber i st, solange w i r Ai e n s ch c n denken fönnen, das Produkt einer s ch ö p s e r i - scheu Persönlichkeit, also ein individualistisches Erzeugnis, u n b w ird , solange w i r M e n - scheu noch nicht völlig im koll ektivi stische u Denken (w o z u a u ch d i e M o d e g e h ö r t) u n t e r getan ch t sind, a u ch i n d i v i d u e l l gelesen, erlebt. Je mehr nun das individualistische (und damit liberale, wahrhaft wissemchastliche und wesensechte) Menschentum vor dem Kollektivismus zurückweicht, desto mehr wird auch das Buch Not leiden. Man beobachte doch nur die Tatsachen, die seit Jahren um uns geschehen. Während überall über die Not des Buches und der Dichter geklagt wird, steckt das deutsche Volk in acht harten Winterwochen 134 Millionen Mark in ein Buch wie Remarques „Im Westen nichts Neues", lveil sich aus der Qualität des Buches und der geschickten Propaganda eines Zeitungskonzerns plötzlich eine kollektivistische Psychose entwickelt, die besinnungslos jedermann, jedermann emtrichtert: das Buch mußt du lesen und loben. Also auch hier, wie bei den ständig seit Jahren sich wiederholenden Schlagererfolgen, die sogar aus das wissenschaftliche Gebiet übergreifen, eine kollektivistische Erscheinung,- die im Endefstkt der geistig schöpferischen Urproduktion von Büchern nur schädlich ist, denn niemals kann ein wahrhaft schöpferisches Buch einen Schlagererfolg haben, weil es immer seiner Zeit und seinen Menschen voraus ist. Dies zeigt die Literatur- und Wiffenfchaftsgeschichte seit Jahrtausenden. Mafsenerfolg hat nur, was der Zeitstimmung der Masse entspricht. Dieser innere Widerspruch also zwischen dem Kollektivismus der heute lebenden Menschen und dem „ewigen" Gesetz von dem Individualismus des Buches: er ist die eigentliche Ursache der heutigen Buchnot. Eine Abhilfe kann nur erfolgen, wenn beim entscheidenden Faktor eingesetzt wird: wenn der Einzelmensch wieder den Mut, die Kraft, die Bewegungsfreiheit erhält, ein Eigenmensch, eine Individualität, eine Persönlichkeit zu werden und zu sein. Auf welchem Wege dies möglich ist, kann hier nicht erörtert werden, weil wir nur von der Lage des Buches in dieser Zeit zu sprechen haben. Zweifellos hat Eugen Diederichs recht, wenn er die Rettung in einer Heimkehr zur Gott-Natur, zur Geschichte, zur kosmischen Jdeenphilosophie, kurzum zur schöpferischen Versammlung des Menschen aus sein Inneres sieht. Vorläufig muß man freilich noch mit größter Skepsis und mit wirllichern Pessimismus in die Zukunft sehen. Wir stehen meiner lieberzeugung nad) noch mitten in der Aufwärtsbewegung des Kollektivismus: von den Massen aller Art kommt vorerst keine Rettung für das Buch. Man sieht dies ebenso an der Art, wie die Volksbüchereien verwaltet werden, wie auch an den Moden, die das bürgerliche Publikum in schneller Folge abhetzt. Wenn auch überall Ansätze zur Besinnung und wirklichen Bildung hinaus zu beobachten sind, wenn auch die Zahl derer, die sich gegen die köllektivisttschen Tendenzen im Reiche des schöpferischen Geistes herzhaft wehren, anwachst, ihre wirtschaftliche, geistige, politische Macht ist doch noch viel zu klein, um Wandel und Wandlung zu schaffen. Die Not des Buches wird also meiner Neberzeugung nach weiter anhalten. Sie muß erlitten werden von all denen, die wissen und ihr Leben dafür hingeben, daß für den Geist leben alles, was man ist, opfern heißt. Aus diese, dein Geist unerschütterlich Verpflichteten müssen wir bauen: sie allein find die Rettung des Buches, des schöpferischen Geistes im Bereiche des Buches.