Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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131 f Das »MarmfigrraS. Zu Den Unruhen in Schleswig-Holstein. \ Die gesamte Tagespresse berichtete über die Zusammenstöße zwischen I Kommunisten und Nationalsozialisten in Wöhrden, im Kreise Süder- { Vittmarschen, bei denen bedauerlicherweise Blut geslossen ist und junge (deutsche Menschen ihr Leben verloren haben. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu untersuchen, ob in diesem Einzelfall die Schuld bei den Konimunisten oder bei den Nationalsozialisten gelegen hat. Tatsache ist, daß monatelange Propaganda rechtsradikaler Kreise in Schleswig-Holstein den Boden für solche Ausschreitungen hat vorbereiten helfen. Am 25. Januar warnten wir in Nr. 4 der „C. V.-Zeitung" vor dem Treiben der Nationalsozialisten in Schleswig-Holstein, die sich dort j die Notlage der Landwirtschaft zunutze machen, um das Landvolk für! ihre Ideen zu gewinnen. Wir schrieben damals: I „Agitator über Agitator wurde nach Schleswig-Holstein entsandt, Flugblatt über Flugblatt, größtenteils mit ausgesprochen j judenseindlichem Charakter, in die Bevölkerung geworfen. Wenn | in den letzten Wochen die Zustände in Schleswig-Holstein sich hier | und da fast anarchistisch zugespitzt haben, so weiß jeder Kenner ] der Verhältnisse genau, daß diese Zustände keineswegs dem Willen | der verantwortungsbewußten politischen Parteien entsprechen, rwch l weniger dem ruhigen, ordnungsliebenden Sinne der schleswig- A holsteinischen Bauern. Es ist lediglich die Saat der national- ,] sozialistischen Bewegung, die hier wieder einmal aufgeht, und ‘j zwar gewiß nicht zum Nutzen der notleidenden Landwirtschaft/ I* Wir erinnerten im gleichen Zusammenhänge an eine Anfrage im preußischen Landtag, in der die Abgeordneten Peters-Hochdonn und Genossen aus die staatsverhöhnende Propaganda der Völkischen in der Marschgegend in Schleswig-Holstein hinwiesen. Der 4 preußische Minister des Innern antwortete dem Präsidenten des I Landtags damals, daß die Staatsregierung die „bedauerlichen Verj suche, unter mißbräuchlicher Ausnutzung der unverkennbar schwie- } eigen wirtschaftlichen Lage des bäuerlichen Besitzes in der Marschgegend Schleswig-Holsteins eine die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdende Bewegung zu entfachen, aufmerksam beobachte". Nun | ist es zu einem Kampf Zwischen 400 Kommunisten und National- I sozialisten in diesem Landstrich, dessen Bevölkerung so vorbereitet war, gekommen. Und alle Zeitungen sind sich einig in dem Entsetzen über t diese Vorfälle. Dem „Völkischen Beobachter" allein ist es Vorbehalten,; diesen traurigen Vorfall als Anlaß zum Triumph zu benutzen. In i einem spaltenlangen Artikel „Der Aufmarsch zum Bürger- ) krieg in Deutschland" macht er den Staat, die Revolution j und „ein sinn- und ideenloses Polizeiregiment . . ., das die inneren Gegensätze zwischen den rechts und links organisierten Massen nie j zur Ruhe kommen" läßt, verantwortlich für diese Ausschreitungen I und erklärt, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, selbst Ordnung i zu machen. Er schreibt u. a.: \t . . der Novemberstaat, der ,unordentlichste* Staat der Wett, ( wäre längst zusammengebrochen, wenn seine Polizei nicht ständig [j die unzufriedenen Massen des Volkes daran hindern würde, in? Deutschland ein für allemal Ordnung zu schaffen. Die natürliche i Neuordnung des Staats wird seit zehn Jahren systematisch ver- \ hindert. Dadurch, daß man fortgesetzt Volk gegen i Volt hetzt und aus dem unausgetragenen Klassenl kampf den eigenen Nutzen zieht . . i . . ♦ Wir fordern, datz dieser Staat, der sich seiner nationalen Aufgabe nicht gewachsen gezeigt hat, selbst * verschwindet und die Bahn frei macht für neue Kräfte, die den Willen und den Mut haben, den unhaltbaren j Zustand des latenten Bürgerkrieges zu beendigen, die I die Entschlossenheit und Energie haben, endlich „Ord- 7, nnng" zu schassen im deutschen Vaterlands. Der unermeßj lichen Blutopfer, die die nationalsozialistische Freiheitsbewegung im Kampfe um Deutschland gebracht hat, ist es nun genug. Wir | haben keine Lust mehr, das beste Blut der deutschen Jugend immer J wieder sinn- und zwecklos aus dem Altar eines bankrotten Staatsgedankens zu opfern. Nun ist es genug. Wir haben bewiesen, daß wir für Deutschland zu kämpfen und zu sterben bereit sind. Nun gebe man u n s die B a h n frei z u m Einsatz unserer ganzen Kraft, m 11 der w i r bereit sind, j das deutsche Vaterland von sei n e n gef ü h r l i ch st e n 4 Feinden, seinen Zer st ö r e r n und U n r u h e st i f t e r n ] 3 u befreien. 4 Das Drama von Wöhrden ist ein Alarmsignal für das ganze ä deutsche Volk. Wehe ihm, wenn es überhört wird!" j In einer daneben stehenden, mit „All jüdische Hetze" überschriebenen J Notiz benutzt der „Völkische Beobachter" die Forderung des „jüdischen" I „8 Uhr-Abendblattes", daß jede Demonstration radikaler Verbände in Schleswig-Holstein endlich unterbunden werden müßte, zu der Bemerkung: „Herrschen sollen also nur das Judentum und seine Steuereinnehmer." Wir Hütten auch ohne diese Notiz gewußt, gegen wen sich der Geist des Artikels im wesentlichen richtet. Auch wir sehen das Drama von Wöhrden als ein Alarmsignal an. Mögen die Kreise, die wahrhaft für Ordnung und Volksgemeinschaft einzutreten bemüht sind, dieses Alarmsignal verstehen! Das Hakenkreuz im Reichstag' Freude im nationalsozialistischen Lager. Wir berichteten in „C. V. - Zeitung" Nr.. 9 vom 1. März von der Volkstrauerfeier im Reichstag und gaben unserem Schmerz darüber Ausdruck, daß der Parteizwist sebst vor dem Andenken an die Gefallenen nicht halt mache. Wie einen Hieb muß jeder freiheitlich Gesinnte, gleichgültig ob Jude oder Nichtjude, den Bericht empfinden, den der „Völkische Beobachter" voll Genugtuung über die Ausschaltung der freiheitlichen Studentenverbände in seiner Nummer vom 2. März veröffentlicht. In diesem Bericht heißt es: Volkstrauertag. Feier im Reichstag. Viele sind dabei, die nehmen teil ohne Trauer, denn der Tod der Millionen und "ihre unvollendete Tal brachte sie, die Heutigen, in die Aemter. Und weil sie nun drinnen sitzen und schauspielern müssen, nehmen sie auch ruhig am Volkstrauertag teil. Innerlich gleichgültig. Aber es gehört zum guten Ton. Die Studentenschaft soll chargieren. Sie lehnt ab für den Fall, das; marxistische und demokratische Studenten teilnehmen. Und mit Recht. Was sollen bei solcher Feier Menschen, die die Toten doch nicht ehren, sondern nur sich selbst Zeigen wollen. So kommt es, daß man die anderen Studenten auslädt, damit die derrtfchen Studenten teilnehmen können. Nun aber kommen die preußischen Minister nicht. Niemand hat sie vermißt. Dann ziehen die Fahnen ein. Bunte Pracht über jungen Gesichtern. Beinahe froh aussehend. Aber dann, ernst doch sieghaft, rotes Tnch, weißes Feld, Hakenkreuz, von jungen Fäusten gepackt, eine Standarte. Nationalsozialistische, deutsche Farben im Reichstag. Raunen im weiten Raum. Eine historische Stunde. Am Volkstrauertag trugen Deutsche die Farben der Zukunst in das entehrte Gebäude, um die Gewesenen zu ehren und durch die Farben des Nationalsozialismus zu bekräftigen: Heute hier zu eurer Ehre im Reichstag, morgen vielleicht schon flatternd über ihm. — Studenten trugen das Hakenkreuz in den Reichstag. Hpperpankees — Deutschvölkische. Heute wie vor 100 Jahren. Als der in den ersten Mürztagen vielgefeierte Deutsch- Amerikaner Carl Schurz mit dem ihm eigenen Sinn für Rechtlichkeit und Lauterkeit gegen die Politik des Präsidenten Orant und die unter besten Regime eingerissene Korruption öffentlich protestierte, da nannte die von Orant beeinflußte Presse den verdienten General des Bürgerkrieges, den Senator und späteren Staatssekretär des Innern einen „Ausländer und preußischen Agenten", die Strategen eines hundertprozentigen Angelsachsentums wurden gegen ihn mobil gemacht; und einer dieser Hyperyankees, der General Liellles, sagte bei einer Gelegenheit, ganz im Stile deutschvölkischer Versammlungsredner von heute: „Wehe dem Tage, an dem es dahin kommen sollte, daß ein solcher naturalisierter Bürger wie Schurz uns beherrschte! Es gibt Männer in diesem Lande, ja, in dieser Versammlung, die den Ruf ertönen lassen würden: Amerikaner, zu Hilfe! Und die Amerikaner würden kommen!" Das amerikanische Volk ließ sich von diesen Demonstrationen eines nationalen Chauvinismus nicht beeinflussen. Schurz hat bekanntlich spater die höchsten Ehrenämter der Vereinigten Staaten mit Erfolg bekleidet und den Nachweis erbracht, daß seine das ganze Leben hindurch bewahrte Treue für das Land seiner Geburt und sein Stolz aus seine deutsche Abstammung ihn nicht gehindert haben, wertvollste Arbeit für das Vaterland seiner Wahl zu leisten. Carl S ch u r z hat übrigens stets zu den ü b e r z e u g t e st e n und mutigsten Kämpfern gegen den Judenhaß gehört. Wie die „Freisinnige Zeitung" vom 11. Januar 1889 berichtete, hat Carl Schurz in einer Rede am 18. Dezember 1888 den Antisemitisums auf das schwerste "verurteilt. So führte er u. a. aus: „Ich habe jüngst Gelegenheit gehabt, den Ursprung, den Charakter und die Ziele der sogenannten antisemitischen Bewegung zu beobachten — einer Bewegung, deren dunkler Geist des Fanatismus und der Verfolgung die menschliche Erleuchtung des 19. Jahrhunderts beschimpft, welche sich an das dümmste Vorurteil und die blindeste Leidenschaft wendet, deren Ungerechtigkeit jeden Sinn für Billigkeit und Anstand beleidigt, und deren Feigheit ... die Verachtung jedes sich selbst achtenden Menschen Hervorrufen sollte." Werner Rosenberg (Berlin).