Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9221535-9549029-9549030--09-2285800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 | Beruf - Mensch + Schule | Von Alfons Rosenherg (Berlin) Gerade in den letzten Monaten wollte in unserer: Kreiser: die Auseinandersetzung über Fragen des Berufes nicht verstummen. \ Nicht die Freude am Diskutieren und Problematisieren war der 1 Anlaß. Vielmehr sehen wir immer von neuem Jungen und Mädel | vor der Berufswahl stehen: ungewiß. Zerrissen, ausweglos. Und j wir sehen viele Aeltere in die Fesseln eines Berufes geschmiedet, der ihnen nicht liegt oder sich scheinbar jeder Veredelung widerletzt oder seinen Träger mit Haut und Haaren auffriht, keinen Raum 51t allgemein-menschlicher Bildung lassend. B e r u f s n 0 t' so gellt es durch die Bünde, die jüdische Jugend — nein, durch •> Deutschland, ach, durch die ganze Welt. So wenigstens ist der |1^ Eindruck,deudev„Tagungsber:cht^) der Entschiedenen Schntreformer" sehr stark vermittelt. In diesem Buche stehen sich entgegengesetzte Meinungen schroff gegenüber. Also ist es kein Werk, aus dessen Dogma man schwören kann. Das will es auch gar nicht sein. Es will die ganze M a n n i g s a l t i g L e i L des Probleuns zeigein unter verschiedenster Beleuchtung, mit möglichster Objektivität. Das bedeutet nicht mit kühlster Sachlichkeit, überlegenster Distanz. Hinter jeder:: Aussatz steht — jede Zeile läßt es spüren — ein Mensch, der von all der Not weiß, die sein „Thema" birgt, und bemüht sich in täglicher Kleinarbeit, dieser Not soweit wie möglich zu steuern. So ist eine Aussatzsammlung zustandegekommen, die für unsere künftige Auseinandersetzung "Zu unentbehrlicher Grundlage, treibender Anregung, wichtigem Hinweis werdet: wird. Mustern wir kurz die wichtigsten Gedanken: Die heutige BerusslosigkeiL ist die Folge davon, daß man nicht mehr das Gefühl hat, für eine Gemeinschaft (Sippe, Stand, Staat usw.) zu arbeiten. Alice Rühle-Gerstel kommt daher zu dem Schluß, daß es ganz gleichgültig ist, welchen Beruf der junge Mensch heute er- | greift.' H ouigshei tu ist durchaus bcrfelbcn Meinung H ({ein Aufsatz „Gesellschaft und Beruf" sei ganz besonders j empfohlen!), dennoch rät er zur Ergreifung eines dem Suchenden ß möglichst angepatzter: Berufs. Er weist darauf hin, wie die Z K „Tagungsberichi der Entsäriedcueir SchcUresorw.er." Herausgegebelr von A Paul Oestreich und Erich Viehweq. Neuer Frankfurter Verlag, Frankfurt $ a. M. 1029. Berufstosigtcit der Romantiker noch vor 100 Jahren allgemein ausfiet mit) wie wir Heutigen uns dagegen gar nicht uiehr iriiu--. berit, wenn - jemand /spätestens alle .'Jahre' in einer ariderer: „Brauche" tätig ist. Elfe Sander führt, uns An aller Eindringlichkeit ein paar Zahlen vor Augen. Sachsen 392$: Männliche Jugend zün scher: 14 ru:d 20: erwerbstätig ^8 Prozent, Weibliche Jugend zwischen 14 und 20: erwerbstätig 70» Prozellt. Kosten für die Ambildung von Schülern (1926): Höhere Schulen. . . . 622 M für den Schüler, Volksschulen , 2/5 „ „ „ (5 arl R. Pohl bringt benett wichtige Feststellungen, die nicht wissen, ob es lohnt, Handwerker zu werden. Alle Untersuchungen haben ergeben, daß das selbständige Handwerk im Fortschreiten ist. Es gibt in Deutschland 1ZA Millionen selbständiger Handwerksbetriebe, in bcneit 1 378 000 Gesellen lind non 000 Lehrlinge beschäftigt sind. Viehwegs Ausführungen: Elternhaus unb Berufswahl, sollten alle Eltern (wie überhaupt das ganze Buch) vor der Berufswahl ihrer Kinder lesen. Zusammenfass-end ergibt sich folgendes: Alle Referenten 0umneu darin überein, daß unter der bestehender: Gesellschastsunb Wirtschaftsform eine endgültig befriedigende Lösung der Berufssrage unmöglich ist. Aber schon unter der: gegebenen Verhältnissen sollte dies geschehen: Der Jugendliche darf f r ü h e st e n s in i t 10 I a h r e u gezwungen werden, einen Beruf zr: ergreifen. Im Beruf selbst gewähre man: jugendgemäße Arbeitszeit, gesetzliche, ausreichende F e r i e n z e i t, umsichtige g e s u n d h e i t l i ch e F ö r d e r u n g tm Heim rvährend Arbeit und Freizeit, Anleitung zur Nutzbarmachung unserer Kulturgüter. Schließlich wandte sich die Leruschule endlich zur Produktion 8 sch ule. Nicht nur der Kopf, sondern auch Herz, Phantasie und Hand sind zu üben und produktiv zu machen. To wird das Kind allmählich seinen Beruf in sich entdecken können, wirb aus Berufsqual vielleicht Bern f s s r e u d e. E Zur Einigungsfrage J Wir bringen die von atu im Anschluss an den Aufsatz von Ernst Wolff in Nr. 12 der Beilage erwartete Fortsetzung der I Aussprache über die Einigungsfrage. D. SchriftL I Pflicht zur Verantwortung I Von Wolfgang S. Maizdorff (Breslau) •|s | In seinen abschließenden Bemerkungen der E i u t g u n g s - | frage hat Ernst W 0 l f f dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß f die Frage der Weiterentwicklung des Judentums durch die Einj stellung der jüdischen Jugend zu Judentum und jüdischen Dingen § in ein entscheidendes Stadium getreten ist. Er spricht geradezu Ä aus, daß die Zerfallstendenz des Judentums eine Tatsache gewors! den sei, und von den im nichtzionistischen Lager unternommenen 4 Versuchen zur Wiederbelebung besonders durch die -Religion kou- 3 skaliert er doppelte Erkaltung nach kurzem religiösen Aufschwung. | Tatsache ist uns Jungen geworden, daß das Judentum, wie auch 5 immer wir es aussassen mögen, im Leben der älteren und jüngeren J Generation unterlegen ist beim Wettstreit mit modernem Zeitgeist und Jdeenkreis. Und doch lebt in der jungen Generation das 7 Gefühl, daß das Faktum Judentum auch in unseren Tagen nicht Jj inhaltslos werden darf, sondern daß versucht werden mutz, den: Zerfall auf neuen durch Umwelt und „Zeitgeist" bedingter: Wegen entgegenzutreten. Die Frage nach der Zukunft des Judentums f soll nach einer anderer: als der von Wolsf dargetanen.Richtung i im folgenden behandelt werden, wobei versucht werden soll, vor: einer mehr methodischen Seite dem Einigungsgedanken rrahe zu % kommen. | Es ist eine alte Erfahrung und es muß doch immer wieder von 1 neuem seftgestellt werden, daß die Religion von den Menschen, die 1 zu ihr „gehören", gemacht wird. Ist es viel anders, als es.Alfred H Döblin kürzlich in einem Bortrag mit der Ansicht ausdrückte, J die Religion werde von den Menschen „gemacht" und von einigen .f bezahlten' Personen verwaltet? Wenn wir uns die jungen Men- W scheu betrachten, die die jüdische Religion unserer Tage „machen", .1 so kommen roir zu der von Ernst Wolfs gegebenen Situationsschilderung. Die aus richtigen Gedanken geborenen Bewegungen, Ä diesen Zustand zu ändern, müssen aber nunmehr, nachdem das -7 erschreckende Bild von der Lage des Judentums gesehen worden ist, sich konzentrieren, sich Zusammenfinden:. Es muß das Bewußtsein : in allen jungen Juden zum Ziele haben, das Judentum, wie auch ft immer es verstanden werden möge, lebendig' zu machen. In 7 einem bemerkenswerten Aufsatz hat Paul Till r chj) den Begriff |f f) „Berliner Tageblatt' vom 1. Januar 1629. einer religiöser: Verantwortung der Jugend dargelegt. Was in anderer: Lagern ein Erfordernis sein mag, uns junger: jüdrscher: Menscher: sollte es brennendstes Gebot der Stunde sein: die e ra ntw 0 rt u n g, Jude zu seirr. Dieses Veranlrvorrungsbewußtseingilt es zu wecken, damit die Plattform der Auseinandersetzung um die Zukunft und den Weg des Juderuums vor: jungen Menschen in ernstem Streben geschlissen werde. Wir woller: — alle, die die Notwendigkeit, um das Schicksal des Judentums zu kämpfen, erkannt Haben — uns zusammensinden im Kampf um die jungen jüdischen Menscher:. Sie sollen herausgerisser: werden — diese Indifferenten — aus ihrer Welt 'der Gegeben- Heiken, der Unbewegtheit und der Unerschüttertheit, dern Geist der in sich ruhenden Endlichkeit; der junge jüdische Mensch soll endlich erwacher: aus seinem Leben der Beruhigtheit und erstarrten Wirklichkeit, der Sicherheit und Abgewogenherr seines „Milieus". Ziel sei die Verriefung des Gefühls der Ver a n t w 0 r t 1: n g , d l s I) c x a nwachsend e G e n e r a t i 0 n v e r a r: t w 0 r t l i ch zu sein für das Schicksal d e s I u d e n t u m s. Das sollte das Band sein, das junge jüdische Menscher: aller Richtunger: eint, die Vorstufe zu aller: Bestrebunger: der „Wiederbelebung" des Judentums unserer Tage; Einigkeit in: Kampf geger: die Geruhsamkeit der Jugend. Indifferente Jugend — gibt es einen widerspruchsvolleren Ausdruck? Und doch ist er leider bei uns Juden zu Hause. Unsere jungen Menschen wollen nicht die Augen offner: für die Sorgen unserer Gemeinschaft. „Aber wer kann Iirgend aufrusen als Jugend?", fragt Tillich. Wir jungen jüdischer: llicim scher: 'wollen die Verantwortung wecken in jenen, die als Inder: geboren und, dessen nicht bewußt, ihrer: Weg gehe::. Wenn wir die Lauen hineinziehen in das Ringer: um das Schicksal des Judentums, wenn der Kreis der Verantwortungsbewußten sich weitet, danr: beginnt für die jüdische Jugend erst die Auseinandersetzung um Zukunftsfragen, um Ewigkeitswerte. Rudolf Stammler hat als des Menschen besten Lebensirchalt die Beobachtung des „sowohl—als auch" gefordert, die Beschäftigung sowohl mit des Tages - Arbeit, als auch mit der: Dingen, die uns hinausheben aus dem Horizont der Kleinlichkeiten und Kleinigkeiten: höhere Ausgaben, Lebensaufgaben, Zukunftsausgaben. Und hier sollte:: sich alle jungen jüdischen Menschen treffen, hier liegt der Ausgangspunkt aller Einigungsbestrebungen einer spezisirch-jüdischeu Jugendbewegung als Inbegriff aller um die Zukunft des Judentums . Ringenden. Wenn . diese Bewegung . der Verantwortungsbewußten an Boden gewinnt, die Sicheren, Jn-sich-Ruherrder:, Unbedachten aufgerüttelb werden, dann kann die-Jugend ans Werk gehen zur Verinnerlichung und Vertiefung eines „Judentums", des Judentrrms der Zukunft,