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Central-Verein-Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · p. Seite 141

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
Seite 141 (sequence 1)
Language
German
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Serlin, 22. Marz 1929 VIII. Jahrgang * Nr. 12 Einzelnummer 20pfennig jp NAler sür-eutscliium^' rrnöFuoentum Bierteljahrsabonnement RM. (suzügl. Bestellgeld). Verlag u. Schriftlertung: Berlin 8^' 68, Lindenstr. 13. stube O, Berlin Alleinige Anze-'geuannahme: Anno nee n-Expe^ilion Rudolf oxw, n»lw — - i——- ,, NormalZeilenmesser Nr. 4, Fanrilienanzeigen und Stellengesuche (nickt Stellenangebote) für Mitglieder d. Ccntralvcreins 0,45 31M, bie 90 mm breite Neklcunezeue 4,80 cAc.m. 'vrHün des Centrol-Vemns üeutscker Sümlsvüryer jüMrLen LUmvens onto: Berlin 30472. .:. Varttkonto: Dresdner Dank, We6)sel» gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Wer liest noch Bücher? Eine Betrachtung über den Aiedergang des deutschen Buches. / Bon Sanns Martin Elster. In dem nachstehenden Aussatz über das Problem von Buch und Leser erörtert Hanns Martin Elster zvoei für uns besonders wichtige Gesichtspunkte: zunächst die für unsere Zeit symptomatische ständig wachsende Abneigung gegen das Buch, sodann die weit verbreitete Neigung zum kollektivistischen Denken. Die Abneigung gegen das Buch erschwert linsere Aufklärungsarbeit, die sich überwiegend der Vermittlung des gedruckten Wortes bedienen must, um bic von Vorurteilen ergriffenen Menschen aller Schichten zu erreichen. Die Uebertreibung des kollektivistischen Denkens wurde schon häufig in diesen Blättern als ein wichtiges Unheil, ja als eine Ursache des sogenannten Asemitismus gekennzeichnet. Was über die Notlage der Verleger hier im allgemeinen gesagt ist, gilt in verschärftem Matze für die Verleger jüdischer Schriften. Auch das „Volk des Buches".hat vielfach nicht mehr das Interesse für wertvolle Werke, das man an ihm gewohnt war. Die Schriftleitung. Die Klagen über die Not, die das Buch in dieser Zeit und alle daran beteiligten Erwerbsstände zu leiden haben, wollen lein Ende nehmen. Man hat es nicht an Versuchen fehlen lassen, die Not einzudämmen. Und es haben sich auch Stimmen hören lassen, daß die Klagen übertrieben seien; aber diese Stimmen sind stets schnell durch die Tatsachen der Berlagskonkurse, erschreckender Existenzerschütterungen in Schriststellerkreisen, Einschränkungen von Buchhandlungen usw. zum Schweigen gebracht worden. Man hat jetzt einen „Tag des Buches" organisiert: es ist ja in den letzten zwei Menschenaltern Sitte geworden, sofort mit Neuorganisationen eiuzugreifen, wenn ein Notstand sich meldet; was das Organisieren von neuen Einrichtungen nutzt, haben wir ja im höchsten Organisationsparoxysmus während des Krieges und der Inflation zur Genüge erfahren: sachlich ändert sich weist nichts an 4>en Zuständen. So glaube ich auch nicht, daß der „Tag des Buches", selbst wenn er äußerlich noch so erfolgreich verlausen sollte, mehr Buchfreunde erzeugt, mehr Bücherkäufer erzieht, der Not des Buches abzuhelfen vermag, ein Beginn der Umkehr von der Entwicklung der Abwendung vom Buche werden kann. Gewiß, die verantwortlichen Schriftsteller-, Volksbücherei-, Volksbildungs-, Verleger- und Kulturvereine'sollen'nichts unversucht lassen und verdienen mit den Buchhändlern zusammen allen Dank für die Einrichtung des Buchtages am 22. März, dem Todestage Goethes, und vielleicht wird die alljährliche Wiederkehr des Buchtages im Laufe der Zeiten auch einige Wirkungen zeigen, aber daß der Not des Buches in dieser Zeit dadurch abgeholfen wird, darf man nicht hoffen. Die Ursachen für die Not und für eine weitverbreitete Buchfeindschaft liegen viel tiefer) Unsere Zeit neigt nur zu sehr dazu, Ursachen eines Notstandes stets in materieller Richtung zu suchen. So hat man auch vom Buche behauptet, es finde keine Käufer, weil es zu teuer sei. Nichts Falscheres konnte gesagt werden. Tatsache ist vielmehr, daß das Buch zu billig ist, und daß daher der wirtschaftliche Teil der Buchnot stammt. Wenn man zn gerechten, sachlichen Maßstäben kommen will, muß man — wie bei jeder Ware, und auch das Buch ist wirtschaftlich gesehen nichts als eine Ware — von der Urproduktion ausgehen, also nicht von Nachdrucken und Vervielfältigungen älterer Bücher, sondern von der unter uns entstehenden Produktion des heute arbeitenden Schriftstellers, der unter normalen Bedingungen, das heißt ohne den Ruhm eines kaufkräftigen Publikumsnamens (wie etwa Heinrich Mann, Jakob Wassermann, Rudolf Herzog) schafft. Ein Roman eines solchen Autors wird üom Manuskript aus in einer Durchschnittsauslage von dreitausend Stücken hergestellt. Die Herstellung des Manuskriptes sowohl wie des Buches selbst unterliegt den wirtschaftlichen Zuständen der Zeit, die die Kosten der Herstellung aus 200 bis 240 Prozent gegenüber 100 Prozent vor dem Kriege gebracht haben. Da im Frieden in gleicher Weise, Auflagenhöhe usw., hergestellt und kalkuliert wurde, müßte der Ladenpreis (Publikumspreis) eines normal als Urproduktion hergestellten Buches 200 bis 240 Prozent gegenüber 100 Prozent im Jahre 1913 betragen; ein Roman, der früher 5 Mark gebunden kostete, müßte 10 Mark tosten. Er kostet aber in Wahrheit, wie sich jeder überzeugen kann: 7,50 Mark. Und ist somit also zn billig! Infolgedessen hat sich das Risiko des Autors und Verlegers bedeutend erhöht. Darüber hinaus hat es sich auch geistig infolge der turbulenten Chaoszustände im Geistesleben vermehrt: die wirtschaftliche Folge ist, daß dem Alltor und dem Verleger das Betriebskapital entschwindet. Die Urproduktion von Büchern nimmt ständig ab! Die Manuskriptberge vermehren sich, aber sie werden nicht abgebaut, weil Urproduktion nur noch, mit Subvention oder Mäzenatentum (wie die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft schon seit Jahren praktisch beweist) möglich iüillli1!!!! üüüüiül! Sondernummer: Kunst? Literatur und Wissenschaft. Beiträge von: Georg Herrmann, Dr. Heinrich Levy (Eberswaide), Stadienrat Dr. Kurt Lewin (Berlin), Ernst Lissauer, Robert Neumann, Professor Dr. Erik Nötting, M. d. L. (Frankfurt a. AI.), Dr. Margarete Steinberg (Breslau).

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