Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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J07 Gelbst am Volksirauertag... Das Hakenkreuz im Reichstag.! Bei der vom Volksbund Deutsche Kriegsgrüberfürsorge veran- I stälLeten Kriegsgefallenen-Feier im Reichstage, an der die Reichs¬ und Staatsregierungen, an der Spitze der Reichspräsident, teilnahmen, wollten auch die freiheitlichen Studenten, zu denen auch die jüdischen Korporationen gehören, chargieren. Sie waren von dem Bolksbunde dazu offiziell aufgefordert worden. Als jedoch die völkischen Korporationsverbände drohten, der Feier fernzubleiben, wenn auch die nichtvdlkischen Korporationen chargieren würden, rief j der Leiter der Veranstaltung, Oberregierungsrar Weiß (nicht Zn verwechseln mit dem Polizeivizepräsidenten Weist) den Vertreter der | freiheitlichen Korporationsverbände telephonisch an und teilte ihn!! | mit, daß das Chargieren dieser Verbände inorpportun sei. Die j | Banner und Farben der staatsbejahenden deutschen akademischen j f Jugend — mit ihnen die jüdischen Studenten — durften sich im! 1 Reichstage nicht Zeigen; — dafür wurde die H a k e n k r e u Z f a h n e f vorr einer nationalsozialistischen Abordnung in Hitleruniform am | Schluß des Studentenzuges in den Plenarsitzungssaal des Reichstags I getragen und der Loge des Reichspräsidenten gegenüber aufgestellt. I Mit Recht stellt der „Schild", das Organ des Reichs - I dundes jüdischer Frontsoldaten, bei der Besprechung j dieses von allen auf denr Boden der Volksgemeinschaft stehenden I Deutschen als schimpflich empfundenen Vorfalls die Frage:! Können die Veranstalter überhaupt nur ermessen, was es heißt, wenn in einer solchen Stunde einer Mutter, die um ein blühendes Sohnesleben, das sie im Kriege dahingeben mußte, ihr Leben lang trauert, dieses Zeichen der Beschimpfung jüdischer Menschen, jüdischer Lehren und des Judentums überhaupt als Dankbarkeit des Vaterlandes vor Augen gehalten wird? Wieder einmal ist es den Nationalsozialisten Vorbehalten geblieben, heiligste und letzte Gefühle mit ihren Herausforderungen zu treffen. Sie mögen sich äußerlich in ihrem „Erfolg" sonnen. Die Geschlossenheit des deutschen Volkes am Volkstrauertag, die. bisher bestand, haben sie aufs schwerste erschüttert. Wer hat den Mut, eine solche Handl lung als vaterländisch oder national zu bezeichnen? Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dessen hoch an- - Zuschlagendes Verdienst es ist, die Kriegergräber überall in Dentsch-! lanb und aus der Welt unterschiedslos zu betreuen und im j deutschen Volk einen Tag eingeführt Zu haben, an dem sich alle! deutschen Staatsbürger in Trauer um die gefallenen Helden einhellig vereinigen, ist mit ernstem Nachdruck zu fragen, wie er Zu dieser schweren Störung bei der Reichstagsseier Stellung nimmt. Werden nicht ausreichende Sicherheiten dafür geboten, daß ein solch beschämender Vorfall in Zukunft unterbleibt, so werden in Achtung vor allen Gefallenen und in Achtung vor uns selbst wir jüdischen Frontsoldaten die Folgerungen aus dem Vorfall ziehen, die unsere Ehre gebietet/'!! (Fortsetzung von Seite 106.) überall als derselbe Prozeß in Erscheinung tretende typische Entwicklung des modernen Kapitalismus überhaupt handelt. Die N. S. D. A. P. geht mit der Feststellung hausieren, daß beispielshalber der Bankier Jakob Goldschmidt 111 Aussichtsratsposten in der Industrie jj bekleidet unb konstruiert daraus die Behauptung der Beherrschung! und Aussaugung des deutschen Industriekapitals durch „das internationale jüdische Bankkapital"; sie hütet sich aber wohlweislich, ihren Anhängern zu sagen, daß es heute wohl keinen industriellen Unternehmer großen Stils gibt, der nicht in dem K o n s o r t i u m einer großen Bank vertreten wäre; daß gerade diese personelle Einheit Zwischen Vertretern des B a n k k a P i t a l s m 11 Vertretern des I n d u st r i e k a p i t a l s die sinnfälligste W i d e r l e g u n g der Behauptung von der B o r h e r r s ch a s t e i n e r d e r e r w ä h n t e n K a p i t a l s a r t e n und der e i n d r i n g l i ch st e Beweis für das Vorhandensein des Finanzkapitals ist. Sie hütet sich, ihre Mitglieder und Anhänger darüber auszuklüren, daß gerade das Vorhandensein dieser sinanzkapitalistischen Einheit die wirtschastsimperialistische Entwicklung des Kapitals verursachte und be- \ schleunigte; daß bei der Bildung von Konzernen, .Kartellen, Trusts, I Interessengemeinschaften und Fusionen irgendwelcher. Art das Jj Bankkapital im Verein m i t d e m I n d n st ri e k a p i t a l die Anbahnung vollzieht, daß bei den Auslands- und Export- , geschäften der deutschen Jndustriemonopolc wiederum das Finanzj kapital als volkswirtschaftliche Einheit den nervus rerum bedeutet. An dieser propagandistischen Haltung der N. S. D. A. P. wird ihre objektive Nolle als bedeutsamer Hilssfaktor der modernen Auch uus scheint es notwendig, daß dieser Vorgang grüudlichst geklärt wird. Der Votkstra'.lertag hat nur daun einen Sinn, wenn er ein Trauer tag des ganzen Volkes ist. Sühne für Düffelüorf unü Glaöbeck. Wie erinnerlich, wurde in der Nacht zum 11. August 192s (Verfassungstag) die Düsseldorfer Synagoge durch Bubenhände mit übergroßen Hakenkreuzen und der Inschrift „Inda verrecke" in roter Meunigfarbe besudeltH. Die gleichen Täter hatten vor dem in unmittelbarer Nähe der Synagoge befindlichen Hohenzollerngyninasium den Bürgersteig mit der Inschrift „Nieder mit der Judeuversassuug" verunziert. Die Tat, die in den weitesten Kreisen der Bevölkerung seinerzeit hellste Empörung ausgelöst hatte, fand am 23. Februar vor dem Dü sse ldo rfer Schö fsengeri cht ihre Sühne. Angektagt war der kaufmännische Angestellte Emil Braßler, Mitglied der R a t i o n a l s o Z i a l i st i s ch e n Arbeiterpartei s ü r Deut s ch l a n d, wegen Sachbeschädigung an religiösen Gütern und Vergehens gegen das Republikschutzgesetz. Der Angeklagte, der irgendwelchen Zusammenhang mit der Tat leugnete, wurde insbesondere durch Fingerabdrücke, welche die Kriminalpolizei an zwei in der Nähe des Tatortes gefundenen Farbtöpfen identifiziert hatte, überführt. Als weitere Schuldmomente wurden in der vierstündigen Hauptverhandlung Aussagen seiner eigenen G e s i u n u n g s g e n o s s e n festgestellt. Der Anklagevertreter, Staatsamvaltschastsrat Dr. Neu ge bau er, geißelte in seinem groß angelegten Plädoyer die Gesinnung und die Tat des Angeklagten als eine dem Kultur stände des deutschen Volkes unwürdige Handlung, als eine schwere Beleidigung der deutschen Jndenschast, die ein gleichberechtigtes Mitglied des deutschen Volkes sei, und begründete seinen Strafantrag von acht Monaten Gefängnis damit, daß nur exemplarische Strafen die durch politische Leidenschaften verirrte Jugend wieder in geregelte Bahnen führen und sie dem Einflntz der leider nicht zu fastenden dunklen Hintermänner entziehen könne. Das Gericht verurteilte Braßler zu einer Gesamtstrafe von sechs Monaten Gefängnis. Das Urteil machte auf die zahlreich anwesenden Gesinmlngsgenossen des Angeklagten sichtlichen Eindruck imb bestätigte die Nichtigkeit der an dieser Stelle wiederholt betonten Ausfassung, daß dem bübischen Treiben der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei mit milden Strafen nicht Einhalt geboten werden famt. * Am 19. Februar d. I. fand vor denr Jugendgericht unter Allsschluß der Oefsentlichkeit die Verhandlung gegen die beiden Friedhossschänder, die — wie wir in der „C. V.-Zeitung" Nr. 4 vom 25. Januar berichteten — in der Nacht vom 19. zum 20. Januar dieses Jahres bcu Gladbecker Friedhof heimgesucht hatten, statt. Die beiden Angeklagten wurden zu vier bzw. drei Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft und mit Bewährungsfrist verurteilt. Ferner wurde ihnen auferlegt, für den an den Gräbern verursachten Schaden Entschädigung zu leisten. Die politischen Hintergründe der Tat, die wir in der Nr. 4 der „C. V.-Zeitung" geschildert hatten, wurden in der , Verhandlung nicht berührt. r) Vgl. „C. V.-Ztg." Nr. 38 vom 17. August 1928. kapitalistischen Entwicklung klar. Sie gibt sich b e n . 2t n * fd)et ix einer sozialistischen, i ft aber in Wirklichkeit eine ausgesprochen reaktionäre Bewegung. Dies wird noch besonders deutlich, wenn man — neben ihrem außenpolitischen Programm — ihr Wirtschaftsprogramm betrachtet. Im „dritten Reich" sind sowohl Aussperrung wie Streik bei Todesstrafe verboten; d. h. der Arbeiterschaft soll das wirksamste Mittel ihres Klassenkampfes aus den Händen gewunden und als Entgelt dafür das dann gänzlich überflüssige Verbot der Aussperrung geboten werden. Man merkt die Absicht . . . Zu dem hier entrollten Bild des Nationalsozialismus paßt es vollständig, daß gewisse Teile des industriellen Unternehmertums mit den nationalsozialistischen Bestrebungen, wenn nicht offen, so doch insgeheim, sympathisieren. Zur Erreichung bestimmter Wirt» schastsimperialistischer Zwecke wird von diesen Unternehmerkreiser. bedenkenlos der Jude geopfert: Geschäft ist Geschäft! Nach all diesen Betrachtungen ist wohl die Aussage berechtigt, daß der moderne Nationalsozialismus, dessen Stärke in Deutschland keineswegs ein Zufall, sondern dem rn Deutschland wie in keinen! andere!! Lande der Erde ausgeprägten Stand der finanzkapitalistischen Konzentration geschuldet ist, das Schwergewicht seiner Tätigkeit der Bekämpfung des sozialistischen Klassenkampfes der organisierten Arbeiterschaft gewidmet hat. Jndenfeindschaft ist heute nicht mehr Ueberzeugungssache und Selbstzweck, sondern dient zur Verschleierung wirtschaftsimperialistischer Ziele. Damit ist der K a m p'f gegen den Na t i o n a l s o z i a l i s - m u s für die k l a s s e n b e w u ß t e A r b e i t e r s ch a s t und ihre Organisationen — gleichgültig, ob sie der Abwehr des Antisemitismus die ihm gebührende Bedeutung zuerkenncn oder nicht — zu einer p o l i 1 i s ch e n Ausgabe ersten Ranges geworden.