Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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110 und die Veränderung seiner Erscheumugsformen Ln den letzten Zehn Jahren. Er gab Beispiele von der Praktischen und wisMschafMchen Mwehrarbeit des C-eirtral-Vereins und schilderte besonders die großen Prozesse der letzten'-Jahre. Dr. Einstein ging zum Schluß seiner Ausführungen auch 11och auf die Stellung des Cänral-Vereius zur Palästinas rage ein, die infolge der politischen Lage deZ deutschen Judentums naturgemäß eine andere sei als die der englischen Juden. Dr..Einsteins Vortrag, dem eine lebhafte Aussprache folg:?, wird voraussichtlich in einen; nod) größeren Nahmen in London demnächst wiederholt werden. Unsere ßeser schreiben Der Sammler. Ehenot? D ü 11 m und, den 2'j. Januar 1929. An die SchrifHeilung der ^C. V -Zeitung", Kürzlich suchte nach ein Herr auf mit dem Ersuchen, ihn in der Sammlung von Beiträgen zur Unterstützung jüdischer Hochschulen und Lehrstättcn zu unterstützen. Ich gewährte ihm ineine .Hilfe, hielt ihm aber zunächst eine kleine Rede, die id) Ihnen hier wiedergebcn möchte. .La, mein werter Herr D., was ’ Sic mir da erzählen, ist wirklich traurig, wenn für «ich auch keineswegs neu, zumal id) auf Ihren Besuch vorbereitet worden bin. Also die beiden jüdischen Hochschulen, das zudisch-theologischc Seminar in Breslau und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums irr Berlin, beides Anstalten, die auch der Ausbildung unserer Rabbiner gewidmet sind, stehen vor dem finanziellen Zusammenbruch, eine Folge der Inflation, die ihr einstiges Stiftungs- Vermögen vernichtet hat. Ihre Dozenten können sie nicht mehr angemessen besolden, altgewordene nicht pensionieren,, ihre bedürftigen Hörer nicht unterstützen. Man hat also unangebrachte Scham beiseitegesetzt, eine NotgcmeinschasL gebildet und Sie in die deutschen Gemeinden entsandt, um durch Sammlungen bei Privaten die für die Forlführung der beiden gelehrten Anstalten unbedingt erforderlichen Mittel zusammenzubringen. Wie narürlich kommen Sie in dieser Stadt zu mir, damit ich, der ich ja selbst einstiger Zögling einer dieser Anstalten bin, wie dann wieder mein Sohn, Sie mit meinem Einfluß in der Gemeinde unterstützet - - * ■ Gewiß, ich werde mich dieser Ehrenpflicht nicht entziehen. Ich werde - Sie persönlich zu den — übrigens sehr wenigen — potenten Mitgliedern meiner Gemeinde begleiten und mit aller Wärme, die die 'Lache verdient, dafür sprechen. Ich glaube Ihnen Vorhersagen zu können, daß dieselben sich nach Verhältnis ihres Könnens mindestens ebenso nobel, wenn nicht nobler, als die Zeichner in anderen Gemeinden, die Sie mir vorlegen, erweisen werden. Aber ich stelle eine Bedingung: daß Sie mir versprechen, die zuständigen Stellen auf einen. Weg auftnerksam zu machen, auf dem die erforderlichen Mittel mit Leichtigkeit auftubringen sind. Der St c x e n ö a j e i j o b hat im Jahre 1927 zirka 700 000 Mark (siebcnhunderttausend) aus Deutschland herausgeholt, noch mehr wahrscheinlich 1928. und wenn die mit dem Anfang des Jahres begonnene Agitation mit der gleichen Stärke fortgesetzt wird, dürste für 1929 sicherlich noch mehr herauskommem Ich bezweifle, daß die wissenschaftlichen und d)ari?ativen Anstalten der deurschen Juden insgesamt eine gleiche Summe (die sie sämtlich aller Sorgen entheben würde) in einem Jahre durch Sammlungen erzielen. Nun befinden sich unter den Kuratoren und Führern der beiden Anstalten auch Männer, die gleichzeitig die eifrigsten oder einflußreichsten Befürworter des Keren Hajessod sind. Diese Herren, auch sehr angesehene Kollegen, mögen öffentlich erklären: daß sie sich außerstande sehen, ihren Namen für den Keren Hajessod herzugeben, solange nicht die ihnen anr Herzen liegenden Lehranstalten durchaus gesichert sind. Denn sie werden gewiß darin einstimmeu, daß es mindestens ebenso dringend ist, hier, in unserem Vaterlands, notleidende Anstalten wie Seminarien, Waisenhäuser, Krankenhäuser, Kinder- Heime, Altersheime auszubauen, als ländliche und städtische Licdlungeu in Palästina zu gründen, was gut und schön sein mag, aber immer noch Zeit hat. Wenn man Ihnen sagen sollte: wer geben will, wird für beides geben, dann bitten Tie darum, daß man Ihnen die Sammellisten des Keren Hajessod aushändigen möge, damit Sie die gleichen Geber and) für Ihre Sammlung angehen können. Noch wirksamer wäre es, wenn Die Sammler des Keren Hajessod zugleich Ihre Sammlung übernehmen würden, indem sie für ihre Sache keine Zeichnung annähmen, falls nicht der gleiche Betrag für die Erhaltung wissenschaftlicher und chantativer Anstalten in der Heimat gegeben wird. Jene sind dafür auch viel besser ausgerüstet, sie arbeiten mit einem ungeheuren Apparat, mit effektvollen Filmen, öffentlichen Empfängen und Festessen oder intimen Tees, der Aussicht auf interessante Gesellschäftsreiftn nach den; Lande der Väter usw., während Lie armer Teufel nichts als Ihr Notizbuch haben. Also, Sie versprechen mir das? — Dann kommen Lie, das Auto steht schon vor der Türst Rabbiner Dr. B. Jacoh (Dortmund). - - Re g e u s b urg, im Februar 1829. An die Schriftleitimg der „C-. N -Zeitungu. Motto: Wer ohne Fehl ist, Werse den ersten Stein auf sie. In einem Funlvortrag der Deutschen Stunde war die Rede davon, wie stark der Krieg, auch in'kultureller Beziehung, allen Völkern, die daran teil nahmen, geschadet hat. Lind dod) überall die Sitten vielfach nur nach außen hin bemerkbar oder übersinnßl, ad man nun in Deutschland, England oder Frankreich usw. hmschaut. Man könne ruhig von einer Hebet htituv, von einer Schauknftur sprechen. Ist es da zu verwundern, daß viele Menschen aller Religionen, auch Juden, von dem Modernismus ergriffen wurden, und daß viele tu Unkenntnis oder Nichtbeachtung der sittlichen und ethischen Forderungen ihrer Religion zu ihrem eigenen schaden und zum Schaden der Allgemeinheit sich) unrichtig verhalten? Nidsts wäre schädlicher, als eine Art Vogel-Strauß-Politik zu treiben und die Augen zu verschließen vor den tiefgreifenden Schäden, die die Grundlagen unseres Judentums, seinen phhsischcn Bestand und feine geistige Struktur bedrohen: ich meine damit bte_ laxe und völlig unjüdische Lcxualmoral eines großen Teils unserer jüdischen Großstadtjugend. . Man kann Angriffe unserer Gegner mit der entsprechenden Energie zurückweisen, wenn sie von falschen und unwahren Tatsachen ' ausgehen. Wenn aber auch) nur ein kleiner Teil von dem, was. uns vorgeworfen wird, zutrisft, kann unsere Abwehr nicht mehr das notwendige Pathos der inneren Wahrhaftigkeit haben, wenn wir nicht zugleich daran gehen, mit aller Kraft die Schäden bei uns zu beheben. Erfreulicherweise har der Centralverein cs sich aber in den letzten Jahren zur Aufgabe gestellt, nicht nur nach außen, sondern auch) nach innen zu wirken. Deshalb wird auch in diesen; Kreise ein Appell Gehör und Widerhall finden, der sich gegen die leichte Ausfasiung der Geschlechtsnwral, gegen die mannigfachen Unsitten richtet, die wir zu unseren! größten Bedauern in den letzten Jahren a u d) in jüdischen Kreisen feststellen müssen. Auch ohne dem Vorwurf der Prüderie sich auszusetzen, darf feftgeftellt werden, daß all die seichten Theater- und Kinostücke, die Schaustellung sehr dürftig bekleideter Weiblichkeit in den Revuen mit ihren frivolen Witzen und Anspielungen verheerend auf das sittliche Bewußtsein der Jugend wirken mutz. Daß Jude;; dabei Mitwirken, kann ntd)t scharf genug gebrandmarkt werden, und ebenso muß gegeißelt werden, daß Juden, und zumal jüdische Jugend, solche Stätten der verheerenden Darbietungen allabendlich füllen. Wie sehr solches der jüdischen Lehre, dem Geist des Judentums widerspricht, braucht in diesen Blatten; nicht erst dargestellt zu werden. Jede Seite des jüdischen Schrifttums, wo wir es aufschlagen, belehrt uns darüber.' Aber denken^ wir auch daran, das; ja die Reinheit des jüdischen Familienlebens unser größter Stolz gewesen ist und immer .noch sein 'kam;, daß auch Nichtjuden immer wiedermit ehrlicher Bewunderung und aufrichtiger Anerkennung daraus Hinweisen. Die überlieferte Heiligkeit unseres Familienlebens war das große Reservoir unserer Kraft. Es scheint .heilte bedroht, bedroht durch die Emwicklung des letzten Jahrzehnts, - bedroht durch die immer mehr verbreitete. -Sirrenverderdküs der Jugend. Cs feuchtet ohne weiteres ein, daß eine wirkliche Abhilfe nur aus dem G e i ft d e s I u d e n t u m s heraus erfolgen kann, nur aus eincr^ i n n e r e n E r n e u c x u u g unserer Re l i g i o i 11 äi durch wirkliche R ü et! e h r 3 u m Iudent u m und seiner Tradition. Denn ohne Zweifel ist diese vom Zeitgeist angekränkelte und moralisch defekte Jugend auch religiös schon längst indifferent'. Aber diese gewaltige 'Arbeit mehr oder weniger nur unseren Rabbinern und den; religiösen Führer der Gemeinde zu überlassen/ geht nidzr an. Jedes Elternhaus und jeder, dem die jüdische Zukunft am Herzen liegt, soll mir. allen zu Gebote stehenden Mitteln aufklären, daß die laxe Handhabung der Elternpfuchten, falsche Erziehung und das 1lebermaß ' an Freiheit, das so Viele Eltern ihre:; Kindern heute gewähren zu müssen glauben,, wollen sie den Schein des Unmodernen vermeiden/ diesen Krebsschäden unserer Zeit Vorschub leisten.' Dabei müssen natürlich auch die Schwierigkeiten gewürdigt werden, durch deren Behebung man wirksam einer oft wirklich bestehenden Sexualnot unserer Jugend entgcgenarbeiten kann.' Vor allem müßte inan die Hemmnisse Zu beseitigen trachten, die sich ln Zeiten so starker wirtschaftlicher Not der Frühehe entgegenstellen/die ja am besten die- Gewähr für eine Gesundung der sittlichen Beziehungen der Geschlechter und für die Aufziehung einer gesunden und kräftigen Zugendgeneration bietet. Hier kann die Aügenreinheit vielleicht - dod) mit mehr als nur mit Worten helfend eingreifen. Jeder wird es deshalb aus das freudigste be- ' grüßen, wenn ernste Männer und Frauen den praktischen Versud) unternommen haben, die überaus schweren und heiklen Fragen der jüdischen Ehenot im Zusammenschluß Gleichgesinnter*) einer Lösung entgegenzusühren. Kein Mittel darf unversucht gelassen werden, keine Kräfte dürfen ungenutzt bleiben, wenn es gilt, die Grundlage unseres jüdischen Lebens zu festigen und zu erneuern; dieser wichtigen Ausgabe darf sich auch kein Mitglied des Centrälvereins entziehen. I. Heller Megerrsbueg). t)'Das'be-Veckt der Verein Gemeinnützige jüdische. Eh-eanL-ahnungsftelle (Britfadresse: Eheanbahnung, Frankfurt a» M., Eschersheimcr Landstraße 29)« MflKfcU! iv.v.y