Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
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108 Ein „absoluter Optimist". Der völkische Bankier Brus; zu einem Fahr Gefängnis verurteilt. In der Inflationszeit machte der „Bankier" Willi B r u ß von sich reden, ein — übrigens spatzigerweise von dem kürzlich verkrachten Berliner Bankhaus Löwenberg & Co. wegen Privater Spekulationsgeschäfte entlassener — 21 jährig er Bankangestellter. Er hatte 1920 mit unzulänglichen Geldmitteln, die er sich durch Börsenspekulationen verschafft hatte, eine Bank eröffnet und dem völkischen und rechtsradikalen Kleinbürgertum in großzügigen Neklameaktionen augekttudigt, daß er gewillt sei, dem „fremden, undeutschen" Kapital das Kapital der deutschen Kanfleute und Bürger entgegenzusetzen und den völkischen Kleinkapitalisten „durch Beteiligung an Kredit- und anteilmäßigen Effektengeschäften Gelegenheit 31t geben, auch die kleinsten Gelder nutzbringend anzulegen". B r u ß erfand zu diesem Zwecke die „Transaktiouskonten", die auch denjenigen, deren Gelder nicht zum Kauf einer ganzen Aktie ausreichten, Aktienspekulationen ermöglichten. Die völkischen Organisationen, die damalige Nationals o z i a l i st i s ch e F r e i h e i t s P a r t e i, die D e u t s ch v ö l k i s ch e F r e i h e i t s P a r t e i und die N a t i o u a l s o z i a l i st i s ch e Deutsche Arbeiterpartei m a ch t e n für b e n völki - s ch e n Bankier Propaganda und luden ihre Gcfinnungsfreunde ein, „Schulter an Schulter" mit dem „seit langem in weiten deutschen Kreisen bekannten", „in vorderster Abwchrfront stehenden" Bankhaus Willi Brus; das „jüdische Kapital" zu bekämpfen. „Als Vorkämpfer des Wiedererstarkens deutscher Macht und „Grütze" — hieß es in einem Aufruf der genannten Parteien — „sind wir um so mehr verpflichtet, mit diesem Bankhaus Schulter an Schulter den Wirtschaftskampf zu führen, der allein uns den endgültigen Erfolg bringen wird. Wir können allen deutschen Freunden, denen die Stärkung des christlichen und deutschen Kapitals am Herzen liegt, nur warm empfehlen, ihre sämtlichen bank- und börsenmähigen Geschäfte durch genannte Firma erledigen zu lassen." Dieser Schulter-an-Schulter-Kamps endete im Jahre 1924 mit einen; katastrophalen Zusammenbruch. Bruß hatte bereits 1923 die von armen Teufeln ihm anvertrauten Gelder in Höhe von 70 000 Goldmark restlos verwirtschaftet. Zwei Glücksumstände retteten ihn aber nochmals vorübergehend vor den; Bankrott: ein mecklenü u r g i j ch e r B a r o n vertraute ihm eine hohe Summe in Rentenbriefen und Bargeld zu Spekulationszwecken an, und eine Tabakfabrik (Schweer, Meyer u. Co., Hannover) übergab ihm 80 000 Goldmark zum Ankauf von Devisen unter Umgehung des gesetzlich vorgeschriebenen Neichsbankbezuges. Bruß verwendete auch diese Gelder für sich und die Bank, bis sie im August 1924 zu Ende waren und Bruß sich vor dem endgültigen Zusammenbruch sah. Im letzten Augenblick versuchte er es mit einen; neuen Mittel; er richtete „Handelskonten" ein. eine Art Anleihe für die Kleinindustrie, bekam auch von gutgläubigen Gesinnungsfreunden nochmals 60 000 Mark herein, leitete jedoch keinen Pfennig davon an die Industrie ab, sondern ließ auch sie in dem unersättlichen Magen seiner völkischen Bank — und deren Kellerräume, in denen er nächtliche Gelage mit Freunden und Freundinnen veranstaltete — verschwinden. Als nun endlich die alten Kunden Abrechnung und Gewinnausschüttung verlangten, brach das Schwindelgebäude zusammen. 20 000 Kundär waren um ihre gesamten Einlagen betrogen; die völkische Bank mitfamt ihren sechs Filialen stellte den Betrieb ein; die Geschädigten bekamen keinen Pfennig zurück; Herr Bruß begab sich inein Sanatorium; die völkischen Organisationen aber, die ihre gutgläubigen Schäfchen in den „börsenmätzigen Schulter-an-Schulter-Kampf" mit Herrn Brntz geführt hatten, schwiegen. Bier Jahre lang hat die Voruntersuchung gegen Bruß gedauert. Am 26. Februar hatte sich nun der völkische Bankier, ein großer, blonder, sehr gut genährt ausfehender Herr mit Offiziersscheitel, vor dein Schöffengericht Charlottenburg wegen Untreue, Betrugs und Konkursvergehens zu verantworten. Die Beweisaufnahme bestätigte im großen und ganzen das oben Geschilderte. Bei der Erörtern ng der Zusammensetzung seines Kundenkreises b e st r i L t Bruß zwar, ein völkischer Bankier gewesen zu sein, doch mußte er zugeben, datz Ln den Geschäftsräumen seiner Bank die Ortsgruppe Berlin-Wilmersdorf der TentschvölkLschen Partei Konferenzen abgehaltcn habe, und datz die völkischen Parteien seine Bank ihren Gesinnungsfreunden durch Rundschreiben empfohlen haben. Bruß bestritt auch, betrügerische Absichten gehabt zu haben, er sei nur „ein absoluter Optimist" gewesen. Ter Staatsanwalt Dr. Jäger wies ihm in seinem Pllaidoyer nach, daß er sich bei der Verwendung der ihm übergebenen Gelder zu anderen als den vorbestimmten Zwecken der Untreue und der betrügerischen Handlungsweise bewußt gewesen sein müsse, da er — zwar überaus leichtsinnig, aber auch — ein kluger Mensch sei; er beantragte schließlich VA Jahre Gefängnis gegen Bruß. Die Verteidiger Dr. Fuchs und Dr. Rubel! stellten Bruß als ein Opfer des unseligen Jnflationsgeistes hin, als „betrogenen Betrüger vom Schlage der Barmat und Kntiskcr", und plädierten aus Freisprechung. Das Gericht, unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr Schmitz, erkannte wegen Untreue in Fortsetzung und im Zusammenhang mit Unterschlagung und Betrug ans eine Gefängnisstrafe von einem Jahr unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Der Angeklagte nahm das Urteil au. Der Fall Bruß ist kein x-beliebiger Kriminalsall oder Bant- und Betrugsskandal. Er ist deshalb wichtig, weil hier Politik und Geschäft gemengt wurden. Und weil hier wie bei anderen völkischen Schwindelunternehmen — siehe unter anderen; den Fall der Deutschvölkischen Baut Berlin, Bülowstratze, an der bekanntlich der Wettschwindler Karl Köhn und General Ludendorsf beteiligt waren — der Appell an völkische Instinkte genügte, um Tausende in ein spekulatives und in jeder Hinsicht unsundiertes Unternehmen zu locken. Die Opser waren gutgläubige, arme Menschen, denen der letzte Pfennig aus der Tasche geholt wurde von „Führern", und aus das Wort von „Führern", die nun schon oft'und ausreichend genug dokumentiert haben, daß ihnen auch das Mindestmaß von Führerqualisikation mangelt. In diesem Falle haben sie überdies gezeigt, daß es in der Praxis durchaus nicht weit her ist mit den nationalsozialistischen „antikapitalistischen" Grundsätzen und mit ihrer Abneigung gegen „jüdische" Zinsherrschast, „jüdisches" Leihgeldshstem und Börsengeschäft. Wenn man es selbst bekommen kann, 'scheint Geld, und sei es noch so hohes Zinsgeld Bruß bot 5 Prozent monatlich —, in völkischen und rechtsradikalen Kreisen keineswegs zu stinken. Man wird sogar, besonders auch nach den Erfahrungen im Bergmann-Skandal, allmählich der Ueberzeugung, daß anormal hohe Zinssätze nirgendwo sonst so gerne genommen werden wie in diesen Kreisen. Diesmal waren es nur 20 000 Geprellte. Gefährlich würde die Sache erst, wenn nicht nur 20 000, sondern Millionen Deutscher auf die übrigen, geistig und ethisch um nichts besser fundierten Aufrufe der Nationalsozialisten Hereinsielen. Dem; dann wären die unausbleiblichen Schäden für diese Millionen und für das ganze deutsche Volk bestimmt nicht in vier Jahren zu verschmerzen.. . H. E. „Gehässigkeit unö Leichtfertigkeit" Ein Prozeß gegen den „Stürmer". Der „Stürmer" brachte in Nr. 41/1928 die Behauptung, daß Professor Dr. Köhler von der Oberrealschule in Sonneberg (Thüringen) sich vor seinen Schülern in einem geschmacklosen Witz über Christus geäußert habe. Irr seiner bekannten Art bezeichnet der „Stürmer" dieses Verhalten als Gotteslästerung, führt angebliche Talmudstellen an, die solches Vorgehen den Juden zur Pflicht machen sollen, und ruft unter groben Beleidigungen des Professors Dr. Köhler das Einschreiten der Schulbehörde an. Diese ist auch erfreulicherweise eingeschritten, allerdings nicht in dem Sinne, wie der „Stürmer" das erwartet hatte: Professor Köhler hatte weder seinen Schülern den Witz erzählt, noch war die fragliche Talmudsteüe echt. Es handelt sich, wie beim „Stürmer" üblich, um eine grobe, f i n n e n t ft -c U c n b e Fälschung. Wegen der Beleidigung Professor Köhlers stellte feine Vorgesetzte Behörde Strafantrag. Die Verhandlung gegen den „Stürmer" fand am 6. Februar vor dem Schwurgericht in N ü r n b e r g statt. Professor Köhler wurde von R-echtsanwalL Lev in ger (München) vertreten. Die Beweisaufnahme ergab einwandfrei, daß Professor Köhler den Witz nicht erzählt hatte. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe vor; zwei Monaten, Professor Köhler bat aber das Gericht, nicht auf Freiheitsstrafe zu erkennen, weil er es nicht ertragen könne, daß seinetwegen ein Mensä) ins Gefängnis gehen müsse. Trotze dieser großmütigen Erklärung machte der Verteidiger des angetlagten „Stürmer"-Redakteurs Holz in seinem Plaidoyer, abgesehen von den üblichen antisemitischen Tiraden, den Versuch, das Vorgehen Professor Köhlers in dieser Angelegenheit zu tadeln und seine Nnterrichtsweife zu bemängeln. Nachdem ein nach der Beweisaufnahme von der Partei des Angeklagten angeregter Vergleich zu einer Einigung nicht geführt hatte, wurde jetzt ein von Rechtsanwalt L e v i n g e r vorgeschlagener, unter Vorbehalt der Genehmigung durch das Thüringische Volksbilduugsministerium, angenommen: „Der „Stürmer"-Redaktenr erklärt, datz Professor Köhler die ihm vom „Stürmer" vorgeworfene Aeutzcrmrg nicht gebraucht habe. Er nimmt seine Beleidigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück und verpflichtet sich zu einer Butze von 100 Mark für arme Schüler der Oberrealschule in Sonneberg und zur Tragung der gesamten Kosten des Verfahrens." Außerdem hat er den Vergleich im „Stürmer" und drei thüringischen Zeitungen zu veröffentlichen. Das Ministerium hat sich am 12. Februar bereit erklärt, nach Erfüllung der Bedingungen des Vergleichs den Strafantrag zurückzunehmen, hat aber hinzugefügt, daß es „bei der autzerordentlichen Gehässigkeit und Leichtfertigkeit der Beleidigungen" die Sühne für sehr milde halte» Gesundhalturtg! Fachinge. r Versand&telle Berlin ÖWtl, Sehone'berger Strasse 16a Telof oi>: L ü. t z o w 8260/61, Natürliches Ktnerahasser