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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-03-08 · 3 (8.3.1929) · p. Seite 8

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
3 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
Seite 8 (sequence 4)
Language
German
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8 („Zur Einigungsfrage‘*) „Die Grundlagen,‘ Von Selig Auerbach (Berlin) Sehr richtig hat Wolfs erkannt, das; das Judentum laicht erhalten werden kann, „wenndie Inden selbst ihre ewigen Jahnen verlassen, absallen, um i>etn Zeitgeist zu dienen". Doch ans den; Wege,' den Wolfs im§ zur Steuerung der Zerfalltendenz tveist, körmen wir ihm nicht solgen. Zunächst müssen wir einmal mit aller (Entschiedenheit ablehnen, wenn- Wolfs schreibt'. „Statt religiöser Rennniszenzen nurß das Bewusstsein ivachgerüttelk werden, das; der assimilierte Teutschjude, gerade, weil er die Assimilation grundsätzlich bejaht, so Lange der Gemeinschaft treu bleiben muß, bis sie auch im Letzten Gliede so weit vorwärtsgeschritten ist wie er." Mit anderen Worten bedenket dieser Satz doch nichts anderes, als das; es unsere Pflicht ist, unseren; Judentum nur so lange die Treue zu wahren, als bis alle sich zum radikalsten Standpunkt der' jüdischen Religion bekannt haben. Was daun kouunen soll, spricht Wolfs zwar 'nicht ans, aber jeder wird beim Lesen von Wolfis Worten glauben, das; dann als letztes die Taufe zu solgen hat. So ungeheuerlich erscheint uns dieser Gedanke, das; nur nicht glaube;; tönner; und wollen, das; Wolfs dieses je beabsichtigt oder auch nur gedacht hat. Doch ans seinen Wörter; läßt, sich dieses entnehmen. Es ist ferner durchans nicht angängig, das Judentum nach denen umbilden zn wollen, die den alten Gottesglanben, iuemi auch ans innerer Ueberzeugung, verloren haben. Selbstverständlich erkenneil mir an, da); jeder von «einer jüdischen Mutter Geborene Jude ist, er mag sich' zum Religionsgesetz stellen, wie er null. Nicht billigen können wir aber eine Erneuerung des Judentums, die im pro-- g x a ui m ä s; igen A b w e r f e n der überlieserten religiösen Forrnen und im L eu g n e n de x üb erko in m enen r eti giöseu Lehren besteht, eine Erneuerung, die die Einheit lediglich ans der Basis' des gemeinsamen Judentums begünstigen will lind jeden jüdischen Atheisten zum vollwertigen Inden stempelt. Eine Erneuerung solcher Art müssen wir auf das entschiedenste ablehnen, sowohl aus unserer Einstellung als gesetzestreuer Jude, aber auch als dem Wesen nuferes E e n t r a l v e rein s völlig g n w i d e r l a n f e n d. Was Wolfs hier verlangt, ist letzten Endes nichts anderes als Anerkennung in Theorie und Praxis des zionistischen Dogmas: Daß die Einheit des Judentums einzig und allein in der Gemeinschaft des Blutes besteht. Wollen wir wirtliche Erneuerung, dann bleibt nur eines: die Flucht in die alten Knlksiätten, Zurück zum überlieferten thoratreuen Judentum. Die Schwierigkeiten, die uns hierbei entgegenstehen, obwohl nur scheinbar, hat Wolfs richtig erkannt imb in aller Schärfe aufgezeigt: dafür sei ihm Dank. Unsere Ausgabe mns; es nun sein, einen Weg zu finden, der diese Hindernisse forträumt oder sie ans ein winziges Minimum znsinnmendrängt. damit das Leben nicht unseren Glauben zerstört. „Deutsche Humanität“ Lessing-Morgenfeier der Deutsch-jüdischen Jugend, Hamburg Die Deutsch-jüdische Jugend veranstaltete im Logenhe'un, Hartungstraße, eine L e s s i n g - M orgensei e r, zu welcher außer den Freunden der Gemeinschaft auch Zahlreiche Gäste und Ehrengäste erschienen waren. Den Mittelpunkt der Feier bildete die Festrede von Professor Dr. Waller A. Berendsohn, der etlva folgendes ansführte: I e d e Feier verpflichtet die Lessing-Feicr Verpflichtet uns Zu Dank dem großen Dichter und Denker gegenüber, als Deutsche und als Juden. Als Jude n, weil er uns durch die Toleranz Gerechtigkeit werden ließ, die uns den Weg ins deutsche Leben bahnte, und die auch ein Aufblühen der Wissenschaft über das Judentum Zur Folge hatte. Als Deutsche haben wir ihm gegenüber andere Dankespslichten. Die Religion der Menschlichkeit, die Lessing in der Ringparabel im „Nathan" kermzeichnet, hat aus dem Gebiet der Weltanschauung einer jahrhundertelangen Bewegung die Krone aufgesetzt. Ter Redner bezeichnet diese Bewegung als „D e n t s ch e H u m a n i t ii t" und verfolgt dieses dem Griechischen entstammende Bildungsideal, durch die deutsche Geistesgeschichte, um den Boden auszuzeigen, auf dem Les'sings Geistesideal erwachsen konnte. Vergegenwärtige!; wir uns die großen Widerstände, die Lessing zu überwinden batte: die Idee;; und Formen der französischen Kultur beherrschten das Geistesleben; Friedrich der Große, der dem Jahrhundert der Aufklärung seinen Namen verliehen hat, besitzt nur mangelhafte Kenntnis des geistigen'Deutschland. — Lessing war Wegbereiter für die schöpferischen Geister des 18- Jahrhunderts im Sinne des Humanitätsgedankcns. Doch nicht nur dem großen deutschen Dichter Lessing schulden wir Dank, auch Europas angesehenstem Kritiker, der die Ideen einer schöpferischen Kritik brachte. Nicht die Wahrheit, sondern das Ringen nach der Wahrheit macht ihn; den Wert des Menschen. So ist es auch das lebendige Erfassen des wesentlichen Kerns,!vas seine Auffassung vor; der Religion, der Religion der Menschlichkeit, ausmacht; aus der Toleranz zwischen den Religionen sollte auch die Duldsamkeit Zwischen den Berufen, Zwischen den Ständen und zwischen den Parteien erwachsen. Der Redner Zeigte, .wie Lesfings Gedanken einmünden in die Grundlagen jeder jüdischen Religiosität. Zum.Schluß seiner Ausführungen ging der Redner aus Lesiings Sprache ein, diese männlich entschlossene Sprache, die Ansdructssvrm des Geistes wirklicher Religion der Menschlichkeit ist. Der Festrede voraus rezitierte Senta M e h e r die N i n g p a r a b e l a u s d e m „N a t h a n". Das P r ü l u d i u m v v n B a ch , das Bernhard A b r a m o w i t s ch als Einleitung der Feier zu Gebär brachte, und der Aufschwung von Schum ann als Schlusmunnuer, gaben dieser eindrucksvollen Friereinen würdigen Rahmen. E. Nt. (Hamburg). M Erzieher zur deutschen Kulturidee Von Fritz Friedlaender Ich erinnere mich noch mit voller Deutlichkeit jener Szene, in der einer meiner Mitschüler dabei ertappt wurde, tvie er heimlich Unter der Bank, auf der ein langweiliger Schnltlassiker sich befand, N ietzs ch e s ..Zarathustra" las. Tie entsetzte Lehrerschaft konferierte über den Fall und registrierte ihn als einen Vorboten des eindringenden Bolschewismus. Der Haß und die Abscheu, den die Hüter der offiziellen deutschen Bildung gegen sturen Denker hegten. war nur zn begreiflich, denn Nietzsche hat den Kulturverfall, der' sieh hinter der glänzenden Fassade seiner Zeit verbarg, -an; lvahrheitsgetrensten und schomlngstosesten ansgedeckt. Gewiß, der wirtschastlich-nmterietle Aufschwung, der Machtzulvachs des neuen Reiches lvar unverkennbar, jedoch es fehlte der prangenden „Aufmachung" ein kleines Etwas, das ein Knlturtritiker von; Range Nietzsches für ein entscheidendes Manko hielt, nämlich Seele. — Nach Nietzsches., jähem Verstummen ist der repräsentative Erbe seiner geistigen Frondestellungder Dichter Stefan George geworden, namentlich, seitdem seine Dichtung den artistisch-ästhetizlstischen Bezirk hinter sich gelassen hat und mit den Zeitgedichten des „Siebenten Ringes" rn' das Strombett der direkten Kulturkritik eingemündet ist. Das.Endstadium, dieser srondierenden Richtung bezeichnen' et;va die symbolischen Gegenwarts- Poesien in; ,/Stern des Bundes", die nük furchtbare!;; Ernste die Katastrophe des Weltkriegs kurz vor seinem Ausbruch vorausverkündetcn. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung ist ebenso wie die altgeineine deutsche Jugendbewegung zn einen; nicht geringen Teile an jener seelisch-sittlichen Opposition gegen die bürgerlich-wilhelminische Machtmoral groß geworden. Nietzsche und George, die beiden, von der offizielle;; deutschen Bildung Versemten, wurden daher die literarischen Abgötter der Jugend und gäbe;; ihrer Bewegung die geistigel; Impulse. Gedankengänge Nietzsches und Verse Georges formten die Weltanschammg, zumal die Ethik der reiferen Jugendlichen. Darum lvar es notwendig, ihr beiderseitiges Verhältnis durch eine analytische Gegenüberstellung des Denkers und des Dichters zn erhellen. Jenen Lücke der Forschung ist nun durch Wilhelm Kusserows Untersuchung „Friedrich Nietzsche und Stefan Ge v r g e" (Der Weiße Ritter Verlag, Potsdam) geschlossen worden. Scho;; Georges kongenialer Interpret Gundolf hat aus jenes Verhältnis hingewiesen und die geistesgeschichtliche Position feines Meisters an den; Widerspruch gegen die herrschende Zeitordnung, den er mit Nietzsche teilt, gemessen: „So hat ja auch der arme paradoxe Baseler Professor, auch er und zuletzt unter den Deutschen, nicht anders gekonnt, iu;d so -einzeln er lvar. das Wort in die Lust geworfen, das nun als Sauerteig uuvertilgbar in ihr weitergärt." Was Gundolf nur gelegentlich berührt, hat Kusserow zu einer breitangelegten systelnatischen Antithese ansgeweitet. Es ist der Untersuchung zugute gekommen, daß ihr Verfasser durch die harte und entsagungsvolle Schule der deutschen Philologie geggangen ist. Er spintisiert daher nicht in vage konstruierten Hypothesen/ sondern er packt -sowohl die ästhetischen als auch die weltanschaulichen Bezüge seines Problems unter souveräner Beherrschung des ausgedehnten Stoffs an. Namentlich das über die Beziehung zun; Mnsikprobleu; Gesagte ist ausgezeichnet. Kusserow deutet den Gegensatz.'zwischen George und Nietzsche als einen Gegensatz zwischen Klassik und Dämonie: George ist ihm der apollinisch-objektive Gestalter und Nietzsche der dionysisch-subjektive Seher. Dabei tritt, vielleicht gegen Kusserows eigene Absicht, eine stärkere Hinneigung zn George hervor, eine Hinneigung, die für die Verehrung der Klassik und Ordnung, die die Jugend neuerdings hegt, sehr charakteristisch ist. Der große gemeinsame Zug der beiden Persönlichkeiten ist aber nicht bloß in der Knltnrkritik der deutschen Zustände zu erblicken, sonder!; vor allem in dem gedanklich positiven Ansriß einer deutschen Knltnridee. Beide treten für eine zukünftige Kultur ein, in der ein erhöhtes und Verdeckes deutsches Menschentum Platz hat. Freilich wirkt m. E. der zwischen ihnen herrschende Wesensunterschied, den Kusserow fein beobachtet hat, gerade bei der Fassung einer Idee des deutschen Menscher; besonders auffallend. Nietzsche knüpft insofern an den Ahnherrn des'modernen Individualismus, an Petrarca, an, als die oberste Norm seiner Knltnrethik ebenfalls die individualistische Gebärde bildet. George dagegen ist nicht bloß zufällig „Katholik", vielmehr steht bezeichnenderweise der Gemeinschaftsgedanke, den; auch fein Meister Dante huldigte.- im Mittelpunkt seiner Kultttrphilosophieudie Plattform, ans der die deutsche Kultur der Zukunft sich erheben soll, ist eine in; religiös-idealen Sinne gedachte Volksgeineinschaft. Der Gegensatz, in dem sich sowohl Nietzsche als auch George zum Rhythmus ihrer Zeit befinden, offenbart sich aber nicht zuletzt darin, daß sie wiedermn eine Verbindung mit den; verlorengegangenen Idealismus der Goethe-Schiller-Zeit herzustellen suchen. Denn die Sehnsucht nach , dem vollkommenen deutschen Menschen ist auch dieser-er tauchten Geister bester Teil. Wilhelm Kusseroiv steht der Gedankenwelt der deutsch-jüdischen Jugend von Hans ans ziemlich fern. Trotzdem fühlen nnd) wir uns -einem Entwicklungsrhythmus Verpflichtet, der sich für die prominente;! Wegbereiter der deutschen Kulturidee einsetzt. Dies war für mich Motiv, feine Arbeit hier anznzeigen und der deutsch-jüdischen Jugend zur Lektüre oder, besser gesagt, zum Studium zu empsehLen. Verantwsrtlich für die Berlage „Von deutsch'Iüdifcher Jugend": Alfred Hirsch« berg (Berlin-Charlottenburg). Druck von Rudolf Mosse, Berlin SW 100.

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