Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
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106 Soziali 8 m u 8, u n d d n m i L )v i r d k l a r, d a ß e 8 d e r dt a t i o na l s v z i a l i 8 m u 8 v o n h e u t e auf die A r - beiterklasse abgesehen hat. Er versucht, sich zu einer ernsthaften Konkurrenzpartei der marxistischen Arbeiterparteien zu entwickeln; die Nationalfozialisten sind nach ihrer eigenen Formulierung Anhänger des Sozialismus, aber schärfste Gegner des Marxismus insofern betrifft der Nationalsozialismus unmittelbar den Marxismus. Der Nationalsozialismus unterscheidet sich also nach Form und Inhalt von allen früheren Formen des Antisemitismus dadurch, daß er Zu einer Politischen Beweg u n g, u n d zwar einer p s e u d o s o Z i a l i st i s ch e n Bewegung geworden ist. Judenfeindschaft war früher entweder Gassenantisemitismus oder exklusiver Antisemitismus besserer Gesellschaftsfchichten; heute soll er von der N. S. D. A. P. v o n der Gasse auf die Straße, aus dem Milieu der Bevorrechtigten in die Seele der Arbeiterschaft verpflanzt werden. Der Nationalsozialismus, derart charakterisiert, stellt ein typisches Produkt der gegenwärtigen Lage des Kapitalismus dar. Welcher Natur ist diese Lage? Die Konzentration und Monopolisierung des Kapitals hat besonders in Deutschland einen außerordentlich hohen Stand erreicht. Nach einer im Jahre 1927 vorn Neichsivirtschastsmiuisteriunl herausgegebenen Denkschrift betrug am 31. Oktober 1926 der prozentuale Anteil des konzernierten Aktienkapitals anl Gesamtaktrenkapitat der einzelnen Gewerbegruppen in den volkswirtschaftlich bedeutendsten Industriezweigen, wie Bergbau und verwandte Industrien, Chemische Industrie, Elektrotechnische Industrie usw., über 90 Dom Hundert. Von den zurzeit in Deutschland bestehenden rund 12 000 Aktiengesellschaften haben rund 2000 Aktiengesellschaften beinahe 70 vorn Hundert des Gesamtaktienkapitals in Händen. Dieser Vorgang der Konzentration und Monopolisierung ist nicht möglich gewesen ohne die Verschmelzung des Industrie-, Handels- und Dankkapitals zu der volkswirtschaftlichen Einheit des Finanzkapitals. Im Zeitalter des monopolisierten Kapitalismus ist es sinnlos, von einer Vorherrschaft einer der genannten Kapitalarten zu reden; sie bilden eine Wirtschaftseinheit, ohne deren Bestehen die Monopolisierung nicht denkbar ist. Mit diesem Uebertritt des Kapitalismus aus der Aera der freien Konkurrenz in die Aera der Konzentration und Monopolisierung und des Finanzkapitals ist notwendig eine Steigerung der K l a f s e n - gegen fätze verbunden. Rationalisierung, Erwerbslosigkeit, Erhöhung der Arbeitszeit sind alles nur Begleiterscheinungen des Konzentrationsvorganges. Dazu kommt die durch den Fortschritt der Monopolisierung bedingte Vernichtung früher selbständiger Schichten und Verproletaristerung großer Teile des sogenannten Mittelstandes, eine Entwicklung, die Karl Marx anschaulich vorausverkündet hat. Im Stadium der Monopolisierung und des Finanzkapitals hat sich nach marxistischer Ansicht der Grad der Ausbeutung qualitativ und quantitativ vergrößert. Die Folge ist eine Verstärkung der Klassenkampfidee aus seiten der organisierten Arbeiterschaft (siehe die letzten großen Streiks) und eine beträchtliche Abwanderung mittelständlerischer Existenzen in das Lager der Proletarier oder Proletaroiden. Da nach marxistischer Auffassung die ökonomische Lage, die Stellung im Produktionsprozeß die Grundlage der klassenmäßigen und politischen Einstellilng bildet, würde sich mit dieser durch den Strukturwandel des modernen Kapitalismus bedingten Vermehrung der proletarischen Streitkräfte der Klassenkampf der Arbeiterschaft gegen den monopolisierten Kapitalismus auf erhöhter Stufenleiter wiederholen, — wenn die neuen proletaroiden Schichten zur Erkenntnis ihrer Klassenlage gelangten. Hier seht die o b s e k t i v e Funktion der' N. S. D. A. P. ein. Sie besteht darin, mit allen Mitteln den D ii r ch b r u ch der Klassentanipfidee in das Bewußtsein der prol e t a r i i r e r t e n Neuschichten zu verhindern. In der Tat: das Interesse der Nationalsozialisten wendet sich i n immer steigendem Maße dem schwer um seine Existenz ringenden, der Gesahrder Ver- Proletarisierung dauernd aus ge setzten Mittelstand zu. Neben einem geringen Anteil echter Proletarier, vielfach deklassierter Arbeiter, der aber bei weitem nicht so hoch ist, wie er in den Werbeschriften der N. S. D. A. P. angegeben wird, setzt sich die Mitgliedschaft und Wählerschaft dieser Partei aus den Kreisen des gewerbetreibenden Mittelstandes, die Zuhörerschaft nationalsozialistischer Versammlungen vielfach aus Mittelständlern zusammen. Würden die durch die neue Entwicklung des Kapitalismus zum monopolisierten Finanzkapitalismus oder Wirtschastsimperialismus deklassierten und vor der Deklassierung stehenden Schichten sich um die Banner des klassenbewußten Proletariats scharen, so bestünde die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit der Verschiebung des Kräfteverhältnisses im gegenwärtigen „Gleichgewicht der Klassenkräfte" zugunsten der organisierten Arbeiterschaft, und dadurch wären Bestand und Weiterentwicklung des Wirtschaftsimperialismus auf das ernsthafteste gefährdet. Die N.D. A. P. schiebt sich zwischen den Kapitalismus und die A r b e i t e r - schüft und sängt das erwachende K l a s s e n b e w u ß t - sein der in der Richtung z n m P r o s e ta r i a t s i ch n ett Karlsruher LehensversldierungsbanK fl.-G. Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuer- und Studienge!d< Versicherungen. .Mitarbeiter überall gesudit. entwickelnden Schichten auf. Es ist für diese Be- § trachtungsweise vollkommen gleichgültig, ob diese objektive Funktion | der N. S. D. A. P. ihren Führern, Agitatoren und Mitgliedern I subjektiv zum Bewußtsein kommt oder nicht — es handelt sich hier f uur um die Feststellung und Erklärung bestehender Tatsachen. ) Seine objektive Funktion erklärt nun eindeutig, warum der i moderne -Judenhaß des Nationalsozialismus sich notwendig von k allen früheren Erscheinungsformen des Judenhasses unterscheiden si muß. Die geschilderte Entwicklung des Kapitalismus aus der 1 Aera des freien Wettbewerbs in die der Konzentration und Monoj polisierung und die damit verbundene Gefahr der Vernichtung j selbständiger schichten des Mittelstandes ist ein die Politik der .E letzten Jahre allgemein bewegendes Problem. Soll die N. S. D. A.P. ihre Aufgabe erfüllen können, so muß sie, um ihre Anhänger zu bc- J friedigen, sich erstens darüber äußern, ob sie dieses oder jenes getan j hat, das sie zum Namen einer allgemein - politischen Partei berechtigt, i Zweitens muß sie zur Erreichung ihres Zweckes den durch die l Bcrproletarisierung geweckten Klassenwillen der Mittelschichten j irgendwie entkräften: siet utdies,indemfiedas Inden- H tum ganz allgemein für die geschilderte Ent- 3 wicklun g verantwortlich zeichnen läßt. Das nn- 3 bewußt, meist noch unfertig erwachende Klassenbewußtsein der bejj treffenden sichten wird abgelenkt, in falsche Bahnen geleitet, umfj gewandelt. Es ist klar, daß unter den gegebenen Umständen die i N. S. D. A. P. nicht offen ihren reaktionären Charakter zeigen jj . darf: daher der primitiv-sozialistische Ton ihres Programms. In Ü Wetteifernng mit den sozialistischen Parteien schiebt sich die ff N. S. D. A. P. wie ein Bollwerk vor diese, unterbricht den Fluß | der ihnen zuströmenden Klassenkräfte und gibt ihm eine falsche g Richtung: die antisemitische. Bon dem modernen Antisemitismus § kann man, unter Anwendung eines Wortes von Otto Bauer, S sagen: „Rassenhaß ist transformierter Klassenhaß." 1 Wie bewerkstelligt die N. S.D. A.P. ihre doppelte Ausgabe, das' 8 Aufsangen des erwachenden Klassenbewußtseins mit gleichzeitiger 3 Befriedigung der dadurch geschaffenen radikalen Stimmung? Auf I die natürlichste Weise der Welt. Der immerhin deutlich zum Aus- I druck kommende Klasseninstinkt will sein Opfer haben — er be- I kommt deswegen die Attrappen des Bank - und Han- I delskapitals vorgesetzt. Bank- und Handelskapital, an dem A erfahrungsgemäß Juden m hohem Maße beteiligt fini>r werden | schnellstens zu spezifisch jüdischen Einrichtungen verallgemeinert, fß und das Rätsel ist gelöst. Für den Bestand des Wirtschaftsf| Imperialismus bedeutet dies eine Kleinigkeit; denn, wie bereits 1 nachdrücklich betont, üben Bank- und Handelskapital heute keine 4 wesentlichen isolierten Funktionen mehr aus, sondern sind mit dem j Industriekapital zur Einheit des sogenannten Finanzkapitals verä schmolzen. Der Haß und die erwachenden Klassenkräfte derjenigen p Schichten, auf die es dem Nationalsozialismus in erster Linie anfj kommt, richtete sich gegen das Finanzkapital und den von ihm in fj! Gefolgschaft der Konzentration verursachten kapitalistischen Entjj eignung des Mittelstandes; sie sind nunmehr unschädlich gemacht jj durch das Ablenkungsmanöver der N. S. D. A. P. Man erblickt hier 8 das Nrbeispiel einer Pseudoklassenpvlitik, eines Schein Manövers, 8 eines politischen Kampfes Mgen Windmühlen auf großer Stufenleiter. Der Nationalsozialismus lehrt die Arbeiter und Mittelständler, den Juden zu verprügeln, und prellt sie so von ungefähr um ihre besten klassenkämpferischen Kräfte. i In ihrer gesamten politischen Propaganda spiegelt sich diese objektive Rolle der N.S. D. A. P. wider. Ter in diesen Blättern behandelte Kamps der Nationalsozialisten gegen j das Warenhalls ist tppisch für ihre Gesamthaltung: das j Warenhaus wird als das Produkt einer typisch;üdi-; scheu Entwicklung ausgegeben, und man verschlveigt, daß J dieselbe Konzentration \\nb Zentralisation des Kapitals in viel 1 höherem Maße in der Industrie vor sich gegangen ist; man verjj schweigt, daß die großen Jndustrremonopole als das Endprodukt j derselben sinanzkapitalistischen Konzentration erscheinen wie im f Handelskapital das Warenhaus. Man verschweigt, daß das Zuj standekommen der großen Judustriemonvpole in vielleicht noch \ höherem Maße auf "dem Wege der Enteignung der Kleinbetriebe j vor sich gegangen ist, wie dies bei der Entwicklung zum Warenhaus der Fall war — kurz, man sagt nicht, daß es sich hier um eine