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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-03-08 · 3 (8.3.1929) · p. Seite 6

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
3 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 der irreführendsten Ideale der Gegenwart mffsngeu, nämlich dem Grundsatz, der in dem Schtagwort gipfelt: .„Beruf' kommt von .Berufung'" und besagen will,' die Berufsarbeit könne n u r dann einen echten Lebensinhalt bilden, wenn sie nach Gegenstand und Methode den Neigungen und Anlagen ihres Trägers entspreche. Wenn dieser Grundsatz wahr ist, so gilt er doch nicht für unsere Zeit. Starke Talente sind ausgenommen. Aber keinen führt Lust und Liebe ins Blei- oder Kohlenbergwerk, ins Warenhaus, vor die Kefselseuer. Selbst der Berus des Reisenden, in dem man früher so etwas wie eine eigene „Romantik" und beinahe gar „innere Werte" fand, mußte unterm Monopol der Markenartikel sein Wesen ändern. Der Nachwuchs ficht fast nur noch die menschlichen Schattenseiten dieser Art von Arbeit, bei der die Tüchtigkeit in der Anlage zu persönlicher, unmittelbarer Ueberredung lag. Die gesteigerte kaufmännische Bildung und die Intensität des Nachrichtenwesens stärken dem Einkausenden den Rücken. Der inoderne Reisende ist — grob gesehen — fast überall zum unpersönlichen Repräsentanten einer bestimmten Ware geworden, deren Wert bekannt und der gegenüber in erster Linie wieder der Bedarf maßgebend ist. Die große Mehrzahl der Berufstätigen arbeitet heute, in Bernsens die ihnen zunächst bestenfalls gleichgültig sind. Tenn die große Mehrzahl der gegenwärtigen Berufe ist den natürlichen Bedürfnissen, vor allem des jungen Menschen, geradezu feindlich. Hier hat auch die beste, Berufsberatung ihre Grenzen. Für den Durchschnittsmenschen mag es am Ende., gar keinen so großen Unterschied ausmachen, ob er Arbeit an der Drehbank oder am Stellhebel gefunden hat. Freilich gibt ja nachher jeder Beruf überraschenderweise innere Befriedigung in dein Maße, als man Mühe in ihn hineinsteckt. Aber die mechanisierten Berufe haben ja gerade darin ihre schlimmsteil Fehler, daß sie selbst keinen Raum mehr für die Entfaltung persönlicher, hingebender Mühewaltung bieten. Daher verlangen mehr und mehr d i e Lebensinhalte ihr Recht, die gerade der Masse neben denr Berus heutzutage reichlicher als früher zil Gebots stehen: Unterhaltung, Sport, Bildung. Die großartige alte Berufsauffassung, die den Geist und den Aufstieg des Kapitalismus schuf (Max Weber), hat mit ihren religiösen Grundlagen ihre innere Kraft verloren, seit dessen erste, individualistisch freie Phase im Begriffe steht, sich jtt vollenden. Diese Wandlung ist ein umwälzendes Erlebnis linserer Generation. Sie hat — auch bei uns Juden — nötrvendiq zur Folge, daß die vom seltener gewordenen raschen Ausstieg ausgeschlossene Masse ganz bewußt nach solchen Berufen zu suchen beginnt, die ihr Zeit zum Genüsse jener anderen, allen oisenstehenden Lebensgüter lassen. Es steigen aus dem Zwang der Zeitverhältniffe andere Strebensziele auf «die ihrerseits in fernerer Zukunft die großen Antriebe der Massen in neue Bahnen lenken und so den Grund der gegenwärtigen Lage Umstürzen mögen). Die beiden grundverschiedenen Berufs- (llnd Lebens-!) Auffassungen vergleichend zu werten, ist gewagt. Wenn mall eS tut, und auch wenn man die alte in ihrer weltgeschichtlichen Großartigkeit vorzieht, kann mail sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die neue sich im hochkapitalistischcn Zeitalter der Massen unwiderstehlich beniächtigen muß. Auch wir Juden müssen einschen lernen, daß die paradiesische Liberalität deur Wirtschaftsleben verloren gegangen ist. Wir tonnten uns, auch wenn wir's dürsten, denr Schicksal der entsprechenden übrigen Volksschichten nicht mehr entziehen, nachdem wir in der Form der wirtschaftlichen Gleichberechtigung eine nnlösbare ivirkschastliche Verflechtung mit denn deutschen Volkskörper erkämpft haben. Man kann dein einzelneil nur rateil, die Konsequenz hieraus zu ziehen und sich eine „moderne", zuknnstsfähige Berufs- und Lebensauffassung zu bilden: das zähe Festhalten an dem Ideal des „s e l b st änd i g e n" Klein¬ oder Mittelunrernehmens auszugeben und sich nicht länger dagegen zu sträuben, die gebundene, aber gesicherte Stellung e i n z u n e h m e n, die die Planmäßigkeit einer durchorganisierten kapitalistischen Wirtschaft für die Masse bereirstellt. Wer grundsätzlich hierzu bereit ist, wird erst recht dem Berus des Beamten sympathisch gegenübersteheu. Väter, die ihren Söhnen weder ein blühendes Geschäft mitgeben, noch ein vieljähriges Studium bieten ' können, sollten sich die Vorbildung und die Aussichten der einen oder anderen Beamtengruppe einmal besehen; sie wer-, den eine solche Laufbahn dem Schicksal des „jungen Mannes" in der jetziger!, hochkapitalistischen Wirtschaft vielleicht vorziehen. Berufswahl der proletarischen Jugend Von ‘Richard Höckmann Es gibt diele jüdisch-proleta rische Jugendliche, die denbcvt- Bünden nicht er faßt--sind. Bon denen sei hier die Rede. Die Jugendlichen verlassen mit 14 Jahren die Volksschule unb müssen einem Berus nachgehen, um mit zurrt Lebensunterhalt ihrer Eltern beitragen zu können. Meistens wählt der Vater oder die' Mutter mit den Verwandten den Berns des Jugendlichen aus. Er wird nicht viel danach gefragt und hat ja auch mit 14'.Jahren noch nicht die Nebersicht, was ein Beruf ist und was überhaupt der Beruf ist, den er ergreifen soll. Der Jugendliche kennt leinen Beruf besser als den seines Vaters, Unsere Volksschulen sind heute auch noch ' nicht so weit, daß der Lehrer die Fähigkeit des Jugendlichen seststellen kann, für welchen Berus er sich eignet. Bernfsberatungsstellen werden gar nicht befragt, zum größten Zleil, weil sie bei ben Eltern nicht bekannt sind. Auch entscheiden die Eltern meistens nach der wirtschaftlichen Lage, und nach der Lust und Liebe des Jugendlichen 51t. denr von 4hm zu ergreifenden Beruf wird gar nicht gefragt. Den Eltern ist kein grober Vorwurf zu machen, da. wie oben erwähnt, der Jugendliche mit 14 Jahren noch keine richtige Meinung von einem Beruf hat. Der Leidende dabei ist der Jugendliche, der sich mit denr Beruf abfinden nmß und späterhin mit sich selbst . in Konflikt gerät. Wie schwere wirtschaftliche Folgert eine Ber u f s u m s ch i ch t n u g nach sich zieht, kann nur der verstehen, der eine solche durchgemacht hat oder noch dabei ist. Wenn dann der Jugendliche keinen Berater und keinen festen Halt an irgend etwas hat, geht er unter. In 50 von 100 Fällen übt der Jugendliche später einen selbstgewählten Beruf aus. Nur wer i 11 n c r Cid) "mit seinem Beruf Zufrieden ist, dem wird im Leben auch was gelingen, und er wird ein produktives Glied der menschlichen' Gemeinschaft werden. Jeder Mensch gehört nach seinen Fähigkeiten aus seinen richtigen Platz. Unsere Eltern müßten auf alle Fälle die Berufsberatung nt Anspruch nehmen. Tie Eltern müßten aufgeklärt werden, was'eine Berufsberatung ist, und wozu sie besteht. ' Das ist Arbeit für die Bündechund Zusammenarbeit der Eltern und Bünde. Unser Schulsystem ist leider heute noch so aufgebaut, das; in der Volksschule zu keinem Beruf vorgearbeitet nurb. Die Schulpflicht der Volksschule müßte b : s z u 1 (> I a h r e u gehen. Und zwar mühten die letzten zwei Jahre bezahlt werden,^ da die Eltern auf den Erwerb ihrer Kinder angewiesen sind. Das erste Jahr nach der Grundschule, die bis zu 14 Jahren geht, würde sich mit Werkarbeit int allgemeinen befassen und das letzte Jahr mit den ans-zuweis-enden Fähigkeiten, des Jugendlichen. Die Berufsschule würde bis zu 18 Jahren das Theoretische ergänzen. Die Lehrzeit könnte dadurch abgekürzt werden. Dieses alles sind Fragen, mit denen inan sich zuerst beschäftigen sollte. Ich gehe mit Lucie Zobel überein, die da sagt: „Das ist eine Frage der Wirtschaft; sie ist in mindestens ebenso hohem Maße eine Frage der jüdischen Jugend." Hier sollten sich' einmal alle Pädagogen zusammensetzen und bat Scl)-ulbetrieb von Grund aus ändern. Damit wird auch die große Frage und der schmerzliche Weg der Berufsumschichtung geklärt. Die kaufmännische Jugend Von Hermann Oltendorff (Berlin) Die Jugend, die jetzt in der kaufmännischen Berufsarbeit steht, ist von vornherein bestimmt, ständig A n g c st c l Her zu sein. Das Gehalt reicht kaum Zur Bestreitung der notwendigsten Lebenshaltungskosten ans, geschweige bemt zur Befriedigung"' von irgendwelchen kulturellen Bedürfnissen. Gewiß'gibt es einige Positionen die neben ideellen auch marersielle Erfolge bringen. Der Durchschnitt u>irb aber stets der kleine Angestellte bleiben. Hierin liegt die Schwierigkeit unserer Situation. Früher konnten die Eltern öfter, wenn das Gehalt nicht reichte, einspringcn, heute ist es umgekehrt. Durch die schlechte materielle Lage der. Eltern ist die Jugend frühzeitig zur Unterstützung verpflichtet. Wenn der alte Optimismus der Jugend nicht über diese Frage hinweahelsen würde, dann wäre es heute schon schlecht um den deutschjüdischen Gedanken bestellt, denn sie soll und muß der spätere Träger der deutsch-jüdischen Ideen sein. - Kann man aber von einem jungen Menschen,, der durch ständige materielle Sorgen zermürbt ist, verlangen, daß er für irgendwelche Jdeeir lampst? Leider, ist uns schon ein großer Teil durch Verflachung oder durch Ab-.' schwenken zu extremen' politischen Kreisen verloren 'gegangen... Kgrülp man es einem jurtgen Menschen verargen, .wenn er sich, sagt, ich kümmere nrich nicht um geistige Fragen, und nicht um Familie, ich, genieße das Leben, ganz gleich auf welche Weise? Die Berüfssrage der deutsch-jüdischen Jugend ist eins der b r c n n e n d st e n Pr ob l eine, wichtiger, als alle hündischen ' Fragen. Ich bin mir darüber klar, daß dieser Fragenkomplex ungeheuer kompliziert ist, hängt er doch mit der ganzen wiaschaftlichen Struktur^ unseres Volkes zusammen. Irgend etwas muß aber im Interesse unserer Idee zu jeiner schnellen Lösung geschehen/ Den besten Erfolg verspreche.ich mir von einer Z u} a ru nt cxij arbeit alle r an dieser Frage interessierten Kreise, Vertreter des C. V., des H a u dels und der I u gendve r b ä n d e.

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